“Es stimmt, die Majors ziehen sich tatsächlich ein wenig aus dem DVD-Geschäft zurück“, erklärt Lindsay Brown, Director of International Sales & Marketing beim DVD-Label Eagle Vision der Londoner Firma Eagle Rock. „Denn die großen Konzerne haben das Geschäft mit der Musik-DVD nie als ein Stand-Alone-Business aufgefasst“, führt Brown aus. „Einer der größten Fehler, den die Majors vor fünf Jahren gemacht haben, war die Praxis, DVDs als Bonusdreingabe bei CDs zu vermarkten, nur um die CD-Verkäufe anzukurbeln. Das hat zu einer Entwertung geführt.“ Zwar scheint ein Blick in die aktuellen Musikwoche Top 20 Musik-DVD, in der 18 von 20 Titeln aus Major-Häusern stammen, Browns These zu widerlegen. Und auch die von MusikWoche wöchentlich publizierten Statistiken über Veröffentlichungszahlen lassen keine rückläufige Tendenz im Vergleich mit dem Vorjahr erkennen. Doch zieht man in Betracht, dass auch ganze Staffeln von Midprice-Wiederveröffentlichungen hier mit einfließen, bekommt Browns Beobachtung vom Rückzug der Majors wieder mehr Gewicht. Denn in der Tat sind regelmäßige DVD-Veröffentlichungen von Major-Künstlern wie Madonna oder Silbermond inzwischen eher die Ausnahme als die Regel. Bekam früher fast jeder Act nach einer großen Tour auch eine Live-DVD, so ist das mittlerweile ein Privileg für wenige Top-Namen geworden. Diese Vorgehens- weise erklärt Brown auch mit Fehlern in der Vergangenheit: „Die Majors haben bei einigen Produktionen ein Vermögen ausgegeben, das sie niemals wieder hereingeholt haben. Deswegen veröffentlichen sie nun in der Tat weniger als zuvor – was natürlich gut für uns ist.“ In die Lücken stießen nicht nur weltweit agierende Indies wie Eagle Rock, sondern auch deutsche Unternehmen wie polyband aus Dornach oder die Dortmunder e-m-s new media AG. Beide Firmen, die ursprünglich aus dem Filmbereich kommen, haben seit rund einem Jahr ihre Aktivitäten im Musik-DVD-Fach potenziert. „Mein Eindruck ist, dass es auf Major-Seiten im DVD-Geschäft etwas ruhiger geworden ist“, führt Uwe Lerch aus, Head of Music Division bei e-m-s. „Die Majors sind auf den internationalen Messen nicht mehr so aktiv, dafür wühlen die Indie-Kollegen dort noch stärker in den Ecken. Der Wettbewerbsdruck hat zugenommen – er kommt aber nicht mehr von den Majors, sondern von den Indies.“ Dennoch liegen die Preise für Lizenzen und Rechte unter dem Niveau vor drei Jahren, weil die Rechteinhaber wissen, dass sie nicht mehr mit Major-Budgets rechnen können. Auch polyband hat von der neuen Lage profitiert: Ein Kontakt zur Firma HanWay des britischen Regisseurs Julien Temple hat dazu geführt, dass Temples hochgelobte Glastonbury-Dokumentation demnächst bei polyband erscheint. „Messen sind für uns nicht so entscheidend, persönliche Kontakte bringen mehr“, sagt deshalb Marco Koesling, Marketing Direktor polyband. „Entscheidend für uns ist die Qualität, man muss sehr wählerisch sein“, erläutert er und spielt damit auf die Flut von unautorisierten Biografien und Dokumentationen mit selbsternannten Experten an, die derzeit viel Handelsfläche verschlingen. „Der Markt ist umkämpft wie nie zuvor, aber man findet noch genügend interessantes Material – so haben wir in diesem einem Jahr Titel unter anderem von den Rolling Stones, den Beastie Boys und Kurt Cobain sowie zwei hervorragende Dokumentationen über Heavy Metal und Punk auf den Markt gebracht.“ Auch Uwe Lerch kann nicht über neue DVD-Quellen klagen; e-m-s hat jüngst einen Vertriebsvertrag mit dem englischen Anbieter Charly und einen Lizenz-Deal mit Secret Records geschlossen. Dadurch kommen Titel von James Brown, Iggy Pop, Human League oder New Model Army zu e-m-s. „Viele Archive von Fernsehshows sind abgefrühstückt, da haben andere Firmen bereits viel veröffentlicht. Dennoch wird immer wieder Material aus dem Ausland angeboten, bei dem zumindest die Rechte der TV-Stationen leicht zu klären sind. Das Problem sind hier die Rechte der Bands; besonders problematisch ist das bei verstorbenen Künstlern.“ Auch diese aufwendigen Rechteklärungen trugen dazu bei, dass die Majors ihre Veröffentlichungspolitik etwas zurückgefahren haben oder ihr DVD-Geschäft Indie- Partnern wie Eagle überlassen, wie Brown verrät: „Bei einigen Titeln sagen sich die Major-Firmen, wenn wir überhaupt von einer DVD profitieren wollen, lassen wir es Eagle machen, dann ersparen wir uns das Risiko. So eine Einstellung kommt uns natürlich sehr entgegen. Bei der Montreux-Reihe half es uns, einige DVDs von Major-Künstlern wie Eric Clapton oder Van Morrison zu veröffentlichen.“ Wie Eagle setzt auch e-m-s auf Eigenproduktionen. „Wir sind sehr bestrebt, auch einzelne Konzerte rund um das Metal-Festival Bang Your Head auf DVD zu veröffentlichen.“ Strategisch arbeitet der Dortmunder Anbieter mit einem Mix aus Distributionsverträgen für ausländische Partner, umfangreichen Lizenzdeals und eigenen Produktionen. Bis Ende 2007 sollen 50 neue Musik-DVDs erscheinen. Auch wenn Eigenproduktionen davon noch den kleinsten Teil ausmachen, sind sie wegen der weltweiten Rechte für die Firma besonders attraktiv. „Das Marktniveau ist immer noch recht gut, allerdings hat die Anzahl der Veröffentlichungen deutlich zugenommen, sodass die verkaufte Stückzahl pro Produkt gesunken ist“, fasst Lerch zusammen. „Als Firma muss man sich darauf einstellen, dass man auch mit 3000 bis 5000 Einheiten glücklich werden muss. Das bedeutet, entweder die Produktionskosten gering zu halten, oder sich weitergehende Auslandsrechte zu sichern.“ Und auch Brown sieht nicht schwarz beim DVD-Geschäft: Wenn Qualität und Verpackung stimmen, würden sich Konzertaufnahmen aus den Archiven auch weiterhin gut verkaufen, meint er. „Die Anzahl der neu produzierten Shows wird in Zukunft weiter abnehmen, fürchte ich. Vor allem der junge Fan scheint nicht bereit zu sein, noch ein weiteres Live-Konzert seiner Lieblingsband auf DVD zu erwerben.“ Und er resümiert: „Aber die Generation 30 plus wird sich weiterhin sehr für Musik-DVDs interessieren. Deswegen sehe ich die Zukunft für das Format nicht so düster, wie es einige Schwarzseher prophezeien.“
Dossier: Musik-DVD im Gegenwind
Mit rund zehn Millionen verkauften Exemplaren im vergangenen Jahr kann sich die Musik-DVD unverändert gut behaupten. Aber unter der funkelnden Oberfläche verschieben sich die Koordinaten. Denn Top-Veröffentlichungen von Major-Künstlern werden zunehmend zur Ausnahme, während Indie-Firmen versuchen, die frei gewordenen Felder zu besetzen.





