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Exklusiv-Interview mit André Finkenwirt, Executive Vice President BMG GSA: „BMG wird wieder das Flaggschiff werden“

, für die er bereits in den Neunzigern arbeitete. Nach ein bisschen mehr als 100 Tagen bei BMG Deutschland/Österreich/Schweiz erklärt Dr. André Finkenwirth exklusiv in musikwoche.de, wie er das Unternehmen wieder zum Aushängeschild von Bertelsmanns Musikarm machen will.

musikwoche.de: In den letzten fünf Jahren verlor der deutsche Musikmarkt rund 30 Prozent seines Umsatzes. Das entspricht der Größe des Marktführers. Wird das auf internationaler Ebene zu weiteren Konsolidierungen führen? André Finkenwirth: Der Presse konnte man entnehmen, dass bei Vivendi Universal Barry Diller Interesse am Musikbereich hat. Aus der Presse entnehme ich auch, dass BMG und EMI miteinander sprechen. Im Moment wird viel Substanzloses oder Substanzielles diskutiert, und ich verfüge über keine Erkenntnisse, die das eine oder andere ausschließen. Ich kann die Aussage von Bertelsmann-Chef Dr. Gunter Thielen nur bekräftigen: Dass sich der Konzentrationsprozess in der Musikbranche in den nächsten ein, zwei Jahren verstärken wird. Wenn der Markt noch weiter runterbricht, werden diese Diskussionen vielleicht noch schneller kommen. Deswegen glaube ich, dass Joint-Venture-Gedanken Sinn machen, einfach schon um die Größe des Apparates, den wir alle unterhalten müssen, zu rechtfertigen. Denn aus eigener Kraft wird es aus meiner Sicht keine Company schaffen, langfristig dem sinkenden Markt gegenzusteuern.

mw: Heißt das, alle Firmen gehen davon aus, dass der Markt weiter sinkt? Finkenwirth: Ich weiß nicht, ob andere davon ausgehen. Aber es gibt eine Prognose des Verbands für 2003, und es gibt Zahlen für Januar und Februar, bei denen BMG allerdings Outperformer ist mit über 20 Prozent Marktanteil. Das hat nicht nur mit dem Erfolg von „Deutschland sucht den Superstar“ zu tun, sondern vielmehr damit, dass wir im November/Dezember den Markt nicht überversorgt haben. Wir haben rechtzeitig auf die schleppenden Abverkäufe des Handels reagiert und hatten deshalb Anfang des Jahres weniger Retouren. Abgesehen davon wollen wir weg von der Vorstellung, wir seien eine reine Tonträgerfirma. Das sind wir nämlich nicht. Wir sind eine auch Rechtefirma, eine Brand-Firma, eine Musikfirma, eine Unterhaltungsfirma, und wir sind auch nicht nur auf ein Trägermedium beschränkt. Deswegen ist unter anderem die DVD ein Schlüsselprodukt für den Erfolg von morgen. Wir haben in den letzten Monaten zwei europäische DVD-Kataloge eingekauft, und werden weiter aktiv nach tollen Inhalten suchen. Im September 2002 hatten wir bei den DVDs einen Marktanteil von 4,6 Prozent, aktuell sind es schon zehn Prozent, und wir haben das Ziel, in kürzester Zeit auf 20 Prozent zu kommen. Die Musik findet heute in einer audiovisuellen Welt statt, und dabei ist die DVD-Video der CD weit überlegen. Die positive Entwicklung des DVD-Marktes reicht zwar nicht aus, um den Rückgang des Gesamtmarktes in diesem Jahr voll abzufedern – aber sie gibt neue Impulse für die nächsten zwei Jahre.

mw: Dann wird es also bald die „Superstars“-DVD geben? Interaktiv? Finkenwirth: Wir werden auf jeden Fall eine DVD produzieren, nur wird sie noch nicht interaktiv sein. Denn der einzige relevante Rückkanal beziehungsweise Transaktionskanal, der dem Fernseherzuschauer heute zur Verfügung steht, ist das Telefon. Die technischen Möglichkeiten sind zwar schon größer, aber noch nicht weit genug verbreitet. Das wird anders werden, wenn wir die flächendeckende digitale Übertragung neben Premiere haben, die eine andere Art von Transaktionsnetzen möglich macht. Dann kann ich mir eine Vielzahl von Produkten und Dienstleistungen in ganz neuen Geschäftsfeldern vorstellen. Aber für dieses Jahr? No Way.

