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Dossier: Midem 2011 – Bühne frei fürs Business

Rückläufige Besucherzahlen und abgespecktes Drumherum auf der einen Seite, aber andererseits sonnige Tage und sonniges Gemüt sowie optimistische Aufbruchstimmung und Besinnung aufs Kerngeschäft, zumindest bei den Publishern: So in etwa könnte ein Fazit der 45. Midem lauten. Die Reed Midem Organisation zeichnete am Ende der internationalen Musikmesse freilich ein differenzierteres Bild.

Bei der Abschlusskonferenz der diesjährigen Midem bestätigten die Veranstalter die bereits vorab bekannten Zahlen: Es gab einen Besucherrückgang um rund fünf Prozent auf 6850 Teilnehmer (2010: 7200) aus mehr als 70 Ländern (2010: 78 Ländern). Vor zehn Jahren verzeichnete die 35. Midem übrigens noch 10.277 Teilnehmer aus 92 Ländern. Aber auf die Zahlen allein komme es nun wirklich nicht an, meinte der neue Midem-Direktor Bruno Crolot. Die Inhalte, mit denen man sich bei einer solchen Profimesse befasst, seien ausschlaggebend für die Qualität der Veranstaltung. Und weil diesmal viele der diskutierten Inhalte in eine vielversprechende Zukunft wiesen, gab sich Crolot recht zufrieden. „Die Musikindustrie entwickelt sich mit großem Tempo weiter, vor allem im Servicebereich und im Einsatz sozialer Netzwerke zum Erreichen der Fans. Deshalb haben wir dem erzieherischen Aspekt von MidemNet absolute Priorität eingeräumt.“ Die „MidemNet Academy Digital Education Sessions“ seien vollbesetzt gewesen. „Da überrascht es auch nicht, dass die Zahl der Teilnehmer aus dem digitalen und technischen Bereich dieses Jahr um 30 Prozent gestiegen ist.“ Für Bruno Crolot ist deshalb klar: „Der ganze digitale Sektor, Clouds, Apps und Services, ist das Herz des Musikmarkts der Zukunft. Kein Wunder, dass auf der Midem so viel über die Auswirkungen auf die Industrie diskutiert wurde.“ Wolkige Themen, wolkenloser Himmel In der Tat stand der Begriff „Cloud“ – trotz des weitgehend wolkenlosen Himmels in Cannes – im Mittelpunkt vieler Midem-Gespräche. Dabei konnte man den Eindruck gewinnen, dass die genannten digitalen Dienstleister, die laut Crolot das Musikgeschäft der Zukunft prägen, noch einige Midem- Diskussionen mehr brauchen werden, um ihre Konzepte dem traditionellen Kernpublikum der Musikmesse verständlich zu machen, das mit Produktion und Lizenzierung von Musik sein Brot verdient und mithin die Basis für alle wolkigen Geschäftsmodelle liefert. Die Diskussion angestoßen hatte Sony gleich zum Auftakt der Messe am 23. Januar mit der Bekanntgabe, dass der cloudbasierte Dienst Music Unlimited nach UK und Irland nun auch in Ländern wie Frankreich, Deutschland, Spanien oder Italien zur Verfügung steht. Mit Qriocity liefert Sony gleich noch eine interessante Plattform für den Verbraucher mit, die in diesem Jahr Bestandteil vieler neuer Geräte sein soll. Eine hochkarätig besetzte MidemNet- Paneldiskussion zum Thema fand denn auch regen Zuspruch – und warf anscheinend weiterführende Fragen auf, über die an den folgenden Midem- Tagen viel gesprochen wurde. Aber nicht nur das ohne Zweifel spannende Cloud-Thema unterstrich die Tendenz, dass MidemNet als Zukunftskongress immer mehr zum Aushängeschild der Messe wird, während das traditionelle Standbusiness allein die Veranstaltung nicht mehr tragen könnte. Exemplarisch für die Richtung, in die sich die Midem entwickelt, finden die Messemacher Cannes – Rückläufige Besucherzahlen und abgespecktes Drumherum auf der einen Seite, aber andererseits sonnige Tage und sonniges Gemüt sowie optimistische Aufbruchstimmung und Besinnung aufs Kerngeschäft, zumindest bei den Publishern: So in etwa könnte ein Fazit der 