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Dossier: Steve Blame – „MTV, Deutschland und ich“

Als Moderator der MTV News war der Engländer Steve Blame von 1987 bis 1994 Teil der Popkultur. Dann wechselte er zu Viva. In seinen persönlichen Erinnerungen, die kürzlich bei Bastei Lübbe erschienen, lässt Blame die große Zeit des Musikfernsehens noch einmal Revue passieren. MusikWoche bringt Auszüge aus „Getting Lost Is Part Of The Journey“.

Mit Madonna hatte ich mein bestes Interview. Es fand in Mailand statt und war das erste Interview, das sie MTV Europe gewährt hatte. Madonna zu interviewen ist nicht vergleichbar damit, irgendeinen anderen Künstler zu interviewen, was zu Teilen der straffen Organisation um sie herum, ihrem Superstarstatus und ihrem daraus resultierenden einschüchternden Auftreten geschuldet ist. Diese Faktoren sorgen dafür, dass der Interviewer zu Beginn des Gesprächs immer in der schwächeren Position ist und in der Folge darum kämpfen muss, die Kontrolle zu erlangen. Natürlich strebt Madonna danach, die Situation unter Kontrolle zu behalten, und es ist die größte Angst von jemand, der alles kontrollieren will, diese Kontrolle zu verlieren. Ein guter Interviewer wird den Interviewten immer dazu bringen, sich zu öffnen, den Zugriff auf die Situation zu lockern und auf die Art etwas Neues preiszugeben. Ob der Interviewte Letz – teres tut, wird nicht bloß über das wahrgenommen, was er sagt, sondern über seine Reaktion, seine Mimik, darüber, wie wohl oder unwohl er sich fühlt. Das Fernsehen vermittelt Informationen auf einer Vielzahl von Ebenen, und das Publikum nimmt so etwas immer wahr. Ich bin ein Fan von Madonna, seit ich während der frühen Achtziger das Video zu „Borderline“ gesehen habe. Das war Madonnas erste Veröffentlichung in Großbritannien. Es war klar, dass sie eine Macht war, mit der man in der Welt der Popmusik künftig rechnen musste. Nicht so klar war, dass sie eine der größten Musikikonen, wenn nicht sogar die größte Musikikone unserer Generation werden würde. Als ich bei MTV anfing, war es mein Traum, sie zu interviewen. Ich hatte in den Staaten auf den MTV Video Music Awards ihre Backgroundsängerinnen interviewt und Madonna dort und während ihrer Europatour live gesehen. Aber erst 1992 willigte sie schließlich ein, MTV Europe ein Interview zu geben. Die limitierte Auflage ihres Buches „Sex“, für das Steven Meisel sie nackt fotografiert hatte, war zu diesem Zeitpunkt bereits im Handel. Madonna wurde für dieses Buch damals viel geschmäht, aber meiner Meinung nach hatte sie mit „Sex“ eine Reihe von Themen angegangen, die damals noch echte Tabus waren, insbesondere in ihrem Geburtsland. Die besten Fotos waren zweifelsohne die, die sie nackt beim Drachenfliegen, bei der Hausarbeit oder wie sie per Anhalter fuhr zeigten. In meinen Augen war das die provokative Madonna in Hochform. Für den Rest der Welt schien es vor allem Anlass zu sein, sie von ihrem Sockel zu stoßen. Jenem Sockel, den man zunächst für sie er – richtet hatte. Das Interview sollte parallel zur Veröffentlichung ihres „Erotica“- Albums ausgestrahlt werden. Das erste Video zum gleichnamigen Song war bereits fertig, und bei MTV wurde auf höchster Ebene darüber debattiert, ob wir es senden sollten oder ob es sexuell zu explizit war. Eine Weile vor dem Interview las ich einen Artikel der kritischen Feministin Camille Paglia, in dem sie Madonna als die Zukunft des Feminismus bezeichnete. Ich fand die Idee spannend, dies zu einem der Eckpunkte des Interviews zu machen, aber als schließlich bekannt gegeben wurde, dass Madonna MTV mit ihrer Anwesenheit beehren würde, verkündete