Der Untergang des Abendlandes droht trotz allem nicht, auch wenn ein Nachrichtenmagazin aus Hamburg vor einer Woche gleich die stetig wachsende Dominanz einer neuen Unterschichtenkultur konstatierte. So weit ist es noch lange nicht – dafür gibt es in der deutschen HipHop-Kultur immer noch viel zu viele unterschiedliche Ansätze und Ausprägungen. Ein Label wie Sektenmuzik aus Berlin hat mit den HipHop-Idealisten von 58 Beats aus München außer dem groben musikhistorischen Bezugsrahmen nicht viel gemein, und doch stehen beide für einen bestimmten Teil der deutschen HipHop-Kultur. Mit einem Problem haben allerdings alle Labels nach wie vor gleichermaßen zu kämpfen: mit den nach wie vor rückläufigen Verkaufszahlen. Das bestätigt auf Nachfrage auch ein Experte wie Ramin Bozorgzadeh, der beim wichtigsten Vertrieb Groove Attack für Labels, Marketing und Purchase zuständig ist. Zu den Segmenten, die am stärksten vom Umsatzrückgang betroffen sind, zählt nach seiner Einschätzung vor allem Independent-HipHop aus den USA. Das Fehlen neuer Trends und herausragender Produktionen mache sich in diesem Bereich besonders negativ bemerkbar. „In Deutschland dagegen sprießen im HipHop neue Labels aus dem Boden, dass es fast nicht zu glauben ist“, so Bozorgzadeh. „Letztlich verzeichnen wir hier eine gegen den Trend laufende Entwicklung.“ Trotz der anhaltenden Umsatzflaute, wohlgemerkt. Dabei gilt es einzuschränken: „Die Vielfalt dieser -Label-Kultur sagt nichts über die Qualität und die künstlerische Eigenständigkeit aus.“ Dafür aber mit ziemlicher Sicherheit etwas über die veränderten sozialen Rahmenbedingungen in Deutschland und die immer stärker auseinanderdriftenden Milieus: HipHop in Deutschland spricht schon lange keine gemeinsame Sprache mehr. Die immer wieder von allen Seiten ins Feld geführten Gangsta-Rapper aus Berlin vertreten eben nur einen Teil der deutschen HipHop-Wirklichkeit, wenngleich sie im Moment, rein kommerziell gesehen, sicherlich am meisten bewegen. „Die Konsumenten reagieren nach wie vor sehr markenorientiert, ähnlich wie viele Händler“, berichtet Ramin Bozorgzadeh, „was es zugleich sehr schwer macht, interessante Themen zu platzieren.“ Und wie immer im Musikbusiness gilt: Wenn jemand Erfolg hat, stehen die Epigonen schon bereit, um den Markt mit ihren Produktionen zu überfluten. Viele neue Labels, die mit ihren Künstlern auf ähnlichen Erfolg wie Aggro Berlin oder ersguterjunge hoffen, wissen nicht, wie schwer es heute ist, mehr als 100.000 Alben eines Künstlers zu verkaufen. Da müssen schon viele Dinge perfekt zusammenpassen, sonst endet der Traum vom schnellen Geld schnell in einer Sackgasse.
Dossier: Paradigmenwechsel in der HipHop-Szene
In den vergangenen Jahren nahm der Anteil erfolgreicher nationaler Produktionen in der deutschen Musikszene kontinuierlich zu. Nirgends ließ sich diese Umschichtung deutlicher beobachten als in der HipHop-Szene, in der inzwischen deutschsprachige Rapper eindeutig die Deutungshoheit von den US-Kollegen übernommen haben.





