Recorded & Publishing

Dossier: War Berlin die Reise wert?

Viele Köche verderben nicht immer den Brei, auch wenn er manchem Gastrokritiker schwer im Magen liegen mag. Nach der ersten Ausgabe der Berlin Music Week ziehen die verschiedenen Organisatoren eine positive Bilanz. Feinschmecker bemängelten allerdings Unübersichtlichkeit und organisatorische Schwächen.

Die Absage der Popkomm 2009 erwies sich zumindest für die Berliner Standortpolitik als segensreich. Denn das Konzept der Branchenmesse hatte seit dem Umzug nach Berlin von Jahr zu Jahr an Attraktivität verloren. Nach der Absage beeilte sich all2gethernow die Lücke zu füllen. Doch erst der Entwurf einer Berlin Music Week als Dach für die vielfältigen Aktivitäten, die es in Berlin neben der Popkomm zum Teil schon lange gibt, eröffnete eine tragfähige Perspektive für 2010. Leicht dürfte es indes nicht gefallen sein, die unterschiedlichen Inter essen und Strukturen von Popkomm, all 2 ge – ther now (a2n), Berlin Festival und Club – SpreeBerlin unter einen Hut zu bekommen. Und so blieb nach einer späten Einigung auf die gemeinsame Marschrichtung nicht wirklich genug Zeit, um das vielschichtige Projekt reibungslos ins Rol len zu bringen. Oder wie Olaf Kretschmar als Vorsitzender des Organisationskomitees im Gespräch mit MusikWoche 38/2010 15 berlin music week 2010.dossier auf Seite 17 sagt: „Es gibt noch viele Optimierungsmöglichkeiten.“ Für näch – stes Jahr besteht erhöhter Koordinierungsbedarf: So wäre ein gemeinsamer Katalog – statt deren drei – sicher hilfreich für die Orientierung, und vielleicht schafft man dann auch, das Personal im Flughafen Tempelhof ein wenig besser zu schulen, das oft mit den einfachsten Fragen – wo ist denn hier die Garderobe? – überfordert war. Eine Herausforderung dürfte das Branding des gemeinsamen Katalogs und der PR-Aktivitäten werden: Zwar hat die Berlin Music Week (BMW) als neue Dachmarke vom 6. bis 12. September ihre Feuertaufe bestanden. Dennoch erwies sich die Popkomm im Vorfeld und in vielen Medien als Marke mit der nach wie vor stärksten internationalen Strahlkraft. Als Messe nach traditionellem Strickmuster aber wirkte die Popkomm doch ein wenig schwachbrü – stig, obwohl sie für viele internationale Besucher noch immer ein gewichtiges Argument für den Trip an die Spree zu sein scheint. Zwar fehlten diesmal Länderstände wie die von Frankreich oder Spanien – doch die könnten im nächsten Jahr wieder dabei sein, nachdem es jetzt unter dem BMW-Dach ja doch einigermaßen funktioniert hat. Die Skandinavier, Österreich und die Schweiz nahmen jedenfalls wie gewohnt teil, ebenso Südafrika, ein früheres Partnerland. Und erstmals baute auch Indien einen Stand auf. So konnte sich Popkomm-Geschäftsführer Dr. Ralf G. Kleinhenz sehr zufrieden zeigen: „In dieser Woche hat die Stadt ihr Potenzial als Kreativstandort auf beeindruckende Weise dargestellt. Die Popkomm als Nukleus der Berlin Music Week hat sich in diesem Rahmen als eine Veranstaltung positioniert, die nicht nur künstlerischer Kreativität ein Forum verschafft und neue Geschäftsmodelle diskutiert, sondern vor allem Angebot und Nachfrage zusammenbringt. Die gute Stimmung an den Ständen belegt, dass das neue Konzept und die neue Location sehr gut angenommen wurden.