“In den Kalendern der Künstler wird der Echo Klassik rot angekreuzt. Sie warten schon im Juli auf die Bekanntgabe der Preisträger und schauen, dass sie kommen können“, sagt Jeannie Foitzik, Projektleiterin für die Gala bei der Deutschen Phono-Akademie. In diesem Jahr konnte sie unter anderem die Newcomer Sol Gabetta (Cello), Alison Balsom (Trompete) und Elina Garanca (Gesang) für einen Auftritt gewinnen. Alle gelten als junge Stars – nicht unbedingt nach ihrem Alter bemessen. Doch ihre Karrieren bekamen im vergangenen Jahr mit einem erfolgreichen Debütalbum den nötigen Anstoß. Und ihr Ruhm färbte auf die Echo-Verleihung ab. Moderatorin Maria Furtwängler führte souverän durch die Sendung; sie machte es bereits im dritten Jahr, und sie ist ein Glücksfall für den Echo Klassik. Charmant, witzig und überzeugend trotz einiger kleiner Versprecher führte sie durch die wichtigste deutsche Klassikpreisverleihung. Und 2,15 Millionen Zuschauer mit einem Marktanteil von 10,2 Prozent bewiesen ihr und den Künstlern am Sonntagabend im ZDF ihre Gunst; das ist ein neuer Rekordwert, der die bisherige Bestmarke von 2005 mit 2,04 Millionen Zuschauern und 9,1 Prozent Marktanteil schlägt. Im Vorfeld hatte sich die Deutsche Phono-Akademie um breite Aufmerksamkeit für die Gala bemüht – offensichtlich mit Erfolg. Jeannie Foitzik schließt aus der positiven Entwicklung des Klassikpreises zudem auf ein verändertes Verständnis für diese Musik: „Klassische Musik ist populärer denn je. Das hat auch damit zu tun, dass sich die Klassik selber verjüngt hat.“ Dadurch werde die Musik von jungen Menschen immer mehr wahrgenommen, was die „Superabverkäufe“ zeigten. Diese Veränderung im Klassikgeschäft hin zum Besseren zeigt sich indes nicht nur in der gestiegenen Resonanz auf die diesjährige Echo-Klassik-Verleihung. Denn Stars wie Anna Netrebko und Rolando Villazón, die diesmal nicht dabei waren, setzten in vergangenen Jahren fulminant fort, was einst Luciano Pavarotti mit seinen Sängerkollegen Plácido Domingo und José Carreras begonnen hat – wie man Klassik als Superspek- takel publikumswirksam und bombastisch in Szene setzt und im Fernsehen überträgt. Diesen Trend verfolgen Konzertveranstalter konsequent. Zum Beispiel die DEAG, die sich erfolgreiche englische Shows wie die „Night of the Proms“ zum Vorbild nahm, um Klassik volksnah und umsatzstark zu vermarkten. Vor vier Jahren gliederte sie mit DEAG Classics eine eigene Firma für Klassikveranstaltungen aus und nahm unter dem Motto „Galaxy of Stars“ alles unter Vertrag, was Rang und Namen hat. Der Erfolg eines ausverkauften Konzerts in der Berliner Waldbühne mit Anna Netrebko, Rolando Villazón und Placido Domingo, das im vergangenen Jahr im ZDF drei Millionen Zuschauer fand, gibt der DEAG Recht. Die DVD des Events erhielt nun einen Echo Klassik – es war der erste für das Unternehmen. Dazu meint Vorstandschef Peter Schwenkow: „Es gibt eine neue Genera- tion von Künstlern, die neben den Feuilletons auch MTV kennen. Die Bereitschaft, unsere Vermarktungskonzepte zu unterstützen und mit Leben zu füllen, ist die Voraussetzung für eine erfolgreiche Zusammenarbeit.“ Insgesamt zeichne sich jedoch nicht nur ein Imagewechsel bei den Künstlern, sondern auch einer der klassischen Musik allgemein ab. „Die jungen Klassikstars vermitteln mit ihrer lustvoll unkomplizierten Art eine Normalität, die der Klassik zugute kommt: Klassik zum Anfassen, fern jeglichen Frackzwangs und ohne die Attitüde,Klassik muss man gründlich studieren, damit man sie versteht'“, umschreibt es Dirk Ewald, Managing Director EMI Classics & Jazz. Die jungen Künstler vermittelten Spaß an und mit der Klassik, und zwar ohne Qualitätsverlust: „Klassik ist wieder zum Thema geworden. Vor allem das Fernsehen räumt dank dieser Stars wieder mehr Raum für die Klassik ein. Klassik ist wieder schick, sogar eventtauglich.