Recorded & Publishing

Frequenzvergabe-Politik bedroht drahtlose Mikrofone

Drahtlose Mikrofon-Systeme sind aus dem Alltag des Live-Entertainments kaum mehr wegzudenken. Doch die kabellose Performance ist in Gefahr: Mobilfunkanbieter haben die Jagd auf mehr Spektrumsplatz eröffnet.

Drahtlose Mikrofon-Systeme sind aus dem Alltag des Live-Entertainments kaum mehr wegzudenken. Oder kann sich jemand vorstellen, wie zum Beispiel Madonna ihre Performance lediglich im Bannkreis eines Mikrofonstativs mit kabelgebundenem Mikrofon vollziehen kann. Wohl kaum. Dennoch sieht Volker Bartels, Sprecher der Unternehmensleitung des Audiospezialisten Sennheiser Electronic, die Funkmikrofone bedroht: „Mobilfunkanbieter haben die Jagd auf mehr Spektrumsplatz eröffnet, und das drahtlose Mikrofon, das keine finanzstarke Lobby hinter sich hat, scheint da als Nutzer im Wege zu stehen“, erklärt Bartels.

Drahtlose Mikrofone sind als Sekundärnutzer im VHF- und UHF-Spektrum anerkannt, sie dürfen dort betrieben werden, solange sie die Primärnutzer Fernsehen und Rundfunk nicht stören. Das wurde in den Verträgen von Stockholm (1961) und Chester (1997) festgelegt. Doch diese friedliche Koexistenz ist bedroht. Die Arbeitsgruppe TG 4 der European Communications Commission hat es sich zum Ziel gesetzt, das Abkommen zu beseitigen — und das scheinbar freie Frequenzspektrum weckt Begehrlichkeiten bei neuen Diensten. „Durch die Einführung des digitalen Fernsehens DVB-T ist der Frequenzraum, der drahtlosen Mikrofonen zur Verfügung stand, schon deutlich geschrumpft“, erläutert Volker Bartels. „Jetzt stehen Mobilfunkanbieter, drahtloses DSL und das Handyfernsehen DVB-H vor der Tür und verlangen in erheblichem Umfang mehr und neue Frequenzen, vor allem im UHF-Bereich.“

„Die Folgen für die Entertainment- und Eventindustrie wären fatal“, fährt Bartels fort. „Man stelle sich nur vor, wie ein Musical mit drahtgebundenen Mikrofonen aussehen würde. Oder das Konzert des Lieblingskünstlers. Musikfestivals, Stadienbeschallung, Filmproduktionen, Theaterdarbietungen — alles funktioniert heute reibungslos mit drahtlosen Mikrofonen. Die Produktion von Programminhalten, große Sportevents wie die Olympischen Spiele oder Fußball-Weltmeisterschaften, Nachrichten-Berichterstattung — alle verlassen sich auf Drahtlostechnik.“

Allein in Europa sind zwischen 2005 und 2006 rund 20 Prozent mehr professionelle drahtlose Mikrofonsysteme in Betrieb genommen worden — eine Zahl, die die enorme Bedeutung der drahtlosen Audiotechnik in Medienproduktion und Entertainment unterstreicht. „Wir schätzen, dass allein in Europa momentan vier bis fünf Millionen professionelle drahtlose Mikrofonsysteme in Betrieb sind“, erläutert Volker Bartels. „Und diese Mikrofone dürfen nicht isoliert gesehen werden. Denn sie stehen am Anfang einer Produktionskette, die die Inhalte schafft, die alle Bürger sehen möchten — auch Nutzer von DVB-H und Drahtlos-DSL. Ich appelliere daher an die Verantwortlichen, das Chester-Abkommen weiter fortzuführen, das heißt, drahtlose Mikrofone zu schützen und die dafür notwendigen Frequenzbereiche zu garantieren. Wenn hier Fehler gemacht werden, steht die gesamte zukünftige Medienproduktion auf dem Spiel.“