Brent Hansen, der kreative Kopf des Senders, dass Pip Dann das Interview führen würde. Pip arbeitete damals beiwohl gewesen sein, dass sie mit Brent verheiratet war. Brent argumentierte damit, dass Pip ein großer Madonna-Fan sei. Das war ich auch. Nach einigem Hin und Her wurde das Interview dann doch mir zu – gesprochen. Damals lebte ich mit Kristos zusammen, einem australischen Model mit griechischen Wurzeln. Ich hatte ihn während eines Urlaubs in Griechenland kennengelernt. Unser Verhältnis war grundsätzlich platonischer Natur. Kristos war heterosexuell, aber wir hatten ein paar Mal miteinander geschlafen, und er war bei mir in London eingezogen. Als riesiger Madonna-Fan schleppte er ständig eine Sammlung Madonna-Memorabilia mit sich um die Welt. Als das Interview bevorstand, bot ich Kristos also an, mich zu begleiten. Das Interview mit Madonna entwickelte sich zu einem Großereignis für MTV. Ein Meeting nach dem anderen wurde anberaumt. Zusätzlich zum Interview würde Ray Cokes, ohne Zweifel der beste Moderator des Senders, eine Sondersendung mit dem Titel „In Search Of Madonna“ drehen. Das Konzept dieser Sendung erforderte von Madonna weiter nichts, als Ray auf die Wange zu küssen, während er so tat, als würde er schlafen. Alle anderen Szenen, die Ray auf seiner verzweifelten Suche nach der Pop-Ikone zeigten, sollten in und um Mailand gefilmt werden. Das Interview würde dreißig Minuten dauern, und Ray bekam zwei Minuten, um seine Szene zu filmen. Obendrein entschied MTV, mir eine komplette Entourage von Mitarbeitern mitzugeben. Dazu gehörten unter anderem eine Abteilung namens Talent Artist Relations, die als Verbindungsglied zum Management der Künstlerin fungierte, Fiona, die Direktorin von MTV News, Brent und eine Unmenge anderer Leute. Am Wochenende vor dem Interview bat mich Frank Farian, auf Ibiza eine Reihe seiner Künstler anzumoderieren. Also flogen Kristos und ich erst nach Ibiza, arbeiteten für Frank und verbrachten das Wochenende mit Michael Münzing, einem der Produzenten von Snap, sowie seiner Frau Verena. Danach flogen wir nach Mailand und checkten dort im Hotel ein. Die Nachricht vom Interview machte bereits die Runde, und vor dem Hotel lagerten Horden von Madonna-Fans. Am nächsten Morgen erreichten MTV nahezu minütlich neue Nachrichten aus dem Lager von Madonna. Die meisten davon waren Gerüchte. Sie ist schlecht drauf. Sie ist gut drauf. Sie ist zickig. Sie ist unfreundlich. Sie ist total nett. Bei all diesen widersprüchlichen Nachrichten wurde ich langsam nervös. Kristos war mir keine große Hilfe. Sein einziges Ziel war, Madonna zu treffen. Zwei Stunden, bevor das Interview losgehen sollte, traf das Tape von „Erotica“ ein, obwohl es erst hieß, ich würde nichts zu hören bekommen. Kristos riss es mir sofort aus der Hand. Ich holte es mir zurück und warf ihn aus dem Zimmer. Ich musste es mir allein anhören und ein paar weitere Fragen zur Musik überlegen. Aber mein Hauptthema stand bereits fest: Madonna und der Feminismus. Etwa zehn Minuten vor dem vereinbarten Beginn des Interviews rief man mich in den Raum, in dem es stattfinden sollte. Die Crew hatte bereits alles aufgebaut und saß wartend herum. Im hinteren Teil des Zimmers hatte es sich der Rest der MTV-Belegschaft bequem gemacht. Ich hasste es. Ein Publikum kann jegliche Intimität ruinieren, die man erreicht, wenn sich der Kreis der Anwesenden auf Filmcrew, Interviewer und den Interviewten beschränkt. Aber man hatte mich überstimmt. Ich setzte mich auf meinen Stuhl, ließ mir das Mikrophon ans Revers stecken und verbrachte den Rest der Wartezeit damit, meine Fragen noch einmal durchzugehen. Madonna