45. Midem lauten. Die Reed Midem Organisation zeichnete am Ende der internationalen Musikmesse freilich ein differenzierteres Bild. 3 Zufrieden trotz Rückgang (v.l.n.r.): Dominique Leguern, Bruno Crolot und Anne de Kerckhove 6/2011 9 midem 2011.dossier Live-Attraktion im Martinez: die italienische Sängerin Malika Ayane 10 6/2011 dossier.midem 2011 den Business Hack Day: Am 25. Januar trafen sich Hacker, um gemeinsam eine neue App zu programmieren, die Musik, Social Networks und Games verbindet. Laboratorium für die digitale Zukunft 155 Start-up-Unternehmen im digitalen und technischen Bereich waren laut Midem in Cannes dabei – eine neue Rekordbeteiligung. 30 davon durften sich im Schnelldurchlauf beim MidemNet Lab einer Jury, der auch Venture-Kapitalgeber angehörten, vorstellen. „Start-ups brauchen Kunden. Aber sie brauchen auch finanzielle Unterstützung, und genau da kommt das Wagniskapital ins Spiel“, erläuterte Anne De Kerckhove, Entertainment Division Director Reed Midem. „Deshalb war es uns besonders wichtig, Leute wie Saul Klein von Index Ventures zu holen, um zu diskutieren, welche Anreize es für Investitionen in die Musikindustrie gibt.“ Drei Gewinner wurden am 25. Januar gekürt: In der Kategorie Mobile Apps wurde das australische Jammbox ausgezeichnet, ein personalisiertes Musikmagazin auf Abobasis (www.jammbox.com). Das Internetradio Shuffler.fm, das Musikblogs aggregiert, war Sieger in der Kategorie Consumer Services (www.shuffler.fm). Und die US-Firma Next Big Sound wurde für das beste B2B-Konzept geehrt; sie bietet Musikanalysen auf Basis von Onlinenutzungen an (www.nextbigsound.com). Die deutschen Kandidaten audiomagnet und songpier und das österreichische Play. fm blieben außen vor. Alex White, Gründer von Next Big Sound, saß bei der Abschlusspressekonferenz mit auf dem Podium, um seine Begeisterung über die Midem zu artikulieren: „Ich hatte extra einen besonders hohen Stapel Visitenkarten mitgenommen. Die sind jetzt fast alle weg.“ Wie schon im vergangenen Jahr zogen die Messemacher am Ende nicht einfach ein Fazit, sondern ließen Midem-Teilnehmer Zeugnis ablegen vom Sinn und Nutzen der Veranstaltung. Neben White legten sich in diesem Sinne Mark Isherwood von der Firma DDEX und Bruno Lion von PeerMusic ins Zeug. Am Rande der Pressekonferenz erfuhr man, dass der französische Kulturminister Frédéric Mitterrand auch die scheidende Midem-Direktorin Dominique Leguern mit dem Orden Officier dans l’Ordre des Arts et des Lettres dekoriert hatte. Nicht erwähnt wurde, warum es dieses Jahr keine Classical Awards mehr gab. Auf Nachfrage von MusikWoche erläu – terte Dominique Leguern, die aufwendige Organisation sei nicht mehr zu rechtfertigen gewesen. Mit anderen Worten: Hier hat sich das Sparprogramm der Midem- Veranstalter ausgewirkt. Rotstift und Zukunftshoffnungen: Die Midem ist 2011 da angekommen, wo große Teile der internationalen Musikbranche schon länger sind. Manfred Gillig-Degrave Kulturminister Mitterrand stellt sich auf Seite der Kreativen Cannes – Nach dem traditionellen Messerundgang zur Midem-Eröffnung hielt Frédéric Mitterrand als Repräsentant des Partnerlandes Frankreich eine Grundsatzrede zur Kulturpolitik und diskutierte anschließend mit Musikern über deren Erfahrungen und Wünsche. Auf dem Podium saßen neben dem Minister die Gruppe Revolver, der Multi-Instrumentalist und Sänger Medi sowie der Act AaRon. Dabei ging es unter anderem um die Wirkung einer Radioquote, wie sie Frankreich vor vielen Jahren einführte. Und Mitterrand erzählte, dass er vor 40 Jahren Bob Dylan live erlebt habe – ein Erlebnis, das ihn bleibend prägte: „Es waren zwei Stunden des Lebens, die mich für immer zum Musikanhänger werden ließen. Zwei unvergessliche Stunden fürs ganze Leben.