Recorded & Publishing

idkv diskutiert Verhältnis von Veranstaltern und Plattenfirmen: Tipps für „Ehepartner“

Im Rahmen des zweiten Branchentreffs des Bundesverbands der Veranstaltungswirtschaft idkv diskutierte ein prominent besetztes Podium über das Verhältnis von Veranstaltern zu den Plattenfirmen. Das Ergebnis: Kommunikationsbedarf besteht, zudem scheint sich ein Generationen-Problem abzuzeichnen.

An der Diskussionsrunde nahmen neben den Konzertveranstaltern Klaus Bönisch (Bönisch Consulting), Dietmar Glodde (COO DEAG) und Michael Löffler (Target Concerts) auch Virgin-Chef Udo Lange, Ulf Zick (Geschäftsführer Ulftone) und VUT-Präsident Peter James teil. Moderator Michael Bisping (Geschäftsführer A.S.S. Concert & Promotion) fasste die Eingangsstatements der Diskussionsteilnehmer zu einem schönen Vergleich zusammen: Demnach ähneln Konzertveranstalter und Plattenfirmen oft einem Ehepaar, das verlernt hat, zu kommunizieren, das oft uneins ist in Geldfragen und obendrein noch unter dem ungleichen Alter der Ehepartner zu leiden hat.

Wenn junge Produkt Manager auf alte Konzertveranstalter-Profis treffen, ist laut Klaus Bönisch „oft nicht das Bewusstsein da, dass wir Partner sind“. Generell scheine dem Ehepaar oft die strategische Weitsicht zu fehlen. „Punktuelle Zusammenarbeit klappt meist, aber bei Themen wie Artist Development fehlt oft der strategische Ansatz“, erklärt Glodde. Dieser langfristigen Zusammenarbeit von Plattenfirmen und Veranstaltern stünde aber oft die Tatsache entgegen, dass Record Companies Künstler per Vertrag dauerhafter binden können als die Tournee-Veranstalter, führte Bönisch aus.

Die Gründung einer „Superfirma“, die vom Tonträger bis zur Tournee den kompletten Service für Künstler anbietet und so Schwierigkeiten für Veranstalter, regelmäßige und langfristige Einnahmen zu generieren, beseitigen könnte, lehnt Ulf Zick ab: „Dazu fehlen uns Kapazitäten, außerdem kennen Veranstalter die Abläufe im Live-Geschäft besser.“ Ein gemeinsamer Wunsch aller Podiums-Teilnehmer ging an die Besitzer von Live-Clubs und Spielstätten, den sogenannten Venues.

„Die Auswahl der geeigneten Spielstätten ist sehr wichtig“, kommentierte Udo Lange. Da viele Konzertbesucher wenig Lust auf warmes Bier und dichtes Gedränge vor der Bühne hätten, müssten Veranstaltungsorte in Zukunft „mehr Komfort“ bieten, wie idkv-Präsident Jens Michow ergänzte. Zustimmung fand der Vorschlag, zu den kommenden idkv-Treffen auch Vertreter der Plattenfirmen einzuladen, um den Dialog weiterzuführen.

Die Diskussion im Volltext

In seiner kurzen Einführung stellte Diskussionsleiter Michael Bisping fest, dass es noch bei keiner der idkv-Expertenrunden im Vorfeld so viele Schwierigkeiten bei der Suche nach Diskussionsteilnehmern gegeben hätte. Bezeichnender Weise wären die Absagen alle aus der Tonträgerindustrie gekommen. Umso mehr freute er sich über die Zusage des Virgin Geschäftsführers Udo Lange und begann die Diskussion mit der Frage:

Haben wir überhaupt Probleme oder ist zwischen Veranstaltern und Tonträgerindustrie alles in Ordnung?

