Wertpapiere werden seit der Jahrtausendwende nicht mehr an der alten Pariser Börse gehandelt, dem Palais Brongniart, einem neoklassizistischen Prachtbau aus der Zeit Napoleons im 2. Arrondissement. Dass es trotzdem um viel Geld ging, als Vivendi am 19. Februar eben in jenem stilvollen Ambiente seine neueste Entwicklung vorstellte, war schnell klar: Sogar Jean-Bernard Lévy war gekommen, als Chairman Chef des Konzerns, der vergangenes Jahr einen Umsatz von 21,657 Milliarden Euro erzielte. Präsentiert wurde Zaoza, eine Plattform für digitale Unterhaltungsformate, deren Name sich ohne Zungenakrobatik aussprechen lässt, wenn man über den chinesischen Wortursprung, der schlicht als „sausa“ intoniert wird, aufgeklärt wurde. Über zehn Millionen Euro haben die Franzosen in das Projekt gesteckt, mehr als ein Jahr Entwicklungsarbeit war nötig. Neu an Zaoza ist der Versuch, zwei in der Internetwelt äußerst erfolgreiche Modelle zu kombinieren: das der Tauschbörsen mit dem, dass exklusive Inhalte Geld kosten. Und das funktioniert so: Der Kunde registriert sich auf der Vivendi-Plattform und schließt ein Abo ab, das in Frankreich drei Euro im Monat kostet. Dafür darf er beliebig viel Musik, Videos, Spiele und Bilder in digitaler Form auf PC und Handy herunterladen. Mit eingeschlossen ist das Recht, die Inhalte an bis zu fünf Personen weiterzugeben, die allerdings auch bei Zaoza registriert sein müssen. Das DRM-System von Microsoft soll verhindern, dass diese die überspielten Dateien noch einmal weiterleiten. Laut Vivendi hat der neue Dienst den Vorteil, dass er mit allen Handy-Modellen, von denen es mittlerweile Tausende gibt, Dateiformaten und Bildschirmgrößen zurechtkommt. Bisher galten fehlende Standards als größter Bremsklotz im Geschäft mit mobilen Unterhaltungsangeboten. Vivendi startet seine Neuentwicklung zunächst mit 116.000 Testnutzern als Beta-Version in Frankreich. Noch im Sommer soll Zaoza aber auch nach Deutschland kommen, später sind Ableger in Großbritannien und anderen Ländern vorgesehen. Vivendi-Chef Levy spricht von einem „großen Projekt“. Das Unternehmen habe gute Erfahrungen mit Abomodellen gemacht. So haben den Onlinespielehit „World Of Warcraft“ aus dem Hause Vivendi über zehn Millionen Gamer abonniert. Die Unternehmenssparte Games ist Hoffnungsträger des Konzerns und vergangenes Jahr um 26,6 Prozent gewachsen, erstmals wurde ein Umsatz von über einer Milliarde Euro erzielt. Rund läuft es auch für Vivendi im Bezahlfernsehen: Canal plus hat allein in Frankreich und ohne Überseeterritorien mehr als 5,3 Millionen zahlende Kunden; das Umsatzwachstum lag 2007 bei 25 Prozent, der Umsatz erreichte 4,363 Milliarden Euro. Jetzt soll der Erfolg auf das Mobile-Entertainment-Geschäft übertragen werden. Mit dem zweitgrößten französischen Mobilfunkbetreiber SFR, der zum Unternehmen gehört, hat Vivendi gute Voraussetzungen. Ab März soll Zaoza kommerziell vermarktet werden, bis Jahresende will man 500.000 Abonnenten in Frankreich gewonnen haben; ab 800.000 Kunden, so Lévy, rechnet sich der Dienst. Vor allem die 15- bis 35-Jährigen soll das Angebot ansprechen. Zu den Inhaltelieferanten zählen im Spielebereich Eidos, Iplay und Vivendi Games Mobile. Musik kommt unter anderem von EMI, Sony BMG und der eigenen Tochter Universal Music. Die Anbieter Ohm TV und JCVD zählen zu den Videoclip-Anbietern. Laut Lévy verhandelt Vivendi in Frankreich mit den Rechteinhabern von bekannten Filmen aus den 80-er Jahren, die über die Plattform vertrieben werden sollen; Blockbuster-Filme sind zunächst nicht im Angebot vorgesehen. Im Vergleich zu ähnlichen Onlineangeboten setzt Vivendi auf Exklusivität, betont Cédric Ponsot, CEO Vivendi Mobile Entertainment: „Wir bieten einen Zugang zu einem Inhalteangebot, das es so sonst nirgendwo gibt“. Noch ist Zaoza aber noch weit davon entfernt, alle Major-Konzerne der Unterhaltungsindustrie unter Vertrag zu haben. Produzenten und Kreative wollen die Franzosen nach individuell ausgehandelten Verträgen an den Erlösen beteiligen; ein Mischmodell mit Werbung wird zunächst ausgeschlossen. In Deutschland übernimmt der bisherige Universal-Manager Stefan Schulz als Executive Vice President Germany, Central/East Europe das Berliner Büro von Vivendi Mobile Entertainment. Nach der Aufbauphase soll er ein Team von 15 bis 20 Mitarbeitern leiten.
Dossier: Neue digitale Geschäftsmodelle
Größere Freiheit für den Konsumenten im Umgang mit Musik, Filmen und Games hat sich der Vivendi-Konzern zur Eröffnung seiner Plattform Zaoza auf die Fahnen geschrieben. Dabei soll digitale Mundpropaganda helfen, Umsätze zu generieren. Mit diesem Konzept nimmt der Konzern unter Leitung von Jean-Bernard Lévy das vorweg, was die Marktforscher von Forrester in einer aktuellen Studie allen empfehlen.