“ Vielleicht liegt in dieser leidenschaftlichen, emotionalen Beziehung zur Musik, die Mitterrand bei der Podiumsdiskussion erkennen ließ, der Schlüssel für seinen überzeugenden Einsatz im Sinne der Urheber. In seiner Rede vertiefte er seine Position. Er meinte zunächst, man könne zahlreiche ermutigende Anzeichen nennen, dass es mit der Musikbranche wieder aufwärts geht – wie zum Beispiel den Anstieg der Erlöse aus digitalen Verkäufen oder die Einführung von Bezahlabos, eine „offensichtlich sehr vielversprechende Form des Musikkonsums“. Er wisse aber auch, „dass die Branche noch nicht aus der Sache raus ist, dass der Rückgang des physischen Markts bis heute nicht durch den Anstieg der digitalen Erlöse kompensiert wird und dass deshalb der Musikmarkt auch im vergangenen Jahr weiter zurückgegangen ist“. Mitterrand betonte, er sei entschlossen, dazu beizutragen, „dass die Rahmen – bedingungen für eine Erneuerung der Musikindustrie geschaffen werden. 2010 war ein Jahr, in dem das Fundament für eine Reihe von Baustellen für die Zukunft gelegt wurde. 2011 wird das Jahr der Verwirklichung sein.“ Ausführlich ging der Kulturminister auf die Hadopi-Behörde ein, die nach dem Dreistufenmodell Nutzer vor dem unbefugten Downloaden von Inhalten aus dem Internet warnt. „Das werden sie nie hinkriegen“, habe es noch vor Jahresfrist geheißen. „Doch wir haben das Hadopi-Gesetz verabschiedet und die Dank Bob Dylan: Musiker stießen bei der Talkrunde mit Frédéric Mitterrand auf ein offenes Ohr Behörde eingerichtet. In der Tat hat es 3 6/2011 11 midem.people Genossen das sonnige Wetter beim GEMA-Lunch (v.l.n.r.): Lars Ingwersen (Peermusic), Ralph Siegel, Jürgen Thurnau (Crocodile Music), Hille H. Hillebrand (Grand H) Schreiben die Sun-Geschichte weiter (v.l.n.r.): Michael Schuster (Cargo Records), Sun-Gründer John Singleton, Jean Luc Young (Charly Records), Mary Singleton, Frank Hessing (MusiConsult Network), Manuel Amian (Cargo Records) und Timothy Kotowich (MusiConsult Network) Cocktail bei Universal Music (v.l.n.r.): Paddy Spinks und Glen Barros (beide Concord Music Group) mit den Universal- Granden Bruce Resnikoff (CEO Universal Music Enterprises), Olivier Robert-Murphy (Head of Business Development UMGI) und Max Hole (COO UMGI) Am deutschen Stand: Claudia Jericho (c/o pop), Cornelius Claudio Kreusch (Musicjustmusic/VUT) Hielten für den VUT die Indie-Flagge hoch (v.l.n.r.): Meike Becker, Vorstandsmitglied Peter James und Lars Potyka Universal-Meeting (v.l.n.r.): Emmanuel Seugé (Worldwide Sports & Entertainment Marketing Coca-Cola), Daniel Lieberberg, Andreas Daermann Schweizer Botschafter: Turicaphon- Inhaber Hans Oestreicher und Tochter Yvonne zeigen sich stolz auf das Buch über ihr Traditions – unternehmen Fröstelnde Delegation von der Waterkant an der Côte d’Azur (v.l.n.r.): Rechtsanwalt Walter Lichte, Krisz Kreuzer (BASS), Anwalt Dr. Richard Landfermann, Christoph Becker (BASS) Bald kommt ein neues Album: der bretonische Barde Alain Stivell mit Manlio Celotti (Music Alliance Membran, r.) Die Hamburger Initiative Jazz Moves traf sich in Cannes mit Vertretern der Stadt Marseille, um über eine Zusammenarbeit zu sprechen (v.l.n.r.): Aude Eisinger (Mission Marseille 2013), Sabine Bachmann (Skip Records), Nadine Verna (Projekt Phonopaca), Anne Marie D’Estienne d’Orves (Beraterin Festival de Jazz de Marseille), Bernard Souroque (Direktor Festival de Jazz des Cinq Continents), Rüdiger Herzog (Herzog Records), Mucke Quinckhardt (Jazzburo Hamburg e.V.) und Benoit Fremin du Sartel (Président Phonopaca/ProFusion.net) 12 6/2011 dossier.midem 2011 an juristischen Hürden und technischen Schwierigkeiten nicht gemangelt. Aber das ist ziemlich normal. Schließlich handelt es sich um eine Weichenstellung, die auf innovative Weise dem Schutz der Kreativen im digitalen Zeitalter dient und zugleich ausgewogen und respektvoll mit der Freiheit des Individuums umgeht.