“Aus Deutschland kamen schon immer wichtige Impulse für elektronische Musik“, sagt Andreas Keul, Head of Epic bei Sony Music. Er findet allerdings nicht, dass Deutschland beim Danceboom zu kurz kommt. Er arbeite „gern und oft“ mit allen Kreativen aus der deutschen Dance/Elektroszene zusammen und verweist auf ak tuelle und erfolgreiche Signings wie Follow Your Instinct oder Djane HouseKat. Auch sein Kollege Andreas Weitkämper, A&R Director Warner Music Central Europe, sieht positive Effekte für die deutsche Szene: „Für unseren Dance-Imprint bitclap! hat der weltweite Boom von Electronic Dance Music (EDM) große Bedeutung. Es ist uns gelungen, das Label und unsere Künstler im internationalen Warner Dance Music Netzwerk mit Schwester – labels wie BigBeat (USA), Neon (Australien), ffrr (UK), One More Tune (UK), Gallo (SA) und Boiling (Israel) bestens zu verankern.“ Zudem verhandle Warner Music gerade einen internationalen Lizenzdeal mit einem EDM-Label für den jungen Hamburger DJ Etnik. „Darüber hinaus denke ich nicht im Geringsten“, betont Weitkämper, „dass der Boom der elektronischen Musik in den kommenden Jahren wieder abnehmen wird. Die zeitgeistigen Pop-Produktionen werden sich vielleicht weniger stark bei der EDM bedienen, aber die Bedeutung der Künstler im Genre wird weiter wachsen.“ So hätten bitclap!-Artists wie Justice, Etnik, Fukkk Offf, Epik oder Skrillex weltweit eine neue Hörergeneration für elektronische Musik be geistert – „und sie werden dies noch lange tun“. Optimistisch zeigt sich auch Tom Keil, President Ultra Music Europe: „Die deutsche Danceszene ist d o s s i e r d a n c e & e l e k t r o n i k 10_MusikWoche_18+19_2013 noch immer starker Impulsgeber für die ganze Welt, wovon sie natürlich auch profitiert.“ Es gebe viele exzellente Produzenten und DJs, die sehr gute Arbeit leisten und mit frischen Produktionen Maßstäbe setzen. Allerdings räumt Keil ein: „Der globale Hype hat sein Epizentrum derzeit sicherlich in den USA, das große Geld wird momentan dort verdient. Die entscheidende Frage wird daher sein, was passiert, wenn die große Hype-Blase platzt.“ Die Szene werde jedoch auch künftig vom Boom profitieren, sagt Tom Keil, der großes Potenzial beim Nachwuchs erkennt: „Elektronische Musik ist als Genre etabliert, die deutsche Szene ist lebendig und bunt.“ Zu einem ganz anderen Schluss kommt Mike Hasemann, Geschäftsführer media consult Eventmanagement und Veranstalter des Pioneer alpha Raves: „Mit dem Danceboom ist in diesem Jahr Schluss. Dank der USA und dem dortigen Größenwahn ist Deutschland ein Entwicklungsland geworden.“ Er kritisiert, dass „viele deutsche Top-DJs“ nur in den USA seien, wo man noch das große Geld zahle. „Wenn auch das eines Tages vorbei ist, interessiert sich niemand mehr in Deutschland für sie.“ Hasemann vergleicht „gierige Manager und Booker“, die nun eine Dance – krise auslösen, mit Bankern. Leidtragende seien viele Veranstalter mit hohem Risiko und Party – gäste, die die hohen Eintrittspreise nicht mehr zahlen können oder wollen. Für Hasemann gilt als Motto 2013 „Back to the Roots“ – mit lokalen und bezahlbaren DJs sowie niedrigen Eintrittspreisen. Und er fordert: „Schluss mit der Gagenmafia, die für anderthalb Stunden 20.000 bis 250.000 Euro Gage plus Champagner, Fünf-Sterne-Hotel und Privatflieger verlangt.“ Auch Sven Greiner weiß als Geschäftsführer von 7th Sense Records, dass der weltweite Danceboom fast nur für Künstler gilt, die auch inter national auflegen. „In Deutschland ist der Bookingmarkt im kommerziellen Bereich total eingebrochen, was man schon vor Jahren vorhersehen konnte. Die Discotheken – hier gibt es bald fast nur noch große Ketten – buchen entweder günstige Resident-DJs oder nur noch Top-Ten- Künstler, die zwar sehr viel Geld kosten, den Laden aber füllen.