Die größte Handelskette der Welt steht vor einem moralischen Problem: Weil auf der neuesten Veröffentlichung der Band Evanescence kein Aufkleber zu „Parental Advisory“ rät, obwohl in den Songtexten ein obszönes Wort vorkommt, hat Wal-Mart nun eine Klage am Hals. Wal-Mart rühmt sich seit Jahren damit, keine Produkte anzubieten, die nicht familientauglich im Sinne amerikanischer Moralvorstellungen sind. Dazu gehört auch ein Bann für Musikprodukte, in denen es sprachlich nicht einwandfrei zugeht. Deshalb gibt es Insidern zufolge sogar eine Profanity-Unit bei Wal-Mart, die nichts anderes macht als strittigen Angeboten den Weg ins Regal zu verwehren.
Diesen Anstandswächtern muss nun entgangen sein, dass auf „Anywhere But Home“ ein relativ geläufiges, wenngleich vulgäres Wort mit vier Buchstaben und einem „F“ am Anfang zu hören ist. Das hat die Eltern der 13-jährigen Melanie Skeens aus dem Bundesstaat Maryland nun so sehr erschüttert, dass sie Klage gegen Wal-Mart erhoben – und gleich auch noch gegen die Plattenfirmen Wind-Up und Sony BMG. Papa Trevin Skeens sagte der Nachrichtenagentur „AP“, er wolle verhindern, dass andere Familien auch auf die Evanescence-Platte hereinfallen: „Die muss aus den Regalen.“ Die Klage, die die Skeens am 9. Dezember eingereicht haben, zielt genau darauf ab – und zudem soll Wal-Mart 74.500 Dollar Schadenersatz an jeden Kunden zahlen, der „Anywhere But Home“ in Maryland gekauft hat.
Sollte Skeens mit seiner Klage Erfolg haben, wäre die Strafe für Wal-Mart auf den ersten Blick noch glimpflich. Bei knapp 5,5 Mio. Einwohnern dürfte im Ostküstenstaat nur eine überschaubare Anzahl von Menschen die CD/DVD-Kombination gekauft haben. Aber Skeens-Anwalt Jon D. Pels hat größere Ziele: „Wir wollen diesen Fall landesweit aufrollen.“ In der Zentrale von Wal-Mart in Bentonville (Arkansas) will man den Fall prüfen und gibt schon vorab zu Protokoll, es sei schlichtweg unmöglich immer alle Produkte auf Anstößigkeiten zu überprüfen.