traf pünktlich auf die Minute ein. Liz Rosenberg, ihre langjährige PR-Agentin, brachte sie rein. Als Madonna sich setzte und der Tontechniker ihr Mikrophon anbrachte, fragte ich sie, wie es ihr ginge. „Ich will einen Scheinwerfer, ich will, dass er direkt auf mich gerichtet ist, und ich will, dass Sie ihn ausrichten“, sagte sie und deutete dabei auf Fiona, die Direktorin von MTV News. Fiona war nicht einmal imstande, eine Glühbirne auszuwechseln, geschweige denn, das Licht für ein Madonna- Shooting zu richten, und sie machte sich so klein sie konnte. Der Beleuchter kam seinem Job ordnungsgemäß nach, und Madonna fuhr fort: „Test, eins zwei drei, gut so?“ Ich lachte: „Das reicht völlig.“ Für mich stand nun fest, dass das kein nor – males Interview werden würde. Es lag eine aggressive Atmosphäre in der Luft, und Madonna war zum Kämpfen aufgelegt. Es lag nun an mir, den Kampf mit ihr auf – zunehmen. Und das tat ich. Über die nächsten dreißig Minuten bemühte ich mich, Madonna zu einer Reaktion zu bewegen, die erkennen ließ, wie sie zu Camille Paglias Aussagen stand. Ich wollte sehen, ob Madonna diesen neuen femi – nistischen Titel wert war. Es war ein harter Kampf, und ich war erfreut über seinen Ausgang. Zum Ende des Interviews war Madonna freundlich und öffnete sich mir das erste Mal. Ich war richtiggehend perplex. Trotzdem nutzte ich die Gelegenheit, sie zu bitten, meinen draußen wartenden Freund zu grüßen. Sie erkundigte sich nach seinem Namen und verließ den Raum. Als sie ihn beim Rausgehen sah, drehte sie sich zu ihm um und zog dann einen Schmollmund in bester Madonna- trifft-Marilyn-Manier. „Hi Kristos“, hauchte sie. Er wäre fast zu Boden gegangen. Ihre Bodyguards mussten ihn auffangen. Er konnte es einfach nicht glauben. Makatsch interviewt Madonna Das Ziel bestand darin, den Regisseur Wim Wenders Madonna interviewen zu lassen. An Madonna heranzukommen stellte sich als überraschend einfach heraus. Ich musste die Plattenfirma umgehen, da deren Möglichkeiten, internationale Starsverfügbar zu machen, oft beschränkt waren, und wenn sie doch einen Interviewtermin zu vergeben hatten, dann bekam diesen immer der Sender mit den höchsten Einschaltquoten. Damit waren wir zwangsläufig draußen. Also beschloss ich, mich direkt an Liz Rosenberg, Madonnas PR-Managerin, zu wenden. Bereits am nächsten Tag erhielt ich eine Antwort. Madonna würde Viva 2 ein Interview geben. Nun musste ich nur noch Wim Wenders überzeugen. Wie schwierig konnte das schon sein? Ich kontaktierte sein Büro in Berlin und stellte eine offizielle Anfrage. Wenders war wegen der Premiere von „Jenseits der Wolken“ in Köln, einem Film, bei dem er die Regie gemeinsam mit Antonioni geführt hatte. Ich kam zu dem Entschluss, dass es das Beste wäre, ihn persönlich aufzusuchen. Ich war mir so sicher, dass diese Kombination aufgehen würde, ich zog überhaupt nicht in Erwägung, dass eine der Parteien diese Möglichkeit ausschlagen könnte. Auf der einen Seite war da Wenders, einer der größten europä – ischen Regisseure, jemand, der mit seiner filmischen Vision Maßstäbe gesetzt hatte. Auf der anderen Madonna, jetzt schon eine der größten Ikonen des Zwanzigsten Jahrhunderts und jemand, dessen Interesse am Film weithin bekannt war, wenn sie auch als Schauspielerin viel Kritik einstecken musste. Wie konnte dieses Duell irgend – etwas anderes als fantastisch werden? Zwei Charaktere von entgegengesetzten Seiten der kulturellen Grenzlinie zwischen Kunst und Kommerz, zwei gleichermaßen ikonische Figuren, aber beide in der Populärkultur unglaublich bewandert. Das musste einfach großartig werden. Ich sprach Wenders nach dem Film