“ Die Messe habe mit 470 Ausstellern aus 20 Ländern und 7500 Teilnehmer im B2B-Bereich ihren „Platz als wichtige Plattform der Musik- und Entertainment- Industrie zurückerobert“. Dennoch hörte man von vielen Besuchern nicht nur Positives; diese Berlin Music Week 3Tempelhof- Architektur konnte sich kaum jemand entziehen. Trotzdem beschwerten sich manche Besucher über die langen Wege in den beiden Seitenflügeln – und dass viele a2n-Panels jeweils an den Enden dieser beiden Korridore stattfanden, war schlicht kundenunfreundlich. Auf die Idee, die Passage mit dem Tretroller zu bewältigen, war anscheinend nur Tendayi Mwase, Exhibition Manager Popkomm, gekommen – aber der wusste ja, was ihn erwartete. Vielleicht sollte man 2011 einen Rollerverleih anbieten. Als größte Problemzone erwies sich indessen die imposante Abfertigungshalle des Flughafengebäudes. Hier wurden Chancen verschenkt, medienwirksame Akzente zu setzen; wie man aus Popkomm- Kreisen hört, wurde der Schwachpunkt erkannt, im nächsten Jahr will man diesen Bereich deutlich attraktiver gestalten. Aber auch a2n rief widersprüchliche Reaktionen hervor. Zwar wurden diverse Panels und Vorträge als gelungen, spannend, unterhaltsam oder lehrreich wahrgenommen, andere wiederum gingen im Überangebot unter. Das ausufernde Kongressprogramm kam manchem Besucher wie eine allzu bunte Wundertüte vor – einer sagte: „Für mich bedeutet a2n nicht all2gethernow, sondern alles auf einmal now.“ Und so hatte das Barcamp, das Montag und Dienstag in der Kulturbrauerei stattfand, durchaus einen charmanteren Charakter als die Diskussionen in Tempelhof, wo a2n dann halt doch wieder über weite Strecken zum üblichen Popkomm- Kongress mutierte. Die „Süddeutsche Zeitung“ brachte die Widersprüchlichkeit der a2n-Diskussionsrunden auf den Punkt: „Die hochkomplexe Lage der Musikindu – strie scheint sich unterschiedlich zu präsentieren, je nachdem aus welcher Etage man darauf blickt.“ Widersprüchliche Eindrücke auch beim Liveprogramm: Während manche Clubkonzerte mit 20 bis 50 Besuchern sehr schwach besucht waren, geriet das Festival am Wochen – ende zum Publikumsmagneten, so dass es in der Nacht vom 10. auf den 11. September um 2:30 Uhr aus Sicherheitsgründen abgebrochen und das Samstagsprogramm gestrafft werden musste. Standort Tempelhof gewinnt an Gewicht Schon am späten Freitagnachmittag strömten die Besucher aus allen Richtungen über den Platz der Luftbrücke zur Abfertigungshalle, die in den Tagen davor noch nie so viele Menschen auf einmal erlebt hatte. „Wir haben unterschätzt, dass so viele Leute so lange bleiben“, räumte Stefan Lehmkuhl, Talent Buyer Melt!, am Rande der Abschlusspressekonferenz zur Berlin Music Week auf Nachfrage von Musik Woche ein. Wird es, soll es 2011 abermals eine Berlin Music Week geben? Aber sicher doch. Denn dafür spricht einiges. Zunächst einmal die Location: Der ehemalige Flughafen Tempelhof soll Austragungsstätte für den nächsten Euro – vision Song Contest sein. Da traf es sich bei der Eröffnungsparty am 7. September gut, dass zur Verleihung des New Music Awards der Jugendwellen verschiedener ARD-Sender auch Vertreter des NDR, der ARD und der European Broadcasting Union angereist waren, um die Örtlich – keiten in Augenschein zu nehmen und sich das Planungskonzept vom Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit, dem Tourismuschef Burkhard