musikwoche.de: Herr Glueck, sind Sie glücklich?
George Glueck: Ich habe großes Glück, die Balance zwischen meiner Ehe, meinen Kindern und dem Job ist toll. Ich habe drei Kinder: Julian, 14, aus früherer Ehe; Joshua ist jetzt fünfeinhalb, und die Tochter Joelle wird viereinhalb.
mw: Wie kriegen Sie Familie und Job zeitlich unter einem Hut?
Glueck: Ich arbeite intensiver und lebe bewusster. Das kommt nicht nur mit dem Alter, sondern auch mit der Erfahrung. Viele Sachen mache ich nicht mehr, weil ich weiß, dass es vergeudete Zeit ist.
mw: Lässt Sie die Verankerung in der Familie besser arbeiten?
Glueck: Die Musik war und ist immer eine Geliebte. Ich hätte meine Begeisterung für die Musik vermutlich auch gehabt, hätte ich einen anderen Berufsweg eingeschlagen. Ich gehöre zu denjenigen, die immer Musikkonsument und Musikkäufer geblieben wären. Ich mache das, was ich mache, wirklich gern und würde nichts anderes machen wollen. Ich bin wirklich glücklich, und mache das, was ich mache, mit der Überzeugung, das es nichts Schöneres gibt. Es hat nicht mehr so furchtbar viel mit Überleben zu tun, was ich tue, oder mit Geld. Lange Zeit war ich ja skeptisch und pessimistisch, ob man alles unter einen Hut kriegen kann: Erfolg, Beruf, Glück in der Liebe, Harmonie, Gesundheit.
mw: Vielleicht haben Sie einfach den richtigen Namen…
Glueck:… das haben schon viele gesagt. Aber manchmal kommt es doch auch anders, als man denkt. Mit meiner ersten Ehe habe ich es ja schon einmal probiert, aber das war eine Zeit, in der ich einfach noch sehr viel mehr unterwegs war. In den 80er Jahren, als mein Sohn geboren wurde, habe ich gleichzeitig für sechs Künstler Management gemacht – für Rio Reiser, Stephan Remmler, die Rainbirds, Annette und Inga Humpe und Marianne Rosenberg. Darüber hinaus hatte ich noch meinen Verlag, die ganze Verlagsleitung von Meisel und die Produktion.
mw: Kein Wunder, dass Sie da viel unterwegs waren…
Glueck: Manchmal ist so ein Job auch ein Mittel zum Zweck, zur Flucht. Ich glaube, dass ich jetzt eine glückliche Balance gefunden habe, um Beruf und Familie zu verbinden.
mw: Ist Ihre Frau nicht eifersüchtig auf die Musik?
Glueck: Sie weiß, was es mir bedeutet. Sie möchte allerdings gern, dass ich mal länger Urlaub mache. In dieser Hinsicht bin ich aber schon ziemlich weit gekommen, denn erstaunlicherweise mache ich jetzt auch schon mal drei Wochen am Stück Urlaub. Aber ich brenne immer noch und habe Spaß an dem, was ich tue, und ich habe noch nichts gefunden, was mich ähnlich kreativ fordert. Dabei ist es ja nicht so, dass ich mich nicht auch mal selbstkritisch hinterfrage. Aber wer kann schon von sich behaupten, dass er sein Hobby, seine Liebe und seinen Beruf auch wirtschaftlich bedeutungsvoll zusammengebracht hat. Das klingt vielleicht ein bisschen pathetisch, aber so ist es.
mw: Wie kamen Sie eigentlich erstmals mit dem Musikbusiness in Kontakt?
Glueck: Professionell erst in Deutschland. Aber ich bin in New York aufgewachsen. Geboren bin ich in Transylvanien, in Siebenbürgen, wir sind nach Amerika emigriert. Ich habe schon mit vier, fünf Jahren Klavier gespielt und in New York dann im Teenie-Alter die Musik entdeckt, den Rock’n’Roll. Von da an interessierte mich nichts anderes mehr – nur die Musik und vielleicht noch der Film. Ich habe dann Musik gespielt und schon sehr früh eine eigene Band gemanagt, aber der Einstieg in das Musikbusiness hat tatsächlich erst in Berlin stattgefunden.
mw: Wieso ausgerechnet in Berlin?
