Recorded & Publishing

Fokus: Neues Spiel, neues Glück

Die Bilanz des vergangenen Jahres findet sich weiter hinten in diesem Heft. Hier richtet sich der Blick erst einmal nach vorn: Zwar weiß bis jetzt noch niemand sicher, was die nächsten zwölf Monate bringen werden. Aber einige Trends und Themen zeichnen sich trotzdem schon ab. Musik Woche-Redakteure stellen Firmen und Künstler vor, die man 2013 auf der Agenda haben sollte.

Treffpunkt für außergewöhnliche Musiker Den Namen Erased Tapes sollte man sich merken: Das Label mit Sitz in Berlin und London hat sich seit Gründung 2007 als wichtige Schnittstelle zwischen Elektronik, Pop und Klassik etabliert. Dabei geht Gründer Robert Raths, der seinen Künstlern bei der Umsetzung ihrer Visionen große Freiheiten einräumt, gerne mal unkonventionelle Wege. Zum Beispiel mit dem ambitionierten und noch nicht abgeschlossenen Projekt „Screws Reworked“ von Nils Frahm, das Maßstäbe setzt in Bezug auf die multimediale Interaktion mit Fans und anderen Musikern. Zum Künstlerstamm von Erased Tapes zählen neben Ólafur Arnalds, der 2013 ein Album bei Universal Classics veröffentlichen wird, unter anderem Peter Brodericks, A Winged Victory For The Sullen, Rival Consoles, The B.E.F. und der kanadische Pianist Lubomyr Melnyk, den Raths gerade erst unter Vertrag genommen hat. ns Ein Label für Außenseiter: Erased Tapes f o k u s MusikWoche_02+03_2013_11 Düsseldorfer Mehrwert für a.s.s. Zwar sagt die alte Lebensweisheit: „Weniger ist mehr.“ Doch für die Allianz des Hamburger Ver anstalters a.s.s. concerts & promotion mit den Live-Experten von Mehr! Entertainment gilt bezeichnenderweise: Mehr ist mehr. Denn die hanseatische Firma fand als einer der letzten verbleibenden Indieveranstalter in der Düsseldorfer Unternehmensgruppe einen wohl idealen Partner. Lange Zeit hatten die beiden a.s.s.-Chefs Michael Bisping und Dieter Schubert die Flagge der Unabhängigkeit hoch gehalten, und dabei konnten sie in den vergangenen 20 Jahren einen bemerkenswerten Künstlerstamm ebenso wie Erfahrung on the road aufbauen. Auf der anderen Seite stellen Maik Klokow und sein Team in der nordrheinwestfälischen Landeshauptstadt mit einem Misch – modell aus verschiedenen Entertainmentzweigen eine veritable Marktmacht dar. So gesellt sich zu den beiden Marktführern Live Nation und CTS Eventim, die das Veranstalten von Tourneen, den Verkauf von Tickets und das Betreiben von Spielstätten in einer Hand vorantreiben, ein ernstzunehmender dritter Player, von dem man in diesem Jahr noch einiges erwarten kann und darf. dis Kampf um die Deutungshoheit im Streaminggeschäft Die Verbreitung von Musik über Streamingportale nahm 2012 an Fahrt auf. Aber auch die Diskussion um das Für und Wider dieser Plattformen und vor allem um die Einnahmen, die sich damit erzielen lassen, wollte nicht verstummen. Das Spektrum der Meinungen reicht von kompletter Ablehnung und Furcht vor der Kannibalisierung klassischer Verkaufsmodelle über vorsichtige Annäherung bis hin zu großer Euphorie für die neuen Vertriebs – wege. So beschloss zum Beispiel erst kürzlich das US-Label Big Machine, seine Veröffentlichungen gar nicht oder erst zeitversetzt auf Streamingplattformen zu platzieren. Verkaufserfolge wie die von Taylor Swift scheinen den Labelmachern dabei in die Karten zu spielen: Die Big-Machine-Künstlerin brachte es in den USA mit ihrem aktuellen Longplayer „Red“ auf Platz zwei der meistverkauften Alben des Jahres 2012. Der Vertriebspartner Universal Music sieht den Umgang mit dem Streaminggeschäft offenbar ein wenig anders: So sagte der britische Universal- Manager Francis Keeling bei einer Diskussions – runde des Beratungsunternehmens MusicAlly, der Versuch, Verwertungsfenster im Musikgeschäft zu etablieren, um manche Plattformen zeitversetzt mit Neuveröffentlichungen zu bedienen, sei „ein Desaster“. Dieser Umgang mit Musik würde zudem die Fanbasis verstören. Bei Warner Music hat sich der Kurs derweil geändert: Hatte sich der einstige Konzernchef Edgar Bronfman jr. noch als Gegner von Spotify und Co. positioniert, so stieg der derzeitige Warner-Eigner Len Blavatnik mit seiner Beteiligungsgesellschaft Access