Lange: Insgesamt versuchen wir, immer viele Dinge abzusprechen. Wenn es Probleme gibt, dann geht es in der Regel um Finanzen. Wenn die Kosten einer Tournee halbwegs fair auf alle Beteiligten verteilt werden sollen, wird es meist schwierig. Ansonsten gibt es bei uns im Haus zumindest mit den großen Veranstaltern eine sehr enge Zusammenarbeit. Mit den kleineren gibt es da häufiger Schwierigkeiten. Nicht selten wird eine Tournee gebucht und wir werden erst im Nachhinein gefragt, wie wir das unterstützen. Aber vielleicht haben wir gerade ganz andere Prioritäten und die Zeit ist knapp. Wir sollten also immer miteinander sprechen, bevor es konkret wird.

Bönisch: Ich stelle immer wieder fest, dass es Probleme gibt, wenn wir als Veranstalter in den Plattenfirmen an das jüngere Management geraten. Die „alten Hasen“ wissen ganz genau, wie wertvoll Absprachen sind. Häufig fehlt bei den Jüngeren das Bewusstsein, dass wir potenzielle Partner sind. Das geht soweit, dass so ein Jungspunt sagt: „Wir wollen Platten verkaufen. Ob ihr Konzertkarten verkauft, interessiert uns gar nicht.“ Hier gibt es starken Aufklärungsbedarf.

Glodde: Was mir fehlt ist der strategische Ansatz. Heute gehört einfach mehr dazu, als Tickets oder CDs zu verkaufen. Es kommt doch ein sehr starker Marketing und Promotion-Aspekt hinzu. Insofern würde ich mir wünschen, dass man auch im Veranstaltungsbereich langfristigere Zusammenarbeiten anstrebt. In der Tonträgerindustrie ist das so genannte Artist Development üblich. Diesen Aspekt muss die Veranstaltungsseite integrieren. Was passiert heute? Eine Plattenfirma entdeckt ein Talent, in das sie viel Geld investiert. Für die Veranstalter ist dieser Künstler uninteressant, weil die potenziellen Konzertbesucher ihn noch nicht kennen. Kündigt sich ein Erfolg an, geht man mit hohem finanziellen Aufwand in die erste Tour. Bei der zweiten Tournee hat dann der Mitbewerber leider einen höheren Scheck ausgefüllt. Das halte ich generell für schlecht in dieser Branche, und wir müssen darüber nachdenken, ob eine andere Basis möglich ist.

Bisping: Und wie sieht die Zusammenarbeit mit den Veranstaltern bei den Independent-Labels aus?

James: Wenn sie überhaupt Veranstalter haben, gehen sie sicherlich gut mit ihnen um. Die Konzentrationsprozesse in der Branche haben dazu geführt, dass kleinere Veranstalter einfach weggefallen sind. Aus der Clubszene ist seit längerem lautes Jammern zu hören. Kleinere Labels versuchen, diesen Bereich selbst abzudecken, haben ihren eigenen Booker im Haus und organisieren alles aus einer Hand. Wir haben in Deutschland ungefähr 1.000 Tonträgerhersteller, die mit Produkten auf den Markt gehen. In der Regel wissen die, dass sie den Live-Auftritt brauchen, um ihr Produkt zu verkaufen. Aber wie gesagt: Es fehlen Ansprechpartner in der Veranstaltungsbranche. Es macht keinen Sinn, die Großveranstalter mit Aufbauthemen zu belagern. Wie also kann die Nachwuchsfrage bei den Veranstaltern gelöst werden?

Zick: Als Indie-Label organisieren wir zu den CD-Veröffentlichungen größtenteils auch die Tourneen. Aber das ist nicht die Lösung. Man kann nur von einer Seite richtig Ahnung haben und stößt schnell an Kapazitätsgrenzen. Generell wissen die Leute in den Plattenfirmen zu wenig, was bei einem Live-Konzert wichtig ist. Umgekehrt kennen die Veranstalter die Abläufe im Tonträgergeschäft nicht. Die Kommunikation lässt schlicht und einfach zu wünschen übrig.