mw: Trotzdem bleibt die DVD im Vergleich zur CD der Hoffnungsträger, oder? Finkenwirth: Die CD ist meiner Ansicht nach technisch ausgereizt, während sich die Abspielgeräte weiterentwickelt haben. HiFi-Anlagen bieten Raumklang, den eine CD gar nicht ermöglichen kann. Hier bieten DVD-Audio oder SACD ein anderes Raumgefühl. Wenn man die DVD-Video als Chance wahrnimmt – Musik als audiovisuelle Darstellung mit dem Fernseher als zentrales Bindeglied ergänzt durch DVD-Audio und SACD – dann ist das ein Mehrwert für die Musikfans. Der Anstieg der DVD im Musikbereich auf 60 Millionen Euro Umsatz und über 2,8 Millionen verkauften Einheiten im Jahr 2002 ist ein Anfang. Aber hier ist noch mehr Potential, und wir arbeiten mit Hochdruck daran, damit wir den Rückgang der CD kompensieren können.

mw: Bei den aktuellen Marktzahlen scheint das auch dringend geraten… Finkenwirth: Der Markt im letzten Jahr war schlecht, auch wenn wir im vierten Quartal einen Teil des Rückgangs im Gesamtjahr auffangen konnten. Aber vom gesamten Umsatz der Branche her gesehen, ist in den letzten drei Jahren faktisch ein ganzer Major verschwunden. Das ist ein Desaster. Jetzt müssen wir neue Ansätze finden, und es bleibt erst einmal spannend, ob wir dabei schnell genug sind. Ich glaube, auch dieses Jahr wird es hart werden. Neue relevante Märkte werden wir vielleicht in zwei Jahren erschlossen haben. 2003 bleibt ausschließlich eine Herausforderung.

mw: Und wie macht man aus schweren Dampfern kleine Boote, die den Weg um die Eisberge herum finden? Finkenwirth: Wir müssen schneller werden und tradierte Wege verlassen. Wir müssen alles in Frage stellen. Strukturen, Personen, Vertriebe, die Art und Weise, wie man Musik macht, Verträge macht – alles. Nur so werden wir dem Druck, der auf uns lastet, begegnen können.

mw: Musste die Lage erst derart desaströs werden? Finkenwirth: Das ist doch oft das Problem bei Industrien, die Produkte mit schnellen Lebenszyklen haben. Wenn ein Markt wächst, denken nur sehr wenige Leute an schlechtere Zeiten. Was wir zur Zeit erleben, war aber auch sehr schwer abzusehen.

mw: Haben Sie die jüngsten Veränderungen bei BMG kommen sehen, als Sie hier wieder anfingen? Finkenwirth: Nein. Das eine ist die Neuausrichtung der BMG. Dass eine kommen musste, war zwar jedem klar. Wie sie gekommen ist, mit der Fokussierung der Labels auf die USA und die einzelnen Länder, war mir aber nicht bekannt. Dass die Regional Offices geschlossen wurden, ist eine logische Konsequenz, die aus Kostengründen sinnvoll war. Dass Thomas M. Stein wieder zurück in die GSA-Region kommen würde, wusste ich nicht.

mw: Es hat Sie aber auch nicht wirklich überrascht. Finkenwirth: Überraschung ist immer relativ. Es gibt für Spitzenkräfte wie Thomas Stein immer verschiedene Möglichkeiten eines Einsatzes. Dass er wieder zu GSA kommt, war eine Möglichkeit. Ich sehe die Entwicklung positiv: Wir haben eine Arbeitsteilung gefunden, bei der ich den Commercial-Bereich verantworte, wozu auch DVD, TV und die neuen Geschäftsansätze gehören. Das sind für mich all die spannenden Elemente, die den Unterschied zwischen einer reinen Tonträgerfirma und einer Musik-/Unterhaltungsfirma ausmachen. Zu meinem Bereich gehört nun die ganze Auswertungskette, die frühere Media, die Miller und der Vertrieb. Thomas Stein hat aus seiner Historie heraus den gesamten A&R-Bereich und den internationalen Teil unseres Geschäftes übernommen. In dieser Konstellation ist das eine der stärksten Möglichkeiten der Personalbesetzung.

