musikwoche.de: Der Klassikmarkt brach in Deutschland im vergangenen Jahr um 17 Prozent ein, bei Budget-Produkten um bis zu 25 Prozent. Spürt auch Naxos diesen Trend?
Klaus Heymann: Das vergangene Jahr war nicht gerade das beste Jahr der Geschichte, allein schon auf Grund der Anschläge in den USA. Aber in den ersten vier Monaten des laufenden Jahres lagen wir weltweit um 20 Prozent über dem Vorjahr. Die Ergebnisse sind natürlich von Land zu Land unterschiedlich: In Deutschland zum Beispiel liegen wir etwa auf dem Niveau des Vorjahres, wobei wir hier zu Lande im vergangenen Jahr nicht denselben Einbruch hatten wie etwa in den USA. Dafür haben unsere Geschäfte in den USA, Großbritannien und Japan in diesem Jahr bislang zugelegt. Für Großbritannien und Japan haben wir allerdings auch mit einer neuen Holst-Einspielung, die weltweit 30.000 Exemplare verkauft hat, oder unserer Serie japanischer Klassiker die passenden Produkte. In Frankreich hat zum Beispiel unser früherer Vertrieb pleite gemacht, jetzt sind wir dort bei Naive und liegen um 40 Prozent über dem Vorjahr. Das heißt, dass wir in vier der fünf größten Märkte deutliche Zuwächse haben und in Deutschland bei etwa gleichbleibenden Umsätzen steigende Marktanteile verbuchen.
mw: Wo liegt der Marktanteil im Klassikbereich von Naxos in Deutschland?
Heymann: Der Marktanteil liegt bei deutlich über zehn bis hin zu 15 Prozent nach Stückzahlen. Im Bereich der Klassik-Videos und -DVDs haben wir mit den von uns vertriebenen Produkten, zum Beispiel von Arthaus, einen Marktanteil von über 60 Prozent. Ich nehme an, dass wir bis Ende des Jahres in diesem Bereich durch Produkte von TDK und BBC Opus Arte mindestens auf 75 Prozent Marktanteil kommen.
mw: Wo sehen Sie Probleme des Klassikmarkts?
Heymann: Ich denke, dass es künftig schwieriger wird, da beim Handel die Flächen schrumpfen. Dagegen kann man kaum etwas machen: Die Händler rechnen, dass Klassik bei einer bestimmten Fläche einen bestimmten Umsatz machen muss. Wenn dieses Verhältnis nicht passt, muss eben die Verkaufsfläche für Klassik reduziert werden. Dagegen haben wir noch kein Mittel gefunden. Wir sehen aber, dass zum Beispiel unsere Umsätze bei jpc oder bei Amazon steigen, da Kunden das, was sie in den Läden nicht mehr finden, dann teils per Versandhandel bestellen. Ob das aber den traditionellen Handel ersetzen kann, weiß ich nicht. Die Klassik-Industrie befindet sich in meinen Augen nicht in einer Krise, sondern in der Übergangszeit nach einer Boom-Phase, in der die Kunden auf CD umgestellt haben und Produkte wie die Drei Tenöre groß wurden. Wir befinden uns wieder dort, wo wir schon früher waren – die Klassik war schon ein Nischenmarkt als ich anfing, Platten zu sammeln. Die großen Ausgaben, die sich unsere Mitbewerber zum Beispiel für Künstlerverträge aufgeladen haben, rechneten sich nur in den Boom-Jahren. Jetzt machen manche Mitbewerber nur noch ein paar Sachen pro Jahr, etwas Crossover und etwas Backkatalog-Vermarktung, ziehen sich aber ansonsten beinahe aus dem Geschäft zurück.
mw: Rechnet sich das Geschäft für Naxos?
Heymann: Hätte ich das Geld, mit dem ich unseren Klassikkatalog aufgebaut habe, in etwas anderes investiert, hätte ich viel mehr verdient. Uns hilft aber zum Beispiel das Lizenzgeschäft: So stammt die klassische Musik in amerikanischen TV-Serien wie „Sex In The City“ oder „Die Sopranos“ von uns. Das Geld, das eine große Firma braucht, ist im traditionellen Geschäft mit der Klassik nicht zu verdienen.
mw: Haben Sie von Anfang an mit dem Naxos-Preis eine Marke setzen wollen?