Industries im Herbst 2012 mit einem dreistelligen Millionenbetrag beim französischen Streamingdienst Deezer ein. Warner-CEO Stephen Cooper nannte das Streaminggeschäft kurz nach der Vorlage der jüngsten Zwischen bilanz im Dezember „sehr interessant“; selbst das werbe – finanzierte Modell verspreche weiter wachsende Umsätze. Und das gilt offenbar nicht nur für die Majorkonzerne: So rechnete Beggars-Firmengründer Martin Mills jüngst dem britischen „Guardian“ vor, dass Streamingerlöse mit 22 Prozent bereits ein gutes Fünftel der digitalen Einnahmen der Beggars Group betragen. Die meisten Acts, die bei der Beggars Group und ihren Labels unter Vertrag stehen, erzielten inzwischen mit Musik – streams höhere Einnahmen als über Downloadverkäufe, sagte Mills. Das liege aber vor allem daran, dass Beggars die Künstler mit 50 Prozent – und damit höher als andere – an den Einnahmen aus dem Streamingbereich beteilige. Sind Streamingdienste also ein Fluch oder ein Segen für die Musikwirtschaft? Vielleicht wird sich diese Frage 2013 klären. ks Speist Beggars-Acts nicht mit Almosen ab: Martin Mills 2013 ist mehr für sie drin: Michael Bisping (links) und Dieter Schubert von a.s.s. Sind Streamingdienste ein Fluch oder ein Segen? Vielleicht wird sich diese Frage 2013 klären. f o k u s w a s b r i n g t d a s n e u e j a h r ? 12_MusikWoche_02+03_2013 Rechte, Rechte, Rechte, und immer an den Künstler denken Thom Yorke unterzeichnete jüngst einen Vertrag mit der Kobalt Music Group. Der Radiohead- Sänger schlägt bei der Administration seiner Verlagsrechte einen Weg ein, der offenbar für eine weiter wachsende Zahl von Kreativkräften eine attraktive Alternative zu den klassischen Verlagsoder Plattenverträgen darstellt. Im Zuge der fortschreitenden Spezialisierung im Musikgeschäft hat sich Kobalt als Dienstleister im Publishing- Bereich in den vergangen gut zehn Jahren international fest etabliert. Noch schneller gewachsen ist nur BMG Rights Management. „Wir wollen ein Dienstleister für Künstler und Autoren sein und sie beim Aufbau, der Vermarktung und der Lizenzabrechnung ihres Repertoires unterstützen“, hatte BMG-CEO Hartwig Masuch vor gut vier Jahren beim Start der BMG-Aktivitäten im Gespräch mit MusikWoche die Stoßrichtung vorgegeben. Nicht erst mit der Übernahme des Mute-Katalogs hat BMG das Geschäftsmodell zudem um die Auswertung von Masterrechten erweitert. Ganz ähnlich klingt auch die Philosophie von Kobalt-Firmengründer und CEO Willard Ahdritz: „In erster Linie geht es uns darum, einen guten Job für unsere Kunden abzuliefern“, sagte er in einst im Gespräch mit MusikWoche. Beim Gipfeltreffen der Musikverleger im Rahmen der Midem gibt Ahdritz den Startschuss für ein neues Kobalt-Jahr: Am 29. Januar will er in einer Keynote über neue Geschäfts – modelle und die Herausforderungen im Bereich Publishing sowie über Bedürfnisse von Autoren im Onlinezeitalter sprechen. Willard Ahdritz bleibt mit Kobalt also auch 2013 auf Kurs. ks Hat Kobalt auf dem internationalen Parkett etabliert: Willard Ahdritz Zwei Florians expandieren aus Münster Münster ist auf dem besten Weg, sich als Rock’n‘ Roll-Stadt in Deutschland zu etablieren. Und das liegt nicht nur an einer beeindruckenden Liste von Clubs und traditionsreichen Hallen wie zum Beispiel dem Jovel, sondern zunehmend auch an einem Veranstalter, der dafür sorgt, dass die Hallen nicht nur in Münster voll sind. In den vergangenen Jahren hat sich Sparta Entertainment von einem kleinen Unternehmen, das sich immer ein wenig unterhalb des Radars der großen Firmen bewegte, hin zu einem ernstzunehmenden Spieler im Konzert der deutschen Veranstalter entwickelt. Und vieles spricht dafür, dass 2013 das Sparta- Jahr werden könnte. So haben die beiden umtriebigen Geschäftsführer Florian Böhlendorf und Florian Brauche mit der Umfirmierung ihres Unternehmens zu einer GmbH und mit der gleichzei – tigen Gründung der F2 Beteiligungsgesellschaft den Grundstein für den nächsten großen Sprung gelegt. Und mit Jupiter Jones hat Sparta zudem eine Band unter Vertrag, die 2013 ihr neues Album veröffentlicht und damit ebenfalls zu den spannendsten Themen des Jahres zählen dürfte. dis Machen