Dem national und international vielfach ausgezeichneten Designer Klaus Hesse, Professor an der Kunsthochschule in Offenbach und Juryvorsitzender des Wettbewerbs „100 beste Plakate“, reicht es nicht aus, wenn auf einem Tourplakat Bandname und Datum schon von weitem lesbar sind. Er sagt: „Ein Plakat kann und soll ja auch eine gewisse Kultur und Atmosphäre vermitteln.“ Selbst wenn der Name des Acts das Wichtigste sei, so spielten doch Grafik, der Einsatz von Farben und die Ästhetik des Motivs einen wichtigen Part. Die Schlüsselrolle komme allerdings allemal der guten Idee zu. „Auf Bauzäunen oder anderen Plakatanschlagstellen sieht man ja immer drei, vier oder noch mehr Veranstaltungen nebeneinander. Das ist ein ziemliches Getöne“, sagt Hesse. „Da fällt dasjenige Plakat am meisten auf, das nicht den üblichen Weg geht. Ein Plakat, das eine mitreißende, originelle Idee hat, gewinnt.“ Der Chef der 1988 gegründeten, in Erkrath bei Düsseldorf ansässigen „Kreativagentur Hesse Design“ hält es sogar für einen Vorteil, wenn sich ein Konzertplakat nicht auf Anhieb als Musikveranstaltung erschließen lässt. „Diesen Grundsatz kann man sich auf die Fahne schreiben: dass ich ein Musikplakat mache, das nicht aussieht wie ein Musikplakat – das aber trotzdem zu mir oder dem Act passt.“ Nimmt man es genau, war wohl Martin Luther der erste wilde Plakatierer der Welt. Schließlich nagelte der Kirchenrebell 1517 seine Thesen an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg. Die Breitenwirkung dieses vermutlich ersten echten Plakatanschlags war bekanntlich phänomenal. Doch bis das Plakat zum Werbemedium wurde, gingen einige Jahrhunderte ins Land. Aber zu Beginn der Industrialisierung fand es sich dann endgültig überall im Erscheinungsbild europäischer Städte. Kein Wunder: Buchverleger und Buchhändler besaßen häufig auch Druckereien und hatten die notwendigen Produktionsmittel, um großflächige Druckzettel zu produzieren. So verfuhr beispielsweise der Berliner Buchhändler Ernst Litfaß, der spektakulär große Papierbögen an eine runde Säule klebte, um für seinen Laden und seine Bücher zu werben. Als später in Paris Künstler wie Toulouse-Lautrec und Jules Chéret das Medium für sich entdeckten und es als Transportmedium ihrer Kunst verwendeten, wuchs das Plakat schnell aus seiner Rolle als großformatiges Kommunikationsmittel hinaus. Es wurde selbst zur Kunstform und damit auch zum Sammelobjekt der Begierde. Seitdem Toulouse-Lautrec erotische Moulin-Rouge-Tänzerinnen in Plakatgröße verewigte, hat sich indes viel verändert. Andere, schnellere Medien konkurrieren tagtäglich um die Aufmerksamkeit des Konsumenten und Betrachters – der sich mit wahren Lawinen von Bildern und anderen Informationen konfrontiert sieht. Es gehört deshalb in dieser Reizüberflutung schon einiges dazu, wenn ein Plakat die optische Kraft haben soll, dass der Verbraucher es wahrnimmt, die Botschaft erkennt und die Informationen verarbeitet. Trotzdem ist das Poster bei vielen Herstellern und Dienstleistungsunternehmen immer noch unverzichtbarer Bestandteil jeder Kommunikationsstrategie – und gerade deshalb ist es nach wie vor so wichtig. Das gilt ganz besonders auch für den Live-Musikbereich. Das Überraschungsmoment allerdings, meint Kunstprofessor Klaus Hesse, kommt in der heutigen Plakatlandschaft ohnehin zu kurz. Die meisten Motive seien Wiederholungen von bereits Gesehenem – meist seien Bildsprache, Fotografie und Topografie so geläufig und vertraut wie ein Blues über ein gebrochenes Herz. Andererseits können ästhetische Codes auch hilfreich sein, und es wäre von Vorteil, wenn der Metal-Fan mit dem typischen Metal-Plakat, der HipHopper mit den vertrauten Gestaltungsmustern seines Genres artgerecht bedient wird. Klaus Hesse sieht das skeptisch: „Tatsächlich erkennt man nahezu immer sofort, welche Art von Musik auf dem Tourplakat beworben wird. Leider. Denn das ist ein Schmoren im eigenen Saft. Wenn ich in einem Supermarkt auf Anhieb sehe, dass es sich um Zucker oder Salz handelt, ist das in Ordnung, doch bei Musik sollte man schon offener sein.