Glueck: Ich wollte nicht nach Vietnam. Ich bin 1950 geboren, mein Vater starb 1968, und mein ganzer Lebensplan kam durcheinander. Mit College und Universität war alles vorbei; ich hatte Mutter und Schwester, und unsere Situation war nicht gerade rosig. Wir waren ja Emigranten in Amerika, und ich hatte zudem noch Schulden geerbt. Ich hatte also kein Geld, musste aber irgendwie für die Familie sorgen. Und dann eskalierte 1968 der Vietnamkrieg… In New York lernte ich ein Mädchen aus Berlin kennen. Sie stammte auch aus Siebenbürgen, und daraus ergab sich eine Kombination aus Flucht, erster großer Liebe mit 19 und der Möglichkeit, meine Familie zu unterstützen. Ich blieb dann in Berlin hängen, bekam einen Job. Und irgendwie hat sich dann alles so ergeben.
mw: Gab es je eine Alternative zur Musik?
Glueck: Nein, die gab und gibt es nicht. Ich habe zwar mal rumexperimentiert und einen Kinofilm mitproduziert, denn ich hätte immer genauso gut Filmregisseur werden wollen. Manche wissen, dass ich ein Vidiot bin, da ich schon sehr früh in den 70er Jahren mit Video angefangen habe; das Wort Video habe ich damals noch gar nicht gekannt. Das waren Promotionfilme, an denen ich meinen Spaß hatte. Ein paar TV-Movies habe ich auch produziert.
mw: Was war das für ein Kinofilm?
Glueck: Der hieß „I Love You Baby“, mit Mark Keller, Jasmin Gerat, Maximilian Schell, Burkhardt Driest. Ich habe dabei festgestellt, dass zwischen Film und Musik gar kein so großer Unterschied existiert. Beim Film muss halt das Drehbuch stimmen – man kriegt den Film nicht gedreht und nicht verkauft und nicht populär, wenn das Drehbuch Fehler oder Mankos hat. Das ist auch in der Musik so: Wenn die Komposition oder der Text nicht stimmt, kann man sich zu Tode produzieren, ein Supervideo und Superfotos machen und dazu Marketing und Promotion – aber es ist unwahrscheinlich, dass es ein großer Erfolg wird. Der Film war eine interessante Lehre für mich – das würde ich nie wieder machen. Da es eine Koproduktion war, also eine Abstimmung mit anderen Menschen, habe ich festgestellt, dass so etwas nicht meine Sache ist. Obwohl ich bei X-cell Demokratie groß schreibe und wir in unserem kleinen Team alles sehr kontrovers diskutieren, eignet sich der Bereich A&R – wie auch die Produktion beim Film – nicht für eine demokratische Entscheidung.
mw: Müssen Sie immer das letzte Wort haben?
Glueck: Es muss jemand entscheiden. Der Film hatte im Drehbuch einen Bruch. Nach einer halben Stunde wusste der Zuschauer nicht mehr, in welchem Film er war. Ich hätte lieber konsequent wie in der Musik nicht versuchen sollen, alle Aspekte abzudecken.
mw: Interessante Parallele: Meinen Sie, ein Drehbuch ist letztlich nichts anderes als ein Demotape?
Glueck: Früher hätte ich gesagt, es gibt gravierende Unterschiede, weil die Konsequenzen früher in der Musik im Verhältnis zum Film relativ gering waren. Wenn man ein Drehbuch gut findet und einen Film dreht, war schon früher die Produktion immer mit einem Risiko, weil mit einem großen Budget, einer Millionensumme, verbunden. Das war früher in der Musik anders: Da war eine Entscheidung relativ überschaubar. Inzwischen ist die Musik dem Film nähergekommen, denn die Investitionen, die notwendig sind, wenn man in der Musik ein Thema konsequent angeht, betragen bestimmt das Zehnfache dessen, was noch vor zehn Jahren üblich war. Wenn man nicht bereit ist, diese Investition zu tätigen – in das Video, in Marketing, Produktion, Promotion – braucht man wahrscheinlich gar nicht erst anzufangen.
mw: Sind auch die Produktionskosten ständig gestiegen?
