Recorded & Publishing

Dossier: Online-Ticketing – Online-Vertrieb und Mobile-Modelle auf dem Vormarsch

Im vergangenen Jahr stieg der amerikanische Kartenriese Ticketmaster bei Kartenhaus ein. Mitte Januar startete der britische Konzern Viagogo in Deutschland mit seiner Resale-Plattform. Seitdem ist klar: Der Markt wird enger, die Bandagen werden härter. Dennoch sehen Insider das Ticketing-Geschäft vor allem übers Internet nach wie vor positiv.

Dies gilt auch – oder vor allem – für CTS Eventim. Und das ist kein Wunder, denn der Ticketing- und Veranstaltungskonzern hat auch 2006 mit einem Rekordergebnis abgeschlossen. Laut Adhoc-Meldung vom 16. Februar stieg der Umsatz gegenüber 2005 um satte 33,9 Prozent auf 343 Millionen Euro. Als digitale Cash-Cow erwies sich dabei das Internet: 5,3 Millionen Karten verkaufte das marktführende Unternehmen 2006 online. Damit legte dieser Geschäftsbereich gegenüber dem Vorjahr um 51,4 Prozent zu. Neben „einer Vielzahl erfolgreicher Tourneen weltbekannter Rock- und Popstars“ nennt CTS Eventim als Gründe auch Unternehmensakquisitionen in der Schweiz und in Russland und – nicht zuletzt – die Fußballweltmeisterschaft. Fest steht: Das Ticket-Geschäft blüht – und damit auch der Wettbewerb der Firmen untereinander. Neben CTS Eventim agieren in Deutschland der zum amerikanischen Giganten Ticketmaster gehörende, in Hamburg ansässige Kartenhaus Ticketservice, das in Bad Homburg firmierende Unternehmen Ticketcorner, die zu Stage Entertainment gehörende Firma Ticket Online aus Berlin und – seit 16. Januar – die britische Ticket-, Resale- und Transferplattform Viagogo. Um den deutschen Livebiz-Kuchen rangeln also immer mehr Ticketing-Unternehmen. Und auch die multinationalen Konzerne greifen gern zu. Verständlicherweise führt das bei den eingesessenen Platzhirschen nicht gerade zu Freudentänzen. Im Gegenteil: So kündigte CTS Eventim schnurstracks den Vertrag mit Kartenhaus, als das Unternehmen vom US-Giganten Ticketmaster übernommen wurde – ein Reflex, der vielleicht nicht die gewünschte Wirkung erzielt. Wie ein Blick auf die Kartenhaus-Website zeigt, bietet das Unternehmen trotzdem so gut wie alle CTS-Eventim-Acts an. Und auch als Viagogo kürzlich die erste Resale-Plattform in Deutschland an den Start brachte, ließ das Echo nicht lange auf sich warten: Schon am 18. Januar, zwei Tage nach der Viagogo-Premiere, ging Fansale ans Netz – das Konkurrenzangebot von CTS Eventim. Dass der marktführende Ticketing- und Veranstaltungskonzern mit dem Resale-Portal als Zweiter auf den Markt kam, hat angeblich technische Gründe. Eigentlich hätte Fansale schon im September Premiere feiern sollen, doch bei der Erprobung rund um die Fußball-WM tauchten Systemfehler auf – und so kam man im Wettlauf mit Viagogo leicht ins Hintertreffen. Rainer Appel, Leiter des Vorstandsbüros Kommunikation & Recht bei CTS Eventim, gibt sich trotzdem optimistisch: „Wir gehen davon aus, dass im ersten Jahr zwischen 200.000 und 400.000 Tickets verkauft werden.“ Dr. Klaus Zemke, Geschäftsführer von Ticket Online, wird das möglicherweise nicht so gerne hören. Im Gespräch mit MusikWoche verrät er: „Vor sieben Jahren haben wir eine solche Wiederverkaufsplattform auf unserer Internetseite eingeführt, sie aufgrund der geringen wirtschaftlichen Bedeutung zum damaligen Zeitpunkt aber eingestellt. Wir planen jetzt eine vom jeweiligen Veranstalter steuerbare Funktion, die verfügbar werdende Tickets vor allem bei ausverkauften Veranstaltungen dem Wiederverkauf in geordneter Weise zuführt.“ Auch für Kartenhaus, den deutschen Ableger von Ticketmaster, ist das Thema alles andere als neu. Karsten Fuchs, Marketingleiter bei Kartenhaus Ticketservice: „Ticketmaster ist ein Pionier auf diesem Gebiet. Deshalb können wir auch eine zuverlässige Technik bieten, die dem Kunden größtmögliche Sicherheit garantiert.“ Solche Technik will man schon bald auch in Deutschland einsetzen, sagt Fuchs: „Wir gehen davon aus, dass wir in diesem Jahr noch einige sehr interessante Produkte in Deutschland einführen.“ Trotz der harten Fights um Marktanteile sieht Dr. Klaus Zemke die Lage entspannt: „Ein gesunder Markt zeichnet sich durch Wettbewerb aus, nicht durch ein Monopol oder ein Duell von nur zwei Anbietern. In Deutschland dürfte Platz für vier oder fünf große Anbieter sein. Mit dem Ausbau unserer Vermarktungsaktivitäten bei Wiederverkäufern und gegenüber Endkunden sowie neuen technischen Plattformen werden wir uns dem Wettbewerb stellen. Unsere regionale Präsenz wird uns auch in Zukunft dabei helfen.“ Ähnlich positiv schätzt auch Karsten Fuchs von Kartenhaus Ticketservice die nationale Lage ein. Im Gespräch mit MusikWoche macht er deutlich: „Der deutsche Markt ist groß und wächst weiter, deshalb ist es klar, dass er auch umkämpft ist. Doch der Gewinner ist der Käufer: Denn so sind wir alle gezwungen, unser Bestes zu geben.