mw: Nicht die klassische Zweiteilung – hier der Mann fürs Kreative, dort der Mann für die Zahlen, sondern zwei kreative Bereiche? Finkenwirth: Das auf jeden Fall. Thomas Stein widmet all seine Kreativität dem Finden, Aufbauen und Unterstützen unserer Künstler. Und ich stecke meine ganze Kraft in die optimale Auswertung und die Entwicklung von Mehrwerten über die CD hinaus. Es ist das eine, ein Konzert aufzunehmen; daraus aber noch weitere Inhalte zu generieren, das ist für mich persönlich die Herausforderung. Dazu gehört auch das Thema Videoclips. Mit unseren neuen Ansätzen eröffnen wir uns ganz neue Möglichkeiten, wie wir die Videos weiter auswerten können. Wir könnten ja zum Beispiel mit einem Mobilfunkanbieter eine Transaktionsbasis finden, bei der sich die Nutzer über Ihre Geräte Videos in Echtzeit runterladen können. So kämen wir endlich einmal weg von der für mich fragwürdigen Praxis, die teuer produzierten Videos einzig und allein bei MTV und Viva zu verwerten.

mw: Was hat sich im Haus BMG verändert, seitdem Sie zuletzt hier waren? Finkenwirth: Es wurde ungeheuer an der Kostenseite gearbeitet. Vielleicht ist dabei ein wenig der Blick für neue Akzente im Repertoire-Bereich und die Ausrichtung auf neue Märkte verloren gegangen. BMG hat, wie viele andere große Plattenfirmen auch, die DVD beinahe verschlafen. Das Gute ist allerdings: Wenn man die Kostenseite bearbeitet hat, kann man danach durchstarten. Und das können wir jetzt.

mw: Was waren Ihre Hauptaufgaben seit Oktober? Welche Punkte auf der Checkliste konnten Sie schon abhaken? Finkenwirth: Ich habe mit Hochdruck an der Neudimensionierung der Firma gearbeitet und habe eine teilweise Neuausrichtung in neue Geschäftsfelder angeschoben. Dazu gehört zum Beispiel, die DVD massiv weiter zu entwickeln und sie zum zentralen Kommunikationsmedium unserer Kunden zu machen, aber auch das Weitertreiben von Themen wie Download-Plattformen und anderen Projekten.

mw: Dann ist die gemeinsame Download-Plattform also bald unter Dach und Fach? Finkenwirth: Ich gehe davon aus. Die ganze Branche ist optimistisch, alle arbeiten an einer Lösung.

mw: Womöglich schon zur CeBIT? Finkenwirth: Zur CeBIT werden wir einiges vorstellen, auch T-Mobile-Applikationen. Aber die technische Plattform der Download-Site wird noch verhandelt. Ich hoffe, dass alle mitmachen, weil das für den Konsumenten ebenso richtig ist wie für uns. Der Markt braucht dieses Signal, weil wir den illegalen kostenlosen Angeboten etwas entgegen setzen müssen – und zwar sofort.

mw: Sind die Abrechnungsmodalitäten alle geklärt, auch die mit den Verlagen?

Finkenwirth: Im Leben ist nie alles geklärt. Das Geschäftsmodell steht im Prinzip – wenn noch offene Fragen sind, müssen wir das in den nächsten Wochen und Monaten eben klären.

mw: Stößt man nicht vor allem beim internationalen Repertoire auch hin und wieder auf Widerstand innerhalb der Konzernfirmen? Finkenwirth: Es ist durchaus möglich, dass nicht gleich das gesamte Repertoire verfügbar sein wird. Aber die Zielsetzung ist, über die Zeit hinweg so viel Repertoire wie möglich zur Verfügung zu stellen.

mw: Reden wir also über ein „aufgebohrtes“ Popfile.de? Finkenwirth: Für mich ist es unerheblich, wer hier First Mover war oder ist und ob wir eine bestehende Plattform nutzen oder eine neue schaffen. Es geht darum, dem Konsumenten unsere Produkte auf dem bestmöglichen Weg anzubieten und dabei natürlich auch den Handel mit ein zu beziehen. Die CD allein ist es nicht. Wer das jetzt noch nicht kapiert hat, der hat den Gong noch nicht gehört.

mw: Aber es bleibt die technische Plattform, die seit Popfile.de bekannt ist? Finkenwirth: Es gibt ein Pflichtenheft von PhonoNet – diesem entspricht Popfile nicht. Es sind noch Modifikationen notwendig, die bis zu einem gewissen Datum umgesetzt sein müssen. Schliesslich gibt es auch andere technische Anbieter als die Telekom, und wer seriös ist und ein überzeugendes Geschäftsmodell hat, kann mit uns dieses Geschäft machen. Wichtig ist nur, dass so viel Repertoire wie möglich über einen technischen Anbieter läuft. Je mehr Wettbewerb entsteht, desto besser ist es für den Konsumenten – und für uns. Je mehr Druck bei uns ist, desto mehr Druck entsteht bei anderen.