Bönisch: Herr Glodde hat mit der Beziehung Veranstalter und Künstler ein wichtiges Problem angesprochen. Hier wird nicht mehr langfristig zusammengearbeitet. Heute ist es nichts Außergewöhnliches, dass ein Künstler fünfmal in Deutschland auf Tour war und dabei mit drei verschiedenen Veranstaltern zusammengearbeitet hat, weil eben mehr bezahlt wird. Aber Gott sei Dank gibt es hier und dort auch noch Loyalität. Ich habe einen so glücklichen Fall mit Chris de Burg. Da kommt der Manager zu mir, wir gehen gemeinsam zur Plattenfirma und legen ein Jahr im voraus fest, was wir unternehmen. Das ist die Idealform. Zwänge kommen leider oft von außen. Die englischen Agenten erhalten häufig speziell von den amerikanischen Acts die Anweisung: Wer das meiste Geld zahlt, kriegt die Tournee.

James: Wir haben natürlich auch ein „Henne-Ei-Problem“: Auf der einen Seite fragen die Veranstalter nach den Abverkäufen der Plattenfirmen, auf der anderen Seite fragen die Label nach dem Erfolg der Tournee, um überhaupt Abverkäufe realisieren zu können. Wie schnell ist es denn überhaupt möglich, Zahlen zu bekommen, mit denen man arbeiten kann? Welcher Vorlauf ist denn erforderlich, damit ein Veranstalter die erforderliche Planungssicherheit erhält? Dieses Problem ist nicht neu. Leider macht aber heute der Konsument nicht mehr richtig mit. Er lässt sich nicht mehr so klar darstellen.

Zick: Das Problem ist auch, dass in keinem anderen Geschäft so gelogen wird wie im Musikgeschäft. Ein Label preist einem Veranstalter einen Künstler mit dem geflügelten Wort „Der ist bei uns Funk-Schwerpunkt“ an. Das heißt aber nicht, dass die Sender den Künstler auch spielen. Soll der Veranstalter, der bei der folgenden Tour Geld verloren hat, den Promoter der Plattenfirma verklagen, weil der die falschen Marketing-Facts herausgegeben hat? Nein. Denn wir haben es immer mit subjektiven Inhalten zu tun, wir reden über Musik. Wir können einfach Vieles nicht voraussehen.

Lange: Gerade bei der Zusammenarbeit mit dem Funk gibt es Schwachpunkte. Häufig werden vermeintlich gute Deals zwischen Veranstaltern und Radiostationen geschlossen, bei denen die Band aber gar nicht in das Format des Senders passt. Es gibt dann Präsentatoren, die spielen die Bands überhaupt nicht. Auf den Plakaten und in der Halle prankt dann aber das Logo. Hier gibt es Handlungsbedarf.

Glodde: Was ist denn in den letzten Jahren passiert? Die Landschaft der Plattenfirmen hat sich konsolidiert. Es sind nur noch ein paar Majorfimen vorhanden und die Leistungsstärke, die Einheiten von 40.000 Stück und mehr verkaufen konnte, ist einfach verschwunden. Die Veranstaltungswirtschaft ist einem ähnlichen Weg gefolgt. Die Folge ist eine Neupositionierung am Markt, bei der es auch darum geht, sich Künstler zu sichern. Die Anzahl der Künstler, mit denen man heute Geld verdienen kann, ist erheblich geschrumpft, so dass die Masse, um die wir „buhlen“, kleiner ist als früher. Inwieweit man jetzt auch noch finanzielle Mittel für Artist-Development zur Verfügung hat, ist ein Rechenexempel. Die Zeiten, dass eine Plattenfirma einen jungen Künstler unter Vertrag nimmt und mit diesem erstmal fünf Alben veröffentlicht, sind lange vorbei. Es sei denn, dieser Künstler ist von Anfang an erfolgreich. Niemand kann vor seinem Controller heute noch rechtfertigen, dass er sagen wir einmal eine halbe Million an die Wand gefahren hat.