“ Die Durchsetzungskraft der Institution wachse von Tag zu Tag. „Diese erzieherische Maßnahme zeigt bereits Wirkung, und bald werden wir sie detailliert messen können. Dass man sich der durch Piraterie entstandenen Verwüstungen bewusst wird und dessen, dass die Kultur einen Wert und sogar einen Preis hat; die Erkenntnis von der entscheidenden Rolle, die das Urheberrecht im kreativen Ökosystem spielt – dank Hadopi setzen sich diese Ideen durch. Ich bin deshalb überzeugt, dass die Haute Autorité dazu beitragen wird, die Einstellung von immer mehr Onlinenutzern zu verändern. Das ist der Kern des Ganzen. Die neuesten Auswertungen bestätigen, dass drei Viertel aller Internauten mit dem Downloaden aufhören, wenn sie einen Mahnbrief bekommen.“ Downloadkarte braucht mehr Power Die seit 28. Oktober erhältliche, staatlich subventionierte Downloadkarte Carte Musique war laut Mitterrand im vergangenen Jahr eine weitere große Baustelle. Die Guthabenkarte, die sich vor allem an zwölfbis 25-jährige Konsumenten richtet, ist zum Preis von 25 Euro erhältlich. Die jungen Kunden können damit Musik im Wert von 50 Euro aus legalen Onlinequellen her unterladen. „In meinen Augen handelt es sich um eine grundlegende Maßnahme zur begleitenden Unterstützung der Musikbranche, die dazu beitragen wird, dass sich die jungen Musikliebhaber wieder an legale Musikangebote im Internet gewöhnen, die ja umfassend und attraktiv sind. Deshalb habe ich in Paris und Brüssel dafür gekämpft, dass die Karte möglichst schnell eingeführt wird. Und ich werde mich mit allen Kräften weiter dafür einsetzen, dass diese Maßnahme schnell ihr ganzes Potenzial entfaltet.“ Im Oktober 2010 rechnete die französische Regierung damit, dass pro Jahr eine Million Karten abgesetzt werden. Davon ist man indes noch weit entfernt, wie Mitterrand erläuterte: „50.000 verkaufte Karten bestätigen, dass es sich um ein gutes Produkt handelt. Trotzdem liegt dieses Ergebnis unter unseren Erwartungen. Um der Karte zu mehr Erfolg zu verhelfen, müssen wir sie bekannter machen und sie pragmatisch weiterentwickeln. Wir müssen also unsere Anstrengungen verdoppeln.“ Mitterrand will dafür sorgen, dass die Webseite verbessert wird, um sie einfacher und ergonomischer zu gestalten. „Ich werde außerdem beträchtliche Mittel für eine große Werbekampagne bereitstellen und in den Schulen Aufklärungsveranstaltungen durchführen lassen. Und ich möchte sehr schnell neue Funktionalitäten einführen, vor allem den Zugriff über Mobiltelefone. Mitterrand gab den Kurs für 2011 vor: „An der Seite aller, die das Risiko der kreativen Arbeit auf sich nehmen, möchte ich jetzt eine neue Baustelle eröffnen, und zwar diejenige der Finanzierung der musika – lischen Vielfalt in der digitalen Ära. Wir kennen die schmerzhaften Auswirkungen der Krise auf die Vielfalt der musikalischen Produktion und auf die Aufbauarbeit für den Nachwuchs. Wir wissen auch, dass daraus eine Gefährdung junger Karrieren erwächst, und zwar solcher Künstler, deren Talent und Einzigartigkeit zwar anerkannt sind, die aber dennoch nicht profitabel genug sind, um auf Dauer zu tragen.