“ Diese Öffnung für neue Blickrichtungen ließe sich, so der Gestalter, der in diesem Jahr mit Plakaten zur Fußball-Weltmeisterschaft und zur Kieler Woche für Aufsehen sorgte, sogar erreichen, ohne dass die musikalische Zuordnung dabei verloren geht: „Allzu häufig werden Klischees bedient. Selbst im Metal-Bereich könnte man mal textliche Inhalte oder das momentane Tourneethema in den Vordergrund stellen, als immer nur: geile Mädchen, geiler Hintern, geiler Heavy-Metal. Das ist schon traurig.“ Fans von Doro, der Poster-Gewinnerin der siebten Runde des Tourposter-Votings, dürften über den abgebildeten „geilen Hintern“ indes gar nicht unglücklich sein. Im Gegenteil. Darauf lassen zahlreiche Leserkommentare schließen wie „Einfach geniales Plakat, da stimmt einfach alles“ oder „Doro ist eine Wahnsinnsfrau mit viel Energie und Power“ bis hin zu „Das ist wahre Kunst“. Klaus Hesse sieht sich dagegen – über Geschmack lässt sich ja trefflich streiten – bei diesem Plakat mehr an Softpornos und Fantasy-Spielkarten erinnert. Er würde Doro nicht nur gern mehr zum Anziehen geben – er zeigt sich auch sicher, dass ein neues Plakatoutfit keinen Fan der deutschen Metal-Sängerin verprellen würde: „Würde sich Doro mit Kreativität verbinden, würde keiner aus der Zielgruppe abspringen. Im Gegenteil, sie würde neue Fans gewinnen. Kreativität hat immer etwas Gewinnendes, das ist für das Produkt einfach unbezahlbar.“ Auf die Frage, wo Kreativität erfolgreich in der Musikszene optische Wirkung zeigt, fallen dem Gestaltungsprofi spontan die Toten Hosen ein. „Die haben schon immer sehr geschickt die Grenzen des guten Geschmacks gebrochen und damit einen hohen Wiedererkennungswert geschaffen. Außerdem haben sie Humor und Eigenständigkeit – das lässt sich sehr gut vermarkten.“ Für den Plakatpapst ist das gelungene Vermarktungskonzept der Düsseldorfer Punk-Ikonen ein Grund, warum die Toten Hosen immer noch die größten Hallen füllen. Aber auch unter den Plakaten für Jazz-Konzerte fänden sich wegen ihrer „grafischen Kultur, die traditionell andere Wege geht“, häufig Beispiele gelungener Tourposter. „Das Publikum möchte einfach überrascht werden, das spiegelt sich auch optisch wider. Da werden nicht nur Klischees bedient und Marketingschubläden auf- und zugezogen.“ Obwohl sich Format und Handwerk von Tourplakaten nicht grundlegend von Theaterplakaten unterscheiden, gelten, so Hesse, für die Poster der Live-Branche andere Gesetze. So habe der Personenkult in der Musik einen anderen Stellenwert, die Protagonisten stünden deshalb viel mehr im Vordergrund. „Das ist zwar nicht zwingend“, relativiert Hesse, „doch letztlich möchte man als Konsument etwas über die Band oder die Interpreten erfahren. Vor allem, da Musik eine Sache ist, die ganz stark aus dem Körper heraus kommt.“ Eine Lanze für das Tourposter bricht Michael Bisping. Für den Chef von A.S.S. Concert & Promotion ist das Plakat ab einer gewissen Größenordnung „einfach unverzichtbar“. Es sei ein Hingucker, mit dem sich die jüngere Generation ansprechen lässt, und dazu der perfekte Image- und Werbeträger. Darüber hinaus hat Bisping festgestellt, dass Kreativität und Ästhetik wieder mehr gefragt sind: „Es gab ja eine Zeit, da haben alle nur Schriftplakate gemacht, die alle gleich aussahen.“ Diese grafisch tristen Zeiten seien zum Glück vorbei. Die Devise heute laute „Klasse statt Masse.“ Und das bezieht sich auch auf die Auflage: So schraubte wohl nicht nur A.S.S. die Zahl der Plakate im Vergleich zu früher deutlich herunter: „Als es noch Blindplakatierung gab, haben wir für ein mittelgroßes Konzert 1500 bis 2000 Plakate verteilt. Heute sind es 400 – wenn es hoch kommt“, sagt Michael Bisping. Dass es sich dabei allemal lohnt, bei der Gestaltung so anspruchsvoll und originell wie möglich zu sein, betont Klaus Hesse: „Ich bin davon überzeugt, dass mit einem richtig guten Plakat mehr Leute in die Hallen gelockt werden können.“ Diesen Satz sollte sich jeder Postergrafiker ins Pflichtenheft schreiben. Und vielleicht wird er dann sogar noch mit dem Sieg beim Tourplakat-Voting von MusikWoche belohnt.
Dossier: Poster-Galerie 2006
Wie muss ein gutes Tourplakat aussehen? Die Meinungen darüber gehen weit auseinander. Deshalb fragte MusikWoche einen Design-Experten, auf welche Elemente es ankommt. Und weil die Branche schon seit sieben Monaten auf dem Livebiz-Channel von musikwoche.de über die attraktivsten Poster des Monats abstimmt, rief die Redaktion zum Jahresende eine Jury ins Leben, die jetzt das Tourposter des Jahres vorstellt.