mw: Auch im Hause BMG gab es zuletzt viel Druck. Mit den Ankündigungen der letzten Wochen wurde der ein bisschen gelöst – zumindest nach außen hin. Für viele Mitarbeiter bedeutet es wohl noch immer Druck. Ist denn jetzt alles geklärt? Finkenwirth: Wir hatten am 19. und 20. Februar unser Kick-off-Meeting für die Commercial Unit, wo die neuen Ziele besprochen und fixiert wurden. Jeder vom Team weiß, wie es weitergeht. Und wir haben im DVD- und Kinder-Katalogbereich das beste denkbare Team überhaupt. Wir verbinden im Katalogbereich nun eine Miller-Organisation, die Budget-Repertoire vertrat, und eine Media-Organisation, die Highprice-orientiert arbeitete, und einen Midprice-Katalog-Bereich im Vertrieb sowie Kataloge der Labels in eine Gesamtauswertung. Damit haben wir die Grundlage geschaffen, das gesamte Repertoire voll durch vermarkten zu können.

mw: Heißt das nun, dass alle Personalfragen geklärt sind? Finkenwirth: Aus meiner Sicht sind alle Gespräche geführt.

mw: Auch in Berlin? Finkenwirth: In Berlin steht das Konzept. André Selleneit hat sein schlagkräftiges Team um sich herum aufgestellt.

mw: Es heißt, 50 Prozent der Belegschaft mussten gehen. Stimmt das? Finkenwirth: Es bleiben noch Fragen zu klären, wer zum Beispiel aus Quickborn nach München mit kommt. Die endgültige Zahl kann ich Ihnen deshalb erst ein in paar Wochen nennen. Es werden aber auf jeden Fall weniger als 50 Prozent sein.

mw: Aber Wunsch ist, so viel wie möglich in München zu konzentrieren? Finkenwirth: Ja, es gibt eine ganz klare Ausrichtung auf den Standort München, nicht Berlin.

mw: Wäre es nicht wünschenswert, dass Berlin und Quickborn ganz in München aufgehen? Das neue Gebäude hier ist schließlich groß und teuer genug. Finkenwirth: Wir haben ja jetzt Random House mit in das Gebäude aufgenommen, die Auslastung beträgt nun 100 Prozent. Über Berlin haben wir diese Standortdiskussion zwar geführt, aber immer unter der Prämisse: Was ist das Beste für uns? Und Selleneit hat klare stichhaltige Argumente für Berlin gehabt.

mw: Die Zeit bei edel war wohl von einer anderen Unternehmenskultur geprägt. War das lehrreich? Finkenwirth: Ich kann nur jedem, der in einem Konzern arbeitet, empfehlen, einmal in diese andere Welt einzutauchen, um dort Erfahrungen zu sammeln. Die Art und Weise wie, mit welcher Geschwindigkeit und mit welchen Verantwortlichkeiten dort agiert wird, ist hilfreich. Natürlich gab es auch einiges, was bei einem öffentlich gehandelten Unternehmen wie edel weniger angenehm ist. Als ich in Hamburg anfing, ahnte ich nicht, welcher Berg vor mir und Michael Haentjes liegen würde. Wir mussten dort eine ziemlich brutale Sanierung durchziehen. So etwas möchte ich ungern noch einmal machen müssen. Aber es hat mich Dinge gelehrt, denen Sie bei einem Major wohl nie begegnen werden. Ich möchte diese Erfahrung nicht missen.

mw: Konnten Sie diese Erfahrungen nun auch aktuell bei BMG brauchen? Finkenwirth: Wir haben in meinen ersten sieben Jahren bei BMG auch ständig die Firma verbessert und sie immer wieder neu strukturiert. So neu war das nicht für mich. Allerdings haben wir damals im GSA-Bereich noch zweistellige Renditen eingefahren und waren die erfolgreichste BMG-Firma weltweit – das Flaggschiff. Trotzdem mussten wir ständig anpacken. Das ist heute anders; die Firma steht nicht mehr so gut da wie noch vor einigen Jahren. Aber die Aussage von Thomas Stein und mir ist ganz klar: BMG GSA wird wieder das Flaggschiff werden. Das ist unser voller Ernst. Das ziehen wir durch.

