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Dossier: Metal hält die Fahne hoch

Das Metal-Segment konnte sich von der negativen Entwicklung des Gesamtmarkts zumindest teilweise abkoppeln. Deutlich steigende Digitalverkäufe, relativ stabile Absätze im Tonträgerbereich und gut besuchte Festivals erzeugen bei Metal- und Hardrock-Experten weit weniger Sorgenfalten als bei Marktteilnehmern in angrenzenden Genres.

Von übertrieben festlicher Stimmung kann zwar auch im Metal-Segment keine Rede sein, doch insgesamt ist man mit den erreichten Ergebnissen der vergangenen zwölf Monate weitgehend zufrieden. Die klassische CD und verstärkt sogar wieder Vinyltonträger sind zwar immer noch der Umsatzträger Nummer eins, aber selbst im beständigen Metal-Markt werden Digitalverkäufe immer wichtiger. „Bei einem Künstler wie Slash erreichen wir bei den Downloads inzwischen eine Marke von über 20 Prozent“, erklärt Harry Landje, Director Sales Marketing bei Roadrunner. „Und selbst bei eher klassischen Hardrock-Themen wie dem zweiten Album von Airbourne sind wir inzwischen bei einem Anteil von 14 Prozent angelangt. Vor ein bis zwei Jahren waren wir in diesem Bereich noch bei gefühlten sechs bis acht Prozent. Die Tendenz geht deutlich hin zu digital.“ Für Harry Landje hat sich der Markt inzwischen so weit sortiert, dass beim Konsumenten viele Hemmschwellen wegfallen, die früher das Wachstum behinderten. „Trotzdem bin ich davon überzeugt, dass der physische Tonträger nicht ganz aussterben wird, was man zum Beispiel an den wieder ansteigenden Vinylverkäufen sieht.“ Für Olly Hahn, A&R Steamhammer und International Product Manager bei SPV, kommt es vor allem darauf an, bei einer Veröffentlichung, die richtigen Fäden zu ziehen. „Um heute wirklich Erfolg zu haben, muss alles bis hin zur Promotion und zum Marketing bis ins Detail stimmen und perfekt ineinander greifen.“ Doch die nötigen Stückzahlen ließen sich nur mit gelungenen Produktionen erreichen: „Man muss kämpfen, gerade weil der Handel auch nicht mehr so breit auf gestellt ist wie früher. Im Moment laufen Vinylalben sehr gut. Die Zahlen in diesem Segment sind sehr konstant.“ Das liege nicht zuletzt an der guten Ausstattung der Alben. „Die Nachpressungen sehen heute oft besser aus als die Originalausgaben von früher“, sagt Olly Hahn. Ausgesprochen zufrieden mit der Entwicklung des Metal-Markts zeigt sich auch Yorck Eysel, Head of Distribution/ Licenses bei Nuclear Blast: „Mit unseren Veröffentlichungen in diesem Jahr sind wir, was die Verkäufe angeht, bisher sehr gut gefahren.“ Auch Eysel konstatiert eine starke Zunahme der digitalen Verkäufe. „Bei uns bewegt sich der Anteil je nach Band und Genre um die zehn Prozent, teilweise auch schon darüber. In den USA erreichen Bands wie zum Beispiel Epica schon 20 bis 30 Prozent. Die Zahlen steigen kontinuierlich an.“ Verantwortlich dafür seien unter anderem Anbieter wie Amazon. Doch für Nuclear Blast stehen trotz aller Erfolgsmeldungen im digitalen Segment nach wie vor die physischen Verkäufe an erster Stelle. „Viele Fans greifen immer noch gern auf CDs zurück, vor allem auf die durch Bonus-DVDs aufgewerteten Versionen.“ Dieses Angebot habe das Label über die Jahre konsequent ausgebaut. „Für sein Geld muss dem Fan möglichst viel geboten werden, angefangen bei der Verpackung bis hin zum Booklet und beiliegenden Downloadcodes.“ Nuclear Blast machte damit zum Beispiel bei der Veröffentlichung der beiden Alben „Angel Of Babylon“ und „The Wicked Symphony“ von Avantasia Anfang April sehr gute Erfahrungen. Neben den klassischen Tonträgerfirmen spielt im Metal-Segment der Live-Entertainment-Bereich mit vielen bestens etablierten Festivals eine wichtige Rolle. So lockt das Wacken Open-Air 75.000 Zuschauer an und ist im August zum fünften Mal in Folge ausverkauft. Aber auch kleinere Festivals wie With Full Force (WFF) entwickeln sich zum festen Termin der Metal-Fangemeinde: „Ich kann nur für unser Festival sprechen, und da können wir uns wirklich nicht beklagen“, erklärt Sven Borges, Geschäftsführer In Move und verantwortlich für WFF. „Jahrelange Fanpflege und alles was damit zu tun hat – Preiskontrolle sowohl beim Essen und Trinken als auch beim Eintrittspreis, Festivalmerchandise, europaweite Parties und viele Aktionen mehr – machen sich bezahlt.“ Für Borges steht fest, dass die WFF-Besucher genau wissen, was sie erwartet. „Das macht den Unterschied aus. Wir streben nicht nach immer höheren Besucherzahlen, wir wollen die Leute zufrieden stellen.“ In diesem Jahr findet das Festival vom 2. bis zum 4. Juli statt: „Klar ist es schwierig, in Zeiten von Arbeitslosigkeit, Geldmangel und der parallel stattfindenden Fußball-WM die Besucher zu motivieren, zu uns zu kommen. Wir und wahrscheinlich auch unsere Gäste sehen das Festival aber eher als Kuraufenthalt. Da kann man sich mal richtig die Seele aus dem Leib schreien, sich körperlich in den Moshpits verausgaben und die Probleme für ein Wochenende vergessen. Und wie uns sehr viele nach dem Full Force mitteilen, hilft das wirklich.“ Auch Ralf Nüsser von Silverdust, dem Veranstalter von Summer Breeze, zeigt sich mit der bisherigen Bilanz zufrieden: „Nach dem reibungslosen Ablauf im vergangenen Jahr erreichen wir 2010 erstmals die Marke von 30.000 Zuschauern.“ Vom 13. bis zum 15. August treffen sich Bands aus dem Extreme-Metal-Genre in Dinkelsbühl. Weiter wachsen müsse das Festival nicht, sagt Nüsser, die jetzige Größe reiche. „Durch die sehr gute Zusammenarbeit mit den Behörden und den Vertretern der Rettungsdienste sehen wir auch in diesem Jahr sehr zuversichtlich dem Ablauf des Festivals entgegen.“ Sorgen bereitet ihm hingegen die stetig steigende Zahl von Metal-Festivals: „Da der Live – bereich in diesem Segment noch zu funktionieren scheint, versuchen immer mehr Leute ebenfalls ein Event auf die Beine zu stellen.“ Er hatte noch nie so viele An – fragen von Menschen, sagt er, die ihn um Unterstützung in Form von Tipps und Kontakten gebeten haben, wie in diesem Jahr. „Einerseits ist es natürlich klasse, dass die Szene und damit auch der Untergrund umtriebig und lebendig ist. Andererseits weiß ich nicht, ob eine solche Konzen – tration von Festivals nicht irgendwann zu Ermüdungserscheinungen beim Besucher führt.“ In der Regel wisse der Metal-Fan allerdings, „wo echtes Fantum dahinter steht und wo es nur darum geht, schnelles Geld zu machen geht.“

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