Die Gründe für das verhaltene Klassikjahr sind bekannt – sie reichen vom Rückgang der Verkaufsflächen im Fachhandel bis hin zur Überalterung des Publikums. Dabei gab es nie so viele Veröffentlichungen wie heute: 2009 gab es fast 7000 Neuerscheinungen, fast 65.000 Klassiktitel waren insgesamt auf CD und DVD erhältlich. Und auch wenn 2009 noch 14,7 Millionen CDs verkauft wurden, so viel wie seit 2001 nicht mehr, sei dies auf Topseller wie die Zisterziensischen Mönche oder Anna Netrebko zurückzuführen. Bis auf David Garrett schaffte kein klassikaffiner Künstler im vergangenen Jahr den Sprung über die Platinmarke, doch leider zählt das Crossoveralbum „Rock Symphonies“ zum Popsegment seiner Plattenfirma, Universal International Division. Dabei gab es schon lange nicht mehr so viele spannende Veröffentlichungen vor allem von Debütalben wie derzeit, abseits des immergleichen Kanons, der mit „Klassik“ gleichgesetzt wird. Beispiele lassen sich viele finden, wenn auch nicht viele Musiker solche Grenzgänger sind wie der Pianist Francesco Tristano, der zwischen elektronischer Musik und Klassik pendelt. „Der Kanon hat sich nicht weiterentwickelt“, erzählt der 29-jährige Luxemburger. „Ein Recital von Ferruccio Busoni hatte wahrscheinlich vor 100 Jahren den gleichen Inhalt wie heute. Dabei ist die Recital-Form an sich eine lebendige Form, genauso wie die klassische Musik auch eine lebendige Musik ist. Das heißt für mich auf keinen Fall, dass sie in der Zeit festgeschrieben ist und man sie nicht anfassen darf.“ Dabei verfügt Tristano wie alle seine jungen Kollegen über eine fundierte Ausbildung: Er absolvierte die Julliard School in New York und besuchte diverse Konservatorien, darunter in Brüssel, Riga und Paris. Und doch braucht er den zeitgenössischen Input, um sich auch mit der klassischen Musik weiterzuentwickeln. Die strengen Regeln, denen sich die Klassik scheinbar unterwirft, empfindet er als Missverständnis. „Mozart war natürlich ein Klassiker. Aber er hat nur zeitgenössische Musik gespielt, so wie Liszt. Insofern bin ich vielleicht ein Romatiker, weil ich neue Musik wieder ins Licht bringen will.“ Diskussionen tun der Klassik gut Sein Debütalbum bei der Deutschen Grammophon heißt „BachCage“, und gleich einem Technoset verknüpft er die Werke, die Moritz von Oswald im Studio weiterbearbeitet hat. Damit weicht er den hehren Grundsatz der Werktreue auf, und bei seiner Plattenfirma weiß man, dass dieser Ansatz für Kontroversen sorgen wird, sagt Christian Kellersmann, Managing Director Universal Classics & Jazz: „Nicht jeder findet gut, wie es aufgenommen, wie bearbeitet und welches Repertoire da in welchen Kontext gestellt wird.“ Doch der Markt sei insgesamt offener geworden, auch wenn diese Entwicklung nur langsam voranschreite. „Ich sehe, dass zu jüngeren, ungewöhnlichen Künstlern auch ein jüngeres Publikum kommt, das eine sehr hohe Aufmerksamkeit mitbringt.“ Solche Diskussionen tun der Klassik gut, denn mit den Künstler lassen sie auch die Hörer über den Tellerrand schauen. Keine Frage, die Künstler müssen musikalisch gut sein, offen für neues Repertoire und brauchen dieses Quäntchen Charisma, sagt Michael Brüggemann, Vice President Classical Germany bei Sony Music Germany. Und dabei gehe es nicht um gutes Aus – sehen, daran habe sich nichts geändert. Vor allem aber müssen sie sich in den Konzerten beweisen, da helfe keine noch so gute Kampagne der Plattenfirma. Ein gutes Beispiel für gelungenen Künsterlaufbau ist der Augsburger Cellist Maximilian