musikwoche: Der Juni 2003 brachte abermals drastische Einbrüche. Hat die Musikbranche damit die Talsohle erreicht? Welche Zeichen für eine Wende zum Positiven lassen sich generell erkennen?
Bernd Dopp: Für 2003 ist offensichtlich keine Trendwende zu erwarten. Auch in den nächsten beiden Jahren ist von einem weiteren Umsatzrückgang in unserer Branche auszugehen – jedoch wird das Minus wesentlich geringer ausfallen. Mit einer Trendwende rechnen wir Ende 2005. Die Musikwirtschaft befindet sich zur Zeit in einer Transition-Periode, in der die traditionellen Geschäftsfelder nur noch bedingt und die neuen Geschäftsmodelle, wie zum Beispiel legale und kommerzielle Musik- und Video-Downloads oder das Mobile-Business, noch nicht wirklich funktionieren. Um die prognostizierte positive Marktentwicklung in den nächsten Jahren zu ermöglichen, ist es unverzichtbar, dass wir neben elementaren Fortschritten bei der Bekämpfung der Internetpiraterie auch attraktive, kommerzielle, legale Angebote für den Konsumenten schaffen.
mw: Wie haben sich die Tätigkeitsfelder und Aktivitäten der Majors in den vergangenen zehn Jahren verändert? Wo sehen Sie für die Zukunft die Kernkompetenz?
Dopp: Das Konsumentenverhalten hat sich zum Teil dramatisch verändert. Will heißen: der Endverbraucher will Musik zu einem attraktiven Preis, jederzeit, an jedem Ort und in dem Format seiner Wahl erleben. Diese Entwicklung stellt eine große Herausforderung an zeitgemäße Vertriebsstrategien dar und erfordert ein flexibles und innovatives Preismarketing. Auch wenn diese Entwicklung einen Umdenkungsprozess in der Musikwirtschaft erfordert, so werden unsere Kernkompetenzen trotzdem auch in Zukunft A&R, Promotion und Marketing bleiben. Die veränderte Mediennutzung wird zum Teil erheblichen Einfluss auf jeden einzelnen dieser Bereiche haben.
mw: Sind multinationale und börsenorientierte Konzernstrukturen auf Dauer überhaupt kompatibel mit Musik?
Dopp: Quartalsdenke, Shareholder Value und der wachsende Einfluss der Headquarters auf die regional agierenden Affiliates sind nur bedingt mit dem Kreativ-Flow der Künstlerkultur zu vereinbaren. Angesichts der Realität ist es deshalb müßig, über diese Frage zu diskutieren.
mw: Welchen Anteil am Gesamtaufkommen werden die verschiedenen Vertriebsformen – digitale Datei, physischer Tonträger, Individual-CD… – in fünf Jahren haben?
Dopp: Die uns derzeit vorliegenden Prognosen gehen davon aus, dass 2007 kommerzielle Downloads einen Umsatzanteil von vielleicht zwölf bis 15 Prozent am Gesamtmarkt generieren können. Der Anteil der physischen Tonträger wird für 2007 auf zirka 80 Prozent geschätzt. Davon entfallen dann aller Voraussicht nach 65 Prozent auf reine Audio-Tonträger und demnach 15 Prozent auf Bild-Tonträger (Musik-DVD und VHS). Großes Potenzial ist im Bereich Mobile-Business zu erwarten. Wenn es der Musikwirtschaft gelingt, bis 2007 die Mastertones zu etablieren, wäre ein möglicher Anteil von über zehn Prozent am Gesamtumsatz des Musikmarktes vorstellbar.
mw: Wann kommt die gemeinsame Download-Plattform? Wo liegen die Probleme, wo die Chancen?
Dopp: Probleme? Wir haben doch keine Probleme! Es hat eben nur zwölf Monate länger gedauert, als wir alle gedacht haben. Aber im Ernst – gerade weil das Projekt so komplex ist, müssen wir bei der Implementierung von Phonoline mit der gebotenen Akribie und der größtmöglichen Sorgfalt vorgehen. Die Chance besteht darin, dass es der deutschen Musikwirtschaft 16 Jahre nach dem Start von Phononet gelingen wird, das weltweit erste Online-Musikangebot zu präsentieren, das sowohl die Musik der Majors als auch der Independents auf einer technischen Plattform anbieten wird.
mw: Wie könnte eine sinnvolle und für alle Beteiligten ergiebige Arbeitsteilung zwischen Majors, Indies und Künstlern aussehen?
Dopp: Wenn es um gemeinsame Ziele wie die Radio-Quote, die Individual-CD oder die Implementierung von Phonoline geht, müssen wir unsere Kräfte bündeln, um unsere Interessen bestmöglich durchzusetzen.
mw: Und wenn alle Live-Mitschnitte, alle Videoclips und alle Archivreste verbraten sind – bedeutet das dann das Ende der Musik-DVD? Was kommt danach?
Dopp: Natürlich kann dieser Markt auf Dauer nicht nur von Konzert-Mitschnitten und Clip-Compilations leben. Im Vertrauen auf die Kreativität unserer Künstler wird es neue inhaltliche Konzepte geben, die auch in Zukunft für attraktiven Content sorgen werden. Nach wie vor sind wir der Meinung, dass der Bedarf nach einem neuen Audio-Tonträger wie der DVD-Audio und nach attraktiven DVDs als Premium-Produkte wächst. Wie die Prognosen für den non-physischen Vertrieb von Musik belegen, wird unsere Branche noch lange vom Verkauf physischer Tonträger leben. Schließlich haben die letzten zwei Jahrzehnte gezeigt, dass sich unser Markt durch den Wegfall von Vinyl und der MC nahezu zu einem „One-Configuration-Markt“ entwickelt hat – was eine äußerst ungesunde Entwicklung ist. Es ist also nach wie vor wichtig, dass wir einen neuen physischen Audio-Tonträger, der schon sehr bald auch hybrid sein könnte, am Markt etablieren.
mw: Welche wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen müssen sich wie ändern, damit es mit der Branche wieder aufwärts geht? Was erwarten Sie noch von der Politik?
Dopp: Zunächst brauchen wir den wirtschaftlichen Aufschwung und das damit verbundene konsumfreundlichere Klima. Was die Novellierung des Urheberrechtsgesetzes angeht, so hat die Politik – wenn auch sehr spät – einen großen Schritt getan. Jetzt ist es wichtig, dass wir das Thema forcieren und nach der parlamentarischen Sommerpause schnellstmöglich den sogenannten zweiten Korb auf den Weg bringen. Die gesellschaftliche Werteskalierung müsste sich dahingehend ändern, dass es zur Selbstverständlichkeit wird, dass geistiges Eigentum genau so zu schützen ist wie das Materielle. Hier ist nicht nur jeder Einzelne gefordert, sondern gerade den Medien kommt diesbezüglich eine große Verantwortung zu. Gleichzeitig ist es immens wichtig, dass in Deutschland endlich eine Funklandschaft entsteht, die vor allem neuen Künstlern aus dem In- und Ausland ein adäquates Forum bietet. Eine zentrale Bedeutung muss es für die Politik sein, erheblich mehr in unser Bildungswesen zu investieren. Das käme letztlich auch unserer musikalischen Kultur zugute.






