musikwoche.de: Herr Haentjes, freuen Sie sich, wenn das Jahr 2001 nun bald zu Ende geht? War 2001 ein verhextes Jahr für Ihre Company?
Michael Haentjes: Unser Geschäftsjahr endete zum 30. September diesen Jahres und ich denke, dass wir die Zeit der schwierigen Zahlen im wesentlichen hinter uns gebracht haben. Die Ereignisse des darauf folgenden Quartals waren schon wesentlich besser. Allerdings war das Jahr weltweit und auch für edel ein sehr schwieriges Jahr. Die wirtschaftliche Rezession zwingt uns alle zu Maßnahmen, die wir so nicht hätten durchführen wollen. Bei edel war dieser Prozeß aufgrund der doch relativ hohen Verluste im vergangenen Geschäftsjahr besonders schwierig.
mw.de: edel hat in den vergangenen Monaten Abschied nehmen müssen von bewährtem Personal – Rolf Bähnk, Christian Radtke, Gaby Bartolomeo, André Finkenwirth sind nur einige Namen. Wie wollen Sie den Aderlass kompensieren?
Haentjes: Zum Teil haben wir dies schon kompensiert. Klar ist, dass wir so oder so eine deutlich kleinere Company werden wollen, sowohl weltweit als auch in Deutschland. Ich denke, dass wir nach wie vor ein sehr gutes Team haben, das auch auf Neuzugänge verweisen kann. Sascha Lindemann ist neu bei edel, und es wird auch ein Nachfolger für Dr. Finkenwirth kommen, der eine exzellente Ausgangsposition hat. Ganz klar ist dabei, dass wir insgesamt einen Personalabbau durchführen müssen und nicht immer nur Mitarbeiter gehen, die wir gehen sehen wollen, sondern hin und wieder auch sehr gute Kollegen. Bislang konnten wir dies aber sehr gut kompensieren.
mw.de: Für besondere Aufmerksamkeit hat der Abschied von Chris Georgi gesorgt. Die „Hamburger Morgenpost“ schreibt von einem „Verschwinden über Nacht“, von edel gab es kein Statement. Was wurde aus Ihrem langjährigen Mitstreiter?
Haentjes: Chris Georgi arbeitet mittlerweile nicht mehr für edel. Die Angelegenheit ist juristisch nicht unumstritten unter den Parteien. Deswegen will ich den Abschied nicht weiter kommentieren.
mw.de: Wie ist der Abschied von Jens Geisemeyer zu bewerten – welche „Differenzen über die zukünftige Strategie“ bestanden, wie es in der Pressemitteilung hieß?
Haentjes: Aus der Mitteilung geht deutlich hervor, dass ich mich wieder stärker in das Geschäft einmischen will. Aus diesem Grund bleibt relativ wenig Raum für einen Deutschland-Geschäftsführer. Ich kann sehr gut verstehen, dass sich Jens Geisemeyer unter diesen Umständen entschlossen hat, edel zu verlassen.
mw.de: Besteht denn ein Anlaß dafür, dass Sie sich stärker einbinden wollen?
Haentjes: Ich mache das nicht, weil ich sonst nichts zu tun habe.
mw.de: War Jens Geisemeyer nicht in der Lage, seine Aufgabe nach ihren Vorstellungen auszuführen?
Haentjes: Er sieht manches anders als ich. Diese Meinungsunterschiede haben zu der Konsequenz geführt.
mw.de: Glauben Sie, dass Sie auf Dauer genügend Zeit haben werden, die Aufgaben eines Record Company Executives zu übernehmen?
Haentjes: Die Aufgaben sind sehr umfangreich und ich bin sehr stark auf die Unterstützung meiner Mitarbeiter angewiesen, zum Beispiel im Bereich Marketing auf die Arbeit von Sascha Lindemann. Zum anderen haben wir den Gesamt-Konzern schon verkleinert und werden ihn auch wie angekündigt weiter verkleinern. Deswegen werden meine Aufgaben in anderen Konzernbereichen entsprechend weniger.
mw.de: Wird es langfristig einen Nachfolger für Geisemeyer geben?
Haentjes: Ich habe gesagt, dass ich selber stärker in das Geschäft reingehe. Ich bleibe bei meiner Aussage und deswegen gibt es kurzfristig keinen Platz für einen Geschäftsführer. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass ich die Aufgabe dauerhaft übernehme. Aber ich kann keinen Zeitpunkt nennen, zu dem ich mich wieder anderen Dingen zuwende. Ich will zuerst die Company auf einen Stand bringen, mit dem ich zufrieden bin. Dann sehen wir weiter.
mw.de: edel hat gerade im Repertoire-Bereich in diesem Jahr unter anderem durch den Weggang von Echt und dem Ende des Lizenzdeals mit Buena Vista Recordings Repertoire eingebüßt. Wie wollen Sie dies kompensieren?