“ “ Google soll Einnahmen versteuern Um die Finanzierung von Kreativität zu gewährleisten, will Frédéric Mitterrand eine Steuer auf die Werbeinnahmen großer internationaler Internetfirmen einführen. „Diese dynamischen Unternehmer, diese Giganten des Internets möchte ich daran erinnern, dass sie den Kreativen etwas schulden, den Komponisten und allen, die kulturelle Werke interpretieren und übermitteln“, sagte der Minister. „Ich akzeptiere nicht, dass wir nicht in der Lage sein sollen, die Werbeeinnahmen abzuschöpfen, die in Frankreich im Internet generiert werden, nur weil die Akteure oft genug von steuerlich,attraktiven‘ Territorien aus operieren.“ Man könne keine neuen Wege im Internet gehen, wenn man nicht auch sicherstelle, dass die Finanzierung gewährleistet ist. „Ich werde mich weder von technischen Hindernissen noch vom Widerstand der Betroffenen von diesem Weg abbringen lassen.“ Schließlich kündigte der Kulturminister an, er werde sich auch weiterhin für einen ermäßigten Mehrwertsteuersatz, vor allem für Internetmusikdienste, stark machen. Als zusätzliche Priorität für 2011 sehe er den Einsatz für die Vielfalt des musikalischen Angebots: „70 Prozent der Franzosen entdecken neue Musik mit Hilfe des Radios, 58 Prozent übers Fernsehen. Die traditionellen Medien sind also für die breite Öffentlichkeit das Mittel der Wahl, wenn es um Musik geht.“ Damit falle ihnen eine große Verantwortung zu, deren sie sich aber stärker als bisher bewusst werden müssten. Manfred Gillig-Degrave Beim Rundgang (v.l.n.r.): Frédéric Mitterrand mit den Messemachern Paul Zilk (Chairman & CEO Reed Midem) und Anne-Manuele Hébert (Deputy Sales Director Midem) 6/2011 13 midem.people Warben in Cannes unter anderem für neue Studiengänge an der Popakademie Baden-Württemberg (v.l.n.r.): Hubert Wandjo, Stefanie Masino, Udo Dahmen, Catherine Galliou und Matthias Krebs Betrieben Networking am Austria-Stand (v.l.n.r.): Mag. Erwin Strutzenberger (Außenwirtschaft Österreich), Dr. Susanne Keppler-Schlesinger (Öster – reichisches Kulturforum Paris), Mario Rossori und Dr. Paul Hertel (AKM) Vermissten die Classical Awards: Werner Dabringhaus und Manfred Görgen (r., beide MDG) Kommen immer wieder gern nach Cannes: Frank Oldenburg (QED, l.) und Klaus Munzert (7days music) Cheflobbyist, mal ganz entspannt: Dieter Gorny (l.) mit dem CDUGesandten Ansgar Heverling beim GEMA-Lunch am Plage Ondine Prost auf Universal Music (v.l.n.r.): ZDF-Musikchefin Anca-Monica Pandelea, Florence Siebert (UMGI Classical), Maria Molin Ljunggren (Lionheart Int.) Tauschten Midem-Erinnerungen aus: Rudy Holzhauer (Progressive, l.) und Reinhard Piel (A45) Haben ein offenes Ohr für die Sorgen der Indies: Helen Smith (Impala) und Jörg Heidemann (VUT) Zum zweiten Mal organisierte der VUT Süd eine bayrische Messepräsenz in Cannes (v.l.n.r.): Daniel Dinkel (Galileo MC), Patrick Thomas (telepark), Sabine Meier (Edition Roland), Gabi Koppehele (blu phase media), Markus Meyer (Management Passadena Roof Orchestra) und Jörg Roeber (Our Distribution) 14 6/2011 dossier.midem 2011 Spannende Debatte bei MidemNet 2011 Selbstvermarktung, Lizenzmodelle und digitales Scheitern Cannes -Der MidemNet-Kongress verdeutlichte zum Auftakt der Midem am 22. Januar erneut, wie vielfältig die Probleme und die Lösungsansätze im digitalen Musikgeschäft sind. Für Gesprächsstoff sorgten dabei sich selbst vermarktende Künstler, lizenzierte und nicht lizenzierte Plattformen sowie eine Musikdatenbank. Und Modefragen. So kam MidemNet-Vordenker Ted Cohen zur Begrüßung der zunächst noch überschaubarn Zuhörerzahl mit einem eindrucksvollen Schnauzbart auf die Bühne. Vom Raunen unbeeindruckt machte er gleich zu Beginn der MidemNet 2011 klar, was das Musikgeschäft künftig beachten soll: „Es geht darum, weg von der Straf – verfolgung und hin zur Monetarisierung zu kommen.