Heymann: So clever war ich eigentlich nicht. Wir fingen vor vielen Jahren in Hongkong an, und 1987 waren die Kunden dort noch die billigen LP-Preise gewöhnt, die deutlich unter denen in Europa lagen. Die CDs kamen also zu einem international üblichen Preis in unseren Markt, und das lief nicht. Deshalb habe ich mit einem Stamm von zunächst nur 30 klassischen Aufnahmen mit Einspielungen eher unbekannter Orchester begonnen, CDs zu dem in Hongkong üblichen LP-Preis zu verkaufen. Nach und nach hat sich unser Preis dann bei etwa einem Viertel des Hochpreises eingespielt und wir haben versucht, überall einen passenden Preispunkt zu etablieren – also etwa die zehn Mark in Deutschland, die fünf Pfund in England oder die 100 Schilling in Österreich. Dabei half uns, dass die Herstellungskosten im Laufe der Jahre deutlich gesunken sind und wir unsere Produkte durch unsere weltweite Präsenz auch in größeren Stückzahlen verkaufen können. Außerdem kommen wir inzwischen durch das tolle Image unseres Labels auch an Projekte heran, die subventioniert sind. Wir bekommen zum Beispiel große Opernproduktionen angeboten, wenn wir sie nur veröffentlichen.
mw: Greifen Sie dabei auch zu, wenn dieses Werk schon im Naxos-Katalog vorhanden ist?
Heymann: Nein, dieses Prinzip bleibt zunächst weiter bestehen: Wenn wir etwas im Katalog haben, was gut ist, wird es nicht ersetzt. Ich möchte allerdings nicht behaupten, dass dies ewig so bleibt. Wir haben zum Beispiel manche Aufnahmen aus der Anfangszeit neu eingespielt, weil die alten Versionen einfach nicht gut genug waren.
mw: In Deutschland veröffentlichte Naxos im vergangenen Jahr seine ersten DVD-Audios. Wie ist dieser Bereich angelaufen?
Heymann: Wir fingen schon vor vier Jahren an, in Surround aufzunehmen und haben praktisch auf Halde produziert. Inzwischen nehmen wir fast alle größeren Produktionen wie Messen, Sinfonien oder Chorwerke in Surround auf und bringen derzeit etwa einen Titel pro Monat in diesem Format auf den Markt. Wenn einmal alle technischen Schwierigkeiten beseitigt sind – es gibt noch immer manche Komplikationen auf Seiten der DVD-Player – wollen wir auf mindestens zwei bis drei monatliche Titel erhöhen. Ich bin überzeugt, dass DVD-Audio sehr viel besser laufen wird als die SACD.
mw: Warum?
Heymann: Ganz einfach: Ich weiß zwar nicht, wie viele SACD-Player es schon weltweit gibt, aber es ist ein verschwindend geringer Prozentsatz im Vergleich zu der Riesenanzahl vorhandener Heimkino-Systeme und DVD-Player. Außerdem bieten unsere DVD-Audios sowohl den echten Surround-Sound und den AC-3-Sound als auch den Stereo-Sound. Deshalb sind sie universell einsetzbar. Allein unsere Aufnahme der „Vier Jahreszeiten“ hat sich bereits mehr als 8000-mal als DVD-Audio verkauft. Auch von unserer zweiten DVD-Audio, der „Grand Canyon Suite“ von Ferde Grofé, haben wir innerhalb der ersten zwei Monate nach VÖ weltweit rund 5000 Stück verkauft.
mw: Lohnt sich das Geschäft mit DVD-Audios denn schon bei diesen Stückzahlen?
Heymann: DVD-Audios verkaufen wir im Handel etwa zum doppelten Naxos-Preis. Dabei sind die Mehrkosten für die Surround-Aufnahme im Vergleich zur herkömmlichen Stereo-Aufnahme fast zu vernachlässigen. Obwohl wir, verglichen mit den Mitbewerbern, auch bei DVD-Audios sehr günstig sind, sind die Reaktionen hervorragend: Fast alle Kritiker sagen, unsere Aufnahmen seien klanglich die besten auf dem Markt. Das liegt daran, dass wir keine Spielereien machen. Wir setzen auf einen hervorragenden Stereoklang und die Raumklang-Informationen kommen dann erst dazu.
mw: Was sind derzeit Ihre Schwerpunkte bei Naxos?
