In Großbritannien sind Privatunternehmer wenig erfreut über die Abwanderung verschiedener Firmen auf die Kanalinseln Jersey und Guernsey. Durch die Verlagerung von Logistikzentren in die Steueroasen entgingen dem britischen Fiskus Einnahmen in Millionenhöhe, erklärte der Unternehmerverband Forum of Private Business (FPB). Man werde die Fachhandelskette HMV nun bei den Steuerbehörden melden, weil der Umzug des HMV-Fulfillmentlagers von Manchester nach Guernsey eine „zynische Ausnutzung“ eines Steuerschlupflochs sei.
Während dabei kleinere und mittelständische Händler im Preiskampf mit den Ketten zusätzlich unter die Räder kämen, verzichte die Regierung freiwillig auf Steuereinnahmen, erklärte FPB-Chef Nick Goulding. Hintergrund der Entrüstung ist der Plan von HMV, sein Distributionszentrum auf die Kanalinsel zu verlegen. Damit folgt der Händler anderen Firmen wie Amazon, Woolworths, Tesco oder Asda, die ihre Zelte auf Jersey aufgeschlagen haben.
Die Kanalinseln sind weder Teil des Vereinigten Königreichs noch eine Kronkolonie, sondern sie sind direkt der britischen Krone unterstellt und somit keine Mitglieder der EU. Eine Folge davon ist, dass sie in Handelsfragen wie Drittstaaten behandelt werden. Wer also seine CDs, DVDs, Bücher oder Games von den Kanalinseln aus an seine Kunden liefert, muss demnach die in Großbritannien üblichen 17,5 Prozent Mehrwertsteuer nicht abführen. Dies gilt jedoch nur für Bestellungen mit einem Einkaufswert von unter 18 Pfund (26 Euro).
Bei HMV weist man die Vorwürfe jedoch „kategorisch“ zurück. Das sei eine Geschäftsentscheidung, die nicht nur mit der Mehrwertsteuerfrage zu tun habe, sagte ein Unternehmenssprecher. Der Umzug auf die Insel sei reiflich geplant worden, und es gebe eine ganze Reihe von Gründen für diese Verlagerung. Unter anderem will man im Frühjahr 2006 eine HMV-Filiale auf Guernsey eröffnen. 50 Arbeitsplätze schafft HMV nach eigenen Angaben auf der Insel und investiert dort rund eine Mio. Pfund (1,44 Mio. Euro).
Nach Schätzungen des britischen Finanzministeriums gehen dem Fiskus jährlich rund 80 Mio. Pfund (115 Mio. Euro) wegen Steuerflucht auf die Kanalinseln durch die Lappen. Ein Sprecher des Ministeriums ließ bereits wissen, man werde diese Angelegenheit weiter im Auge behalten, doch prinzipiell sei das Vorgehen von HMV völlig legal.





