Recorded & Publishing

Exklusiv im Gespräch: Jörn Heinecker, Geschäftsführer Indigo

Im Laufe von zehn Jahren hat sich Indigo zu einer der ersten Adressen in der deutschen Indie-Landschaft entwickelt. Passend zum Jubiläum gewährte Jörn Heinecker, zusammem mit Nickel Pallat und Albrecht Boehm Geschäftsführer des Unternehmen, eines seiner äußerst seltenen Interviews. Mit musikwoche.de sprach er über den Reiz, bei einem Indie zu arbeiten und über die Entwicklung von Indigo seit 1993.

musikwoche: Kann sich eine Firma wie Indigo, die Jahr für Jahr ein Umsatzplus vorweist, vom Abwärtstrend der Musikbranche völlig abkoppeln?

Heinecker: Indigo bedient seit jeher in erster Linie die Musikfans und Vielkäufer, die Majors haben sich auf die Massenklientel konzentriert. Aber gerade diesen Gelegenheitskäufern muss die Branche den Wert von Musik erst begreiflich machen. Es stimmt nicht, dass sich die Masse nicht mehr für Musik interessiert – ihr fehlt nur schlicht der Zugang. Das Bewusstsein, dass Musik an sich etwas Tolles ist, hat sehr gelitten. Das Problem liegt darin, dass die Branche vor einiger Zeit eine „Übervermarktung“ eingeleitet hat. Deswegen wird man ohne massiven Marketingaufwand kaum noch wahrgenommen. Das zieht auch für uns Probleme nach sich. Für eine Platte, die das Potentzial für 20.000 oder 30.000 Einheiten hat, gibt es eigentlich keine adäquaten Vermarktungsstrategien mit einem vertretbarem Aufwand mehr. Letztendlich muss die Branche ihre Ausgaben zurückschrauben, damit wieder Solidität einkehren kann. Das dauert, aber auch Majors rechnen ja mittlerweile mit spitzem Stift.

mw: Entstehen durch die Schwächen der Majors breitere Nischen für die Indies?

Heinecker: Ja, darin liegt definitv eine Chance. Wir sind in der Lage, erfolgreich einen Titel zu vermarkten, der „nur“ ein paar tausend Einheiten verkauft, was ein Major nicht kann. Unsere Renditerechnungen sehen eben anders aus. Wie mache ich aus 5000 Einheiten einen profitablen Tonträger? Das ist eine der Fragen, mit denen wir uns täglich beschäftigen.

mw: Wie hat sich der Umsatz im Laufe der Jahre entwickelt?

Heinecker: Wir haben Indigo 1993 gegründet und im ersten Jahr einen Umsatz von 3,5 Millionen Euro erzielt, in 2002 konnten wir unseren Umsatz dann auf 9,6 Millionen Euro steigern, was einem Marktanteil von etwas 0,8% entspricht. Der Auslandsanteil am Umsatz ist bei uns mit etwa 0,6 Millionen Euro relativ gering.

mw: Wieviele Mitarbeiter beschäftigt Indigo derzeit?

Heinecker: Im Vertrieb arbeiten derzeit 36 Mitarbeiter. Wir expandieren langsam und freuen uns, dass es bisher keine betriebsbedingten Entlassungen gegeben hat.

Zehn Jahre Indigo

Die Wurzeln des Indigo Musikvertriebs reichen bis in die siebziger Jahre zurück, als sich in Deutschland eine erste unabhängige Vertriebsstruktur entwickelte. 1986 schlossen sich regional vernetzte, locker miteinander verbundene Labels zum Independentvertrieb EFA zusammen, drei der ehemaligen Gründer verließen 1993 die Firma – und gründeten Indigo. Jörn Heinecker kümmert sich seitdem als Geschäftsführer um die Belange des Unternehmens, Nikolaus Pallat arbeitet als Verkaufsleiter und Albrecht Boehm als Vertriebsleiter. Indigo hat neben dem Vertrieb von Labels wie Exil, Trikont und World Circuit mit Strange Ways und Zeitbombe auch zwei eigene Labels im Programm. Charts-Erfolge feierte der Vertrieb unter anderem mit Slime, Hans Söllner, Wolfsheim, Inchtabokatables und Goethes Erben. 2003, im elften Jahr der Firmengeschichte, soll es nun auch mit der ersten Nummer eins klappen: Wolfsheims Album „Casting Shadows“ (VÖ: 7. April) hat gute Chancen, den Spitzenplatz der deutschen Charts zu erreichen.

mw: Welche Entwicklung nahm das Repertoire im Laufe der Jahre?

Heinecker: 1993 hatten wir, damals noch ohne Labelpartner im Ausland, ein beinahe rein deutsches Repertoire. Wir haben uns sicherlich gewandelt hin zu einem Vertrieb für Nischenprodukte, wobei aber klar sein muss, dass wir nicht eine kleine Nische besetzen wollen, sondern in der Summe eine möglichst breite. Mainstream-Repertoire wird jedoch nie unser Ding sein, das ist einfach zu kapitalintensiv. Stattdessen haben wir ein solides Programm mit vielen Titeln, die zwischen 5.000 und 10.000 Einheiten verkaufen. Unserer Meinung nach ist Musik an sich attraktiv genug und bedarf keiner Reklame. Wir nutzen entsprechend die weniger kapitalintensiven, traditionelleren Vermarktungswege wie Presse und Live-Aktivitäten.

mw: Wieviele Titel veröffentlicht Indigo pro Jahr? Wieviele davon sind Eigen-Veröffentlichungen?