“ Auch der Weg dahin sei vorgezeichnet: Man müsse langfristige Partnerschaften aufbauen; die Zeit der vergleichsweise kurzfristig angelegten Lizenzdeals sei vorbei – „egal, wie hoch der Vorschuss auch ist“. Die Zukunft im Digitalmarkt liege in der allgegenwärtigen Verfügbarkeit von Musik, aber auch in einer größeren Transparenz der zugrunde liegenden Businessmodelle und der Beziehungen zwischen Kreativen, Vermittlern und Konsumenten. Den Weg dahin aber stellen sich die zahlreichen Midem- Net-Redner durchaus unterschiedlich vor, wie sich zeigte: Die einen bauen auf eine direkte Verbindung zwischen Künstler und Fan, andere sehen die Lösung in neuen oder verbesserten Serviceangeboten, und manche hoffen auf eine effizientere Umsetzung der Urheberrechte. Warner- Manager Jeremy Welt betonte, dass es angesichts von hunderttausenden Bands in der Onlinewelt für den einzelnen Act mehr und mehr darauf ankomme, einzig – artige Geschichten zu erzählen. Nur Konzerttermine zu verbreiten und anstehende Veröffentlichungen zu verkünden, reiche heute längst nicht mehr. Reverb – Nation-CEO Michael Doernberg provozierte mit der These, dass die Selbst – vermarktung „Mist“ sei und schnell in die Beliebigkeit führe. Kreative Ideen aus der Community Angesichts der vielen möglichen Werkzeuge zur Selbstvermarktung bestehe zudem die Gefahr, dass sich Künstler zu sehr mit diesen Tools und zu wenig mit der eigenen Kreativität beschäftigen. Big- Champagne-Firmengründer Eric Garland brachte die Lage auf den Punkt: „Die Branche hat den Anschluss verpasst, bezahlt zu werden.“ Ganz anders klang das bei einer Runde mit Damian Kulash von der USFormation OK Go und der britischen Musikerin Imogen Heap: Beide stellten vor gut gefüllten Zuschauerreihen Beispiele für die erfolgreiche Vermarktung ihrerWerke vor, plauderten über anstehende Projekte und die gelungene Ansprache der Fans. Imogen Heap nannte Beispiele wie Onlinecastings von Musikern für bestimmte Projekte und verwies auf kreatives Crowdsourcing, bei dem die Fans aufgerufen werden, Bilder oder Sounds als Grundlagen für musikalische Ideen beizusteuern. Damian Kulash vertrat derweil die These, dass das Denken in Albumproduktionsphasen überholt sei und kommerziell längst keinen Sinn mehr habe. Als Blaupausen für andere Karrieren, so viel dürfte aber klar sein, können diese Beispiele nur bedingt herhalten. Dies dürfte auch für David Guetta gelten, der zwar seine Twitter- Aktivitäten selbst zu steuert, dessen eindrucksvolle Zahl von 15 Millionen Facebook- Freunden – „jeden Monat kommt eine Million hinzu“ – aber mit Beiträgen seines Teams gefüttert wird. Guetta provozierte mit seinem Auftritt die meisten Reaktionen auf der Twitterwall, die auf der Großleinwand mitlief: Vor allem seine winterfeste Strickjacke wurde gewürdigt – mehr noch als die Halskette von Imogen Heap, an der zahlreiche Bleistifte baumelten. Managerlegende Harvey Goldsmith bemühte sich anschließend, den Künstler in den Mittelpunkt zu rücken: Man müsse sich vom Gedanken verabschieden, den Musiker kontrollieren zu können. Wer zudem über Rundumvermarktungsverträge zum Beispiel an den Einnahmen der Kreativen aus dem Livegeschäft beteiligt werden wolle, der müsse auch sicherstellen, Stellten das derzeitige Digitalgeschäft in Frage: Ted Cohen (l.) und Mark Mulligan dass er dafür die entsprechende Infrastruk- Fotos: midem 6/2011 15 midem 2011.dossier Die Musikmesse in Frankfurt am Main ist der „place to be“ für alle, deren Business Musik und Musikinstrumente ist. Sie ist die weltweit größte Show der Branche und zieht Aussteller, Besucher, Stars und Musiker aus der ganzen Welt an. Mehr als 30.000 Musikinstrumente, Neuheiten und Produktideen, von der E-Gitarre über digitale Musik-Software bis zum klassischen Zupfinstrument, sind hier zu entdecken. Weitere Informationen: tur hat: „Wenn wir überleben wollen, brauchen wir auf allen Seiten Experten und müssen in sie investieren.