an. Er war ausgesprochen freundlich und schien meiner Idee gegenüber aufgeschlossen zu sein. Er bat mich, alles Weitere mit seinem Büro zu regeln, und es sah ganz so aus, als müssten wir nur noch einen beiden Par – teien genehmen Termin finden, und wir könnten loslegen. Nachdem ich von Madonna die Bestätigung hatte, hakte ich bei Wenders nach, um auch von ihm eine zu bekommen. Die kam allerdings nicht. Ich war enttäuscht. Die Person, von der ich es am wenigsten erwartet hätte, schlug die Chance aus. Madonna blieb bei ihrer Zusage, dem Sender ein Interview zu geben. Ich suchte Gorny auf, um ihm davon zu erzählen. Ich hatte inzwischen jenen Punkt erreicht, in dem ihn nichts mehr, was ich tat, zufriedenstellen konnte. Ich weiß nicht, warum ich überhaupt daran interessiert war, ihn zufriedenzustellen. Vielleicht stand er irgendwie für meinen Vater. Aus irgendeinem dubiosen Grund war mir jedenfalls daran gelegen, von ihm irgendeine Form von Anerkennung zu erhalten. Die sollte ich jedoch nicht kriegen. Er war in einem Meeting, doch seine Tür stand offen, und ich klopfte an. Ich erzählte ihm die Neuigkeiten, und er qualifizierte Madonna als „abgehalftert“ ab. Das war 1995. Mir verkrampfte sich bei seiner Antwort der Magen. Als die Wochen vergingen, rückte das Madonna-Interview näher. Madonnas Lager hatte darum gebeten, dass nicht ich das Interview führen sollte, sondern jemand, der mit etwas weniger Ernsthaftigkeit an die Sache herangeht. Die Erinnerung an mein „Erotica“- Interview war ihnen immer noch präsent. Gorny brachte Heike Makatsch ins Spiel. Heike war damals Vivas auf – gehender Stern, und ihr Girlie-Image traf bei der deutschen Jugend einen Nerv. Heike hatte einen wundervollen Charme, große Kulleraugen und eine raue Stimme. Ich war mehr als zufrieden mit der Wahl, und obwohl ich wusste, dass es kein besonders tiefgründiges Interview sein würde, versprach es, sehr unterhaltsam zu werden. Und das war genau das, was sich Madonnas Lager wünschte. Außerdem waren beide Vivas letztendlich Unterhaltungssender. Wir flogen über Amsterdam nach New York. Unterwegs tauschten Heike und ich uns über unser beider Leben aus. Ich hatte das starke Bedürfnis mit jemandem zu reden, der bereit war, sich meine Misere anzuhören. Und auch Heike gab ein paar persönliche Details preis. Wir verbrachten ein paar Tage in New York. Am ersten Abend rief ich eine alte Kollegin an, die für MTV in den Staaten arbeitete, und sie lud uns auf ein Moby-Konzert ein. Nach dem Gig kam er zu uns und sagte Hallo. Am nächsten Tag stand das Interview an. Heike war verständlicherweise nervös. Aber ich versicherte ihr, dass Madonna sehr umgänglich sei. Im Warner-Gebäude wurden wir in einen Warteraum mit einigen anderen Journalisten geschickt. Nach ein paar Minuten kam Liz Rosenberg herein und drückte mich zur Begrüßung. Dann betrat Madonna den Raum, lief schnurstracks auf mich zu, sagte Hallo und herzte mich ebenfalls. Sie war voller Leben. Ich fragte sie, ob wir uns mit ihr fotografieren lassen dürften. Ich hatte meine Arme um sie und Heike gelegt, und als der Fotograf mich bat, meine Hand etwas zu senken, griff ich Madonna an den Hintern und merkte an, wie knackig dieser sei. Woraufhin sie erwiderte, von meinem könne man das leider nicht sagen. Das Foto erschien später in der Presse. Es war nachbearbeitet worden und man hatte mich herausgeschnitten, damit es aussah, als würde Madonna neben Heike stehen. Als wir nach dem Interview wieder im Hotel waren, bestellte ich Champagner auf Heikes Zimmer. Sie war völlig überwältigt. Sie hatte Madonna interviewt!

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