Heinecker: Bei Indigo erscheinen rund 600 Titel pro Jahr. Da unser Ansatz der eines noch überschaubaren Repertoires ist, haben wir eine weitere Steigerung nicht geplant. Der Anteil von Eigenproduktionen liegt unter zehn Prozent, was auch so bleiben soll, denn Indigo soll auch in Zukunft eine Vertriebsfirma sein. Wir können sowieso nur bedingt in eigene Themen investieren, denn dabei geht es uns wie den anderen: neun Titel machen Verlust, und nur bei einem geht die Rechnung auf.

mw: Wie zufrieden sind Sie mit ihrem neuen Vertriebspartner World Circuit?

Heinecker: Ich glaube, dass wir sehr gut zusammen passen. Von der bisher einzigen Neuveröffentlichung, dem neuen Album des Orchestra Baobab, konnten wir in vier Monaten mehr als 10.000 Einheiten absetzen, das Backprogramm läuft ausgesprochen gut. Ich denke, dass beide Seiten zufrieden sind.

mw: Welchen Anteil hat Yellow am Umsatz?

Heinecker: Die Yellow Musikproduktion ist eine eigenständige Dienstleistungsgesellschaft, der wirtschaftliche Schwerpunkt liegt in der Abwicklung der Produktion digitaler und analoger Datenträger im Rahmen fester Kapazitäten bei Presswerken. Dies stellt die jederzeitige Lieferfähigkeit, auch z.B. in der Hochsaison, wenn alle Presswerke ausgebucht sind, sicher.

mw: Hat Indigo einen direkten Widersacher in Deutschland? Wen sehen Sie als ärgsten Konkurrenten?

Heinecker: In Deutschland herrscht zwar ein harter Wettbewerb, wir graben uns untereinander aber nicht explizit das Repertoire ab. Unsere Konkurrenten sind Zomba, SPV und EFA. Vorbilder haben wir keine, denn wir sind neben EFA die einzige Firma, die wirklich unabhängig ist. Wir arbeiten ausschließlich Eigenkapital-gestützt, dadurch sind unsere Entscheidungsfreiheit und Kontrolle sichergestellt.

mw: Was war Ihrer Meinung nach die gravierendste Veränderung in den vergangenen zehn Jahren?

Heinecker: Die Handelslandschaft hat sich komplett gewandelt. Wir machen mittlerweile drei Viertel unseres Umsatzes mit den sieben größten Handelsgruppen. Der Fachhandel als Plattform für Ideen und Trends ist gestorben. Mit einem nachlassenden Interesse der „Supermarktketten“ am Musikbereich jedoch gibt es wiederum auch Chancen für die Etablierung neuer Fachhändler, da in den Märkten CDs als Frequenzbringer mehr und mehr von Software und DVDs abgelöst werden. Der Einzelhandel täte gut daran, sich durch Beratungskompetenz, Ambiente und so weiter schon konzeptionell vom Marktkonzept abzuheben, anstatt dieses lediglich zu kopieren. Erfolg ist nicht unbedingt kopierbar, kreative Konzepte jedoch sind zumeist erfolgreich.

mw: Was sind ihre wichtigsten Platten der letzten zehn Jahre?

Heinecker: Mein Ausgangspunkt für den Einstieg ins Music Business waren Ton Steine Scherben, ein Mitglied der Band, Nikel Pallat, ist ja heute neben Albrecht Boehm mein Partner bei Indigo. Heute habe ich eher eine Affinität zum gehobenen Pop und genieße es daher ganz besonders, eine Band wie Wolfsheim im Repertoire zu haben.

mw: Was motiviert Sie nach all den Jahren?

Heinecker: Indigo hat eine flache Hierarchie, die Arbeit erfolgt in einem sehr guten und freundschaftlichen Miteinander. Wir müssen zwar genauso ökonomisch arbeiten wie andere, aber wir sind unabhängig, es sind unsere eigenen Entscheidungen, die wir treffen.

mw: Sie geben so gut wie nie Interviews. Warum?

Heinecker: Das macht bei uns normalerweise Nikel Pallat. Ich halte lieber Distanz zum üblichen Branchen-Gepose…

mw: Eines der wichtigsten Themen in diesem Jahr ist das neue Album von Wolfsheim. Haben Sie den Ehrgeiz, mit einem Indigo-Produkt erstmals auf Platz eins der Charts einzusteigen?

Heinecker: Ich glaube, das schaffen wir! Die Single „Kein zurück“ läuft ausgesprochen gut im Vorverkauf, und mit dem Album das erste Platin in der Firmengeschichte zu erzielen, wäre auch sehr schön.