Kieker und dem als Hausherren fungierenden Boss der Berliner Immobilien Management, Sven Lemiss, erläutern zu lassen. Eine Ent – scheidung ist zwar noch nicht gefallen; auch Hamburg, Hannover und Düssel – dorf bewerben sich. Doch das Ambiente in Tempelhof und die Erfahrungen, die man zum Beispiel mit der Mode – messe Bread & Butter gemacht hat, sprechen für Berlin. Da im September 2011 die Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus anstehen, gewinnt der kulturpolitische Hotspot in Tempelhof ebenso wie die Berlin Music Week als Dachmarke zusätzlich an Gewicht. Das Fazit des Ber – liner Wirtschaftssenators Harald Wolf überrascht daher nicht: „Ich glaube, wir können konstatieren, dass Berlin wieder auf der Land – karte der internationalen Musikveranstaltungen zurück ist.“ Schließlich wollen weder Wolf noch Wowereit im September 2011 von der politischen Landkarte verschwinden. Die nächste Berlin Music Week kommt also ganz bestimmt. Und sie wird sicher noch bunter und widersprüchlicher. Manfred Gillig-Degrave Politiker besuchen Urheber: Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (l.) und Staatssekretär Hans-Joachim Otto (r.) plauderten beim Messerundgang am GEMA-Stand mit Aufsichtsrat Jörg Evers MusikWoche-Umfrage zur Berlin Music Week: „Unsere Industrie sollte sich anders präsentieren“ Berlin (jög/mw) – MusikWoche fragte Besucher der Berlin Music Week, aber auch die Macher, wie ihnen die Veranstaltung in diesem Jahr gefallen hat. Die Antworten fielen durchaus gegensätzlich aus. Viele Aussteller unterstrichen die positive Grundstimmung, in der sie gute Kontakte knüpfen konnten. Andere Besucher äußerten zum Teil harsche Kritik. Einig waren sich aber alle darin, dass es zumindest bei der Organisation noch manches zu verbessern gibt. Michael Schuster, Geschäftsführer Cargo Records: Die Resonanz ist gut, aber leider fehlt das internationale Publikum. Die Organisation der Popkomm ist nicht die allerbeste. Das Positive daran ist, dass man selbst aktiver werden muss, zurück zum Do It Yourself. Die Location ist prima, aber für eine Messe leider ungeeignet. Ich hätte es lieber kompakter, näher zusammen. Die Stände zwischen den Säulen lassen keinen professionellen Auftritt zu. Unsere Industrie sollte sich anders präsentieren. Ralf Kleinhenz, Geschäftsführer Popkomm: Insgesamt können wir ein positives Fazit ziehen. An den B2B-Tagen haben wir überwiegend gutes Feedback bekommen. Wir haben aus dem Markt den Auftrag erhalten, weiterzumachen. Im nächsten Jahr werden dann auch wieder mehr Länder auf der Popkomm vertreten sein, die diesmal wegen Budgetproblemen absagen 38/2010 17 berlin music week 2010.dossier Nachgefragt bei Olaf Kretschmar, Berlin Music Week „An Kommunikation, Integration und Ticketing können wir arbeiten“ Berlin – Als Vorsitzender des Organisationskomitees wirkte Olaf Kretschmar maßgeblich an der Ausrichtung der ersten Berlin Music Week mit. Im Gespräch mit MusikWoche-Redakteur Knut Schlinger räumt er Verbesserungs – möglichkeiten ein und rechnet bereits fest mit einer Neuauflage der Berlin Music Week im kommenden Jahr. MusikWoche: Sind Sie zufrieden mit der ersten Berlin Music Week? Olaf Kretschmar: Ja, erstaunlich zufrieden. Eine erste Zwischenbilanz lässt für uns den Schluss zu: Die Berlin Music Week war ein Erfolg. Man hat