Recorded & Publishing

Herpers fordert Bekenntnis zum stationären Handel

Wo bleibt der stationäre Handel, wenn Digitalvertriebe flächendeckend funktionieren? Dieser Frage ging die Berliner Musikrunde nach. Dabei fanden sich einige Gründe, warum auch künftig der Einzelhandel die Nase vorn haben kann.

Beim ersten Treffen der Berliner Musikrunde nach der Sommerpause diskutierten Vertreter der Musikwirtschaft am Abend des 8. September im Café Bilderbuch zum Thema „Phonoline kommt – wo bleibt der stationäre Handel?“. Grundlage der Gespräche war ein Vortrag von Unternehmensberater York Herpers, der ausführte, warum der Digitalvertrieb von Musik „in den nächsten Jahren maximal zehn bis 20 Prozent des Gesamthandels“ ausmachen wird. Herpers führte dabei zehn Gründe auf, warum der stationäre Handel auch künftig im Vorteil ist gegenüber der digitalen Distribution. – Digitaler Musikvertrieb ist zu 99 Prozent ein Pull-Medium, bei dem sich potenzielle Kunden aktiv selbst bedienen müssen. – Die visuellen Push-Werbeflächen im Online-Bereich sind zu klein. Sie haben kaum optische Wirkkung auf den Konsumenten. – Der Online-Kauf ist im Vergleich zum spontanen Mitnahmekauf im stationären zu umständlich. – Im Internet sind Kaufvorgänge nie anonym. – Um eine vollständige digitale Kopie einer vorgefertigten CD zusammenzustellen, fallen höhere Kosten an, als beim Kauf dieser CD. – Menschen sind prinzipiell faul und lassen sich nur dann zum Konsum im Netz anregen, wenn es Umsonstangebote oder Gewinnspiele gibt. – Nichtkäufer/Sleeper zählen nicht zur Nachwuchsgeneration, die leicht vom Online-Konsum überzeugt werden könnten. – 75 Prozent der Bevölkerung sind über 30 Jahre alt. Die „Spaßgesellschaft“ wird also immer älter und verliert die Zeit/Lust für den Online-Konsum. – Musikdownloads landen zumeist danach wieder auf physischen Tonträgern, d.h. Kunden wollen ein haptisches Produkt. – Online-Verkauf ist letztlich nichts anderes als eine Form des Versandhandels. Dessen Marktanteil liegt traditionell bei nicht mehr als 20 Prozent. Das ist auch die Maximalgröße, die der Digitalvertrieb erreichen kann. Er wolle mit diesen zehn Thesen darauf hinweisen, dass trotz Krise immer noch rund 80 Prozent der Umsätze mit Musik im stationären Handel gemacht werden, sagte Herpers. „Die ganze Branche redet nur über Online und redet dabei den Handel tot.“ In der anschließenden Diskussion verteidigte Verbändechef Gerd Gebhardt das Projekt Phonoline: „Wir brauchen diese Absatzalternative.“ Die Plattenfirmen seien stolz auf das bisher erreichte. Denn obwohl es sich bei kommerziellen Download-Diensten um Hol-Angebote handelt, wurden allein in Deutschland im Jahr 2002 über 600 Mio. Soundfiles – zumeist illegal – aus dem Netz gezogen. Diesen Bedarf gelte es zu decken. Herpers brachte jedoch die Ansicht vieler Händler auf den Punkt: „Ich vermisse bei aller Online-Euphorie ein klares Bekenntnis der Industrie zum stationären Handel. Nur der kann die Branche retten, nicht der Online-Vertrieb.“ Die nächste Gesprächsrunde der Berliner Musikrunde findet am 6. Oktober statt.