Glueck: Nein, bei der Produktion sieht das jetzt anders aus. Viele große Studios sind gar nicht mehr notwendig. Denn die technische Entwicklung ermöglicht es, dass man jetzt in fast jedem Wohnzimmer ein Studiosystem aufbauen kann.
mw: Ließen sich früher die Hits schneller machen, wie zum Beispiel bei den Rainbirds?
Glueck: Das geht in der Regel gar nicht so schnell, wie man denkt. Auch früher nicht. Bei den Rainbirds ging es damals allerdings doch ein wenig schneller, weil das eine existierende Band war, die bereits in Schulhöfen, Mensen und Aulas kleine Konzerte gegeben hat. Auch in diesem Fall war es damals übrigens so, dass die Produktionskosten höher lagen als heute. Ich bin relativ stolz darauf, dass Anton Corbijn das erste Rainbirds-Video gemacht hat, der noch relativ unbekannt war und inzwischen einer der berühmtesten Fotografen und einer der bedeutendsten Videoregisseure der Welt ist. Sein allererstes Video war das für „Blueprint“ von den Rainbirds.
mw: Wie kommen Sie mit der Eitelkeit der Künstler klar? Wie sagen Sie es, wenn Sie etwas nicht so gut finden?
Glueck: Man kann ja auch konstruktiv kritisieren; Kritik kann Motivation sein. Ich arbeite auf einer engen Vertrauensbasis mit den Künstlern und Produzenten zusammen. Ich verbiege niemanden, und ich vergewaltige niemanden, das ist nicht mein Stil. Ich überzeuge und bin genauso offen für Argumente. Es geht nur um das Produkt, es geht nie um mein Ego.
mw: Was sagen zum Echo für Sarah Connor? Sind Sie zufrieden? Haben Sie das erwartet?
Glueck: Ja, das habe ich erwartet. Ich bin zufrieden. Es war sicher eine faire und gerechte Preisvergabe.
mw: Fanden Sie es richtig, dass sie den Preis für ihr Können und nicht für ihr Outfit bekommen hat?
Glueck: Das war nicht nur richtig, das war auch korrekt. Für das beste Abendkleid bei „Wetten dass…?“ hätte sie den Preis nicht gewonnen.
mw: Wie lange haben Sie sie aufgebaut? Zwei Jahre?
Glueck: Mindestens.
mw: Nach welchen Kriterien entscheiden Sie sich für einen Künstler? Was hat bewirkt, dass Sie mit ihr was machen wollten?
Glueck: Das ist Zufall. Im Filmbusiness ist es die Mundpropaganda, die einen Film weiterempfiehlt. So ist es auch hier gewesen: Jemand kannte jemanden, der eine Cassette mit Demos hatte, aber das Material gefiel mir nicht. Auf der anderen Seite der Cassette fand sich eher zufällig eine Acapella-Version von „Leise rieselt der Schnee“, nur ihre Stimme. Da ist bei mir das Licht angegangen: Wer ist das denn? Das hatte mit dem anderen gar nichts zu tun. Ich fand das sehr bemerkenswert und hielt sie für was Außergewöhnliches.
mw: Gab es auf der Cassette die gleiche Musik wie jetzt?
Glueck: Nein, gar nicht. Das hatte damit überhaupt nichts zu tun. Sie musste sich in musikalischer Hinsicht entwickeln. Wo ist ihr Herz? Wo ist die musikalische Seele? Was würde sie anders und besser machen als andere? Wir haben uns also Zeit genommen. Sie hatte zwischendurch Kontakt zu anderen Plattenfirmen. Die einen wollten aus ihr einen weiblichen Xavier Naidoo machen, die anderen was weiß ich. Aber die Stimme war inspirierend. Wir haben mit verschiedenen Songwriterteams sehr viele verschiedene Nummern probiert. Man muss den Faden finden – dann ist der Rest relativ leicht.
mw: Und diesen Faden bringt der Slogan „Green-Eyed Soul“ auf den Punkt?