gesehen, dass das Konzept funktioniert, unterschiedliche Formate, Akteure und musikwirtschaftliche Lager zusammenzubringen. Das Projekt wurde vom Publikum und von den internatio – nalen Fachbesuchern gut angenommen und hat das Potenzial, neue Wege für die Musikwirtschaft zu entwickeln und den Musikstandort Berlin international zu positionieren. MW: Es kam aber auch Kritik auf. Halten Sie die für berechtigt? Kretschmar: Wir sollten die Kirche im Dorf lassen. Wir haben eine gute Grundlage geschaffen, müssen aber im Laufe des nächsten Jahres viel arbeiten. Die Berlin Music Week 2010 war das Pilotprojekt, ein erster Schritt, der gut funktioniert hat. So ein Projekt muss reifen, dafür braucht es innovative Ideen, eine funktionierende Grundstruktur – aber vor allem den Praxistest. Dieser hat uns eine Fülle wertvoller Erfahrungen vermittelt, und wir sind für alle Anregungen zur Berlin Music Week im kommenden Jahr dankbar. Es gibt noch viele Optimierungsmöglichkeiten. MW: Wo genau ist Finetuning nötig? Kretschmar: Wir haben vor allem in den Bereichen Information, Kommunikation und Navigation Verbesserungspotenziale identifiziert, aber auch das Ticketing sollte vereinfacht werden. Hier streben wir einen höheren Grad an Integration an. Zwar dürfte es schwierig sein, eine Eintrittskarte für alle Veranstaltungen in Berlin zu schaffen, aber das Kombiticket sollte 2011 mehr abdecken. MW: Ist die zweite Berlin Music Week denn schon fixiert? Kretschmar: Wir setzen uns zunächst zusammen und analysieren unsere Erfahrungen. An dieser Auswertung nimmt auch der Berliner Senat teil. Ich gehe aber davon aus, dass auch der Senat die Entwicklung positiv einschätzt und somit im nächsten Jahr eine Fortsetzung auf erweiterter Grundlage möglich ist. MW: Hatten Sie nicht auch den Eindruck, dass es noch zu sehr um die einzelnen Säulen Kongress, Messe und Festival ging als um eine gemeinsame Sache? Kretschmar: Wir haben es bei der Berlin Music Week mit einem Lernprozess zu tun, der sich auch auf das Miteinander der einzelnen Akteure bezieht. Unser Ziel ist es, die Berliner Musikkompetenz herauszustreichen und im Zuge eines Wachstumsprozesses eine Bühne für neue Bands, neue Trends, neue Themen und neue Technologien zu werden. Dabei denke ich an einen Zeitrahmen von fünf Jahren. MW: Wäre dazu nicht auch räumlich ein noch engeres Zusammenrücken nötig, um Wege zum Beispiel von Tempelhof zur Kulturbrauerei zu vermeiden? Kretschmar: An Kommunikation, Integra – tion und Ticketing können wir arbeiten; es gibt aber Dinge, die lassen sich nicht ändern. Berlin verfügt nun einmal über viele dezentrale Hotspots. Wer sich hier auf nur einen Standort konzentriert, schließt vieles andere aus. mussten. Leider konnten wir am Public Day aus bauaufsichtsrecht – lichen Gründen keine Konzerte in der Eingangshalle stattfinden lassen. Vor allem für die Eingangshalle und die Galerie besteht Verbesserungsbedarf. Auch bei der Ausschilderung der Messe waren Mängel erkennbar. Es gibt noch viel zu tun. Bettina Schasse de Araujo, General Director Piranha Music & IT: Für uns war die Messe sehr effizient. Es herrschte eine positive Grundstimmung. Für uns war es der Durchbruch. Aber die Hürde der Architektur mit den langen Gängen und den abgeschlossenen Boxen ist groß, man muss aktiv Leute ansprechen. Außerdem würde