Recorded & Publishing

Dossier: Zehn Jahre Naxos

Vor 20 Jahren gründete Klaus Heymann in Hongkong eine
Plattenfirma. Er nannte sie zunächst Hongkong Records. Zehn Jahre später war die Expansion von Naxos nicht mehr aufzuhalten. Und es kam zur Gründung der Naxos Deutschland GmbH mit den Geschäftsführern Chris Voll
und Wolfgang Ruso, der seit Anfang 2007 nicht mehr dabei ist. Heute ist Naxos als Label und Vertrieb eine feste Größe im deutschen Klassikmarkt.

Wie so oft bei einer guten Geschäftsidee stand auch am Anfang von Naxos eine eher simple Überlegung: Der Hesse Klaus Heymann wollte den Kunden im Hongkonger Markt die neuen, teuren CDs zum Preis der in Asien deutlich billigeren LPs anbieten. Deswegen begann er 1987 mit zunächst 30 klassischen Aufnahmen eher unbekannter Orchester, seine CDs zu dem in Hongkong üblichen LP-Preis anzubieten. Mit Erfolg: Er expandierte international mit einem schnell wachsenden Katalog und etablierte in jedem neuen Land einen passenden Preispunkt – fünf Pfund in Großbritannien, zehn Mark in Deutschland. Anfang der Neunziger umfasste der Katalog von Naxos bereits rund 300 Titel, die der Klassik-Vertrieb Fono in Deutschland betreute. So kam der Fono-Mann und spätere Naxos-Geschäftsführer Chris Voll mit dem Label in Kontakt. „Naxos war damals noch sehr überschaubar“, erinnert er sich, „und es war schon abzusehen, dass das Label sehr erfolgreich werden würde. Denn die Anfangsjahre hatten gezeigt, dass der Charme des guten Preises für den Endverbraucher doch recht überzeugend war.“ Doch Voll beeindruckte vor allem die technische Reife der Produkte: „Ich habe die ersten drei Naxos-Aufnahmen in einer Karstadt-Filiale in Essen gekauft, nach dem Motto, man muss ja mal schauen, was andere Leute so machen. Beim Anhören merkte ich, wie gut das klang. Die Naxos-Aufnahmen waren grundsätzlich von der ersten Aufnahme an in DDD.“ Auch wenn die musikalische Qualität bei den ersten Naxos-Titeln keine absolute Spitzenleistung war, so änderte sich doch auch der künstlerische Anspruch recht zügig: „Als Fono Naxos in den Vertrieb übernahm, wechselte der Ruf des Labels. Wir trugen natürlich ein Übriges dazu bei, weil wir es eben nicht als Low-Budget am Markt etablierten, sondern als hochwertiges Klassiklabel.“ Damit war der Aufstieg von Naxos nicht zu stoppen. Auch wenn Anfangs alle etablierten Klassiklabels das junge Unternehmen belächelten, kämpften sie schon bald mit ihm als ernstzunehmende Konkurrenz und sahen sich gezwungen, auf den ungewohnt niedrigen CD-Preis zu reagieren. Zum endgültigen Durchbruch in Deutschland verhalfen Naxos aber die Journalisten, sagt Voll. Denn sie rezensierten Naxos-Produkte nun genauso wie Titel der Deutschen Grammophon, der EMI oder von RCA Red Seal. Und dass sie sich im Abbinder nie verkneifen konnten, zu schreiben „… und das alles zu einem unschlagbaren Preis“ lässt Voll noch heute schmunzeln. Dabei hat sich die Strategie seit den Anfangstagen nicht geändert: Naxos setzt immer noch auf einen Vollkatalog und legt den Fokus auf Werke und Komponisten; die Interpreten stehen hintan. Trotzdem etablierten sich einige „Stars“, auf die Naxos stolz verweist. Die Cellistin Maria Kliegel gehört ebenso dazu wie Helmuth Müller-Brühl und das Kölner Kammerorchester oder die Pianisten Konstantin Scherbakov sowie Idil Biret. Doch vor allem für junge Künstler, die eine Referenz-CD einspielen möchten, oder für Interpreten, die eigene CD-Projekte verwirklichen wollen, ist Naxos eine gute Adresse. Das weite Vertriebsnetz ermöglicht eine Veröffentlichung in über 60 Ländern und beschert schon allein deshalb vergleichsweise hohe Absatzzahlen – unter 10.000 verkauften Einheiten bleibt kaum eine Neuproduktion. Bei konstanten 200 Neuveröffentlichungen pro Jahr ist der Katalog mittlerweile auf über 4000 CDs angewachsen und umfasst mehr als 90.000 Tracks. „Wenn ich höre, was alles noch in den Archiven schlummert und der Veröffentlichung harrt, dann sehe ich auch für die nächsten Generationen noch genügend Material“, meint Voll. „Man kann sich das, wenn man nur an die Mainstreamwerke denkt, gar nicht vorstellen. Aber es gibt noch so viele Werke – da muss man nicht in Jahrzehnten, sondern noch länger denken.“ Naxos hält seine Maxime, jedes Stück nur einmal im Katalog zu haben, auch weiterhin hoch, obwohl mittlerweile schlechtere Einspielungen durch bessere und neuere ersetzt wurden. Mit dieser Politik wuchs die Firma nach eigenen Angaben zum „weltweit führenden Klassiklabel“. In Großbritannien ist sie Marktführer, in Deutschland kann man nur Vermutungen über die Marktposition von Naxos anstellen. „Das macht uns gar nicht mal so unattrakiv“, scherzt Chris Voll, „denn die Konkurrenz weiß nicht, wie stark wir sind.“ In den Charts findet Naxos wegen des Niedrigpreises zwar nicht statt, „aber für so manches Label würde es sehr unangenehm werden, würden wir in den Charts gelistet und die Verkaufszahlen veröffentlicht“, meint Voll. Das Doppeljubiläum feiert Naxos mit einer Kammermusik-Konzertreihe auf Schloss Nordkirchen in der Nähe von Münster, die am 11. Februar mit einem Konzert des belgischen Querflötisten Marc Grauwels beginnt und die bis Jahresende mit Künstlern wie den Pianisten Konstantin Scherbakov und Ulrich Eisenlohr oder dem Xyrion Trio mit Ida Bieler (Violine), Maria Kliegel (Violoncello) und Nina Tichmann (Klavier) fortgeführt wird. Höhepunkt des Jubeljahres ist ein Beethoven-Abend mit Helmut Müller-Brühl am 2. Juni als Festkonzert in der Kölner Philharmonie. Strukturell blieb Naxos ein Indie, auch wenn das Unternehmen mittlerweile global agiert. Bei Naxos Deutschland arbeiten an den Standorten Münster und Putzbrunn bei

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