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Dossier: Tonstudios – Feinabstimmung mit persönlicher Note

Ziehen die Tonstudios jetzt die Notbremse? Ob als Fullservice-Dienstleister oder Spezialisten für einzelne Produktionsschritte: Die Meister der Töne sind sich einig, dass die Arbeit im Studio Zeit braucht. Denn Qualität kann nur entstehen, wenn bei der Arbeit zwischen Künstler und Produzent auf einer persönlichen Ebene die Chemie stimmt.

Die Zeit rast, und mit ihr dreht sich das Rad der Tonstudiobranche. Skeptiker sprechen von einem Hamsterrad. Denn in immer kürzeren Phasen müssen Aufträge alle Stadien der Produktion durchlaufen, aber die Qualität soll bitteschön nicht darunter leiden. Die Industrie zieht durch knappe Budgetierung die Daumenschrauben an. Zeit und somit auch Kreativität kommen dabei zu kurz. Diesem Dilemma sehen sich die Tonstudios ausgesetzt. Die Kommunikation zwischen Künstler und Tonproduzent gehöre zum Herzstück seiner musikalischen Arbeit, betont Sascha „Busy“ Bühren, Geschäftsführer von Truebusyness Musicproductions. „Wo nur gearbeitet wird, ohne eine gemeinsame Ebene zu schaffen, hört sich das Endprodukt auch dementsprechend an“, so der Toningenieur. In seinem im nordrheinwestfälischen Bad Oeynhausen angesiedelten Tonstudio hat er sich seit einigen Jahren ganz auf das Mastering eingestellt. Nur die wenigsten Tonstudios können sich heutzutage noch große Aufnahmeräume leisten. Oft gehören diese zu einer alteingesessenen Garde, konzentrieren sich auf einen bestimmten Bereich oder sichern sich ihre Einkünfte durch Studiovermietung. Den Luxus großzügige Räumlichkeiten leisten sich heute hauptsächlich Tonstudios, die sich mit akustischen Aufnahmen befassen. Philipp Nedel, der seit Anfang der 90er-Jahre in der Tonstudiobranche tätig ist und zehn Jahre für Teldec Classics International gearbeitet hat, gehört zu jenen, die sich diesen Traum erfüllt haben. Sein neu eingerichtetes Tonstudio b-sharp in einem Außenbezirk von Berlin hat einen 250 Quadratmeter großen Aufnahmesaal samt Konzertflügel und Kaminecke. Die Rahmenbedingungen für Musikproduktionen seien äußerst bescheiden geworden, betont der b-sharp-Geschäftsführer. Wegen wegbrechender Budgets sei nicht mehr gewährleistet, dass man in Ruhe produzieren kann. „Musik braucht Luft zum Atmen und auch mal eine Pause“, gibt Nedel zu bedenken. Das könne man nicht in einem halben Tag absolvieren. Es gehe um mehr als gute Mikrofone und eine technisch ausgefeilte Ausstattung, sagt der Studiochef. „Man braucht Zeit, um sich aufeinander einzustellen.“ Genau diesen Freiraum hat er sich mit seinem neuen Standort geschaffen. Ebenfalls einen Neustart gewagt hat Reinhard Gross, Geschäftsführer von Hicktown Records in Raubling bei Rosenheim. In seinem High-End-Studio bietet er den Kunden zwei Aufnahmeräume plus anhängiger Regie an. In ungezwungener Atmosphäre möchte er mit seinen drei Mitarbeitern Musikproduktionen von der Demo-CD bis zum qualitativ hochwertigen Studioalbum realisieren. Damit genug Zeit dafür da ist, können die Künstler vor Ort übernachten. „Man muss es einfach wagen, auch heute noch ein Tonstudio zu eröffnen“, so der Diplom-Toningenieur. Die Chemie muss stimmen Auffällig sei, dass immer öfter Bands mit fertigen Demoversionen ins Studio kämen. Das komme aber allen entgegen, „denn da wird Zeit von beiden Seiten gespart, und man kann gleich mit der eigentlichen Produktion anfangen“. Als Ziel bis zum Jahresende hat er sich für Hicktown Records vorgenommen, die Bereiche Radio und Film weiter auszubauen. Wenn es um die Qualität von Musikproduktionen geht, erkennt Rüdiger Veith „einen klaren Trend zurück zum Altbewährten“. In den letzten Jahren habe die Plattenindustrie enorm gespart – vor allem, was die Vorarbeit, die Künstlerentwicklung und die Zeit im Studio betrifft, sagt der Geschäftsführer der music support group (msg). „Bei uns in den Dorian Gray Studios finden derzeit wieder große Produktionen statt, bei denen eine zeitintensive Vorbereitung zwischen Künstler, Produzent und Label eingeplant ist.