Glueck: Ganz genau. Es war das Unwahrscheinlichste, was man im Markt machen darf – eine blonde junge Frau aus Delmenhorst singt schwarzen Soulpop. Das war so abgefahren, genau das, wozu ich Lust hatte – und wo ihre Wurzeln letztlich sind.
mw: Die erste Single, „Let’s Get Back To Bed (Boy)“, zog natürlich schon alle Aufmerksamkeit auf sich…
Glueck (lacht): Es ist immer optimal, wenn Künstler und Inhalt authentisch sind. Es gibt keinen Zweifel, dass Sarah sehr sexy ist. Sie hat eine sehr sinnliche Ausstrahlung, und daran ist nichts Falsches, nichts Aufgesetztes. Sie ist in einer Welt des Castings und Zurechtrückens eine erfrischend natürliche Persönlichkeit – einschließlich der Fehler, die sie macht und die Teil ihres Charakters sind. Sie ist halt jung. Ich war mit 21 nicht so weit.
mw: Viele fanden den Coup mit dem Kleid in „Wetten dass…?“ eine ziemlich geniale Idee…
Glueck: Finde ich auch.
mw: Steckte da George Glueck, der Image-Berater, dahinter?
Glueck: Das will ich nicht weiter kommentieren. Aber ich höre gern, wenn man sagt, ich sei genial. Vielen Dank.
mw: Ist Sarah Connor schon ein internationales Thema?
Glueck: Ja klar. Die erste Single war bereits in England Top 15. Und das Thema geht jetzt richtig ab, in UK, Kanada, USA, Südostasien. Wir sind in ganz Osteuropa Nummer eins; Spanien, Benelux, Frankreich vermelden den Durchbruch; in Schweden haben wir eine Lottoshow. Dabei gab es in den USA anfangs fast schon beleidigende Kommentare: „Und das ist wirklich in Deutschland produziert? Wow, wir hätten gedacht, das ist aus Amerika.“ Das ist ein dubioses Kompliment, aber ich denke, die lernen auch langsam dazu, dass es nicht mehr exklusiv eine Sache angloamerikanischer Firmen ist, solche Produkte zu kreieren.
mw: Spekulieren Sie schon auf den Grammy im nächsten Jahr?
Glueck: So weit bin ich noch nicht, dass ich davon träume. Aber allein schon eine Nominierung wäre ein herausragender Erfolg. Eigentlich schade, dass es immer noch eine gewisse Form von Klassengesellschaft gibt. Aber in den letzten Jahren haben sich doch schon einige deutsche Künstler auch international durchgesetzt, Lou Bega zum Beispiel oder ATC. Ich glaube daran, dass Sony Music jetzt mit dem nötigen Druck und Einsatz auf allen Ebenen zeigen wird, dass es möglich ist, eine deutsche Künstlerin international zu etablieren. Das würde Sony Music Deutschland auch grundsätzlich einen Gefallen tun. Und es würde den Standort Deutschland für Produzenten attraktiver machen.
mw: Braucht man wieder gründlichere und kompetente A&R-Arbeit, um neue Talente aufzubauen?
