Die Holländer haben beim Referendum zur EU-Verfassung mit nein gestimmt und damit den politischen Einigungsprozess ins Stocken gebracht. Doch zumindest in musikalischer Hinsicht treiben sie den europäischen Vereinigungsprozess voran. Denn alljährlich in der zweiten Januarwoche trifft sich in der nordholländischen Universitätsstadt Groningen die europäische Live-Entertainment-Szene, die lange Zeit viel stärker als die Tonträgerindustrie unter der europäischen Zersplitterung zu leiden hatte. Impresario Fritz Rau hat einmal gesagt, dass man als Konzertveranstalter immer mit einem Bein im Gefängnis stehe; Michael Bisping, Geschäftsführer A.S.S. Concerts und Präsident des Music Managers Forum Deutschland, MMF, spitzte dieses Bonmot schon vor einigen Jahren auf einem Noorderslag-Panel in Groningen zu: „Es ist praktisch unmöglich, mit einer Band durch Europa zu touren, ohne gegen irgendein Gesetz zu verstoßen.“ Handlungsbedarf war also gegeben, und die Messemacher unter dem Dach des niederländischen Musikverbandes Buma Cultuur griffen das auf. Noorderslag gibt praktische Hilfestellung beim Umgang mit Behörden gab, knüpft Netzwerke und hat sich vor allem als Präsentationsfläche für Bands aus ganz Europa etabliert. Seit 1995 leitet Peter Smidt, der in Groningen Kunstmanagement studiert hat, offiziell für Buma Cultuur als Creative Director das Festival, das er bereits 1986 ins Leben gerufen hat. Ursprünglich war die Veranstaltung ein Wettbewerb zwischen holländischen und belgischen Bands – daher der Name Noorderslag (Nordschlacht). Aus dem regionalen Festival entwickelte sich im Lauf der Jahre eine internationale Showcase-Plattform, die Konzertveranstalter, Manager, Agenten und Booker aus ganz Europa anlockt. Auch Medienpartner wie die European Broadcast Union (EBU) stiegen ein. Dies hatte allerdings unerwartete Folgen: Denn die britischen Radiosender, die aus Groningen übertragen wollten, machten den Holländern klar, dass das Wort „slag“ im englischen Sprachgebrauch eine Dame des horizontalen Gewerbes bezeichne, worauf die Veranstalter für das Festival mit europäischen Bands den Namen Eurosonic einführten, während sie Noorderslag als eintägige Veranstaltung am Ende der Messe mit ausschließlich niederländischen Bands bestückten. „Das war ein Marketing-Albtraum“, erzählt Pieter van Adrichem, zuständig für Marketing bei Buma Cultuur. „Keiner wusste mehr genau, was Noorderslag und Eurosonic eigentlich bedeutete.“ Aus diesem Grunde haben die Messemacher im Jahr 2004 den Oberbegriff Noorderslag Weekend eingeführt, der jetzt drei Messebereiche umfasst: das zweitägige Eurosonic Festival, das eintägige Noorderslag Festival und das dreitägige Noorderslag Seminar, das sich nebenbei zum wichtigsten Treffpunkt der niederländischen Musikbranche entwickelte. Selbst messekritische Zeitgenossen wie Maarten Steinkamp, Chairman & President Continental Europe Sony BMG, loben die Veranstaltung: „Ich komme seit zwölf Jahren nach Groningen. Diese Messe ist eine fantastische Einrichtung“, schwärmt er. Für die deutschen Fachbesucher aus der Live-Branche wurde das Noorderslag Weekend jedoch erst dann zum Pflichttermin, als die europäische Vernetzung Früchte trug. „Wir waren in den frühen 90er-Jahren mit Tocotronic hier, aber das hat überhaupt nichts gebracht“, berichtet Carol von Rautenkranz, Geschäftsführer L’Age D’Or. Mittlerweile habe sich das völlig geändert, ein Eurosonic-Showcase lohne sich immer. Im vergangenen Jahr profitierten Wir sind Helden von ihrem Auftritt in Holland: Sie wurden im Rahmen des in Groningen initiierten European Talent Exchange Programms (ETEP) von mehreren Veranstaltern für die großen europäischen Festivals gebucht. Und auch Holger Jan Schmidt, Veranstalter des Rheinkultur-Festivals, lobt Noorderslag, weil ein Besuch immer greifbare Resultate bringe. Viele Bands, die sich hier präsentiert haben, traten dann sechs Monate später in den Bonner Rheinauen auf. Für niederländische Top-Acts funktioniert Noorderslag als Türöffner nach Europa. So trat in diesem Jahr Ilse DeLange in Groningen auf, die mit 100.000 verkauften Einheiten ihres jüngsten, von Madonna-Produzent Patrick Leonard betreuten Albums derzeit erfolgreichste Künstlerin der Niederlande, die aber trotz englischer Texte jenseits der Grenze kaum einer kennt. „Wir haben hier einen Deal mit A.S.S. Concerts geschlossen, so dass Ilse in Deutschland touren kann. Dadurch können wir dann den Druck auf Universal erhöhen, mehr für die CD-Veröffentlichung in Deutschland zu tun“, erklärt Rick Haayen, Adjunct Manager Music Division der Hilversumer Entertainment Group und zuständig für das Management der Sängerin. Auf Effekte wie diese hofft Jerney Kaagman, einst Sängerin der holländischen Band Earth & Fire und seit 2000 Geschäftsführerin von Buma Cultuur. „Wir versuchen, eine Bühne zu kreieren, auf der holländische Künstler und Lizenzen ein Forum finden. Und unsere Aufgabe besteht nun darin, diese Bühne Jahr für Jahr zu vergrößern.“ Zwar habe sich die Lage für holländische Künstler im Ausland verbessert; dazu hätten Noorderslag, das Amsterdam Dance Event und große Festivals wie das North Sea Jazz Festival oder Pink Pop beigetragen. „Wir haben aber noch nicht alle Ziele erreicht“, sagt sie. „Es ist uns gelungen, die internationale Industrie nach Holland zu holen, weil sie von Veranstaltungen wie Noorderslag profitiert. Und natürlich ist uns Musik aus dem Ausland sehr willkommen. Aber wir würden uns freuen, wenn die internationale Industrie auch mehr Musik aus den Niederlanden mit nach Hause nehmen würde.“
Dossier: Noorderslag – Messe als Türöffner für Europa
Das diesjährige Noorderslag Weekend verzeichnete Mitte Januar einen erneuten Besucherrekord. In den vergangenen zwei Jahrzehnten hat sich die Veranstaltung zu einer der erfolgreichsten Fachmessen für die europäische Musikindustrie entwickelt. Das Live-Business spielte dabei eine immer wichtiger werdende Rolle.





