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Getrennt marschieren, aber wenigstens vereint schlagen: „Synergien unter einem Dach fördern!“

Wer ist die „deutsche Musikwirtschaft“, und wie viele Verbände braucht sie wirklich? Jens Michow, Präsident des Bundesverbands der Veranstaltungswirtschaft (IDKV), appelliert an alle Zweige der Branche, endlich mit einer Stimme zu sprechen.

Mittlerweile neun ernst zu nehmende, mehr oder weniger schlagkräftige Verbände sorgen sich in Deutschland derzeit um das Wohl der zur Musikwirtschaft zählenden Unternehmen – nämlich: Deutscher Musikrat, Deutscher Kulturrat, Bundesverband der Phonographischen Wirtschaft, IDKV, VDKD, IFSU, MMF, VUT und IMUC. Mindestens fünf weitere Verbände – und zwar: AUMA, EVVC, Verband für Licht-, Ton- und Veranstaltungstechnik -VPLT, Deutsche Theatertechnische Gesellschaft und FME – haben wesentliche Interessen am Wohlergehen von Teilen der deutschen Musikwirtschaft, oder sollten es zumindest haben. Eine im Detail unbekannte, sicher aber noch größere Anzahl von Verbänden, die seltener mit ihrer Arbeit an die Öffentlichkeit tritt, mag dem Verfasser verzeihen, wenn sie bei dieser Aufzählung unberücksichtigt blieb. Und ein Ende der Verbandsgeburten in der Musikwirtschaft scheint derzeit nicht absehbar.

Um es gleich vorweg zu nehmen: Zur Musikwirtschaft zählt für den Verfasser entgegen landläufiger Auffassung nicht lediglich die deutsche Tonträgerindustrie. Ein ebenso wichtiger und absolut gleichbedeutender Faktor der Musikwirtschaft ist die Veranstaltungswirtschaft. Hier wird leider allzu häufig vergessen, dass die Arbeit des jeweils einen Wirtschaftszweiges weitestgehend die des jeweils anderen Wirtschaftszweiges bedingt. Wir sollten uns daher angewöhnen, den Begriff Musikwirtschaft nicht lediglich als Synonym der Tonträgerindustrie zu betrachten, sondern begreifen, dass die Veranstaltungswirtschaft ein gleichberechtigter Faktor der Musikwirtschaft ist. „Mehr als die Tonträgerindustrie“ Dass allerdings die Interpretation des Begriffes Musikwirtschaft und der Kämpfer für eines ihrer wichtigsten Produkte, nämlich der Popmusik, in der Branche erheblich differiert, zeigt mal wieder ganz deutlich ein Veranstaltungsthema der diesjährigen Popkomm. Dort findet unter dem Motto „Pop und Politik“ eine Podiumsdiskussion statt, bei der der Bereich der Popmusik ausschließlich vom Präsidenten des Verbandes der Phonographischen Wirtschaft repräsentiert wird. Nun kann der geschätzte Kollege Gebhardt, der als Gesprächspartner zu diesem Podium geladen wurde, sicher nichts dafür, dass er alleine für den Bereich Popmusik spricht.