Bönisch: Das ist die Problematik. Wir alle wünschen uns langfristiges Zusammenarbeiten und Verträge, aber die Zeit spricht im Moment gegen uns. Wir alle wissen im Moment nicht, wie sich unser Geschäft entwickelt und ob wir in den nächsten ein bis zwei Jahren das Geld noch auf der gleichen Basis verdienen. Für feste Zusagen ist das finanzielle Risiko einfach zu groß.

Löffler: Was die langfristige Zusammenarbeit mit der Tonträgerindustrie betrifft, haben wir ein weiteres Problem. Das Personal rotiert dort häufig mit einer Geschwindigkeit, dass einem regelrecht schwindelig wird. Mit den Köpfen ändern sich die Meinungen. Der eine findet Plakatieren super, der nächste hält davon überhaupt nichts.

Glodde: Ein großes Problem sehe ich in der Abhängigkeit vom Ausland. Sicherlich gibt es rühmliche Ausnahmen wie Udo Lange, der mit Virgin im lokalen A&R-Bereich vielleicht noch schwarze Zahlen schreibt. Der Rest muss sich aber nach den Ansagen der Konzernzentralen richten, die aber Development in Amerika, England usw. betreiben. Ist man in den USA stark, hat man auch global Erfolg. Dann wird also eine reine Vertriebsorganisation in Deutschland gemacht. Ich denke, wir werden es spüren, wenn wir nicht mehr erfolgreich Veranstaltungen mit nationalen Künstlern machen und Platten veröffentlichen können.

Lange: Die Kosten im lokalen Bereich sind enorm gestiegen. Man bringt nicht einfach eine Platte heraus. Über einen Zeitraum von circa 18 Monaten muss man richtig Geld anfassen, ohne zu wissen, ob es funktioniert. Da ist man schnell bei siebenstelligen Beträgen, mit denen man in Vorleistung geht: Videoproduktionen, Tour-Support und viele Dinge mehr.

James: Ich darf auf etwas Bemerkenswertes hinweisen: Der „Verband Unabhängiger Tonträgerunternehmen“ hat nicht nur 600 Mitglieder, sondern bis zu zehn Neuzugänge jeden Monat. Was machen die eigentlich? Arbeiten die auch im Livemusik-Sektor? Habt Ihr auf der Veranstalterseite eigentlich das Gefühl, es ist genug Publikum vorhanden? Gehen unsere Altersgenossen eigentlich noch in die Clubs? Ich habe das Gefühl, sie gehen nicht. Gibt es genug Nachwuchs, um die venues zu füllen? Was haben die Leute eigentlich für Ansprüche? Muss man vielleicht an den Veranstaltungskonzepten arbeiten? Ich könnte noch eine Fülle von Fragen stellen, die sich auf Veranstaltungsformen und Zielgruppen beziehen und frage mich, ob es da eigentlich ausreichend Erkenntnisse gibt. Im Schallplattensegment wissen wir im Moment, die Zielgruppe ist sehr jung und die Planungszeiten werden immer kürzer. Im Bereich der kleinen Labels haben wir es allerdings bis heute mit so genannten „Triebtätern“ zu tun. Die wollen eine Band aufbauen, auch wenn Sie nebenbei Taxi fahren müssen. Das heißt, der künstlerische Nachwuchs ist vorhanden. Aber der Sprung vom Nachwuchs zum etablierten Künstler wird möglicherweise schwerer. Die Probleme in den börsenorientierten Unternehmen von heute sehen anders aus. Wir wissen doch Bescheid, dass Kostendruck und Entscheidungswege anders laufen als früher. Das heißt, die ganze Entertainmentbranche stellt sich völlig anders da.

