Recorded & Publishing

DRM-Debatte hält Branche weiter auf Trab

Auch zwei Tage nach der Anti-DRM-Offensive von Steve Jobs hat die Musikbranche noch nicht zu einer einheitlichen Position gefunden, wie man zu den Vorschlägen des Apple-Chefs stehen soll. Die einen mauern, andere stimmen unumwunden zu und zwischen den Zeilen tauchen Kompromissszenarien auf.

Auch zwei Tage nach der Anti-DRM-Offensive von Steve Jobs hat die Musikbranche noch nicht zu einer einheitlichen Position gefunden, wie man zu den Vorschlägen des Apple-Chefs stehen soll. Die einen mauern, andere stimmen unumwunden zu und zwischen den Zeilen tauchen Kompromissszenarien auf.

Die großen Tonträgerverbände zumindest sind weitgehend auf einer Linie in ihrer Ablehnung: DRM bleibe weiterhin Bestandteil des digitalen Geschäfts, so die offizielle Haltung. Jobs Plädoyer zur Abschaffung der digitalen Kopiersperren sei „unlogisch und entbehrt jeder Grundlage“, erklärte Edgar Bronfman jr., CEO der Warner Music Group, am Rande der Bilanzpressekonferenz seines Unternehmens. „Wir werden uns nicht von DRM verabschieden.“ In der Diskussion werde seiner Ansicht nach fälschlicherweise so getan, als sei DRM der Grund für die nicht vorhandene Interoperabilität der verschiedenen Downloadplattformen. Dabei sei es technologisch möglich, einen DRM-Standard zu etablieren, der plattformübergreifend anwendbar ist.

Ein Standpunkt, den auch RIAA-Chef Mitch Bainwol einnimmt. Gleichzeitig ließ Bronfman durchblicken, was Beobachter bereits vermuteten: Dass Apple mit dem offenen Brief Einfluss auf die bevorstehenden Lizenzverhandlungen für den iTunes Store nehmen will. Er sei zwar zuversichtlich, dass diese Gespräche kooperativ verlaufen werden, ergänzte jedoch: „Ehrlich gesagt, wirken derlei Manifeste im Vorfeld von Verhandlungen eher kontraproduktiv.“ IFPI-Chairman John Kennedy mutmaßte zudem, dass Jobs mit seinem Vorstoß „Frust abbauen“ will. Dieser werde immer öfter als „bad guy“ dargestellt, die norwegische Regierung habe es auf ihn abgesehen und „nun lässt er das eben an uns aus“.

Doch die meisten unabhängigen Plattenfirmen wollen sich nicht auf einen von Polemik beherrschten Schlagabtausch einlassen. Martin Mills, Chef der Beggars Group und Chairman von Impala, sieht die Angelegenheit differenzierter: „Es gibt da einen großen unüberwindbaren Graben zwischen den Independents und den Majors. Menschen wollen gekaufte Musik im privaten Umfeld ohne finanzielle Interessen teilen und austauschen.“ Sich dagegen zu wehren, sei aussichtslos, so Mills. „Wir haben einige Gemeinsamkeiten mit den Majors. Besonders die, dass keiner von uns überleben wird, wenn sich die Leute Musik besorgen, ohne dafür zu bezahlen. Allerdings haben wir ziemlich gegensätzliche Ansichten zur Frage, wie man am besten für den Onlinekonsum von Musik bezahlt wird. Die Majors wollen die neue Welt am liebsten in die gleiche Schublade zwängen wie die alte: In ein Schema, bei dem der Konsum von Musik in Einheiten abgerechnet wird, als solche bezahlt wird und Erlöse zugeordnet werden.“

Und gerade in Sachen Erlöse tue sich die Branche beim Festhalten an DRM keinen Gefallen, meint David Goldberg. Der Geschäftsführer von Yahoo! Music ist davon überzeugt: „Kunden werden für Musik ohne DRM mehr Geld ausgeben. Und vor die Wahl gestellt, entscheiden sich Kunden immer für die Musik ohne DRM. Wenn man sie jedoch zum Kauf von DRM-geschützten Dateien bewegen will, muss man die Ware 20 Prozent billiger machen. Das ist ziemlich viel Geld, das die Musikbranche liegen lässt.“

Derzeit lässt die Branche allerdings noch viel mehr Geld liegen, weil die vorherrschende Bezugsmethode für Onlinemusik nicht kommerziell genutzt wird, so die Ansicht vieler Beobachter. Solange P2P-Nutzung nicht vergütet wird, bleibt Piraterie ein größeres Problem für die Labels als inkompatible DRM-Systeme. „Dies ist weiterhin überwiegend ein Piratenmarkt“, bestätigt Eric Garland, CEO der Marktforschungsfirma Big Champagne. „Unter anderem deshalb, weil Nutzer per P2P das bekommen, was sie wollen. Die Mehrheit will einfach keine Nutzungseinschränkungen.“ Aufgabe der Branche werde es sein, diesen Piratenmarkt für sich zu nutzen. „Und das geht, wenn man den Leuten ein besseres Einkaufserlebnis beschert. Wenn man es einfacher macht, Musik zu kaufen, statt sie zu klauen.“

Aber Ted Cohen, einst „Digitalguru“ für EMI und nun als Berater tätig, sieht die Branche noch nicht an diesem Punkt angelangt. „Wenn man DRM abschafft, muss man mit Kollateralschäden rechnen.“ Die Labels bräuchten einfach noch ein bestimmtes Maß an Schutz für ihre Inhalte. Dafür gelte es nun, einen „kundenfreundlichen Mittelweg“ zu beschreiten, so Cohen.

MusikWoche beschäftigt sich in einer aktuellen Onlineumfrage mit dem Thema DRM: Hat Steve Jobs recht mit seinen Forderungen, fehlen nur die gesetzlichen Rahmenbedingungen oder versucht der iTunes-Vordenker, der Musikwirtschaft den Schwarzen Peter zuzuschieben?

Mehr zum Thema