mw: Auch wieder mit zweistelligen Renditen? So lautet doch die Konzernvorgabe, nicht wahr? Finkenwirth: Die Konzernvorgabe ist sicherlich wichtig. Aber man muss schon auch sehen, was der Markt hergibt. Man kann nicht auf Biegen und Brechen über Rendite sprechen. Unser Ziel ist jedenfalls, den Business Plan nicht nur zu erreichen, sondern zu übertreffen.

mw: Dabei könnten dann ja auch DVDs von Britney Spears, R.Kelly oder Justin Timberlake helfen…

Finkenwirth: Da wird einiges helfen – auch das Repertoire von Zomba. Im vergangenen Jahr fehlten hier die echten Highlights, aber in diesem Jahr kommen sehr spannende Veröffentlichungen.

mw: Dann sind Sie wohl nun öfter in Köln?

Finkenwirth: Kurt Thielen, Heino Drecker, die beiden Geschäftsführer von Zomba in Deutschland, und ich tauschen uns ständig aus. Wir haben eine Wellenlänge; auch da hat die Zeit bei edel geholfen, weil ich seitdem die Bedürfnisse von kleineren Labels besser verstehe. Es gibt auch bereits ein klares Konzept für die Integration von Zomba, das der Zentrale in den USA vorliegt. Nun warten wir auf grünes Licht, danach setzen wir es zügig um. Ich denke, in vier Wochen wissen wir mehr.

mw: Es wird aber wohl eine Rollenverteilung für den BMG- und den Zomba-Vertrieb geben? Finkenwirth: Zomba ist deutschlandweit der Independent-Distributor schlechthin. Klar gibt es da noch zwei andere gute Firmen, und außerdem etwa zwölf weitere Indie-Vertriebe. Ich gehe davon aus, dass es in diesem Markt zu einer Konsolidierung kommen wird. Und ich kann mir gut vorstellen, dass eine Firma wie der Zomba-Vertrieb in der Lage wäre, als Integrator und zentraler deutscher Independent-Vertrieb zu fungieren.

mw: Und wer soll all diese Platten kaufen, wo doch in Deutschland Geiz so geil ist und kleine Plattenhändler um ihre Existenz kämpfen? Finkenwirth: Wir werden andere Wege zu den Konsumenten finden müssen. Früher war die CD ein Geschenkartikel. Wir müssen sie nun zum Mitnahmeartikel machen. Über Preise will ich dabei gar nicht sprechen. Wir müssen einfach mehr Präsenz an den verschiedensten Stellen haben. Zum Beispiel geht ab einem gewissen Alter niemand mehr in einen Musikladen. Da müssen neue Vertriebswege diskutiert werden. Egal, ob das nun Direct-Response-TV oder Transaktionsfernsehen ist, ob die DVD in neuer Darbietungsform oder Mailorder oder auch ein Display bei einer Hamburger-Kette mit fünf verschiedenen CDs: Wir müssen uns für neue Wege und Partner öffnen. In Regionen mit kleinstädtischer oder dörflicher Struktur gibt es bereits heute kein Plattengeschäft mehr. Und das, obwohl wir zum Beispiel wissen, dass die meisten Schlager- und Volksmusikplatten in Orten mit weniger als 20.000 Einwohnern verkauft werden.

mw: Um die Preisfrage werden Sie aber trotz allem nicht herum kommen, wenn die Großeinkaufsformen Ihnen bei einem Handelsmarktanteil von über einem Drittel die EKs diktieren? Finkenwirth: Man muss über alles reden können. Auch über Preise und Musik-Konfigurationen. Die Diskussion über den Preis von CDs ist derzeit ein Politikum, aber die Preisschraube ist trotzdem nur eines von mehreren Marketing-Instrumenten. Ich scheue diese Debatte nicht. Nur glaube ich, dass Alternativen für die Konsumenten interessanter sind, wie zum Beispiel neue Tonträger-Konfigurationen, andere Inhalte, Interaktivität, audiovisuelle Darstellung – und dies alles spannend und unterhaltsam aufgemacht.

mw: Non-traditional Outlets bleiben also ein virulentes Thema im Vertrieb?

Finkenwirth: Jeder Weg, der uns in das Dorf ohne CD-Laden bringt, ist ein guter Weg. Für uns und den Konsumenten.

mw: Welche Punkte auf der Checkliste sind nun in den kommenden Monaten die wichtigsten? Finkenwirth: Da gibt es nur einen: Das tolle Repertoire, das wir haben, professionell voll zu vermarkten.