ich mir Schallschutzmaßnahmen wünschen, da es an den Ständen sehr laut ist. Jim Mahoney, Vice President A2IM: Die Berlin Music Week hatte einen guten Start. Meine Mitglieder sagen, dass sie gute Treffen hatten. Die Amerika- Ziehen für MusikWoche ein erstes Fazit der Berliner Musikwoche (v.l.n.r.): Martin Brem, Michael Schuster, Claudia Kempf und Ralf Kleinhenz Hat die Musikwoche hinter sich: Olaf Kretschmar 3 18 38/2010 dossier.berlin music week 2010 all2gethernow zählt 2000 Besucher, 253 Redner und 130 Panels Kongress der weiten Wege Berlin – Die allerbesten Voraussetzungen waren es nicht: Die zweite Ausgabe der all2gethernow zog sich samt dem einleitenden Barcamp, der messebegleitenden Konferenz und den abschließenden Forumsbeiträgen über beinahe eine ganze Woche hin. Das verlangte von den Teilnehmern eine große Aufmerksamkeitsspanne. Wer das Konferenzprogramm im Rahmen der Popkomm verfolgen wollte, wurde zudem konditionell auf die Probe gestellt: Die einzelnen Veranstaltungsräume lagen so weit auseinander, wie es das Flughafengelände gerade noch hergibt. Die dazwischen liegende Flaniermeile bot deshalb reichlich Gelegenheit, die persönlichen Netzwerke zu pflegen, stellte aber auch die Disziplin in Sachen Pünktlichkeit auf eine schwere Probe. Trotz der weiten Wege scheint sich die a2n im zweiten Jahr ihres Bestehens aber etabliert zu haben: Schließlich zählten die Organisatoren an die 2000 Besucher. Viele davon dürften inhaltlich auf ihre Kosten gekommen sein. Zwar hätte der a2n sicher auch ein Besuch von Google-Konzernchef Eric Schmidt gut zu Gesicht gestanden, der aber hatte sein ger Gerichtsentscheidungen in Sachen GEMA vs. YouTube und Peterson/Brightman vs. YouTube mehr kreativen Gegenwind zu spüren, als er ihn zum Beispiel von seinem Besuch im milden Midem- Januar gespürt haben dürfte. Als Walkers Stichwort – geber musste sich aber auch Blogger Mike Masnick der Kritik stellen: Der „Techdirt“- Macher hatte außerordentlich geschmacklose Nutzerkommentare zu seinem Onlinebeitrag über den Fall Brightman zu- und stehengelassen. Unter den 253 Rednern bei 130 Panels, Workshops und Vorträgen fanden sich Prominenz wie Produ- Pulver bereits zuvor auf der IFA verschossen. Als Vertreter des Google-Konzerns stattete stattdessen Patrick Walker dem Kongress einen Besuch ab – und bekam hier im Nachgang der jüngsten Hambur- Stellen grundsätzliche Fragen (v.l.n.r.): Moritz van Dülmen (Kulturprojekte Berlin), Jacob Bilabel (Green Music Initiative), Olaf Kretschmar (Berlin Music Week) und Finja Götz (Melt Booking) ner waren zunächst skeptisch, weil die Popkomm im letzen Jahr abgesagt wurde. Im nächsten Jahr kommen aber sicher wieder mehr Teilnehmer. Nicht so gut fand ich die langen Gänge: Das sollten die Veranstalter kompakter machen. Und es gab noch viele Anlaufschwierigkeiten wie fehlende Schilder oder Kleiderbügel an den Ständen. Auch die Panels waren nicht gut beworben. Hermann Mader, Geschäftsführer One Trade: Das war eine organisatorische Vollkatastrophe. Die Platzierung unseres Stands auf der Galerie war sehr schlecht, es gab keine Beschilderung und eingeladene Kunden fanden uns nicht. Zudem sind die Konzerte viel zu laut, da kann man keine Geschäfte machen. Wir hätten gleich am ersten Tag gehen sollen. Mit ihrem Namen wollte die Popkomm nur Geld bei den