Lange: Wir gehen in Deutschland den Weg oft falsch herum. Eine Nachwuchsband sollte erst auf Tournee gewesen sein, bevor eine Platte veröffentlicht wird. In den großen Musikländern USA und England läuft es ebenso. Konzerte sind enorm wichtig. Die Gruppe „Reamonn“ zum Beispiel hat innerhalb eines Jahres 150 Konzerte gespielt. Davon haben wir als Plattenfirma, abgesehen von zwei Support-Tourneen, nicht ein einziges Konzert finanziell unterstützen müssen. International versuchen wir, bei „Reamonn“ auf gegenseitige Hilfe zu setzten, indem die Band in Skandinavien gemeinsam mit der schwedischen Gruppe „Ark“ auf Tour geht. Die sind in Schweden sehr erfolgreich, haben dort 100.000 Alben verkauft. In Deutschland bislang nur 2.000 Stück. Im Gegenzug nimmt „Reamonn“ die Band „Ark“ bei uns mit auf Tournee. Unter der Voraussetzung, dass man in einem Land schon sehr erfolgreich ist, funktioniert dieses Geben und Nehmen weltweit sehr gut.

Bisping: Verkaufen Tourneen Platten?

James: Bei den Independant-Labels ganz klar. Die Verweilzeit von CDs im Einzelhandel ist viel zu kurz geworden. Deshalb sind Konzerte manchmal die einzige Chance, nennenswerte Stückzahlen abzusetzen.

Glodde: Über die Handelslandschaft in Deutschland haben wir noch gar nicht gesprochen. Und auch nicht über unsere Funk- und Fernsehlandschaft. Abgesehen von wenigen Nischen gibt es im Prinzip nur noch formatiertes bzw. Top-40-Radio. Wer heute nicht mindestens einen Top-70-Entry in den Charts hat, kommt heute in die großen Handelsketten gar nicht mehr rein. Insofern fehlt die Unterstützung für Newcomer komplett.

Bisping: Warum ist bislang der Fall nicht eingetreten, dass ein Major gleichzeitig als Tourneeveranstalter auftritt?

Lange: Wir haben das überlegt, und es gibt außerhalb Deutschlands ja auch Firmen mit eigenen Veranstaltungsbüros. Das birgt aber die Gefahr, blind mit dem Kopf durch die Wand zu laufen. Die Entscheidung, ob eine Tournee wirtschaftlich Sinn macht, sollte der Veranstalter treffen. Wir sollten nur unsere Meinung sagen und Wünsche äußern. Diese Teilung finde ich richtig.

Glodde: Die Tonträgerfirmen haben das Artist Development auf ihren Fahnen stehen und der Live-Bereich ist sicherlich ein wichtiger Bestandteil davon. Was wird dann aber vom Veranstalter erwartet? Wer macht die Promotion und läuft mit den Medienpartnern durch das Stadion? Das ist nicht klar abgegrenzt.

Lange: Bei einer guten Vorbereitung ist das klar abgesprochen. Das hat bei uns auch etwas mit den Gratis-CDs zu tun. Es macht keinen Sinn, vor einer Veranstaltung nochmal 500 Platten irgendwo hinzuschicken zur Bemusterung. Die haben das doch alle schon.

Bönisch: Dem muss ich widersprechen. Uns helfen CDs, Fotos und Biografien sehr für die Promotion. Wenn die großen Sender bzw. Printmedien vielleicht auch schon versorgt sind, kleinere Sender oder Zeitungen sind es mit Sicherheit nicht. Und die sind für uns als Veranstalter wichtig.

Bisping: Sprechen wir mal über das Radio, das heute oftmals als Veranstalter auftritt und vielen Kollegen massive Probleme bereitet. Dieser neue Konkurrent der örtlichen Veranstalter steht erstens zumeist finanziell sehr gut da, zweitens ist er in der Lage, Tickets zum Dumping-Preis zu verkaufen. Was halten Sie davon?

