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Dossier: Startschuss für Independent-Charts

Erst im Herbst vergangenen Jahres hat der VUT die Goldene Indieaxt als Branchenpreis ausgegraben. Jetzt geht der Verband unabhängiger Musikunternehmen in seiner Öffentlichkeitsarbeit noch einen Schritt weiter: Zusammen mit media control bringt er eine eigene Hitliste heraus; die erste Ausgabe liegt vor. MusikWoche fragte die Beteiligten nach Beweggründen und Spielregeln der neuen Top 20 Independent.

Charts geben Halt im schnelllebigen Musikgeschäft. Sie dienen der Branche als Gradmesser für Verkaufserfolge und zugleich als Marketinginstrument. Deshalb hat der VUT die offiziellen deutschen Independent- Charts ins Leben gerufen. Sie sollen ab sofort auf monatlicher Basis die er folgreichsten Albumveröffentlichungen unabhängiger Musikunternehmen auf – listen. Media control ermittelt das Ranking für Deutschland im Auftrag des VUT. Diese Top-20-Liste der Independent- Charts soll ausschließlich das Markt – segment der unabhängigen Labels ab – bilden. Dabei sollen im Vordergrund „Aufbauarbeit, die Förderung von Kreativität sowie das Tätigen von langfristigen Inve – stitionen in den nachhaltigen Erfolg der Künstler“ stehen, wie es in einem gemeinsamen Statement von VUT und media control heißt. Und die Independent-Charts sollen „das breite Spektrum an musika – lischer Vielfalt“ präsentieren. Majors müssen draußen bleiben Für diese Charts können sich alteingesessene, aber unabhängig agierende Künstler wie Xavier Naidoo ebenso Einzug qualifizieren wie Newcomer, zu denen man beispielsweise Adele und Philipp Poisel rechnet. Als Ermittlungsgrundlage dienen die Verkaufszahlen aus stationärem Handel, Onlineversandhandel und Down – loadgeschäft – die Independent-Charts decken also physische und digitale Verkäufe ab. Genau wie bei den MusikWoche Top 100 Longplay handelt es sich um eine wertbasierte Hitliste: Ein Album in Deluxe- Aufmachung mit beigepackter DVD und entsprechendem Preis wird demnach bei vergleichbaren Verkaufszahlen höher in den Charts notieren als ein einfacher Longplayer im Jewel Case. Für die Nennung in den Charts qualifizieren sich Produkte nach den sogenannten „Merlin- Kriterien“, die beim Aufbau der internationalen Lizenzplattform der unabhängigen Labels entwickelt wurden. Bei Merlin darf Mitglied werden, wer Masterrechte vertritt, ohne Beteiligung eines multinationalen Konzerns auskommt und auf einen Marktanteil von weltweit weniger als fünf Prozent kommt. Eventuelle Vertriebspartnerschaften mit Major-Konzernen sind dagegen ebenso wenig ein Ausschlusskriterium wie Geschmacksfragen. Die CD einer Band, die einst noch beim Label V2 unterschrieben hat und nach dessen Übernahme unter dem Dach von Universal Music landete, wäre demnach nicht mit dabei, das jüngste Album von Marius Müller- Westernhagen, „Williamsburg“, veröffentlicht über das künstlereigene Label Kunstflug und vertrieben über Warner Music, dagegen schon. Über die Einhaltung der Berlin – Erst im Herbst vergangenen Jahres hat der VUT die Goldene Indieaxt als Branchenpreis ausgegraben. Jetzt geht der Verband unabhängiger Musikunternehmen in seiner Öffentlichkeitsarbeit noch einen Schritt weiter: Zusammen mit media control bringt er eine eigene Hitliste heraus; die erste Ausgabe liegt vor. MusikWoche fragte die Beteiligten nach Beweggründen und Spielregeln der neuen Top 20 Independent. dossier.alles independent oder was? 8/2011 9 Charts Regularien wacht beim VUT ein Ausschuss mit Mitgliedern aus