musikwoche: In den Medien war zuletzt viel von einer Überalterung der DJ-Kultur zu lesen – ja dass sie gänzlich überholt sei. Wie sehen Sie die Lage? Chris Liebing: Zeitungen wie die „Süddeutsche“ sehen nur die Oberfläche, wo die bekannten Altstars der Szene herumschwimmen. Wenn man aber einmal DJs wie WestBam oder Sven Väth als erste und Leute wie mich als die zweite DJ-Generation betrachtet, dann ist in den letzten anderthalb Jahren eine dritte Generation herangewachsen, die bei Musik und allen anderen Faktoren, die einen DJ ausmachen, sehr hochwertig vorgeht. Und dies gilt weltweit, ob in Südamerika, Asien oder in Europa. Und dabei fällt mir auf, dass die Professionalität, die von Generation zu Generation weitergegeben wurde, beständig gestiegen ist. So kam die erste Generation vor zehn oder zwölf Jahren vor allem vom Party-Vibe, denn nur damit konnte man überhaupt eine Szene aufbauen. Bei den Leuten der zweiten Generation, mit denen ich viel zu tun habe, wie etwa Adam Beyer oder Marco Carola, stand beim Produzieren und beim Auflegen bereits die Technik im Vordergrund, worauf die neue Generation nun aufbaut. Die Soundqualität hat sich enorm verbessert. Deswegen stimmen diese Medienberichte nicht. Denn selbst da, wo eine Generation aus einer Szene herauswächst, kommt die nächste hinterher. Gerade die jungen Leute interessieren sich wieder unbändig für Elektronik – unabhängig von der Stilrichtung. Das zeigt sich auch an Veranstaltungen wie der Nature One, die dieses Jahr einen Besucherrekord aufgestellt hat. Und auch global, das kann ich auf meinen Reisen sehr gut beobachten, ist die elektronische Musik vielleicht nicht überall auf dem Vormarsch, aber sie hat sich schon sehr stark in das Alltagsleben der Leute eingebrannt.
mw: Dennoch ist weltweit ein Clubsterben zu beobachten. Liebing: Das ist absolut richtig. Aber gerade in einer Szene, die sich so schnell entwickelt wie die Dance-Welt, erleben wir immer wieder Umbrüche. Clubs, die zehn Jahre durchgehalten haben, sind nicht mehr so angesagt. Und ein Problem liegt sicherlich auch darin, dass manche Veranstalter zu alt werden und immer wieder die gleichen DJs buchen, die sie aus der Vergangenheit kennen. Hinzu kommt die wirtschaftliche Entwicklung: viele Kids sparen das Geld für einen regelmäßigen Clubbesuch und gehen lieber auf große Veranstaltungen.
mw: Wie beurteilen Sie als Independent Labelmacher die aktuelle Entwicklung im Dance-Markt? Liebing: Ich sehe mich weniger betroffen. Zwar gehen die Verkaufszahlen etwas zurück und ich weiß etwa von den Frankfurter Plattenläden, dass sie in diesem Sommer den bisher schlechtesten Umsatz gemacht haben. Aber die drastischen Rückgänge der Verkaufszahlen, wie sie die Majors erleben, können wir bei uns nicht feststellen. Das Internet, MP3 und Downloads machen uns allen jedoch zu schaffen. Wie wir dieses Problem lösen sollen, weiß ich jedoch auch nicht. Ich gehöre nicht zu den Befürwortern von hohen Strafen, denn auf der anderen Seite bilden diese Kanäle auch einen hohen Promotionfaktor. Wir müssen nur einen neuen Weg finden, auf dem die Künstler und Produzenten bezahlt werden.
mw: Wie beurteilen Sie das Verhältnis zwischen Majors und Underground im Dance-Bereich, die früher einmal stark von einander profitiert haben? Liebing: Die Schere ist weiter auseinander gegangen. So hätte ich heute mehr Bedenken, zu einem Major zu gehen als noch vor drei, vier Jahren, weil die Majors unter einem extrem starken Druck stehen, Geld zu machen. Zur Zeit denkt dort wohl kein einziger daran, etwas aufzubauen und zu investieren. Wenn die Majors einen Dance-Künstler aufgreifen, ist das entweder ein etablierter Act, bei dem sie genügend Geld auch wieder reinbekommen, oder ein Newcomer, der dann so schnell wie möglich ausgeschlachtet wird, bevor der nächste rangenommen wird. Ich vermisse gute Ideen beim langfristigen Künstleraufbau, wie uns das momentan der Indie-Bereich im Rock vormacht.
mw: Im Rock-Bereich spielen Longplayer eine viel größere Rolle, während sie im Dance oft das Sorgenkind sind. Liebing: Alben sind schwierig, das stimmt. Deswegen war „Evolution“ auch mein erstes Album in acht Jahren, weil ich vorher nie eine Idee hatte, wie ich meine Tanzflächen-12″er sinnvoll in ein Album verwandeln kann. Ich war immer auf der Suche nach einem roten Faden – und das ist möglich. Bei meiner eigenen CD ging es etwa um eine Spannungskurve, ich wollte eine gewissen Aussage rüberbringen, ohne meine Fans mit einem total spröden Konzeptalbum vor den Kopf zu schlagen. In der elektronischen Musik stehen wir erst am Anfang dessen, was wir alles machen können. Deswegen finde ich aktuelle Entwicklungen sehr spannend, gerade in dieser dritten Generation, die mit dem Format Album ganz anders umgehen.