ihre Sache richtig in Münster: Florian Böhlendorf und Florian Brauche Co-Op verheißt zum neuen Jahr viel Gutes Der rührige, international präsente Indie-Labelverbund Cooperative Music, kurz Co-Op, gilt als Garant für spannende Künstler und Veröffentlichungen. In Deutschland unterhält das Unternehmen ein Büro in Berlin und bringt seine Produkte mit Universal Music als Vertriebspartner und daher mit Major-Power unters Volk. Für die ersten Monate von 2013 stehen im VÖ-Plan Newcomerthemen wie das Debütalbum der französischen Band Concrete Knives, „Be Your Own King“, ebenso wie etablierte Namen wie das neue Album der Eels, „Wonderful, Glorious“. Gespannt sein darf man auch auf „Waiting For Something To Happen“, das zweite Album des britischen Indie-Schrammelpop-Quartetts Veronica Falls. Und auf John Grant: Der Ex-Sänger der Czars legt im März via Cooperative den Nachfolger seines Solodebüts, „Queen Of Denmark“ vor, eines der besten Alben 2010. Nach orchestralem Singer/Song – writer-Pop im Stil der 70er- Jahre wartet der Ameri ka – ner auf „Pale Green Ghosts“ verstärkt mit elektronischen Klängen auf, inspiriert unter anderem von seiner Zusammenarbeit mit Hercules And Love Affair. fm f o k u s MusikWoche_02+03_2013_13 Neue Wege der Schlagervermarktung „Es gibt so viel großartige Musik und so viele tolle Künstler – das Problem ist nur, dass die Musik nicht mehr zu den Konsumenten gelangt“, sagt Ken Otremba. Und weil die traditionellen Wege der Musikvermarktung nicht mehr so gut funktionieren wie früher, hat der langjährige Ariola-Manager im Spätsommer 2012 ein neues Label für Schlager und Artverwandtes gegründet. Zusammen mit der seit zehn Jahren florierenden Vermarktungsplattform shop24direct will er neue Wege einschlagen: Die Direktvermarktung via TV-Spot ist dabei eine tragende Säule, weshalb man den Namen Telamo durchaus mit „ich liebe Television“ übersetzen darf. Und so haben Ken Otremba und sein Team innerhalb weniger Monate einen beachtlichen Künstlerstamm mit entsprechendem Rechtekatalog an Telamo gebunden, was sich bereits in ersten Chartsplatzierungen niedergeschlagen hat. Wenn sie diesen Kurs im neuen Jahr weiter so zielstrebig verfolgen, wird Telamo 2013 eine Erfolgsstory schreiben, wie sie heut – zutage eher selten geworden ist. gil Setzte Segel mit Kurs auf Erfolg: Ken Otremba 18-jähriger Songwriter-Wunderknabe Auf dem Cover seines Debütalbums sieht er ein wenig aus wie der junge David Bowie, als der 1969 seinen Hit „Space Oddity“ sang. Bowie war damals 22 Jahre alt – Singer/Songwriter Jake Bugg aus Nottingham ist erst 18, zeigt aber auf „Jake Bugg“ eine erstaunliche Reife. Hie und da erinnert er mit seiner Stimme an den jungen Bob Dylan oder an Donovan in seiner frühen Folkphase („Catch The Wind“). Jake Bugg könnte als Enkel von Bowie, Dylan oder Donovan auf Retromasche machen, ist aber schon jetzt einer der interessantesten und eigenständigsten Künstler aus UK seit langem. Sein Debütalbum setzte sich in Großbritannien im Oktober 2012 auf Anhieb auf den ersten Platz der Charts. Am 18. Januar kommt es in Deutschland auf den Markt – und das dürfte erst der Auftakt für Enkel von Dylan & Co.: Jake Bugg eine glänzende Newcomerkarriere sein. gil Foto: Universal Music Drei Schwestern erneuern das Folkpop-Genre Kaum eine ernstgemeinte Vorschau auf 2013 kommt ohne sie aus: Haim aus Kalifornien. Die drei Schwestern Danielle (Gesang und Gitarre), Alana (Gitarre und Keyboards) und Este Haim (Bass) begeistern mit ihrem einzigartigen Konzept aus zarten Folkharmonien und zupackenden Pop – melodien schon seit Monaten immer mehr Kenner. Im Oktober 2012 erschien die EP „Forever“. Sie enthielt zwar nur vier Songs, aber erzielte schon damit eine gewaltige Wirkung. Und so verwundert es nicht, dass das Trio an der Spitze der einflussreichen Liste „BBC Sound Of 2013“ wie jetzt auch in MusikWoche steht. Das Debütalbum soll noch vor dem Sommer erscheinen. ns Jake Bugg könnte einen auf Retromasche machen, ist aber schon jetzt einer der eigenständigsten Künstler aus UK seit langem. Packen 2013 mit Pop und Folk zu: Haim Foto: Bella Lieberberg

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