Glueck: Ich habe schon seit Jahren einen Beratervertrag mit Sony Music, seitdem X-Cell gegründet wurde. Mit dem neuen Sony-Management, auch auf europäischer Ebene, beginnt eine neue Zeit, und ich denke, daß man mehr darauf zurückgreifen wird. Aber ich übernehme natürlich nicht die A&R-Arbeit der Firma Sony. Unter Freunden habe ich immer meine unmaßgebliche Meinung kundgetan, meine Empfehlung ausgesprochen, wenn sie mir was geschickt haben. Denn ich habe große Lust, in der A&R-Philosophie Akzente zu setzen und mein Know-how zu vermitteln. Ich finde, A&R ist der Bereich, in dem der Bedarf noch am allergrößten ist. Ich suche übrigens nach jungen Menschen, die – nicht anders als ich am Anfang – praktisch umsonst einen Job in der Musikbranche suchen, nur um kostenlos an Platten ranzukommen. X-cell hat zwar eine Erfolgsquote von rund 90 Prozent, aber junge Menschen müssen im Trial & Error-Verfahren lernen – und nicht, wie man mit viel gutem Marketinggeld schlechte A &R-Entscheidungen begründet. Innerhalb der Konzerne sehe ich einen großen Bedarf für A&R-Philosophie, für die Schulung des Geschmacks. Und dazu habe ich Lust.
mw: Wie bauen Sie einen neuen Künstler auf?
Glueck: Ich lasse nicht quasi Funk und Fernsehen oder Konsumenten entscheiden, was gut ist, sondern treffe die grundsätzliche Entscheidung vorher. Ich gebe Gas, wenn ich an etwas glaube. Dann arbeite ich auch konsequent daran. Und ich scheue weder Geld noch Mühe, das durchzusetzen, wobei es oft nicht eine Frage des Geldes ist. Es ist Überzeugungsarbeit, kleine Siege.
mw: Würde Sie die Aufgabe reizen, wenn die Phono-Akademie einen Lehrstuhl für A&R einrichten würde?
Glueck: Darüber müsste ich nachdenken. Aber ich würde es wahrscheinlich mit ein paar Freunden teilen, so eine Art A&R-Komitee bilden wollen.
mw: Finden Sie es denn für die Branche grundsätzlich sinnvoll, so eine Einrichtung zu haben?
Glueck: Alles, was positiv, was konstruktiv ist, alles, was inspiriert, was die Musik fördert, ist gut für die Branche. Ich muss es aber immer wieder betonen: Ich empfinde mich bei diesen Fragen nicht als letzte Instanz. Ich habe ein bestimmtes musikalisches Verständnis, wobei das Spektrum schon sehr breit ist, von H-Blockx über Tic Tac Toe und Falco bis zu Sarah Connor. Man könnte sagen, mein Gespür ist ziemlich anarchistisch. Aber es gibt auch Bereiche, aus denen ich mich besser heraushalte, weil ich davon nichts verstehe. Wo ich hingegen überzeugt bin, viel zu verstehen, aber keine Chance bekomme, was zu machen – das ist der Bereich der modernen Rockmusik. Ich bin in den USA zwischen Black Music und Rock“n“Roll groß geworden. Und ich würde wahnsinnig gern sowas wie Linkin Park, Limp Bizkit oder Offspring machen. Da gibt es noch Humor und Spaß in der Musik. Und das macht mir dann auch Spaß.
mw: Wie lange gibt es jetzt X-cell?
Glueck: Seit dreieinhalb Jahren. Vor drei Jahren am 1. Juli war das Personal komplett, indem Steffen Müller als General Manager von Universal zu X-Cell kam.
mw: Wie viele Leute beschäftigt die Firma?
Glueck: Sechs. Bis auf Pressing, Distribution und Buchhaltung machen wir alles selber – A&R, Video, Marketing, Promotion.
mw: Wie viele Acts kann man gleichzeitig gut betreuen?
Glueck: Der Idealzustand für uns wären fünf oder sechs Künstler.
mw: Wie lange sind Sie jetzt im Geschäft?
Glueck: Am 1. April waren es 27 Jahre, 1975 habe ich in der Wittelsbacher Straße 18 angefangen, und ich sitze hier immer noch.
mw: Der gegenwärtige Zustand der Branche ist nicht allzu rosig. Finden Sie das erklärlich?
