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Gregor Stöckl, Managing Director Virgin Records Germany: „Wir müssen künftig chauvinistischer agieren“

Im Zuge der Neuordnung innerhalb von EMI Recorded Music übernahm Gregor Stöckl zum 1. April die Leitung von Virgin. Wie er sich in der ehemaligen Position seines Mentors Udo Lange fühlt und welche Pläne er hat, erklärt er im Interview.

musikwoche.de: Wie ist die Stimmung bei Virgin nach der langen Zeit der Ungewissheit?

Gregor Stöckl: Viele strukturelle Änderungen sind bereits umgesetzt, einige werden im Moment verwirklicht. Das heißt also, dass sich derzeit viele Arbeitsprozesse neu einspielen müssen. Aber im großen und ganzen sind wir positiv gestimmt und motiviert. Auch die Standortfrage ist geklärt, und somit fällt eine bisher große Sorge in der Belegschaft weg. Nach meiner Einschätzung sind die Kollegen auf die kommenden Aufgaben gut vorbereitet und schauen konzentriert nach vorn, statt sich um ihre Jobs sorgen zu müssen.

mw: Wie fühlt man sich als neuer Chef dieser Traditionsfirma?

Stöckl: Das ist eine Mischung aus Respekt vor der Herausforderung und Freude über das mir entgegen gebrachte Vertrauen. Ich habe nie gezögert, diese Aufgabe zu übernehmen. Aber ich weiß auch, dass sie schwer und mit unglaublich viel Arbeit verbunden ist. Ich sehe auch, dass die Schuhe, die mir Udo Lange übergeben hat, sehr groß sind, aber ich bin zuversichtlich, dass ich zusammen mit meinem Team dieser Herausforderung gerecht werde.

mw: Erstmals seit langem weist die Struktur von Virgin wieder einen dezidierten A&R-Chef aus. Welche Aufgaben fallen ihm zu?

Stöckl: Michael Wolf ist unser A&R-Chef und mit allen Kompetenzen ausgestattet, die er in dieser Funktion braucht. Nun wird es für ihn und sein Team vor allem darum gehen, neue Signings an Land zu ziehen. Er beliefert dann die beiden Marketingabteilungen. Um das internationale A&R-Geschäft kümmern sich bei uns weiterhin die Product Manager. Die sind darin ohnehin die besten Profis.

mw: Die bedienen sich also aus einem Pool internationaler EMI-Acts?

Stöckl: Richtig, aber bei der Auswahl wird für uns künftig die Frage nach dem bisherigen Erfolg eines Künstlers im Ausland immer unwichtiger. Wesentlich wichtiger ist das Kriterium: Sind in diesem Pool Künstler, die für den deutschen Markt relevant werden könnten? Wir müssen unsere Bedürfnisse stärker berücksichtigen, uns weniger von den internationalen Kollegen dreinreden lassen und im besten Sinne chauvinistischer agieren.

mw: Wie wollen Sie das lokale Repertoire künftig stärken?

Stöckl: Unter anderem, indem die A&R-Abteilung mehr Kompetenzen erhält als bisher. Michael Wolf ist durch seine Beförderung hoch motiviert, die Abteilung bringt ihre Ansichten mit ein, und sie steht unter Druck – aber damit kann sie umgehen. Zudem werden wir uns nur auf eine begrenzte Zahl von Themen stürzen, diese aber mit letzter Konsequenz und voller Konzentration unserer Ressourcen bearbeiten. Das ist in der Vergangenheit nicht immer so gewesen, weil uns bisweilen die Geduld zu früh verließ – oder das Geld.

mw: Was heißt das in der Praxis?

Stöckl: Das heißt, dass wir künftig national wie international, so weit möglich, mit Ein-Jahres-Plänen arbeiten. Aktuelles Beispiel ist die Formation Haven aus England. Da gibt es bereits einen Marketingplan mit drei Singles. So wollen wir die Band innerhalb eines Jahres etablieren. In der Vergangenheit haben wir nach einer gefloppten Single auch schon mal das Engagement zurück gefahren. Das soll sich ändern. Nicht zu kurz- oder zu langfristig planen, sondern mittelfristig mit Konzept.

mw: Was sind dann die Messgrößen für Erfolg?

Stöckl: Letztlich natürlich immer der Profit. Aber für mich als Musikfreund ist eine entscheidende Messgröße auch, wenn ein Act mit dem ersten Album ordentlich reüssiert und mit der zweiten Platte durch die Decke geht.

mw: Stand bei den Sanierungsbemühungen von EMI-Boss Alain Levy jemals auch die unabhängige Virgin-Division Labels zur Disposition?

Stöckl: Sicher nicht. Worum geht es denn in Zukunft? Attraktive, neue und charismatische Künstler unter Vertrag nehmen, sie ausbilden und ihnen eine Chance zur Entwicklung geben: Dafür gibt es fast keine bessere Struktur als die, die wir mit Labels haben. Christof Ellinghaus ist ein Top-A&R, der in den letzten Monaten einige Früchte seiner Arbeit ernten konnte. Und da wird künftig auch im lokalen Bereich noch einiges zu erwarten sein.

mw: Und was erwarten Sie sich insgesamt vom Musikgeschäft in den nächsten Monaten?

Stöckl: Wie immer „Sex, Drugs and Rock“n“Roll“. Oder sollte ich besser sagen: Ich hoffe, dass die Branche vor den Herausforderungen der Zukunft nicht wie verSTEINert da steht, aus den SCHRAMMen der Vergangenheit lernt und noch LANGE ein RENNER bleibt. Schließlich wollen wir doch alle unsere Umsätze verDOPPeln.