Recorded & Publishing

Dossier: Pappschachteln gegen Klimawandel

Rund 300 Millionen CDs werden jährlich in Deutschland verkauft, ein Großteil davon nach wie vor im so genannten Jewel Case, der Standardverpackung seit Markteinführung der CD. Auch an deren Entsorgung hat sich nicht viel geändert: Zerbricht die durchsichtige Kunststoffhülle, landet sie meist immer noch im Hausmüll. Mittlerweile jedoch setzt die um ihre Kundschaft bangende Musikindustrie verstärkt auf den Ökogedanken. Echtes Umweltbewusstsein oder schnöde Imagekampagne? Beides.

Die Gesellschaft für deutsche Sprache in Wiesbaden hat für 2007 „Klimakatastrophe“ zum Wort des Jahres gekürt. Seit dem Jahrhundertsommer 2003 ist der weltweite Klimawandel Schritt für Schritt zum medialen Lieblingsthema geworden. Kleinere Katastrophen vor der Haustüre kündigen ein Szenario größeren Schreckens an, das es nun mit vereinten Kräften zu verhindern – oder zumindest mit einem reinen Gewissen zu beklagen gilt. Denn schuld an den Stürmen, Hitzewellen und warmen Wintern ist die westliche Konsum- und Wegwerfgesellschaft. Noch aber, so heißt es, sei Zeit, umzudenken. Global zu denken. Und jeder kann einen Beitrag leisten. Auch die Musikbranche. Deshalb packt Rick Rubin, gefeierter Starproduzent von Johnny Cash oder der Red Hot Chili Peppers und seit Mai 2007 neben Steve Barnett zweiter Chef von Columbia Records, die Sache positiv und auf amerikanische Art an und will mit seiner neuen Geschäftspolitik auch in Sachen Ökologie Zeichen setzen. So sollen künftig sämtliche Produkte des Labels in einer umweltfreundlichen Verpackung auf den Markt kommen. Den ersten Schritt auf dem grünen Weg machte übrigens noch vor Rubins Einstand David Gilmour mit „On An Island“: Das 2006 veröffentlichte Album des Pink-Floyd-Veteranen war die erste Columbia-Veröffentlichung, die in einem „CO2-neutralen“ Verfahren hergestellt wurde. Auf dem deutschen Markt finden sich noch Jewel Cases und Pappverpackungen in trauter Zweisamkeit. „Das ist jetzt erst einmal in den USA gestartet“, sagt Pressesprecherin Katja Neese von Sony BMG Deutschland. „Bei uns gibt es beides, je nachdem, was auch der Künstler will. Wie das in der Zukunft aussehen wird, muss man sehen.“ Bei einem Teil der Kundschaft wird Rubins konsequentes Konzept sicher offene Türen einrennen: Mülltrennung, Dosenpfand, Gammelfleisch, Sprit- und Heizölpreise haben auch bei Otto Normalverbraucher den Boden für ein neues, konsumorientiertes Ökologiebewusstsein bereitet. Und dieses lässt man sich gern etwas kosten. Bio-Produkte sind im Lebensmittelsektor zum enormen Wachstumsmarkt geworden, und auch bei den Verpackungen fordert mancher Kunde einen vernünftigen Umgang mit begrenzten Ressourcen. Dabei ist es keinesfalls so, dass Kleinvieh keinen Mist machen würde: „Verpackungen von Speichermedien sind vielleicht nicht mit der PET-Flasche gleichzusetzen, aber weltweit keinesfall vernachlässigbar“, sagt Achim Schorb vom Institut für Energie und Umweltforschung (IFEU). „Bertelsmann-Arvato allein stellt pro Jahr 2,3 Milliarden Stück her. Wenn man die statt in Kunststoffen, die aus Rohöl hergestellt werden, in Kartonagen mit einem hohen Recyclatanteil verpacken würde, wäre das umweltfreundlicher und damit auch klimaschonender.