Dummen abkassieren. Ich werde nie mehr hierher kommen, denke aber, dass die Popkomm auch nicht mehr stattfinden wird. Wer braucht noch Messen? Claudia Kempf, Corporate Communi – cations Suisa: Das Feedback unserer Labels ist positiv, was vielleicht auch daran liegt, dass die Popkomm preiswerter geworden ist. Ich finde es besser als 2008, aber vielleicht waren die Erwartungen auch nicht so hoch. Die Location ist einfach cool. Leider fehlt aber ein einheit – liches Programm und die Informa – tionsmöglichkeiten sind schlecht. Im Rahmen des Showcase-Festivals gab es tolle Konzerte, die leider nicht so gut besucht waren. Rosita Romano, Allround Music: Die Popkomm ist eine Midem in verkleinerter Form, etwas persönlicher. Wir haben gute Geschäfte gemacht und bereits Rechte von einem italienischen und einem kanadischen Verlag erworben. Sehr gestört hat mich, dass die Stände nicht nummeriert sind und wir im Katalog fehlen. Sehr schön fand ich, dass man an einen Geldautomaten in Form des Zaster- Lasters gedacht hat. Wir kommen nächstes Jahr wieder. Eva Kiltz, VUT: Die Räume sind sehr schön, und die meisten unserer Mitglieder sind zufrieden. Außerdem sind die Preise für eine Popkomm sehr gut. Ich denke aber, das Team hinter der Messe ist zu klein – zu wenig Leute haben zu viel gewollt. Viele kleinere Dinge fehlen, das ist schade. Auch der Public Day ist nicht durchdacht: Dafür müsste man die Stände noch einmal umbauen – und das macht keiner. Schade auch, dass es am Public Day keine Kon – zerte gab wie an den Vortagen. Die a2n schließlich hat – für die finanziellen Mittel, die ihr zur Verfügung stehen – Unglaubliches geleistet. Nicolas Graebling, Geschäftsführer Rock on the Wall: Ich finde den alten Flughafen Tempelhof einfach unglaublich. Der erste Tag auf der Popkomm war großartig, interessanter als ich je gedacht hätte. Ich konnte keine fünf Minuten Pause machen. Der zweite Tag war dann tot. Ich hoffe, dass ich die angebahnten Geschäfte auch zu Ende bringen kann. Die Organi – sation hat mir nicht so gut gefallen, da erwartet man von einer Messe in Deutschland einfach mehr. Zum Beispiel sind keine Nummern an den Ständen. Sie hätten noch einen Tag für die Vorbereitungen gebraucht. Martin Brem, Mitinitiator all2gethernow: Wir sind mit der a2n sehr zufrieden. Wir hatten fast 2000 Besucher bei unseren Veranstaltungen. Das macht durchschnittlich 40 Teilnehmer pro Session. Aber entscheidend ist, was inhaltlich passiert. Und da hatten wir mit Martin Atkins als Stand-up-Comedian, Scott Cohen von The Orchard und dem YouTube- Panel wirkliche Highlights. Leider waren zu wenige Musiker anwesend, da müssen wir unsere Kommunikation noch verbessern. Wir überlegen, einen Salon einzurichten, um in Berlin mit einem festen Ort zu einem festen Termin einmal monatlich präsent zu sein. Stefan Herwig, Geschäftsführer Mind – base Music Management: Das war besser als letztes Jahr. Kurt Erping, Geschäftsführer tonpool Medien: Was hier passiert, tut der Branche nicht gut. Stefan Michalk, Geschäftsführer Bundesverband Musikindustrie: Dieser Relaunch ist gelungen, die Atmosphäre war gut. An Details muss man aber noch arbeiten. MusikWoche-Umfrage zur Berlin Music Week: „Wir kommen nächstes Jahr wieder“ 38/2010 19 berlin music week 2010.dossier zent Rupert Hine, Sony-Music-CEO Edgar