Die Veranstalter der Popkomm jedoch, denen an Interessenvielfalt, Transparenz und Repräsentativität gelegen sein sollte, haben damit einen schwer wiegenden Fehler bei der Besetzung begangen: Anstatt der geladenen Phalanx von Kulturpolitikern gleichsam auch zumindest jeweils einen Repäsentanten der wichtigsten Protagonisten der Popmusik, nämlich neben der Phonoindustrie einen Veranstalter und vor allem auch einen Musiker gegenüber zu setzen, bestätigen sie zum wiederholten Mal das lange gepflegte Vorurteil: Musikwirtschaft heißt Phonowirtschaft und sonst nix. Und noch schlimmer: Nicht einmal ein Vertreter der vielen hundert Independent-Labels wurde zu diesem Panel geladen. Schade, eine wichtige Chance wurde vertan, den Dialog mit der Politik anlässlich des vom IDKV veranstalteten Kongresses „Musik als Wirtschaft“ zwischen allen Beteiligten fortzusetzen: Musikern, Veranstaltern und Phonowirtschaft. Und durch eine geringfügigere Verlängerung der Diskussionszeit hätte das Ergebnis auch nicht unter zuviel Gesprächsteilnehmern gelitten. Im Gegenteil. „Dachverband für die Musikwirtschaft“ Aber zurück zum Ausgangspunkt: Wie viele Verbände braucht die deutsche Musikwirtschaft wirklich? Dass der Verfasser bereits seit langem für einen gemeinsamen großen und gleichsam starken Verband der Veranstaltungswirtschaft kämpft, ist ebenso bekannt wie seine bisherige Erfolglosigkeit in diesem Kampf. Dennoch müßte es eigentlich jedem einleuchten, dass jeglicher Interessenwahrnehmung für die Unternehmen der Branche weitaus mehr Erfolg beschieden wäre, wenn ein Verband sich für zum Beispiel 750 Unternehmen und 5000 Arbeitsplätze legitimieren kann als lediglich für ein Bruchteil dessen. Ebenso dringend anstrebenswert wie ein gemeinsamer Verband der Veranstaltungswirtschaft ist ein gemeinsamer Dachverband der deutschen Musikwirtschaft.

Zählt man zur Musikwirtschaft sowohl die Tonträger- als auch die Veranstaltungsindustrie, böte ein derartiger Dachverband die kostbare Möglichkeit, soweit es im Einzelfall Sinn macht und darauf ankommt, mit einer Stimme gleichsam für die gesamte Musikwirtschaft zu sprechen. Man stelle sich nur einmal die lobbyistische Schlagkraft der Verlautbarungen einer derartigen Dachverbandsorganisation vor! Das grundlegende Konzept des IDKV besteht darin, dass es wenig Sinn macht, in einem Land, in welchem nahezu jeder Veranstalter in einer Person zusätzlich auch Künstlermanager und Konzertagent ist, für jede seiner Tätigkeiten einen separaten Verband anzubieten. Dennoch war es offenbar unaufhaltsam, dass trotz der erwiesenermaßen erfolgreichen Strategie des IDKV, die zwischen Veranstaltern, Agenten und Managern bestehenden Synergien unter einem gemeinsamen Dach zu fördern, ein singulärer Managerverband gegründet werden musste. „Endlich mit einer Stimme sprechen“ Welchen Sinn derartige Verbandsgründungen haben, da zudem der IDKV als deutsche Repräsentanz des International Music Managers Forum zu seinen Mitgliedern bereits eine erhebliche Anzahl bedeutender deutscher Künstlermanager zählt, wird die Zukunft weisen. Wenn es nun allerdings zumindest kurzfristig nicht realisierbar zu sein scheint, dass sich zumindest gleiche Branchen in einem einzigen Verband zusammenfinden, sollten die Verbände mehr als bisher wenigstens den Gedankenaustausch unter einander pflegen, gemeinsame Arbeitsgruppen gründen und Wege finden, ihre Gespräche mit Politikern „mit einer Stimme“ zu führen.

Der Staatsminister für Kultur hat der Musikwirtschaft anlässlich des vom IDKV veranstalteten Kongresses „Musik als Wirtschaft“ die Hand zur Kooperation gereicht. Wäre es nicht sinnvoll, dass die Verbände der Musikwirtschaft ihre Anliegen und Ziele gemeinsam definieren und sie mit konzertiertem Nachdruck gemeinsam vortragen – unter Beibehaltung ihrer Verbandsindividualität? Auch ließe sich zum Beispiel ein regelmäßiger nicht-öffentlicher Kultur-Dialog der Arbeitsgruppenvertreter mit dem Staatsminister und gegebenenfalls anderen Politikern inszenieren. Derzeit transportiert jeder Verband seine Anliegen in einer Vielzahl von Einzelgesprächen nach Berlin. Wieviel mehr Nachdruck ließe sich jedem der vielen Einzelanliegen verleihen, wenn sie durch eine ausgewählte Repräsentanz zumindest aller Veranstalterverbände vorgetragen würden? Der IDKV reicht hiermit allen Verbandskollegen für diesen Vorschlag nochmals die Hand: Lasst uns endlich mit einer Stimme sprechen und vereint schlagen.