Hornung, der mit seinem Debütalbum „Jump“ einen respek tablen Erfolg erzielt hat. „Es ist schon ein hartes Leben, wenn man sich vom freischaffenden Musizieren ernähren will“, erzählt Hornung. Dabei ist er nebenberuflich bereits 1. Solocellist im Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks und etabliert sich gerade international als Solist. „Heute ist man schneller da und geht auch schneller wieder“, meint er über junge Künstler und beweist doch mit seiner Vita genau das Gegenteil. Denn der heute 25-Jährige nahm sich Zeit für sein Studium in Zürich und in Berlin sowie für seine künstlerische Entwicklung, obwohl ihm schon früh klar war, dass er Musiker werden wollte. „Ich bin auch ganz froh, dass ich nicht schon mit 15 Jahren Weltkarriere machen musste“, meint er. Dabei reiche das stupende Üben alleine schon lange nicht mehr, um sich gegen die internationale Konkurrenz durchzusetzen: „Ich habe viele Wettbewerbe gespielt und mich für viele Stipendien beworben. Aus jeder Kleinigkeit lernt man dazu, und je öfter dein Name auftauchte, desto besser ist es. Nach fast jedem Vorspiel kam jemand auf mich zu, der mir eine weitere Tür geöffnet hat.“ Dabei dürfe man sich allerdings nicht zu sehr auf die Musik fixieren, findet er. „Man findet nur einen guten Zugang zum Publikum, wenn man eine gewisse Lebenserfahrung hat“ – nicht zu vergessen das nötige Quantum Glück. Gefangen im Wunderkind-Dilemma Glück hatte die norwegische Geigerin Vilde Frang Bjærke, als sie mit zwölf Jahren ein Konzert mit Mariss Jansons und dem Oslo Philharmonic Orchestra spielen durfte. Allerdings führte sie das in ein Dilemma, das sie nur durch Flucht lösen konnte. „Ich wurde als heilige Kuh in Norwegen behandelt, das machte mir ein bisschen Angst.“ Sie brauchte eine Vogelperspektive, wie sie sagt, weg vom Image als Wunderkind, das ihr die Medien in ihrer Heimat verpasst. Deswegen nahm sie eine Einladung der Kronberg Academy in Deutschland an und beendete dort ihre Studien im vergangenen Jahr. „Als klassischer Musiker hat man eine große Verantwortung, eben weil diese Musik nicht so präsent im Alltag ist wie Pop.“ Natürlich versuche die Industrie, die klassische Musik so populär wie möglich zu machen, vor allem für junge Menschen. „Aber ich denke, darum sollte es gar nicht gehen. Es geht in der Klassik nicht um die Außenwirkung, nicht darum, mit ihr zu prahlen; es geht darum, sich von ihr berühren zu lassen.“ Gerade erschien ihr zweites Album bei EMI Classics mit Kammermusik von Bela Bartók, Edvard Grieg und Richard Strauß. Das Repertoire ist ein Wagnis, unterstreicht aber auch das künstlerische Profil von Vilde Frang. „Wenn man die Musik nicht versteht, ist das nicht die Schuld der Hörer. Es ist die Aufgabe der Musiker – sie müssen mit ihrer Musik etwas vermitteln und damit berühren. Kunst versagt nie, sie inspiriert.“ Ihre Plattenfirma EMI Classics lässt Vilde Frang die Freiheit, die Projekte zu realisieren, die ihr am Herzen liegen. Etwas anderes bleibe ihr auch gar nicht übrig, meint Stephanie Haase, Director EMI Classics. Denn nur so kann die Geigerin auch überzeugen.
Dossier: Neue Töne in der Klassik
Zwar veröffentlicht der Bundesverband Musikindustrie die Zahlen für 2010 erst im April, doch schon jetzt ist klar, dass die Klassik wohl Einbußen hinnehmen muss. Den relativ guten Marktanteil von 7,8 Prozent von 2009 wir das Genre nicht mehr erreichen. An den Veröffentlichungen kann es zumindest nicht liegen. Nach wie vor gibt es hochkarätige Debüts, die Mut zum Profil zeigen.