Lange: Wenn wir einen Künstler aufbauen und dadurch die Möglichkeit haben, mit dem Radiosender einen Deal zu machen, finde ich das in Ordnung. Wenn die uns in ihrem Programm unterstützen, stellen wir im Gegenzug auch gern einen Live-Act zur Verfügung. Gab es keine mediale Unterstützung, lehnen wir das ab. Dann muss das über den Manager bzw. Agenten laufen.

Bönisch: Diese Diskussion haben wir auch schon im Verband der deutschen Konzertdirektionen geführt. Ich sehe das Problem insofern wertfrei, als dass hier auch Foren geschaffen werden, die wir nicht bieten können. Wenn wir ein neues Talent auf dem freien Markt anbieten, kommen da vielleicht 83 Zuschauer. Kann dieser Künstler aber im Rahmen einer solchen Veranstaltung ein größeres Publikum erreichen, finde ich das eher hilfreich.

James: Also das habe ich gerade aus ihrem Verband auch schon anders gehört. Dort hieß es, dass ganz massiv eingegriffen wird in die Planung und dass Künstler abgeworben werden zu einem weit niedrigeren Kurs als marktüblich. Diese Verständnis finde ich absolut fehl am Platz. Gerade wenn es um den öffentlich-rechtlichen Rundfunk geht, ist das ein Skandal. Die Rundfunk- und Fernsehanstalten gründen heute eigene Verlage und veröffentlichen Tonträger ohne eigenes finanzielles Risiko, denn da werden steuerähnliche Abgaben zur Finanzierung hinzugezogen. Gegen diese Schieflage muss man gemeinsam vorgehen.

Bisping: Der Meinung bin ich auch. Wir reden hier nicht über einen Kulturauftrag, sondern darüber, dass Rundfunkstationen als Veranstalter auftreten, auch der öffentlich-rechtliche Rundfunk. Dabei geht es nicht um Nachwuchskünstler, sondern um große Acts. Und das wird auch von den Promotionabteilungen der Tonträgerindustrie unterstützt. Bei diesen Konzerten treten große Künstler auf und spielen weit unter ihrem üblichen Marktwert unter dem Motto „Kleines Geld gegen Airplay“.

Lange: Das ist im Pop-Bereich häufig so.

Bisping: Aber damit wird die Veranstaltungswirtschaft kaputt gemacht.

Lange: Wenn das Künstler sind, die selbst gar nicht auf Tournee gehen könnten, dann kann man etwas anschieben. Um solche Leute geht es doch.

Plenum: Nein, darum geht es nicht. Ich darf Beispiele nennen: Auf Veranstaltungen wie „Sounds of Frankfurt“, „Kieler Woche“ oder „Hamburger Alstervergnügen“ werden bekannte Bands direkt von den Sendern eingekauft für low-money.

Glodde: In Zeiten, wo die Werbeeinnahmen relativ deutlich wegbrechen, haben die Medien entdeckt, dass es noch andere Betätigungsfelder gibt, wo man Geld verdienen kann. Die Tageszeitungen sind in das Ticketing-Geschäft eingestiegen. Diese Bestrebungen dürfen uns als Industrie nicht gefallen.

Bisping: Wechseln wir noch einmal den Ansatzpunkt. Gibt es bei Veranstaltern und Tonträgerindustrie nicht großen Bedarf, die sogenannten „Sleeper“ zu wecken?

James: Das ist der eigentliche Grund, warum ich hier sitze. Wir haben alle gehört, dass der Live-Club-Bereich massive Probleme hat. Die wenden sich mittlerweile nur noch an die kommunalen Behörden zwecks Subventionen. Da kann man gar nicht mehr kommunizieren. Deshalb haben wir in Hamburg jetzt ganz aktuell einen Bundesverband deutscher Musik-Clubs gegründet, um das Problem flächendeckend und bundesweit anzugehen. In einem Beirat mit Sprechern aus allen angrenzenden Bereichen – also idkv, VUT, Phono- und Verlegerverbände etc. – soll hier zusammengearbeitet werden. Daten und Fakten müssen gesammelt werden, damit wir überlegen können, wie zukünftige Konzepte aussehen können.