Glueck: Teils, teils. Es gibt Erklärungen, die auf der Hand liegen. Die Konkurrenz zwischen Handy, DVD, Computer, Mode, Internet, Lifestyle ist in der Kernzielgruppe zu groß geworden. Musik ist nicht mehr in einer besonderen Position, sondern eines von vielen Entertainment-Angeboten. Und dann das CD-Brennen – jeder, der sagt, das sei kein Problem, sagt nicht die Wahrheit. Letztlich aber führt der Weg aus der Misere nur über das Kreieren, Veröffentlichen und Durchsetzen von aufregenden neuen Künstlern. Ich musste in all den Jahren schon immer selbst meine Künstler finden und bekam sie nicht über amerikanische oder britische Partner zur Vermarktung serviert. Ich hatte nie eine andere Alternative. Suchen kann jeder, ich musste finden. Wir leben in einer Zeit, in der der Markt stark von Produzenten beherrscht wird. In einer Zeit, in der TV-Konzepte eine wichtige Rolle spielen. Aber die kurzfristigen Erfolge aus dem Bereich „Big Brother“ haben nur kosmetisch, aber nicht nachhaltig etwas bewirkt. Ich glaube, dass man das eine tun muss, aber das andere nicht lassen darf.
mw: Was war Ihr größter Erfolg?
Glueck: Die Geburt meiner Kinder. Das ist viel wichtiger als alles andere.
mw: Und worauf sind Sie geschäftlich am meisten stolz?
Glueck: Dass ich es geschafft habe, das Umfeld und die Atmosphäre zu schaffen, um in einer mir angemessenen und angenehmen Form zu arbeiten, ohne mich jemals zu verbiegen. Ich habe wenig Streuverlust und kann mit meinem kleinen aber feinen Team Optimales bewirken. Dabei verliere ich wenig Zeit mit Politik, mit der Verteidigung irgendwelcher Positionen. Wir können uns alle darauf konzentrieren, für die Sache zu kämpfen. Und darauf bin ich am meisten stolz.
zur person
George Glueck Geschäftsführer X-cell records, George Glueck Musik, A&R-Berater Sony Music Entertainment (Germany) geboren 28. Juni 1950 verheiratet, drei Kinder: Julian (14), Joshua (5) und Joelle (4)
Die Familie des in Siebenbürgen geborenen George Glueck wanderte in die USA aus, wo der Sohn schon früh mit Rock“n“Roll in Berührung kam. Ende der 60-er Jahre führte das Schicksal den jungen Glueck nach Berlin, wo er am 1. April 1975 bei den Musikverlagen Meisel seine erste Stelle in der Musikbranche antrat. In den Achtzigern übernahm Glueck bei Meisel die Verlagsleitung und die Produktion, und er gründete seinen eigenen Musikverlag.
Gleichzeitig machte er das Management für verschiedene Künstler, wobei sich schon schnell sein Gespür für innovative und dennoch massenkompatible Konzepte zeigte. Rio Reiser, den einstigen Sänger der Gruppe Ton Steine Scherben, baute er zum „König von Deutschland“ auf; mit den Rainbirds führte er eine junge Newcomerband zum Erfolg. Außerdem arbeitete er mit den Schwestern Anette und Inga Humpe, mit Marianne Rosenberg und mit Stephan Remmler (ex-Trio).
In den 90-er Jahren baute Glueck seinen Ruf als instinktsicherer A&R-Mann aus, der immer wieder Künstler mit neuen, originellen Ideen entdeckte und förderte und ihnen zur Marktakzeptanz verhalf. Diese Kunst setzte er mit dem Label Sing Sing um, einem Joint-Venture mit BMG Berlin Musik, und er etablierte unter anderem die Gruppe H-Blockx und das Duo Lucilectric.
Am 1. Juli 1998 gründete Glueck, der Sony Music Deutschland in A&R-Dingen berät, seine Firma X-cell Records, mit der er Formationen wie Passion Fruit und Sofaplanet ebenso zum Erfolg führte wie die im November 2001 tödlich verunglückte Sängerin Melanie Thornton. Mit Sarah Connor betreut Glueck nun eine Sängerin, die alle Voraussetzungen für eine Karriere als Weltstar hat. .