“ Und nicht nur das: Darüber hinaus verringern Ökoverpackungen die Gesamtmenge des Verpackungsmülls. Weniger Müll bedeutet weniger Müllverbrennung und weniger Mülltransporte und dadurch wieder weniger CO2. Man könnte sich nun fragen: Warum nicht gleich so? Ähnlich wie bei den Bio-Lebensmitteln steuert auch bei der Öko-CD-Hülle die Nachfrage das Angebot. Nur dass es sich im Fall der Musikindustrie gerade umgekehrt wie bei Joghurt und Tiefkühlfisch verhält: Einer sinkenden Nachfrage versucht man verzweifelt mit neuen Angeboten gegenzusteuern. Die Ökoverpackung verspricht dabei nicht nur einen für den Kunden nachvollziehbaren Mehrwert für das im Wert stetig sinkende Produkt Musik, sondern obendrein noch einen Imagegewinn für die Plattenfirmen. Der könnte sich indes in barer Münze bezahlt machen. „Es geht nicht mehr um die Musik, sondern darum, wie sich Musik verkaufen lässt“, sagte Rick Rubin im September 2007 gegenüber der „New York Times“. „Und es gibt keine klare Antwort, wie wir dieses Problem lösen können.“ Mit Rubins Ökokampagne folgt Columbia einem Trend, den freilich auch die Konkurrenz erkannt hat. So veröffentlichte Universal schon eine Reihe von Best-Of-Alben mit umweltfreundlichem Äußeren. Die Hersteller jedenfalls stehen Gewehr bei Fuß. Doch wie sieht sie aus, die perfekte Ökohülle für die CD? „Die ökologischste Verpackung ist die Eierschale“, erklärt Schorb. „Weil sie unglaublich dünn ist, aus natürlichen Rohstoffen besteht, das Produkt optimal schützt und sehr stabil ist.“ Übertragen auf die CD bedeute dies: „Materialminimierung ist angesagt. Mit Sicherheit ist eine Papier- oder Kartonagenverpackung, die man aus Recyclat herstellen kann, geeigneter als Polystyrol. Papierwerkstoffe, noch dazu, wenn man sie wiederverwenden kann, sind das beste. Natürlich sollte man die so verpackten CDs nicht noch zusätzlich in Folie einschweißen. In vielen Geschäften wird die Folie ohnehin abgezogen und die CD in einer zusätzlichen Papiertüte aufbewahrt, damit sie nicht geklaut wird.“ Als Faustregel gilt also: Eine umweltfreundliche Verpackung ist eine Verpackung aus Karton; die Herstellung von Kunststoffen erfordert einen unverhältnismäßig höheren Verbrauch an Energie und fossilen Brennstoffen. Auch die Entsorgung ist problematisch: Bei der Verbrennung des für klassische Jewel Cases verwendeten Polystyrol entsteht der Klimakiller CO2. Kunststoffe werden heute zwar bis zu einem Drittel stofflich wiederverwertet, aber der effektive Rücklauf aus privaten Haushalten ist vor allem bei Tonträgerverpackungen äußerst gering. Nur über die so genannte Getrenntfassung können sortenreine Stoffqualitäten gewonnen werden, die sich auch wiederverwerten lassen. Doch Hand aufs Herz: Wer gibt seine kaputten CD-Hüllen bei Verkaufs- und Sammelstellen zurück? Viele kreative Ideen wurzeln daher in der Verringerung oder Vermeidung jeglichen Kunststoffanteils. Im Gefolge des DigiPaks existieren mittlerweile die unterschiedlichsten Pappvarianten für das gute Ökogewissen. So verzichtet der Discbox Slider durch eine Art Schubladensystem ganz auf Plastikteile, ebenso wie das aus einem einzigen Stück Karton gestanzte und ohne Klebstoff gefaltete MaxPac. Das neue Format CDVU+ kommt mit einer noch schlichteren Hülle aus umweltfreundlicher Recycling-Pappe aus. Die vor allem auf dem japanischen Markt gängigen Cardboard Sleeves machen aus der selbstverordneten Materialnot eine Tugend und beschwören die guten alten LP-Zeiten en miniature herauf: John Lennons „Imagine“ etwa ist Teil einer zehnteiligen Reissue-Reihe im Originaldesign. Neuerdings bietet auch der belgisch-französische Verpackungsspezialist BDMO „zur Schonung der Umwelt und zum Schutz des Klimas“ eine voll recyclebare Verpackung an – das BluSky Pack besteht aus umweltfreundlichem Karton und einem „rein aus Naturstoffen“ gefertigten Tray. Wer nicht auf Kunststoff verzichten will, sollte sich wenigstens auf Polyäthylen oder Polypropylen beschränken, rät Stephan Pucher vom BUND-Umweltzentrum Heidelberg, der in dieser Alternative eine durchaus „sinnvolle Verpackung“ sieht, die „keine großen ökologischen Probleme aufwirft.