Bisping: Was ist mit den Leuten, die über 35 Jahre alt sind? Braucht man vielleicht neue venues, um sie hinter dem Ofen hervorzulocken?

Bönisch: Grundsätzlich muss man einmal sagen, dass es erfreulich ist, dass sich in den letzten vier bis fünf Jahren überhaupt wieder eine Live-Kultur entwickelt hat. Davor gab es eine ganze Zeit kaum venues, wo eine Live-Band überhaupt noch spielen konnte. Den 30- bis 50-jährigen Besuchern muss man sicherlich mittlerweile einen anderen Service bieten. Ich würde gern einmal ein venue mitgestalten. Eines, dass nicht nur multifunktional ist im Hinblick auf Sport und Entertainment, sondern sich auch unterschiedlicher Entertainmentformen bedient. Eines, das akzeptabel für ein unterschiedliches Publikum ist. Wenn es solche Veranstaltungsorte mehr geben würde, könnte man sicherlich auch alte Publikumsschichten zurückerschließen und vielleicht neue gewinnen.

Glodde: Um für die Clubszene zu sprechen: es ist natürlich schwierig, einen Club in regelmäßigen Abständen baulich zu verändern. Wenn man etwas angenehmer macht, geht das auch oft zu Lasten der Kapazität. Das aber kann ein Club sich nicht leisten. Unsere Branche leidet doch auch unter dem „Hippness-Faktor“, der in den Plattenfirmen schon recht stark ist. Ein André Rieu wird dort belächelt. Aber der gute Meister hat Erfolg. Er investiert erst einmal in das venue mit Kronleuchtern und rotem Teppich und geht damit über das hinaus, was eigentlich üblich ist. Und die Zielgruppe, die er damit erreicht, ist riesengroß.

Bisping: Aus meiner Sicht ist das richtig. Wir schauen auf eine Zielgruppe bis 25 Jahre. Das ist aber eine kleiner werdende Bevölkerungsschicht. Auf der anderen Seite wissen wir, dass die Gruppe, die mit Rock und Pop groß geworden ist, immer weniger bedient wird. Auch im Tonträgerbereich werden diese Leute nicht mehr erreicht. Gibt es dort Möglichkeiten, gemeinsam etwas zu tun?

Lange: Konzepte für diese Zielgruppe gibt es schon, aber das Problem ist, dass man diese älteren, an Musik interessierten Leute nicht hinter neue Bands kriegt. Die hängen weiterhin an ihren alten Bands.

Zick: Wir haben viele unserer Veröffentlichungen in „Die Zeit“ gehabt. Viele dieser Leser, alle so zwischen 35 und 60 Jahren alt, haben daraufhin die Platten bestellt und waren so begeistert, dass die jetzt unbesehen alle unsere CDs abonniert haben. So wie bei einem Buchclub.

Lange: So funktioniert es ja auch bei Amazon. Die bauen sich ein großes Käuferpotenzial auf, gerade für Nischen.

James: Das klappt aber nur, wenn die Leute wissen, wonach sie suchen sollen. Oder, wenn man von allen Seiten informiert wird, wie das z.B. beim Buena Vista Social Club der Fall war. Mit denen sind wir ja nicht aufgewachsen. Ich habe Furcht, dass man auf Grund des wachsenden Kostendrucks die Notwendigkeit einer langfristigen Planung aus den Augen verliert. Wenn wir keine Alternativen entwickeln, stehen wir wirklich irgendwann vor der Wand. Ich fürchte, wir arbeiten im Moment noch alle mit einem völlig veralteten Instrumentarium. Was es an neuen Möglichkeiten gibt, ist noch lange nicht ausgeschöpft.