dem Vorstand sowie mit Vertretern unabhän giger Vertriebs – unternehmen und der Geschäftsstelle. Derzeit setzt sich das Gremium zusammen aus den Vorständen Christof Ellinghaus (City Slang) und Horst Weidenmüller (!K7), den Vertriebsleuten Matthias „Botsch“ Böttcher (GoodToGo) und Nikel Pallat (Indigo) sowie VUT-Mitarbeiter Jörg Heidemann. „Durch die Charts haben wird jetzt die Möglichkeit, die Leistungen der Indies separat darzustellen und dadurch eine bessere Präsenz im Handel und in den Medien zu schaffen“, meint Horst Weidenmüller. Christof Ellinghaus bezeichnet die eigenen Charts als „lange überfällig“: Die Hitliste „nützt der Vielfalt, das hilft der Kultur“. Für Ulrike Altig, Geschäftsführerin media control, zeigt die Liste „Monat für Monat neu, was im spannenden Segment der Indie- Labels los ist“. Ziel des VUT ist es, der Hitliste zu einer möglichst großen Öffentlichkeit zu verhelfen, von der Fachpresse über das Feuilleton und die Musikmedien bis hin zum Spartenradio: „Wir haben mit allen relevanten Partnern Kontakt auf – genommen“, sagt Jörg Heidemann. VUT plant schon nächste Stufe der Charts Auch über Vermarktungsmöglichkeiten im stationären und digitalen Handel will man diskutieren, unter anderem unter Einbindung der unabhängigen Vertriebsfirmen. Auf den Onlineseiten von Musik- Woche finden sich derweil schon erste Kommentare. So meint Stefan Herwig von Mindbase Music Management, es sei ein „enormer Fortschritt, dass es solche Charts überhaupt gibt, die zur öffentlichen Wahrnehmung des Independent-Sektors beitragen“. Andreas Lemke von Future Clash Media findet hingegen, dass eine Top 20 „kaum Aufbauarbeit und Förderung von Kreativität“ dokumentieren könne, „wenn man bedenkt, wie viele ehemalige Major- Acts mittlerweile über Indies veröffent – lichen“. Eine Top 50 „hätte es schon sein dürfen“, schreibt Lemke. Der VUT reagiert auf solche Einwände und plant schon die nächste Ausbaustufe der Charts: „In Kürze wird es auch Indie-Newcomer-Charts geben“, bestätigt Jörg Heidemann im Gespräch mit MusikWoche. Die Diskus – sion ist also eröffnet: Brauchen wir auch noch Indie-Newcomer-Charts? Beiträge dazu wird man bald in der neuen Mediabiz Community finden. Knut Schlinger www.mediabiz.de/community www.vut-online.de www.merlinnetwork.org/merlincriteria @ alles independent oder was?.dossier Lautsprecher für die Independents: Die neuen Charts sollen mehr Aufmerksamkeit verschaffen Foto: Grischa Georgiew/Fotolia 10 8/2011 dossier.alles independent oder was? MusikWoche-Umfrage zum Selbstverständnis der unabhängigen Musikwirtschaft „Durchdrehen, bis wir pleite sind“ München (ks) – Der Verband unabhängiger Musikunternehmen (VUT) veröffentlicht ab sofort Independent-Charts. Anlass genug für eine MusikWoche-Umfrage zum Thema: Welche Bedeutung hat heutzutage der Begriff „Independent“? Hier sind erste Antworten. Und die Diskussion geht weiter, auch in der neuen Mediabiz Community. Lars Lewerenz, Audiolith Records: Wir verstehen uns nach wie vor als Netzwerk von Freunden und Gleichgesinnten, und wir verstehen uns nach wie vor als Teil eines Network of Friends und eines sozialen Kontexts. Wir teilen mit vielen von unseren „Fans“ und Freunden sicher mehr als den Musikgeschmack. Wir werden auch im kommenden Jahr nicht damit anfangen, diesen Kontext, in dem wir stattfinden, als Zielgruppe zu sehen. Wir werden nicht versuchen, die Kids, denen Audiolith etwas bedeutet, mit Hilfe von Marketingund Analysetools auf jeden Cent abzuklopfen, den wir ihnen abschwatzen können. Wir