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HMV bricht weiter ein und plant Sanierung

Die wirtschaftliche Realität für HMV ist schlimmer, als Beobachter befürchteten. Der größte britische CD- und DVD-Händler musste eine zweite Gewinnwarnung binnen drei Monaten veröffentlichen und steht vor gravierenden Umwälzungen.

Die wirtschaftliche Realität für HMV ist schlimmer, als Beobachter befürchteten. Der größte britische CD- und DVD-Händler musste eine zweite Gewinnwarnung binnen drei Monaten veröffentlichen und steht vor gravierenden Umwälzungen. Laut Finanzchef Neil Bright wird die HMV Group im Geschäftsjahr 2007 nur 50 Millionen Pfund (73,2 Millionen Euro) Vorsteuergewinn erwirtschaften statt der zuletzt prognostizierten 61 Millionen Pfund (89,3 Millionen Euro).

In den neun Wochen bis zum 10. März sanken die flächenbereinigten Umsätze um drei Prozent. HMV erging es mit minus zwei Prozent noch vergleichsweise gut, Waterstone’s verlor mehr als sechs Prozent der Einnahmen in diesem Zeitraum. Nur im britischen Heimatmarkt konnte HMV um ein Prozent zulegen. Diese Nachricht überschattete die Präsentation eines Sanierungsplans für die angeschlagene Facheinzelhandelskette.

CEO Simon Fox, seit September am Ruder, will vor allem bei der Buchhandelstochter Waterstone’s den Rotstift ansetzen: 30 der 329 Filialen sollen geschlossen werden – bislang war mit maximal 20 Schließungen gerechnet worden. Aber auch eine bislang nicht genannte „kleine“ Anzahl der weltweit 421 HMV-Shops wird dem Sparzwang zum Opfer fallen, kündigte Fox an. Er spiele dabei auch mit dem Gedanken, die Zweigstellen in Japan abzustoßen. Insgesamt will der neue CEO bis 2010 rund 40 Millionen Pfund (58,6 Millionen Euro) einsparen.

Der Kostendruck werde auch an die Lieferanten weitergegeben, hieß es heute in London. Aber auch die eigene Personaldecke wird angepasst werden müssen. Eine genaue Zahl der bevorstehenden Entlassungen liegt derzeit nicht vor. „Waterstone’s und HMV sind großartige Marken“, so Fox. „Aber sie haben sich nicht schnell genug an das neue Nutzungsverhalten ihrer Konsumenten angepasst.“ Deshalb will Fox bis Herbst ein neues Shopkonzept für HMV umsetzen. Details dazu sind bisher Mangelware, bekannt ist nur: In den Läden soll künftig mehr Unterhaltungselektronik in Form von iPods & Co. und Gaming-Hardware angeboten werden. Außerdem erwäge man den Einsatz von Downloadkiosks in den Filialen.

Zudem soll der Onlineshop HMV.co.uk bis 2010 ein Fünftel des Gesamtumsatzes einfahren. Dafür will Fox die Ausgaben für Onlinewerbung verdoppeln. Der Umsatzanteil von Games soll innerhalb der nächsten drei Jahre von derzeit zwölf auf 15 Prozent steigen, digitale Audio- und Video-Produkte sollen statt fünf künftig 16 Prozent der Umsätze erwirtschaften.

Gleichzeitig rechnet der Händler aber mit weiteren Einbrüchen bei CDs und DVDs. Um die jugendliche Kundschaft bei der Stange zu halten, setzt HMV auf den Aufbau eines Social-Networking-Portals in UK, für das bislang Universal Music und 20th Century Fox Inhalte zugesagt haben. Darüber hinaus will HMV mit dem Mobilfunkanbieter 3UK kooperieren und nicht näher definierte Inhalte für dessen 3,75 Millionen Kunden liefern.

An der Börse verfingen all diese neuen Ansätze bisher wenig: Der Kurs der HMV-Aktie kollabierte am Vormittag zeitweise um 15 Prozent. Um 13.40 Uhr Ortszeit notierte das Papier bei 131,50 Pence – 13,91 Prozent weniger als der Schlusskurs vom Montag. Sollte es bis Handelsschluss bei diesem Minus bleiben, wäre das der stärkste Kursrutsch seit dem Börsengang im Jahr 2002.

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