“ Greiner rügt den Trend zu Personen, die man aus Funk und Fernsehen kennt und die sich als DJs versuchen. „Wenn man sich aber international aufgestellt hat, profitiert man sehr vom Boom.“ Als Compiler für Sony-Kopplungen wie „Dream Dance“, „Club Sounds“ oder „Urban Dance“ profitiert Sven Greiner vom derzeitigen Trend: So stand „Club Sounds“ vor einigen Jahren bei knapp 8000 abgesetzten Einheiten, erzählt er, unter seiner Ägide verkaufe die Kopplung knapp 40.000 Stück. „Auffällig ist aber, dass man im Gegensatz zu früher sehr viel internationales Dancerepertoire auf den Compilations findet, während früher nationales Repertoire dominierte.“ Wichtig für die deutsche Szene sei indes etwas anderes: „Wenn sich die GEMA mit YouTube hoffentlich bald einigt, hat man auch als Urheber von Dancemusik eine weitere tolle Einnahmequelle.“ Überflieger aus dem Underground Dennis Bohn, Geschäftsführer Mental Madness, fordert: „Die ehemaligen Exportweltmeister im Dance müssen wieder mutiger werden. Die Majors brauchen endlich wieder A&Rs mit Visionen und weniger Druck von den Finanzabteilungen. Ohne ein gewisses Risiko kann man keine neuen Künstler aufbauen.“ Erst dann könnten auch in Deutschland wieder Künstler entdeckt werden, wodurch dann der EDM-Boom in der „good old Dance Nation Germany“ Einzug halten könne. Von einem anderem Blickwinkel aus beurteilt Dirk Weiss, General Manager DJ Propaganda, Europropa – ganda & Public Media, die Lage: „Der deutschen Dance Community geht es so gut wie lange nicht mehr. Auf allen Ebenen können sich die Aktiven über diesen Höhenflug freuen und davon profitieren.“ Neben Acts mit deutschem Ursprung wie Zedd oder Solomun, die Weiss „Weltstars“ nennt, wüchsen in der Subkultur viele Indie labels wie Diskutieren über Dance aus Deutschland (von links): Mike Hasemann, Andreas Keul, Dirk Weiss, Jens Thele und Elmar Braun Die Danceszene profitiert derzeit vom Anhalten des Booms. Doch auch für Newcomer tun sich Chancen auf. Kleine Veranstalter können sich Gagen von 20.000 bis 250.000 Euro für Top-DJs nicht leisten. d o s s i e r MusikWoche_18+19_2013_11 Exploited oder Jeudi, die mit ihrem prägnanten Sound eine globale Anerkennung erführen. „Allgemein emanzipiert sich eine beeindruckende Zahl von Künstlern, die auch bei hervorragend ausgelasteten Festivals und Clubveranstaltungen große Erfolge feiert“, sagt Weiss. Als Beispiele führt er Wankelmut und Klangkarussell an, die aus dem deutschen Underground heraus europaweit Tophits etablieren konnten. „Für die nähere Zukunft ist kein Ende dieser äußerst erfreulichen Entwicklung zu erwarten – ein Automatismus für den Erfolg besteht allerdings nicht.“ Zum Teil schließt sich Elmar Braun, Geschäftsführer We Play Music And Management, dieser Sichtweise an, doch er warnt auch vor einer Überhitzung des US-Markts: „Es ist natürlich klasse, dass Dancemusik weltweit wieder boomt – oder besser gesagt, dass sie endlich boomt.“ Die Holländer werden gut gefördert Denn noch vor zehn Jahren habe Dance in den USA eine untergeordnete Rolle gespielt. Und für manche deutschen Künstler sei die aktuelle Entwicklung natürlich „ein Riesenvorteil“, weil sie verstärkt international auftreten könnten – vorausgesetzt, dass sie sich bereits einen Namen machen konnten. „Denn besonders in den Staaten hat man das Gefühl, dass die Veranstalter keine Zeit haben, um spannende, aber vielleicht noch nicht sehr bekannte Künstler auszuprobieren oder aufzubauen. Dort zählen nur Hits und Stars, aber davon wachsen aus unseren deutschen Reihen ja zum Glück zunehmend mehr nach.