Metal made in Germany galt über viele Jahrzehnte hinweg als Gütesiegel. Bands wie die Scorpions, Accept oder Helloween, Running Wild, Grave Digger oder Blind Guardian, Kreator, Sodom oder Rage feierten weltweit Erfolge und inspirierten ganze Generationen von jungen Musikern, es auch einmal mit einer Band zu versuchen. Viele dieser Formationen sind noch immer aktiv – die Scorpions haben soeben ein neues Album veröffentlicht, und Blind Guardian sind einer der Headliner auf dem Wacken Open Air 2007. Doch Holger Hübner, als Geschäftsführer der Agentur ICS einer der Veranstalter des Wacken-Festivals, beklagt, dass es immer die gleichen deutschen Bands seien, die ausreichend Publikum anziehen. „Wir haben ein gravierendes Problem, weil es in Deutschland bei den Metal-Bands keinen guten Nachwuchs gibt. Daran leidet die Szene, keine Frage. Das ist in anderen Ländern besser – etwa in Skandinavien, wo es eine qualitativ sehr gute Metal-Szene gibt, und zwar bei etablierten wie bei Newcomer-Acts.“ Befragt nach den Gründen, sieht Hübner einen direkten Zusammenhang mit den Ergebnissen der PISA-Studie, die in Skandinavien sehr gut ausgefallen ist. Eine andere Erklärung bietet Markus Wosgien, A&R-Manager bei AFM Records: „In Skandinavien werden Musiker vom Staat gefördert, was sich bezahlt macht. Der Fundus an grandiosen Newcomer-Acts ist dementsprechend groß. Da ist es kein Wunder, wenn sich auch die Labels speziell dort umsehen.“ Umgeschaut hat sich auch Nuclear Blast – und die schwedische Band Sonic Syndicate verpflichtet, weswegen Andy Siry, Head of A&R bei der Donzdorfer Firma, erklärt: „Beim Nachwuchs haben wir keine Sorgen. Bei Sonic Syndicate passt einfach alles, das hat uns schlichtweg umgehauen. Ihre Musik ist großartig – und das bei einem Durchschnittsalter von gerade mal 19, 20 Jahren. Und fürs Auge wird auch was geboten. Es ist ein Traum, wenn alles so ideal zusammenkommt.“ Dennoch beharrt Hübner auf seiner These, dass der nationale Markt austrockne. „In Deutschland ist die Lage erschreckend. Es kommt einfach nichts nach. In den vergangenen fünf Jahren gab es keine deutsche Band, die durchgehend gut verkauft hat.“ Diese Lage habe auch Einfluss auf das aktuellen Programm von Wacken gehabt, sagt Hübner. Nur 15 Prozent der Gruppen, die am ersten August-Wochenende dort auftreten, stammen aus Deutschland. „Die Qualität ist einfach nicht mehr da. Sicherlich gibt es Gruppen wie Grave Digger, die seit Jahren ihr Publikum begeistern, aber insgesamt ist der Prozentsatz leider niedrig. Außer Edguy oder Blind Guardian sehe ich keine nationale Band, die bei uns als Headliner funktionieren könnte. Selbst Formationen wie Helloween, die in Spanien oder Südamerika stark sind, reißen in Deutschland kaum noch etwas. Eine Ausnahme bilden Bands wie Schandmaul, Subway To Sally oder In Extremo, die bestimmte Nischen abdecken.“ Eine Teilschuld für diese unbefriedigende Entwicklung verortet Hübner bei den Plattenfirmen, die viel ungeduldiger seien als noch vor ein paar Jahren. „Alle investieren weniger, wollen aber schnelle Umsätze sehen. Deswegen ist von heute auf morgen keine wesentliche Besserung in Sicht.