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DRM-Debatte wird mit gemischten Gefühlen geführt

Der EMI-Beschluss zum Verzicht auf DRM ließ die Branche aufhorchen wie schon lange kein Thema mehr. Aber nicht alle sehen die wegweisende Entscheidung des britischen Majors als Schritt in die richtige Richtung.

Der EMI-Beschluss zum Verzicht auf DRM ließ die Branche aufhorchen wie schon lange kein Thema mehr. Aber nicht alle sehen die wegweisende Entscheidung des britischen Majors als Schritt in die richtige Richtung. Auch wenn die meisten professionellen Beobachter von einem Wasserscheide-Moment sprechen oder von EMI als dem ersten Dominostein, so gibt es auch Meinungen, die den Vorstoß der Briten in Kooperation mit Apple eher mit Vorsicht genießen.

Vor allem das plötzlich zweigleisige Preisschema bei iTunes sorgt für Skepsis: Bislang zeichnete sich der Shop des Downloadmarktführers durch seine kundenfreundliche Einfachheit aus: ein Song für 99 Cent. Steve Jobs Bekenntnis zu diesem Credo war über Jahre der Grund, warum sich die Labels mit ihrem Wunsch nach flexiblen iTunes-Preisen die Zähne am Apple-Chef ausgebissen haben.

Ab Mai werden Kunden zwischen zwei Preisen für das scheinbar gleiche Produkt auswählen können – das allerdings nur bei Titeln aus dem EMI-Katalog. EMI-CEO Eric Nicoli findet das gut: Man habe festgestellt, dass die Konsumenten für ungeschützte Inhalte mehr zu zahlen bereit sind. Kritiker merken indes an: Die Mehrheit der Musikfans bezieht ihre Downloads ohnehin zum Nulltarif, weshalb ein teureres iTunes-Angebot nicht zwingend zu steigenden Absatzzahlen führen muss.

Obendrein könne man Apple unlautere Motive für die Abkehr vom Standardpreis unterstellen: Es sei Jobs nie um Interoperabilität gegangen, sonst hätte er das FairPlay-DRM schon von Anfang an an Drittanbieter lizenziert, sagte ein anonymer Major-Vertreter gegenüber der „Business Week“. Vielmehr gehe es Apple um die Besänftigung der EU-Wettbewerbshüter und um die iPod-Verkäufe. Deshalb sei Jobs bei EMI als derzeit schwächstem der Majors mit seiner Forderung nach Verzicht auf DRM auf wenig Widerstand gestoßen. „Er hat sich auf die schwächste und verzweifeltste Musikfirma gestürzt“, so der Insider.

Besonders für Warner Music muss die aktuelle Entwicklung ärgerlich sein: Seit Jahren fordert CEO Edgar Bronfman flexible Preise, beharrte aber auf ein Festhalten an DRM. Nun werden sich Warner und Gleichgesinnte überlegen müssen, was ihnen wichtiger ist – höhere Preise oder DRM. Denn einig sind sich die meisten Beobachter darin, dass der Rest der Branche über kurz oder lang dem EMI-Beispiel folgen muss. Der Druck von Handelsseite wird täglich wachsen.

Musicload-Chef Joachim Franz hat bereits angekündigt, dass er die DRM-freie Ware haben will. Auch eMusic und Rhapsody hoffen auf Lizenzen. „Wenn EMI seinen Content freigibt, müssen die anderen großen Plattenfirmen unweigerlich mitziehen“, erklärte Patrick Wintter vom Digitalvertrieb finetunes im „Focus“. Aus Sicht der Hamburger Firma komme dieser Schritt zwar zwei Jahre zu spät, aber es sei „nur noch eine Frage der Zeit, bis der Kopierschutz in dieser Form der Vergangenheit angehören wird“. Die gesamte Branche befinde sich in einer „Einbahnstraße, die eigentlich keine Alternativen erlaubt. Der Weg ist klar, einige müssen sich allerdings erst noch mit der Streckenführung anfreunden“. Es gehe darum, die Bedürfnisse der zahlenden Kundschaft zu befriedigen, so Wintter. „Es gilt nach wie vor: Der Kunde ist König, die Plattenfirmen sind aber nicht der Kaiser.“

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