“ Wie motivierend sich ein gesunder Wettbewerb auf das geschäftliche Engagement auswirken kann, zeigt sich regelmäßig: neue Vertriebswege, neue Techniken, neue Partner, neue Geschäftsmodelle, neue Kooperationen. Der Kreativität scheint im Ticketing keine Grenze gesetzt zu sein – sehr zur Freude einer Heerschar findiger Tüftler und Programmierer, die mit immer komfortableren Lösungen die gute, alte Vorverkaufsstelle langfristig in Rente schicken möchten. Selbst wenn dies nicht so schnell der Fall sein dürfte, legen die Online-Verkäufe kontinuierlich zu: CTS Eventim erwartet schon für dieses Jahr eine Steigerung des Vertriebs übers Internet auf 50 Prozent des Gesamtticketvolumens. Und auch die technische Entwicklung beschleunigt sich: Bei den Weltreiterspielen in Aachen feierte das neue Ticketvertriebssystem TO30 von Ticket Online Premiere. „Mit der Einführung unserer neuen Systemgeneration werden wir Veranstaltern die Vorteile modernster Inhouse-Systeme in Verbindung mit dem integrierten Anschluss an das größte Vertriebsnetz und den Online-Verkauf zur Verfügung stellen“, erklärt Klaus Zemke. „Die detaillierte Steuerung von Vertriebswegen, die Handhabung komplexer Preismodelle sowie die Integration von CMS- und Online-Einlasskontrollsystemen sind dabei wichtige Eigenschaften.“ Auch bei Kartenhaus ist man technisch auf der Höhe der Zeit, wie Karsten Fuchs betont: „Mobile Ticketing und unser Online-Ticket-Service,TicketFast‘ – von anderen auch als Print@Home bezeichnet – sind fester Bestandteil des Kartenhaus-Systems.“ Auch wenn letztlich der Kunde entscheide, welche Systeme sich am Markt behaupten, stellt Fuchs fest: „Ticketmaster ist in der Lage, die beste Technik, den besten Vertrieb und das beste Marketing-System bereitzustellen, damit Kunden schnell, einfach und zuverlässig zum gewünschten Ticket kommen.“ Noch einen Schritt weiter geht die Hamburger Firma Matrix Solutions. Das 2002 gegründete Unternehmen entwickelt Technik für Mobile-Ticketing – sprich: Das Handy wird zur Eintrittskarte. Laut Matrix Solutions spart sich der Ticketdistributor durch den deutlich geringeren Handlingaufwand Distributionskosten und erzielt Mehrumsätze mit dem Last-Minute-Potenzial, das sich mit PicTicket nutzen lässt – der Käufer kann spontane Kaufentscheidungen treffen und muss sich weder an der Vorverkaufsstelle noch beim Einlass lange anstellen. Tanja Ackermann, bei Matrix Solutions für Marketing und Verkauf zuständig, hat noch eine ganze Reihe von weiteren Pluspunkten der Technik parat: „Hier bieten sich hervorragende Vermarktungspakete mit Medienpartnern an. Wenn man ein Ticket verkauft hat, weiß man, für welches Thema sich der Kunde interessiert. Somit kann man den Kunden in Zukunft ganz gezielt ansprechen.“ Wer ein Semester Marketing studiert hat, weiß, dass Werbung immer am wirksamsten ist, wenn sie maßgeschneidert die Zielgruppe erreicht, und wird Tanja Ackermann deshalb zustimmen, die übrigens am 1. März beim MBA-Livebiz-Seminar in Frankfurt referiert. Positiv findet sie das starke Interesse der Live-Branche an Pic-Ticket: „Bei uns fragen unglaublich viele Veranstalter an, wir kommen kaum noch nach. Auch die Labels kommen verstärkt auf uns zu.“ Dabei ist PicTicket nicht einmal so neu: Bereits beim Münchner Sechs-Tage-Rennen 2005 bewährte sich die Technik, und der Red-Bull-Flugtag im Mai 2006 war eine exklusive PicTicket-Veranstaltung: 12.500 Zuschauer zeigten am Eingang anstatt einer Eintrittskarte ihr Handy vor. „Der Run lässt sich dadurch erklären“, so Tanja Ackermann, „dass wir zum Jahreswechsel bei München Ticket zum Regelbetrieb übergegangen und fast alle Veranstaltungen freigeschaltet sind.“ Neben München Ticket arbeiten auch Kartenhaus, ticket-web, Comfortticket und ProSiebenSat1. mit PicTicket. Dass mit „Ticket“ immer ein Musikevent gemeint ist, solche Zeiten sind längst vorbei. So umfasst Ticketing heute fast jede massentaugliche Veranstaltung – neben Sport auch Business-Events. Kürzlich überraschte Ticket Online mit der Service-Erweiterung um Publikumsmessen. Klaus Zemke: „Die CeBIT führt seit einigen Tagen bereits die Liste unserer Online-Top-Ten-Verkäufe an. Wir sind der führende Vermarkter von Event-Tickets im touristischen Sektor, der für große Messen eine wichtige Bedeutung hat. Wir freuen uns über die hohen Buchungszahlen und werden in Kürze weitere Messestandorte in unserem Angebot präsentieren.“ Die Karawane wird größer und zieht weiter – auch in neue Gefilde. Gunther Matejka 3

Neugierig?

Jetzt als Abonnent anmelden und weiterlesen.

Du hast noch kein Abo? Dann hol dir jetzt das Digitalabo für nur 39,90 Euro pro Monat.

Anmelden