musikwoche.de: Bevor Sie Radio Eins aus der Taufe hoben, waren Sie Chefredakteur der Jugendwelle Fritz. Warum haben Sie diesen spannenden Sender verlassen? Helmut Lehnert: ORB-Intendant Hansjürgen Rosenbauer meinte, es reiche mit dem Jugendkram: „Werden Sie mal erwachsen.“ Darauf habe ich gesagt: „Das ist das einzige, was ich in meinem Leben nicht werden wollte.“ Es macht Spaß, so ein bisschen jugendlich und naiv zu bleiben. Wenn man auf die Seite der „Erwachsenen“ wechselt, ist man in einem ganz anderen Leben und verliert das spielerische Verhalten, das Fritz gestattet.
mw: Wie war die Ausgangssituation von Radio Eins? Lehnert: Es gibt auf diesem Markt zwei Möglichkeiten. Man kann etwas nachmachen oder etwas vormachen. Vormachen macht mir mehr Spaß. In den letzten 15 Jahren haben die Privaten den Öffentlich-Rechtlichen gezeigt, was man tun kann im Radiobereich. Ich habe immer bedauert, dass die Öffentlich-Rechtlichen die Privaten kopierten. Ich fand es gefährlich, dass Musikredaktionen ihre Kompetenz verloren, weil sie sich nur noch mit einem ganz begrenzten Bereich von Musik beschäftigten. Es gibt eine Beziehung zwischen dem Radio und der Musikbranche. Die erstreckt sich auch auf die Live-Clubs: Wenn das Radio keine neuen Acts spielt, macht es keinen Sinn, sie in die Stadt einzuladen, denn es kennt sie keiner.
mw: Will Radio Eins die älter werdenden Fritz-Hörer anlocken? Lehnert: So lautete der Auftrag von Intendant Rosenbauer, und das ist uns sicherlich geglückt. Ich wollte ein Format entwickeln, das es in Deutschland noch nicht gibt, das auf hohe Qualität setzt. Am Anfang hat es verdammt geknirscht, denn dieses Programm war nicht auf der grünen Wiese zu entwickeln. Zwischen Kultur und Unterhaltung gibt es einen dritten Weg für diese Region: hohe Qualität in der Musik und der Information und dabei sehr unterhaltend. Das versuchen wir umzusetzen.
mw: Was waren die Schwierigkeiten, die das Knirschen erzeugt haben? Lehnert: Der Berliner Markt mit seinen 26 Sendern ist dicht. Es ist schwer, sich da bemerkbar zu machen. Dazu haben wir einen Namen, der nicht leicht zu merken ist. Fritz dagegen hatte einen hohen Aufmerksamkeitswert. Am Anfang hatten wir die Schwierigkeit, dass weder Hörer noch Mitarbeiter die Philosophie verstanden, die ich diesem Programm versuchte zu geben. Ich hatte gehofft, es würde schneller gehen. Heute bin ich dankbar, dass es eine Geschäftsleitung gegeben hat, die das Programm nicht eingestampft hat.
mw: Inzwischen steht Radio Eins hervorragend da. Mussten Sie das Konzept verändern? Lehnert: Nein. Wir haben weiter angeboten, was wir anfangs entwickelt hatten. Wir haben sogar nach und nach die Qualität erhöht. Wir sind klarer geworden, das Programm ist heute aus einem Guss. Zusammen mit Fritz sind wir in Berlin die einzigen, die noch Musiker interviewen. Wir sind die einzigen, die Spezialsendungen haben. Das findet man höchstens noch bei Eins Live.
mw: Wie unterscheidet sich das Tages- vom Nachtprogramm? Lehnert: Bestimmte Lieder passen supergut in die Nacht, da blühen sie auf. Am Morgen wären sie total deplatziert. Es gibt die grobe Faustregel: Morgens Dur und abends Moll.
mw: Wo sehen Sie die Ursache für die Stagnation des Musikmarkts? Lehnert: Die Freizeit ist als Marktsegment erkannt worden, wir alle streiten uns um die Freizeit der Menschen. Für Handys und Computer muss man Zeit haben, aber es gibt nur 24 Stunden am Tag. Und diese Dinge kosten eben auch enorm viel Geld. Das sind Konkurrenten, mit denen sich die Schallplattenfirmen auseinander setzen müssen. Oft sitzen diese Konkurrenten im eigenen Haus, weil diese Gesellschaften global zusammen gehören. Sony nimmt sich beispielsweise selbst die Gelder weg, das ist komisch. Die einen Bereiche verdienen gut, andere schlecht.
mw: Ist die Musikbranche zu sehr fixiert auf die Jugend? Lehnert: Für mich sind die Kids nicht das Problem, es sind die Erwachsenen. Die Kinder verhalten sich nach den Vorbildern, die sie Zuhause erleben. Auf der anderen Seite weiß ich, dass mein 17-jähriger Sohn das Massenangebot an wirklich guter Musik nicht bezahlen kann. Er empfindet das, was da jede Woche auf den Markt kommt, als einen Traum, doch den kann er nicht bezahlen. Wenn du 80 Euro Taschengeld bekommst und dir Konzerte angucken möchtest, mal einen tollen Film sehen, noch eine DVD kaufen und deine Handy-Rechnungen bezahlen – da bist du innerhalb eines Tages pleite und hast noch nicht mal fünf Prozent deiner Wünsche erfüllt.