Berger, DEAG-CEO Peter Schwenkow oder der als Alleinunterhalter glänzende Martin Atkins von Invisible Records. Zwar ging es dabei längst nicht immer lösungsorientiert zu, aber dennoch sieht sich a2n-Mitini – tiator Tim Renner dank der „eindeutig positiven Reaktionen auch im zweiten Jahr des Bestehens der all2gethernow“ darin bestärkt, „dass die Branche einen Treffpunkt braucht, der die praktische Diskussion in den Mittelpunkt rückt und die aktuell brennenden Inhalte aufnimmt“. So ging es bei einer Diskussionsrunde zum Beispiel um die technologische Ent – wicklung im Musikgeschäft und was für Innovationen sie wirklich mit sich bringt. Als Vorstandsvorsitzender des Bundesverbands Musikindustrie gab Dieter Gorny hier dem Berliner Bürgermeister Klaus Wowereit kontra, der zuvor bei der Eröffnung der Popkomm-Musikmesse das alte Vorurteil bemüht hatte, nach dem die Musikwirtschaft das Internetzeitalter verschlafen habe: „Die Branche hat den digitalen Wandel längst angenommen“, stellte Gorny klar. Während man in Sachen neuer Geschäftsansätze längst gut positioniert sei, fehle es hingegen an der Effizienz, mit der die Filmwirtschaft und das Buchgeschäft ihre Erzeugnisse als Kulturgut profilierten. Trotz aller Kritik an den Rahmenbedingungen dürfe man aber „den Kunden nicht vergessen“, konsta – tierte derweil Napster-Europachef Thor – sten Schliesche. Es gehe heute mehr noch als früher darum, ein Angebot aufzu – bauen, für das Nutzer auch zu zahlen bereit seien. Schliesche sieht die Zukunft statt im Verkauf von Tracks und Alben eher im sogenannten Access-Modell, also im steten und nur wenig eingeschränkten Zugang zu großen Musikkatalogen – allerdings auch das mit Einschränkungen: „Von den großen Cloud-Szenarien sind wir noch Jahre entfernt.“ Bis dahin müsse die Branche aufpassen, dass sie die Nutzer nicht vergrault. Denn es sei für Musik – fans schlichtweg nicht nachvollziehbar, warum sie für ein und denselben Song auf verschiedenen Kanälen immer wieder zahlen sollten. In diesem Zusammenhang wünschte sich Schliesche auch ein gewisses Augenmaß bei allen Rechteinhabern, sonst drohe jedwede Entwicklung zu versanden: „Wir müssen Lizenzgebühren bezahlbar gestalten.“ Dass die Luft für viele Musikschaffende inzwischen dünn und dünner wird, machte derweil Tim Renner klar, der sein Unternehmen Motor Entertainment mehr und mehr als Servicepartner positioniert: Die Stars bleiben reich, die kleinen Acts können dank der vielen technischen Möglichkeiten von der Musik – produktion bis zur Selbstvermarktung so dynamisch agieren wie nie zuvor, „aber für alle dazwischen wird es eng“. Dass es trotz solch grundsätzlicher Erwägungen sogar noch grundsätzlicher geht, verdeutlichte derweil ein Vorstoß der Aktivisten von der Green Music Initiative: Deren Ziel ist es, die Berlin Music Week bis zum Jahr 2020 möglichst umweltverträglich zu gestalten. „Es geht nicht darum, neue Sachen zu machen“, sagte Moritz van Dülmen, der als Geschäftsführer der gemeinnützigen Landesgesellschaft Kulturprojekte Berlin für die Zukunft der Berlin Music Week eine nicht unerhebliche Rolle spielt. „Es geht vielmehr um einen Denkprozess, Sachen anders zu machen.“

Neugierig?

Jetzt als Abonnent anmelden und weiterlesen.

Du hast noch kein Abo? Dann hol dir jetzt das Digitalabo für nur 39,90 Euro pro Monat.

Anmelden