Heymann: Im Augenblick kümmern wir uns hauptsächlich um Sprach- und Musikerziehung. Da haben wir zum Beispiel die eigenen Projekte wie „Life & Works Of The Great Composers“ oder „Classics Explained“ beziehungsweise „Opera Explained“. Zusammen mit Projekten wie einem ABC der großen Sänger betreiben wir dabei eine Art Verbrauchererziehung. Diese Projekte erscheinen als Kombination von Buch und CD-Hörbuch mit erklärenden Texten und Musikbeispielen, allerdings bislang nur auf Englisch. Außerdem habe ich vor einigen Jahren in eine amerikanische Firma namens icubed investiert, die Online-Musikkurse anbietet und sehr gut angelaufen ist. Diese Musikkurse arbeiten alle auf Basis von Naxos-Katalogtiteln. In Zusammenarbeit mit McGraw-Hill, einem Verlag für Wissenschafts- und Lehrbücher, bieten wir außerdem englische Online-Sprachkurse an. Da das traditionelle Geschäft schwieriger wird, versuche ich, immer neue Sachen miteinander zu kombinieren, zum Beispiel bei Hörbüchern in der Verbindung mit unserem Musikkatalog und die Sprachkurse mit unseren englischen Hörbüchern.
mw: Profitiert Naxos von dieser Diversifizierung?
Heymann: Ja. Das ist aber kein Zusatzgeschäft. Wenn alle amerikanischen Studenten, die im Bereich Music Appreciation Kurse belegen, mit Naxos-Materialien lernen, dann schadet das der Marke nicht. Alle großen amerikanischen Buchverleger aus dem Musikerziehungsbereich arbeiten heute mit Naxos. In deren Büchern mit Auflagen von 180.000 bis 200.000 Stück finden sie eine CD-ROM mit bis zu zehn Stunden Musik aus unserem Katalog. So kommen Tausende junger Leute zum ersten Mal über Naxos in den Kontakt mit klassischer Musik. Außerdem haben wir hier einen großen Vorteil: Für so ein Programm braucht man ungefähr 300 bis 400 Ausschnitte. Fragen Sie doch mal bei einem der großen Mitbewerber nach den Genehmigungen der Künstler und deren Managements für diese Tracks. Das ist unmöglich. Wir können dagegen solchen Projekten unseren ganzen Katalog zur Verfügung stellen. Auf diesem Gebiet werden wir auf Jahre hinaus unschlagbar sein, da wir praktisch jedes Thema der Musikgeschichte illustrieren können.
mw: Ist die Einspielung der „Vier Jahreszeiten“ mit Ihrer Frau Takako Nishizaki immer noch die bestverkaufte Naxos-CD?
Heymann: Ja, allerdings hat sich der Markt ein wenig geändert: Wir haben zum Beispiel auch von der ersten Folge unserer John-Cage-Einspielungen auf Anhieb 30.000 Stück verkaufen können. Das hätte ich zuvor nicht für möglich gehalten.
mw: Naxos war sehr früh mit seinem Katalog im Internet vertreten. Macht sich das bezahlt?
Heymann: Unser Internetauftritt ist ein viel stärkeres Werbemittel als alle Inserate in Zeitschriften zusammen: Wir haben monatlich 600.000 Besucher auf unseren Seiten und bislang 40.000 Abonnenten für unseren Newsletter. Bis Ende des Jahres kann diese Zahl auf 60.000 steigen. Trotzdem brauchen wir die Zeitschriften, schon allein um zu zeigen, dass wir zu dieser Musikindustrie dazugehören.
mw: Wie viele Mitarbeiter hat Naxos?
Heymann: Wir haben mit unseren Vertriebsfirmen in England, Deutschland, den USA und Kanada, Schweden, Finnland, Dänemark und China weltweit rund 250 Mitarbeiter. Im Firmenhauptquartier in Hongkong sind es 20, davon betreuen allein sechs ausschließlich den Online-Auftritt und das Intranet, über das unsere Divisionen alle Firmeninformationen erhalten.
mw: Gibt es noch Regionen, in denen Sie gern mit einer eigenen Division vertreten wären?
Heymann: Ja, aber es gibt schon gute Gründe, warum wir gerade da sind, wo wir sind. In ganz kleine Märkte einzusteigen, lohnt sich nicht. Ich würde zum Beispiel gern Australien oder Neuseeland selbst machen, aber mein Ehrgeiz ist in erster Linie, in den fünf größten Märkten präsent zu sein. Allerdings habe ich von einem Einstieg in den französischen Markt immer wieder Abstand genommen, da es dort ein recht schwieriges Umfeld in Bezug auf Steuern und Sozialabgaben gibt. Ich lebe in Hongkong, habe aber einen Zweitwohnsitz in Neuseeland. Wenn ich mich irgendwann einmal zur Ruhe setze, dann würde ich gern dort meinen eigenen Vertrieb aufmachen.
mw: Fiele das für Sie schon unter Ruhestand?
Heymann: Ich kann mir mich heute noch nicht im Ruhestand vorstellen.