“ Terry McBride, CEO der kanadischen Nettwerk Music Group, sieht das Musikgeschäft an einem digitalen Scheideweg: Mit dem Verkaufen von Musik sei es spätestens in fünf Jahren endgültig vorbei, Plattenfirmen und Musikverleger würden dann zum Beispiel aus den musikalischen Aufführungen via Stream ihre Umsätze erzielen müssen. Dann wäre nicht mehr unbedingt der Content King, sondern vielmehr der Kontext. Francis Gurry, Geschäftsführer der in der Schweiz ansässigen WIPO – World Intellectual Property Organization forderte die Einführung einer umfassenden Datenbank, die den weltweiten Musikkatalog und die dahinter stehenden Rechte für alle zugänglich erfassen und aufschlüsseln soll. Getragen von einer als Public-Private-Partnership fungierenden Organisation würde das aber direkt mit den Geschäftsinteressen des im Metadatenbereich aktiven Unternehmens DDEX kollidieren, das als einziger größerer Sponsor der MidemNet für seine Leistungen warb. An einer Gesprächsrunde zum Thema der cloudbasierten Angebote nahmen unter anderem Sony-Digital – experte Thomas Hesse und Simfy- Mit begründer Christoph Lange teil. Hesse hob hervor, dass wolkige Dienste den großen Vorteil mit sich bringen, dass sie die digitale Musik vom PC befreien und zum Beispiel im Wohnzimmer oder im Auto verfügbar machen – mithin an den Orten, an denen am meisten Musik kon – sumiert wird. Forrester-Analyst Mark Mulligan kam derweil zur Diagnose, dass der Digitalmarkt schlichtweg nicht wie erhofft funktioniert: Das Musikgeschäft stehe vor dem nächsten Napster-Moment, glaubt er. Sein Rezept: Nehmt SPARC. Hinter dieser Abkürzung verbirgt sich eine Aufzählung: Musikalische Angebote sollten demnach „social“, „participative“, „accessible“, „relevant“ und schließlich auch „connected“ sein: „Das alte Distri – butionsmodell stirbt“, ist sich Mulligan sicher. Eine Antwort aber, wie sich neue Umsätze generieren lassen, blieb auch er schuldig. Knut Schlinger Schick in Strick und mit Stiften um den Hals: die Künstler David Guetta und Imogen Heap Fotos: midem 16 6/2011 dossier.midem 2011 Hadopi hantierte auf der Midem mit Zahlen und Konzepten Cannes (gil) – Zu den Midem-Teilnehmern mit Stand, die zum ersten Mal bei der Messe auf sich aufmerksam machten, gehörte auch die „Haute Autorité pour la diffusion des oeuvres et la protection des droits sur internet“. Die 2010 geschaffene französische Behörde hatte es unter dem Kürzel Hadopi schon vor ihrem Start unter Internetnutzern zu zweifelhafter Berühmtheit gebracht – Stichwort: Three Strikes. In Cannes zog Hadopi-Chefin Marie-Françoise Marais eine erste Bilanz der Arbeit ihrer Behörde und legte neben Zahlen mit „Hadopi Labs“ auch ein Konzept für die weitere Evaluierung der Internetnutzung vor. Das Hadopi-Gesetz wurde am 12. Juni 2009 nach langen parlamentarischen Querelen verabschiedet; auch danach ging die politische Auseinandersetzung weiter. Der französische Gesetzgeber hatte als Auftrag von Hadopi formuliert: Legale Internetdistribution weiter vorantreiben! Werke im Internet schützen! Überwachen und regulieren! Regierung und Parlament informieren! Mit Gesetz vom 28. Oktober 2009 kamen Ergänzungen hinzu, nachdem der Verfassungsrat gegen einzelne Bestimmungen sein Veto eingelegt hatte. Vom Juli 2009 bis zum 23. Dezember 2010 wurden zudem elf Ausführungsbestimmungen per Erlass verkündet, die die Hadopi- Praxis regeln; zwei weitere sollen noch im ersten Vierteljahr 2011 folgen. Mit all diesen rechtlichen Schritten sei Hadopi innerhalb von zwölf