“ Die positive Signalwirkung unterstreicht auch Christian Kellersmann, Managing Director Universal Classics & Jazz: „Es ist wichtig, dass man Superstars hat, und das wird auch in Zukunft so bleiben. Denn Superstars haben einfach viel bessere Möglichkeiten, mediale Plattformen zu erobern. Nicht jeder Künstler kann bei,Wetten, dass …?‘ auftreten. Doch durch die große Präsenz solcher Künstler bekommt das ganze Genre einen Schub.“ Die neue Volksnähe der Klassik zeigt sich zudem in ihrer erfolgreichen Vermarktung: Finanzspritzen aus der Wirtschaft gehören für die Klassikbranche mittlerweile zum Alltag. Dies beginnt beim Sponsoring von Klassikveranstaltungen wie dem Echo Klassik, um der „Aftershow-Party zum nötigen Glamour zu verhelfen“, so Jeannie Foitzik, und endet bei lukrativen Werbeverträgen. Negativ wird das in der Branche nicht gesehen, sondern als Chance, sagt Foitzik: „Sponsoring ist ein Trend in der Musikindustrie an sich. Das kann man nicht nur auf die Klassik beziehen, es ist im Pop oder in der Volksmusik genauso. Ich denke, dass sich Marken gern mit Stars schmücken. Das ist ein Geben und Nehmen.“ Stars wie Anna Netrebko oder der Pianist Lang Lang verdienen ein Vielfaches ihrer Gagen mit Werbeverträgen. Musiker lassen sich aber auch von Firmen buchen, wie der Geiger Daniel Hope oder die Sängerin Joyce DiDonato, die Ende August bei einem Klassikfestival spielten, das der Reiseveranstalter Hapag-Lloyd auf See während einer Skandinavienkreuzfahrt anbot. Neu ist dieser Trend indes nicht: Mäzenatentum war für Künstler schon immer wichtig und wandelt sich nur im Lauf der Zeit, sagt Christian Kellersmann: „Früher gab es Sponsoring nur aus unseren Steuergeldern. Heute gibt es zudem Gelder aus der Wirtschaft – das ist ein ganz normaler Weg, der in allen Kultur- und Kunstbereichen zu sehen ist. Deswegen halte ich Sponsoring für eine positive Entwicklung, solange es nicht penetrant wird und die Künstler sich damit schaden.“ Dennoch bleibt die Anzahl der Musiker, die überhaupt aus diesen Möglichkeiten schöpfen können, überschaubar. „Die Eventkultur ist nicht das wirkliche Klassikleben“, mahnt Michael Blümke, Marketing Director von harmonia mundi. „Das tagtägliche Klassikgeschäft findet in den Konzertsälen statt, denn dort müssen sich die Klassikkünstler jeden Tag aufs Neue beweisen. Stars und Events können im besten Fall Interesse generieren. Aber das darf nicht verwechselt werden.“ Dass der hohe Anspruch der Klassik trotz alledem nicht zu kurz kommt, bewies die Echo-Verleihung in München. Die große Bandbreite der Künstler, die vom Pianisten Arcadi Volodos über Uri Caine bis hin zu Montserrat Caballé reichte, bewies, wie bunt dieses Genre ist und wie sehr es durch das Agieren seiner Künstler lebt – und zwar in allen seinen Facetten.
Echo Klassik: Festliches Superspektakel mit Breitenwirkung
Schöne Stimmen, schöne Frauen, schöner Abend: Bei der festlichen Echo-Klassik-Gala in der Münchner Philharmonie am Gasteig feierten Branchenprominenz und illustre Klassik-Künstler den anhaltenden Aufwärtsschwung des Marktsegments. Mit dem wichtigsten deutschen Klassikpreis wurden in diesem Jahr besonders viele weibliche Jungstars ausgezeichnet. So kamen Augen und Ohren gleichermaßen auf ihre Kosten.