“ Das bekräftigt auch Woody van Eyden, Geschäftsführer der in Herne beheimateten Music & Artist Agency: „Der Danceboom ist längst in Deutschland ange – kommen. Und historisch gesehen spielten die Deutschen im Elektroniksegment immer mal wieder eine große Rolle, auch wenn es stimmt, dass Elektronikproduzenten aus Deutschland international derzeit weniger zu melden haben.“ Das sei in den Niederlanden ganz anders, sagt der gebürtige Holländer. Einer der entscheidenden Gründe dafür, dass zurzeit „beinahe unverschämt viele holländische DJs und Produzenten weltweit erfolgreich sind“, liege an der Buma/Stemra. Die niederländische Verwertungsgesellschaft fördere seit Jahrzehnten mit Initiativen wie dem Amsterdam Dance Event die Szene des Landes. Inzwischen sei Musik in den Niederlanden sogar in die Top Ten der Exportgüter aufgerückt, sagt Woody van Eyden, der auch in Deutschland eine stärkere Unterstützung fordert – nicht zuletzt vom deutschen Buma/Stemra-Pendant: „Solche Projekte vermisse ich bei der GEMA. Als GEMA-Mitglied würde ich mir mehr aktives Marketing wünschen – nicht nur verwerten und verwalten.“ Inzwischen hätten die Deutschen doch auch von den holländischen Fußballvereinen gelernt, dass sich die Nachwuchsförderung vor der eigenen Haustür lang fristig auszahlt. Das müsse endlich auch in der Musik umgesetzt werden. Und auch die deutschen Medien kommen bei van Eyden nicht gut weg: „Die große deutsche Dancewelle der Neun – ziger rührte auch daher, dass wir TV- und Radio – platt formen nutzen konnten, die mittlerweile alle weggebrochen sind. Auch das ist in den Niederlanden anders.“ Jens Thele, Managing Director Kontor Records, betont hingegen: „Ich trage keine Deutschbrille. Ich bin Hamburger, aber auch Weltbürger. Für mich ist nicht entscheidend, woher ein Künstler kommt, sondern dass ich möglichst viele Rechte an seiner Arbeit habe.“ Auch in Deutschland habe es große neue Talente gegeben, und die werde es auch in Zukunft geben. „Andererseits merkt man schon, dass es immer schwieriger wird, diese Talente als Marken aufzubauen. In den USA, im EDM-Markt, ist es doch längst so, dass DJs aus eigener Tasche viel Marketinggeld in die Hand nehmen. Große, namhafte DJs investieren derzeit 20 bis 30 Prozent ihrer US-Gagen. Und das können Newcomer – egal woher sie stammen – nicht stemmen.“ Dietmar Schwenger Sehen die Situation mehrheitlich gelassen (von links): Dennis Bohn, Andreas Weitkämper, Woody van Eyden, Tom Keil und Sven Greiner In den Niederlanden hat Buma/Stemra die Danceszene mit Initiativen wie dem Amsterdam Dance Event gestärkt. Es kostet viel Geld, Dance-Acts als Marken aufzubauen. Für Newcomer lässt sich das kaum noch stemmen. d o s s i e r d a n c e & e l e k t r o n i k 12_MusikWoche_18+19_2013 Kontor Records baut internationales Netzwerk aus Die Kontor-Familie wächst weiter: Das Hamburger Dancelabel gründete mit Ismail „Isi“ Tüfekçi von der Formation Digitalism und DJ Boris Dlugosch das Label Golden City Sounds. „Aber auch unser internationales Netzwerk wurde noch wichtiger“, sagt Kontor-Chef Jens Thele im Gespräch mit MusikWoche. So rief das Hamburger Label jüngst ein Joint Venture mit dem australischen Label CR2 ins Leben und veröffentlichte zuletzt in Japan Alben von Timati und DJ Antoine. „Dort sind wir stärker am Markt vertreten als jemals zuvor.“ All das gehört zu den Internationalisierungsschritten der Firma, wobei Thele Kontor national wie international „ganz stark als Marke“ positioniert. „Das ist im Vergleich mit anderen Labels sicherlich ein Vorteil von uns“. Bei der Verbreitung der Marke helfe auch die Partnerschaft mit Spotify: „Meines Wissens sind wir noch immer das einzige deutsche Label mit einer eigenen App.