Monaten zur Realität im Internet geworden, verkündete Marie- Françoise Marais in Cannes. Neun Monate habe es gedauert, bis das abgestufte Warnmodell in die Praxis umgesetzt werden konnte – Anfang Oktober 2010 begann ihre Behörde mit der Versendung der ersten Verwarnungsmails. Bis es dazu kommen konnte, mussten neben der technischen, juristischen und personellen Infrastruktur auch die Site www.hadopi.fr sowie ein Call-Center für die Publikums- Hotline eingerichtet werden. Das Call- Center nahm am 20. September seinen Betrieb auf, die Website zählt laut Hadopi 350.000 Page Impressions im Monat. Das Three-Strikes-Verfahren ist einigermaßen kompliziert und gründlich. „Seit Oktober 2010 wurden rund 70.000 Mails mit einer ersten Mahnung an Internetnutzer geschickt“, sagte der französische Kulturminister Frédéric Mitterrand in Cannes. Wer sich danach sechs Monate lang nicht mehr bei illegalen Quellen bedient hat, dessen Daten werden gelöscht. So blieben nach der ersten Runde rund 1800 Adressaten übrig, die nun ein zweites Mal verwarnt werden sollen. Wer auch nach dieser zweiten Mahnstufe nicht von seinem Tun ablässt, erhält einen eingeschriebenen Brief; wer indessen zwölf Monate lang brav bleibt, dessen Daten werden gelöscht. Erst wer nach Versand der Einschreibebriefe noch immer uneinsichtig ist, handelt sich ein Gerichtsverfahren und eine entsprechende Strafe ein. Vorher allerdings muss noch eine von Hadopi unabhängige Kommission zum Schutz der Rechte (Commission pour la Protection des Droits, CPD) entscheiden, ob die Hadopi-Unterlagen zur Strafverfolgung freigegeben werden. Anschlussinhaber, die ihr Funknetz nicht verschlüsselt haben und damit Dritten das Downloaden unlizenzierter Daten ermöglichten, müssen mit einem Bußgeld von 1500 Euro rechnen. Im ersten Quartal 2011 will Hadopi ein Gütesiegel für „legale Distribution“ vorstellen, mit dem sich Onlineplattformen schmücken sollen, die den Voraussetzungen entsprechen. Ein eigenes Portal für legale Distribution soll bis Ende 2011 an den Start gehen, hierfür laufen nach einer entsprechenden Ausschreibung derzeit noch die Verhandlungen mit den Service Providern, die sich um den Auftrag beworben haben. Spannend wird es beim Thema „Hadopi Labs“, die auf einer offenen und kollaborativen Plattform im Internet arbeiten sollen. Hat noch viel vor: Marie-Françoise Marais Positives Feedback zum deutschen Midem-Showcase Cannes (ks) – Kurz nach dem Ende der Midem zogen auch die Organisatoren der deutschen Showcases Bilanz, die Popförderer der Popakademie aus Baden-Württemberg, die Länder Bayern, Nordrhein- Westfalen und Berlin, die GEMA sowie die Initiative Musik. „Es macht einfach viel mehr Spaß im Verbund geschlossen aufzutreten, deshalb sind solche, bislang doch eher unüblichen Kooperationen einfach klasse“, meint Mike P. Heisel als Mitglied des Aufsichtsrates der Initiative Musik. „Von New York aus gesehen geht es schließlich nur darum, Menschen für Musik aus Deutschland zu begeistern, egal ob Ya-Ha und Sonia Brex aus Berlin, München oder Köln kommen.“ Eine Hauptaufgabe der Initiative Musik sei es schließlich, im Auftrag der Bundesregierung und der Musikwirtschaft den Export von Rock, Pop und Jazz zu fördern. „Für unsere beiden Newcomer aus der Popakademie, The Astronaut’s Eye und Abby, war es ein wichtiger, internationaler Aufschlag, den sie grandios meistern konnten“, resümiert Prof. Udo Dahmen, künstlerischer Direktor der Popakademie Mannheim. „So ein Setting mit Soundcheck morgens um neun Uhr, Interviewterminen zwischendurch und zwei Auftritten vor Musikprofis an einem Tag ist Stress und Aufregung pur.“

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