glauben immer noch nicht, dass man Hypes generieren kann, und wir denken auch nicht, dass der Markt und seine Gesetze so geil sind, dass wir unhinterfragt mit ihnen spielen sollten. Wir werden uns aber ordentlich krankenversichern. Die Firma Audiolith wird auch in diesem Jahr kein „Erfolgsmodel“. Dafür werden wir und hoffentlich auch Ihr sorgen. Zur Not mit einer Axt. Manchmal reicht Musik eben nicht aus, um sich zu wehren. Die Firma Audiolith begreift sich nach wie vor als Notwehr. Wir haben nur ein wenig Erfolg, aber werden trotzdem nicht auf dem Boden bleiben, sondern noch mehr durch – drehen, bis wir pleite sind. Wir werden weiter blind in die Luft schießen und gucken, was herunterkommt. Wir werden auch in diesem Jahr unsere Solidarität zeigen mit allen Kids, die für ein freieres und lebenswerteres Leben kämpfen. Amke Block (audiomagnet): Independent heißt für mich zum einen traditionell Unabhängigkeit von Konzernstrukturen mit ihren Abhängigkeiten von Quartalsberichten und auf einem anderen Kontinent getroffenen Entscheidungen, was sich positiv auf Schnelligkeit von Entscheidungen und die Langfristigkeit der Zielplanung auswirkt. Zum anderen umfasst Independent für mich Denken und Handeln unabhängig von eingefahrenen Strukturen, um aktiv die Musikwelt von heute und morgen mitzugestalten. Stefan Vogelmann (Broken Silence): Die vom VUT initiierten Independent-Charts mit Xavier Naidoo, Nena und Marius Müller- Westernhagen an der Spitze braucht niemand. Die Media Control Top 100 sowie Newcomer-Charts reichen völlig aus. Clever wäre es dagegen gewesen, Indie- Shops, die nicht ihre Abverkaufsdaten an Media Control melden, weil diese nicht mit Computerkassen arbeiten, abzufragen: Das wären prima Trendcharts, die meine Aufmerksamkeit bekommen würden. Independent heute: Haltung. Ich verstehe unter Indie: sich für Kulturgut einsetzen, sich schon im Entwicklungsprozess dafür zu engagieren, auch wenn nicht gleich das große Geld damit verdient werden wird. Sich nicht an jeder Kampagne beteiligen. Aussuchen. Sich den Luxus leisten, authentisch zu bleiben. Auch mal entgegen wirtschaftlicher Interessen sich gegen was entscheiden, das ist wahrer Indie-Spirit. Andy Ludyk (Monogenuss Records): Bezogen auf unser Geschäft heißt das per Defini tion, nicht funktionaler Teil eines Majors zu sein. Die Kernkompetenz der Majors ist ja eigentlich die Produktion und Vermarktung von Mainstream-Stars, die möglichst schnell eine möglichst breite Zielgruppe erreichen sollen. Als Indie hat man in der Regel allein aus finanzieller Sicht heraus keine Chance, so zu arbeiten. So konzentrieren wir uns primär auf den nachhal – tigen Aufbau von Künstlern und Musik für kleinere Zielgruppen, schaffen damit aber wiederum Trends, auf die Majors dann in der Regel auch gern aufspringen. Der Unterschied von heute zu früher liegt für uns eher in der Wahl der Mittel – und hier sehe ich schon einen Vorteil für die Independent- Labels: Durch das Internet können wir heute unsere Musik, die eher weniger im Radio gespielt und im TV gezeigt wird, einfacher zu den interessierten Kon – sumenten bringen, und wir nutzen dafür Social Networks, Streamingangebote und viele Wege mehr. Thorsten Seif (Buback Tonträger): Independent, ein Begriff, der Anmaßendes, Progressives, Widersprüche und eben Unabhängigkeit von etwas Undefiniertem Verstehen Indies als Gestalter (v.l.n.r.): Lars Lewerenz, Amke Block und Thorsten Seif zum Ausdruck brachte, ist zu einem schier

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