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EMI taumelt vom Retourenberg ins Börsental

Für EMI-Chef Eric Nicoli spitzt sich die Situation zu. Die zweite Gewinnwarnung innerhalb eines Monats sorgte nicht nur für einen massiven Wertverfall der EMI Group an der Börse. Auch das ohnehin brüchige Vertrauen in den Konzernchef erodiert weiter.

Die Situation für EMI-Chef Eric Nicoli spitzt sich zu. Die zweite Gewinnwarnung innerhalb eines Monats sorgte nicht nur für einen massiven Wertverfall der EMI Group an der Börse. Auch das ohnehin brüchige Vertrauen in den Konzernchef erodiert weiter.

Auf 210,75 Pence sackte das EMI-Papier am 14. Februar an der Londoner Börse ab – ein Minus von satten zwölf Prozent im Vergleich zum Vortag. Im Verlauf des Handelstags notierte EMI zeitweise sogar bei 201,75 Pence, dem niedrigsten Kurs seit August 2004. Und das Handelsvolumen lag fast achtmal so hoch wie an durchschnittlichen Tagen. Die Investoren scheinen möglichst schnell ihre Verluste eingrenzen zu wollen.

Beim aktuellen Stand ist EMI auf dem Papier nur noch 1,69 Milliarden Pfund (umgerechnet 2,53 Milliarden Euro) wert. Noch im Dezember stand ein Verkauf des Majors an Permira Advisors für rund 320 Pence pro Aktie kurz vor dem Abschluss.

Angesichts dieser enormen Abwärtsspirale steht Nicoli stärker denn je unter Druck. Schon nach dem Rausschmiss seiner Topmanager Alain Lévy und David Munns, Mitte Januar, orakelten Analysten, Nicoli werde die Jahresmitte als EMI-Chef nicht erleben, sollte er nicht bald für eine erkennbare Trendwende sorgen.

„EMI hat enorm viel Arbeit vor sich, wenn es darum geht, die Zukunft des Unternehmens zu sichern“, urteilte Analyst Henk Potts von Barcley Wealth über die jüngsten Umsatzprognosen. Insider bemängelten in letzter Zeit vor allem strukturelle Probleme: Bei EMI dauere es bisweilen sehr lange, bis Verträge alle Entscheidungsebenen durchlaufen hätten. Speziell im digitalen Sektor, der eigentlich das Wachstum sichern soll, gerate EMI damit ins Hintertreffen. EMI-Partner verrieten dem „Wall Street Journal“, dass es oft drei Wochen dauere, bis Deals nach dem Abschluss der Verhandlungen von allen zuständigen Stellen in der Hierarchie des Majors abgesegnet wären. Bei anderen Labels sei dieser Prozess in der Regel nach ein bis zwei Tagen abgeschlossen.

Außerdem mutmaßen Beobachter, dass bei EMI grundsätzlich schlecht gewirtschaftet werde. Dies zeige sich nun auch wieder an der Begründung für die schlechten Zahlen. EMI verweist auf die hohe Retourenquote im US-Markt, der seit Jahresanfang seine Talfahrt mit erhöhter Geschwindigkeit wieder aufgenommen hat. Das Retourenproblem plage die Briten indes schon recht lange, heißt es. Oft müssten Produktmanager ihre Verkaufserwartungen künstlich nach oben schrauben und mehr Ware in den Markt drücken, als dieser absetzen könne. In der Hoffnung auf den großen Hit – von Robbie Williams, Coldplay, Gorillaz, den Beatles oder zuletzt Norah Jones – würden Auslieferungszahlen absichtlich überzogen. Dies sei zwar nicht ungewöhnlich in der Branche, aber bei EMI habe diese Praxis über Gebühr Einzug gehalten, sagten EMI-Insider dem „WSJ“. Und da gerade die letzten Alben der prognostizierten Topseller zum Teil weit unter den Erwartungen blieben, holten die Retouren nun die EMI-Bilanz ein.

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