“ Gegen eine allgemeine Verurteilung der deutschen Szene wehrt sich Wosgien. Man könne nicht pauschal sagen, dass in Deutschland keine nennenswerten Newcomer nachkommen – oder es an Qualität mangle. „Zwar wachsen weniger traditionelle Heavy-Metal-Bands nach, die sich wie in den Achtzigern und Neunzigern an Gruppen wie Iron Maiden, Helloween oder Accept orientieren. Die Helden der jungen Musiker heißen heute aber anders.“ Dementsprechend gebe es derzeit eine florierende Metalcore-Szene, die grandiose Newcomer wie Caliban, Heaven Shall Burn oder Maroon hervorgebracht hat. „AFM selbst hat mit Absolute eine junge, dynamische und klischeefreie Rockband aus Frankfurt unter Vertrag, die auf einmalige Weise Einflüsse von Linkin Park, Evanescence und Korn verarbeitet.“ Im traditionellen Bereich zwischen Heavy Metal und Power Metal müsse man zwangsläufig nach Skandinavien und ins Ausland blicken, da die nationale Szene wirklich ein wenig eingeschlafen zu sein scheint. „Doch so lange bei Bands wie Edguy, Hammerfall, Doro oder U.D.O. jede Menge Jugendliche unter 20 in den ersten Reihen stehen, besteht kein Grund zur Beunruhigung“, beschwichtigt der AFM-Manager. Und auch Jens Prüter, Head Of A&R bei Century Media Europe, bekräftigt: „Wir können uns nicht über die Qualität der deutschen Bands beklagen. Zwar war Century Media Records mit Formationen aus Skandinavien, Italien, USA und England schon immer sehr international besetzt, aber dabei kommt der Nachwuchs vor der eigenen Tür nicht zu kurz.“ So habe die Firma mit ihren jungen deutschen Acts wie Heaven Shall Burn, Maroon oder Fear My Thoughts bereits Erfolge feiern können. Seiner Erfahrung nach hätten das auch die deutschen Konzertveranstalter bemerkt. „Auf allen wichtigen deutschen Metal-Festivals sind auch einheimische Newcomer vertreten.“ Prüter räumt aber ein: „Die Metal-Begeisterung, die zurzeit in Finnland herrscht, würden wir uns auch in Deutschland wünschen. Dort gehen finnische Newcomer-Bands wie Machine Men direkt in die Top Ten.“ Das zeige, dass auch die Fans hinter ihren einheimischen Newcomern stehen. Trotzdem will auch Holger Hübner den deutschen Metal-Markt nicht schlechtreden: „Die Verkäufe sind im Metal-Bereich im Vergleich zu anderen Sparten noch sehr gut, denn der typische Metaller brennt weder, noch lädt er herunter. Das sehen wir an unserem eigenen Downloadportal hardy.tv, bei dem die Download-Zahlen erschreckend gering sind – was natürlich andererseits für die physischen Verkäufe sehr gut ist.“ Im Grunde könne sich die Metal-Szene nicht beschweren. Auch die Festivallandschaft sei intakt. Die vielen Metal-Open-Airs begreift Hübner nicht als Konkurrenz, sondern als Aufwertung der Szene: „Es wird immer Festivals geben, gute und schlechte. Entscheidend ist, dass die Szene dadurch bereichert wird und dass auf diese Weise junge Leute hinzukommen. Das Publikum wird immer jünger, das sehe ich auch bei uns. Immer wieder bekommen wir Anfragen, ob man als 14-Jähriger auch aufs Festival darf. Das ist doch ein gutes Zeichen.“
Dossier: Metaller mit Nachwuchssorgen
Hard & Heavy gehört zu den beständigsten und solidesten aller Musikgenres. Selbst ohne große Medienpräsenz blieben die Marktanteile dieses Segments über die Jahre immer recht konstant. Aber auch für die Metallarbeiter wird der schrumpfende Markt zur Herausforderung. Sorgen machen sich die Firmen, weil es immer schwieriger wird, deutsche Newcomer-Acts aufzubauen, die qualitativ internationalen Standards genügen.