mw: Trägt das Radio eine Mitschuld an der Misere der Branche? Lehnert: Die Radioprogramme haben aufgehört, Neuigkeiten zu präsentieren, sie beschäftigen sich mit dem Kram, der bereits durchgesetzt ist. Sie gehen auf Nummer Sicher. Ich bin ganz froh, dass ich mit dem Programm ein Risiko eingegangen bin. Die Leute wollen im Radio was Neues haben, davon bin ich überzeugt. Dafür ist das Radio da, und dafür ist der Musikjournalismus da. Die Formatradios haben die Musik in den letzten 15 Jahren aus den Neuigkeiten völlig rausgenommen – deswegen bin ich für eine Quote. Daran hat die Musikindustrie ein großes Interesse, doch wichtiger finde ich die Quote für die Musiker. Ich rede mit vielen, denen der Arsch auf Grundeis geht. Die Musiker sagen: Wenn das so weiter geht, habe ich morgen keinen Job mehr. Wenn jemand eine Platte produziert, hat er ein Recht darauf, gehört zu werden. Dann kann das Publikum entscheiden, ob es die Scheibe mag oder nicht. Insofern trage ich die Verantwortung, dass kulturelle Werke wahrgenommen werden. Wie man das beurteilt, das ist eine andere Sache.
mw: Fordern Sie neben dem Zwang, Neuheiten zu spielen, eine Quote für deutsche Produkte? Lehnert: Ich fordere keine Quote. Ich bin immer froh gewesen, dass ich ein unabhängiger Journalist bin, auch parteipolitisch war ich nie gebunden. Ich finde, wenn die ganze Szene so verloddert ist wie momentan, dann muss man sie aufrütteln. Wenn man das mit einer Quote hinkriegen sollte, dann nicht um Journalisten zu bestrafen, sondern um das Kulturgut Popmusik zu schützen. Allerdings finde ich, dass Popmusik ein internationales Produkt ist. In einer Zeit, in der die Globalisierung voranschreitet, sollte man nicht anfangen, die Grenzen wieder aufzubauen.
mw: Die Major-Plattenfirmen klagen seit langem über die Radiosender. Finden Sie das berechtigt? Lehnert: Das kann ich nachvollziehen. Es geht um die Sender, die keine neuen Sachen spielen, weil sie ein eingeschränktes Musikformat mit 200 Platten haben. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass sich jemand über uns beschwert.
mw: Auch die Indies klagen in letzter Zeit verstärkt, sie kämen zu kurz. Zu Recht? Lehnert: Die Kritik der Independent-Labels ist berechtigt. Wir kennen die Indies und arbeiten mit ihnen verdammt gut zusammen. Der Zusammenschluss der Indies wie beispielsweise in der Labelcommission Berlin wird freilich nichts ändern. Nur wenn sich der Musikjournalismus im Radio ändert, verbessert sich ihre Lage, werden solche Labels mit ihrer Musikproduktion ernst genommen werden.
mw: Was würden Sie den Formatradios raten? Lehnert: Entweder erkennt man das Problem im Vorfeld und bearbeitet es, oder man wartet, bis es da ist. Ich werde denen überhaupt keinen Rat geben, denn jeder Ratschlag könnte mich Hörer kosten. Die wollen auch keinen Rat von mir haben; ich gelte bei denen nach wie vor als Verrückter. Und damit fahre ich ganz gut.
zur person Helmut Lehnert Chefredakteur Radio Eins geboren am 3. Oktober 1950 in Marburg/Lahn
Lehnert studierte ab 1974 in Berlin Theaterwissenschaft, Publizistik und Germanistik. Nach Stationen als Regieassistent am Gripstheater und nach einem Volontariat beim Stadtmagazin „Zitty“ war er für den SFB-Hörfunk tätig, wo er für „S-f-beat“ und ab 1987 als Musikchef von SFB 2 arbeitete. 1990 übernahm Lehnert die Leitung der Jugendwelle Radio 4U, die im Frühjahr 1993 eingestellt wurde. Seit März 1993 war er Chefredakteur von Fritz (ORB und SFB), ab März 1997 dann Chefredakteur von Radio Brandenburg (ORB). Im August 1997 wurde er zum Chefredakteur von Radio Eins berufen. „Nur für Erwachsene“ heißt der Slogan von Radio Eins, das am 27. August 1997 Premiere hatte. Die Gemeinschaftsproduktion von ORB und SFB hat inzwischen 22 Moderatoren, darunter Musikkenner wie John Peel, Gudrun Gut und Wolfgang Döbeling. Das Programm bietet eine außergewöhnliche Mischung aus Musik und Information, mit Themen aus Politik, Kultur, Medien, Sport, Wissenschaft, Kino und Lifestyle. Prominente Kommentatoren wie Sandra Maischberger, Michel Friedmann oder Friedrich Küppersbusch melden sich täglich zu Wort oder haben eigene Sendungen. Auch Kulturereignisse werden begleitet: Schon zum sechsten Mal war der Sender das offizielle Berlinale-Radio. Die Musikmischung orientiert sich weder an Verkaufszahlen noch an Charts: Rock, Pop, Ambient- und Elektrosounds, Dub und Reggae, Club-Sounds, Kultsongs und interessante Neuerscheinungen werden gespielt. Der Potsdamer Sender überträgt in unregelmäßiger Folge Livegigs bekannter Acts wie Foo Fighters, Moby, Subway To Sally, Solomon Burke, Röyksopp oder Madrugada.