“ Nicht selten würden 40 Studiotage angesetzt, was dann zu einem Ergebnis führe, das für sich spreche. Ein weiteres Beispiel, was sich durch intensive Zusammenarbeit entwickeln kann, liefern auch die Ludwigsburger Bauer Studios, die sich in Kooperation mit Universal gerade ein neues Standbein im Popsegment sichern. Durch die Arbeit mit dem Singer und Songwriter Tiemo Hauer hat Toningenieur Marcel Schechter das gemeinsame Projekt ins Rollen gebracht. Die Entscheidung, ein Album miteinander zu produzieren, habe sich erst im Lauf der Zeit ergeben, sagt Schechter. Die Chemie müsse stimmen, und um herauszufinden, ob sie stimmt, sollte man erst einmal eine Weile miteinander arbeiten.Auch für Patrik Majer, Chef des Berliner Freudenhaus Tonstudios, hängt das Gelingen einer Produktion vom kreativen Miteinander ab: „Es ist mir wichtig, mit Leuten zu arbeiten, auf die ich wirklich Lust habe und wo ein guter Kontakt im Vorfeld hergestellt wird.“ Leider werde das Mastering dabei viel zu wichtig genommen. „Viele Leute verlassen sich heute auf die Endabmischung, anstatt im Vorfeld gute Arbeit zu leisten.“ Noch vor zehn Jahren sei das Mastern eher eine nebensächliche Angelegenheit gewesen, sagt Majer. Dagegen spielt der Feinschliff am Ton in Studios, die sich hauptsächlich mit akustischen Aufnahmen beschäftigen, noch immer eine eher untergeordnete Rolle. Die Beschäftigung mit Popmusik sei im Studio eine spannende Sache, betont Philipp Nedel von b-sharp, bedürfe aber einer völlig anderen Arbeitsweise. In der Klassik gehöre die Mastering-Arbeit aber zum Glück nicht zu den Hauptkomponenten. „Im Idealfall erzeugen wir eine Mischung, bei der wir nicht mehr grundsätzlich in den Klang eingreifen.“ Tonstudios, die heute neu in den Markt einsteigen, müssten sich sicher breiter aufstellen, sagt Nedel. Denn es sei viel schwieriger, Kontakte auch über magere Wegstrecken hinweg aufrecht zu erhalten und so eine künstlerische Zusammenarbeit von Dauer zu schaffen. Dem pflichtet Marcel Schechter bei, der als Toningenieur der Bauer Studios Neueinsteigern rät, sich grundsätzlich erst einmal breit zu positionieren. Heute müsse man für alle Felder offen sein, dann könne man sich im Laufe der Zeit auch spezialisieren. Und genau das hat Sascha Bühren getan, als er sich vor vielen Jahren dazu entschied, sein Tonstudio auf das Mastering umzustellen. Pop braucht mehr Mastering Viele Produktionen werden heute in Homestudios vorbereitet, betont der Geschäftsführer von Truebusyness. Auf die Endabmischung könne man aber besonders im Popsegment heute nicht mehr verzichten. Das sieht auch Dieter Pimiskern so, der bei den Dorian Gray Studios der music support group als Masteringengineer tätig ist: „Mastering ist und bleibt der letzte Schritt im Produktionsprozess und kann nicht von einem Homestudio ersetzt werden.“ Allerdings sei die Kluft zwischen Megaproduktionen und Aufnahmen von Zuhause kleiner geworden, da sich die Qualität der Homestudios erhöht habe. Erschreckend sei, „wie wenig Leute aus der Musikbranche heutzutage wissen, wie Musik aufgenommen und produziert wird“, gibt Freudenhaus-Betreiber Patrik Majer zu bedenken. Deshalb plädiert er für ein 14-tägiges Pflichtpraktikum aller angehenden Manager im Musikbusiness. Die Branche kenne sich selbst nicht mehr, so Majer, und von Jahr zu Jahr werde es schlimmer. Rezepte gegen das Wettrennen um Produktionen, Zeiteinheiten und Qualitätsansprüche haben die Tonstudios also gefunden. Und vielleicht kommt die Musikindustrie dadurch ja doch noch auf den Trichter, dass schneller nicht unbedingt besser heißt. Denn wenn Zeit nur in Geldeinheiten gemessen wird, bleibt die Kreativität auf der Strecke.

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