“ Bei nicht-transparenten Trays sei zudem die Herstellung aus Polystyrol-Recyclat relativ unproblematisch. Und auch aus nachwachsenden Rohstoffen lässt sich Kunststoff erzeugen. Doch sollte man hier in keinen Ökowahn verfallen, denn vieles, was möglich erscheint, bleibt trotzdem ökologisch wie ökonomisch Kokolores. Dazu Achim Schorb: „Es würde nichts bringen, die Kunststoffverpackungen aus nachwachsenden Rohstoffen wie etwa dem so genannten Biodiesel zu machen, das ja auch so etwas wie Heizöl ist und sich zu Kunststoff weiterverarbeiten ließe. Es gibt bereits Plastik aus Mais – aber das ist, wie jede Kunststoffherstellung – unglaublich aufwendig.“ Die von Sanyo Mavic Media, einer Sanyo-Tochtergesellschaft, Ende 2003 angekündigte Milddisc aus Mais hat bis heute keine Marktreife erreicht. Auch die ganz aus Hanfplastik bestehende CD-Hülle des britischen Herstellers Hemp Plastics hinkt mit einem Einzelpreis von rund 1,40 Euro einer möglichen Massenfertigung noch arg hinterher. Abgesehen von der jeweiligen Machbarkeit leiden die wohlfeilen neuen Ökoofferten allesamt noch an einer Kinderkrankheit: Es fehlt an verbindlichen Richtlinien, was solch strapazierte Begriffe wie „umweltfreundlich“, „nachhaltig“ oder „biologisch abbaubar“ im Einzelnen überhaupt bedeuten. Jonathan Shopley, Chef des britischen Unternehmens CarbonNeutral, warnte kürzlich vor „Carbon Cowboys“, unseriösen Anbietern, die mit falschen Ökoetiketten die ganze Branche in Mißkredit bringen könnten. CarbonNeutral hat bereits einen eigenen Katalog mit Standards entwickelt, den Shopley als Grundlage für eine Selbstverpflichtung der Industrie geeignet hält. Denn „Öko ist nicht gleich Öko“, weiß auch Katja Neese. „Man muss genau nachforschen. Auch Papier kann eine ganz miese Geschichte sein. Oft werden dafür Wälder in Monokultur aufgeforstet.“ Eine CO2-Neutralisierung per Öko-Cent fürs gute Gewissen sei deshalb reine Augenwischerei, findet Stephan Pucher: „CO2-Neutralität gibt es nicht. Man könnte hier theoretisch kompensieren, wie bei den Flügen, aber das ist nicht seriös. Da kommt man schnell zu einem sehr schiefen Bild. Bäume, die irgendwo von irgendwelchen Menschen gepflanzt werden, sind sinnvoller in deren Bilanz untergebracht.“ Mit den CD-Verpackungen ist es also wie mit dem Energiesparen, sagt Achim Schorb: „Am geschicktesten sind Verpackungen, die möglichst wenig Material verbrauchen. Die Verpackung, die man nicht braucht, ist die beste, so wie der Strom, den man nicht verbraucht, auch der beste ist.“ Am umweltfreundlichsten wäre unterm Strich also der Download, trotz einer relativ hohen CO2-Bilanz pro Internetzugang: „Musikfreunde können auf CDs verzichten, indem sie ihre Lieblingssongs aus dem Internet herunterladen und auf der Festplatte ihres Computers zwischenspeichern“, heißt es in einem „Ökotipp“ des BUND. Die Musikbranche ringt derweil weiter nach Patentlösungen: Rubin schwebt für die Zukunft ein Musikabo vor, das Kunden gegen eine monatliche Gebühr den Zugang zum gesamten Repertoire für die unterschiedlichsten Abspielgeräte ermöglicht, also eine virtuelle Musikbibliothek für Heimanlage, Auto, Handy und PC. Verpackungsfrei.

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