Haentjes: Wir haben deutlich gesagt, dass wir uns nicht mehr so stark als Lizenznehmer exponieren wollen wie früher. Das Distributionsgeschäft bleibt zwar erhalten, aber dies ist nicht Kern unserer Strategie. Kern ist, mit eigenen Künstlern weiterzuarbeiten. Wir haben eine Menge neuer Signings in England und den USA., Sascha Lindemann hat in Deutschland ebenfalls mächtig zugelegt. Wir werden mit eigenem Repertoire und nicht mit Fremdrepertoire versuchen, unseren Weg zu machen.
mw.de: Aktiengesellschaften, deren Kurse relativ niedrig sind, laufen oft Gefahr, übernommen zu werden. Da Sie Mehrheitsaktionär sind, kann das zwar nicht passieren, aber: Wollen Sie verkaufen? Gibt es einen Preis, bei dem Sie nicht nein sagen könnten?
Haentjes: Ich habe nicht die Absicht, zu verkaufen und ich kann mir aktuell auch nicht vorstellen, dass die Käufer Schlange stehen würden.
mw.de: Gab es Angebote in den vergangenen Monaten? Beispielsweise von der BMG?
Haentjes: Nein. Falls da etwas dran gewesen wäre, hätten wir das ja kommunizieren müssen.
mw.de: Würde es Ihrer Meinung nach Sinn machen, einen Partner an Bord zu holen?
Haentjes: Ich halte das aktuell für schwierig. Ich will unser Geschäft wieder dahin bringen, wo es mal war. Dazu braucht man nicht unbedingt einen Partner, sondern einen starken Fokus. In der deutschen Company braucht man dazu eine Stimme und nicht zwei mit unterschiedlich ausgerichteten Interessen. Insofern glaube ich, dass jetzt der falsche Zeitpunkt ist, über so etwas nachzudenken. Die Zahlen des Konzerns wieder akzeptabel zu gestalten ist derzeit das einzige, was mich treibt.
mw.de: Die Bilanz weist aus, dass die edel music AG einen Schuldenstand von 360 Millionen Mark hat. Kann man unter so einer Last überhaupt noch agieren?
Haentjes: Das ist immer eine Frage der Struktur der Bilanz. Wir wollen den Schuldenberg durch gewisse Desinvestments abbauen. Natürlich verhagelt unsere Zinslast das Ergebnis, und das können wir uns auf Dauer nicht leisten
mw.de: Stehen Kürzungen beim Personal an?
Haentjes: Wir wollen den Schuldenstand vor allem durch Verkäufe von Firmen reduzieren. Die Personalkosten durch Maßnahmen wie gegebenenfalls Reduzierungen im Griff zu halten, ist eigentlich eine ganz banale Angelegenheit, wenn es nicht für die betroffenen Mitarbeiter so schrecklich wäre. Der Markt in Deutschland ist mächtig nach unten gegangen, und dem müssen wir Rechnung tragen. Das hat nicht direkt mit dem Schuldenabbau zu tun, sondern eher mit normalen kaufmännischen Überlegungen.
mw.de: Von wie vielen Mitarbeitern trennen Sie sich tatsächlich?
Haentjes: Wir haben uns von zehn Prozent der Belegschaft der deutschen Record Companies getrennt. Das sind rund 20 Mitarbeiter.
mw.de: Wieviele Mitarbeiter hat edel weltweit? Sind außerhalb von Deutschland ebenfalls Einsparungen geplant?
Haentjes: Zur Zeit hat der edel Konzern 1700 Mitarbeiter. Es gibt Raum für Einsparungen, allerdings wird der Konzern insgesamt reduziert. Einige Konzern Divisionen werden demnächst nicht mehr zu uns gehören und dementsprechend ihre eigenen Entscheidungen fällen.
mw.de: Vor einigen Wochen wurde bekannt, dass die Chefs von PIAS per Management-Buyout ihre Firma zurückkaufen wollen. Wie ist der Stand der Dinge?
Haentjes: Die Fortschritte sind erkennbar, aber ich kann keine Prognose abgeben, wann die Gespräche zum Abschluß kommen.
mw.de: Welche Divisionen stehen außerdem zum Verkauf?
Haentjes: Red Distribution, edel music Publishing und wir sprechen intensiv über Eagle Rock.
mw.de: Steht das edel-Presswerk optimal ebenfalls zum Verkauf?
Haentjes: Nein. optimal steht nicht zur Disposition.
mw.de: Ist Ihr Plan, das Presswerk per Buyout selbst zu übernehmen, vom Tisch?
Haentjes: Ich habe im Moment zu viele andere Dinge zu tun, als dass ich mich jetzt darum kümmern könnte. Im Augenblick steht das nicht zu Diskussion