Glodde: Mit unglaublich teuren Studien untermalt, kam vor ungefähr sechs Jahren der Begriff des Sleepers in der Plattenindustrie auf. Eigentlich wurde bestätigt, was man immer schon wusste. Ab einem bestimmten Alter hängt man den ganzen Tag im Job und hat keine Zeit mehr, sich mit neuen Sachen zu beschäftigen. Abends wartet dann die Familie, der man auch gerecht werden möchte. Das, was wir aus unserem täglichen Geschäft für extrem wichtig halten, ist für die breite Bevölkerung nur Nebensache und Berieselung. Es geht doch um die Frage, was wir heute für Marketing-Instrumente haben, um genau an die heranzukommen? Was tun wir, wenn ein Konzert stattfindet? Wie sprechen wir die Leute an? Wer generiert Adressen? Was sind das für Adressen, wie gehen wir damit um? Kann ich denjenigen, der im Konzert war nicht eine Woche später über die CD informieren? Können wir gemeinsam vielleicht Cross-Marketing betreiben?

Lange: Adressen sind doch aber so wertvoll, dass man sie nicht einfach weggibt.

Plenum: Doch, wenn man erkennt, dass man am gleichen Strang zieht.

Lange: Für mich heißt das Konzept konzentrieren und spezialisieren. Es gibt Beispiele, wo diese Zielgruppe, die keine Zeit mehr hat, sich zu informieren, genau bedient wird. Das ist der Laden 25 Records in Hamburg und Berlin. Dort bekommt man eine Auswahl von 25 Platten und der Kunde weiß, dass die Auswahl gut ist und er sich blind darauf verlassen kann. Das Konzept ist gut, aber für mich als Plattenfirma ist das natürlich nicht so lustig.

Bisping: Aber da ist doch der Besucher von Konzerten ein idealer Kunde für die Tonträgerindustrie.

Lange: Solange er keinen Brenner zuhause hat.

Glodde: Aber der wird einen Brenner haben und der wird herunterladen. Die Plattenindustrie muss endlich begreifen, dass sie sich die letzten fünfzehn Jahre falsch oder zu langsam entwickelt hat. Es ist das Recht in der Zukunft. Wenn das Recht den Besitzer wechselt und man die Plattenfirma eigentlich gar nicht mehr braucht, weil man selber machen kann. Ich gehe direkt zur Radiostation, denn die machen sofort eine Veranstaltung mit mir und spielen mich im Programm, vielleicht vertreiben sie das Produkt auch noch über ihren Club. Vielleicht muss man auch mal loslassen können. Vielleicht ist das herkömmliche Album in der Zukunft einfach tod.

Bisping: Sollten wir mehr gemeinsame Treffen machen, um gegenseitiges Wissen zu verbessern?

Glodde: Ich glaube, dies wird nur auf der individuellen Basis ablaufen, weil der Wettbewerb viel zu hart ist. Es werden sich nicht die Vertreter der einzelnen Veranstalter mit den Vertretern der Plattenindustrie an einen Tisch setzen. Das klappt höchstens bei übergreifenden Themen.

Bönisch: Vielleicht ist es aber eine Idee unserer beiden Verbände, also des Bundesverbands der Veranstaltungswirtschaft und des Verbands der deutschen Konzertdirektionen, die Vertreter der Tonträgerindustrie einfach mal zu unseren Jahrestagungen einzuladen.

James: Für meinen Geschmack, wird die Lobby-Arbeit in den Verbänden oftmals zu punktuell betrieben. Es könnte Sinn machen, sich da nochmal besser auseinanderzusetzen. Das ist eine Art Öffentlichkeitsarbeit, die wir mittlerweile leisten müssen, wenn wir nicht untergehen wollen. Sonst finden wir nur noch im TV statt.

Bisping: Bleibt festzuhalten, dass wir vielleicht doch mehr realisieren sollten, dass wir gemeinsam an einem Strang ziehen. Wir bedanken uns für das interessante Gespräch und hoffen, dieses an anderer Stelle fortzusetzen.