“ Kontor betreibt zudem in Deutschland den zweitgrößten Spotify-Kanal Kontor. FM mit über 100.000 Abonnenten, worunter das Download geschäft allerdings nicht leide: „Wir sind mit den verschiedenen Kontor-Veröffent – lichungen international bei iTunes erfolgreich, außerdem hatten wir zuletzt mit einer KontorTVKopplung einen Nummer-eins-Hit in den mexi – kanischen iTunes-Charts und waren hoch in den iTunes-Charts in Japan, Russland oder Brasilien gelistet. Dabei hilft uns YouTube als PR-Tool in diesen Ländern ungemein – ich kann nur hoffen, dass bald auch in Deutschland eine Einigung erzielt wird.“ Der Kritik, dass digitale Vermarktung nur minimale Cent-Beträge hinterm Komma bringe, könne er sich nicht anschließen, sagt Thele. „Bei der Abrechnung von Radioeinsätzen bringt ein einmaliger Einsatz bei Energy München schließlich auch nichts Zählbares, aber die Masse macht’s. Und genauso ist das im digitalen Geschäft.“ Für ihn sei entscheidend, dass Kontor die weltweiten Rechte an eigenen Künstlern habe. „Auf diese Weise profitieren wir auch davon, wenn ATB in den USA große Hallen füllt.“ Immer wich tiger werde das breite Betätigungsfeld von Kontor: Neben dem Digital business gehören dazu das Compilation – geschäft und die Katalogauswertung. Kontor sei mittlerweile überall mit dabei – bei der Mayday, bei Nature One oder auf Ibiza, wo man in Form einer neuen Kopplung mit dem Nassau Beach Club kooperiere. „All das verhindert, dass einzelne Ausschläge die Gesamtbilanz langfristig eintrüben.“ Positiv zur Bilanz beitragen sollen auch die ak – tuellen Schwerpunkt-Veröffentlichungen, darunter neue CDs von Armin van Buuren, Lexy & K-Paul und R.I.O. oder die Kopplungen zur Mayday und „Kontor Sunset Chill“. Dietmar Schwenger Tom Keil leitet Europa-Büro von Ultra Music Das US-Dancelabel Ultra Music, das jüngst eine strategische, weltweite Allianz mit Sony Music eingegangen ist, expandiert nach Europa. Als Leiter der europäischen Dependance wird von Zürich aus Tom Keil die Geschicke von Ultra Music Europe in die Hand nehmen. Keil war zuletzt als freier A&RManager für Universal Music Domestic tätig, davor arbeitete er unter anderem auch für Superstar. Seine eigene Firma, Holon Group, lässt Keil derweil ruhen, um sich auf seine Aufgaben für Ultra zu konzentrieren. Er berichtet nun an Patrick Moxey, President Ultra Music in New York, und Rupert Sprawson, Director Ultra Music Europe. Moxey freut sich auf die Zusammenarbeit mit Keil und betont: „Die Eröffnung des Züricher Büros eröffnet unseren Künstlern und Songwritern einzigartige Möglichkeiten.“ So soll sich das Europabüro von Ultra um das Verlagsgeschäft der Firma kümmern, aber auch neue Acts für das Label unter Vertrag nehmen sowie mit dem bestehenden Künstlerstamm von Ultra arbeiten. Dazu zählen unter anderem Benny Benassi, Steve Aoki, Wolfgang Gartner, Team Pitbull und Bloody Beetroots. Keil freut sich, nun Teil der Ultra-Familie zu sein, denn er kenne „Patrick und sein Team seit vielen Jahren von erfolgreichen Kooperationen“. dis Mehr zum Thema www.ultramusic.com Mehr zum Thema www.kontorrecords.de www.youtube.com/user/kontor Brachte mit „Attacke“ am 12. April ein neues Kontor- Album auf den Markt: das Elektronikduo Lexy & K-Paul Foto: Kontor Records www.zeitgeist-records.com S P R I N G / S U M M E R 2
Dossier: Wohin treibt Dance aus Deutschland?
Der weltweite Elektronik-Boom hält unvermindert an. Doch anders als bei der letzten großen Dancewelle in den 90er-Jahren spielen DJs, Produzenten, Autoren oder Labels aus Deutschland nach Ansicht mancher Insider dabei eine untergeordnete Rolle. MusikWoche fragte nach den Gründen und wie es weitergehen soll.






