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Dossier: Mehr Anerkennung für Musik aus Österreich!

Am 6. Mai vergab die IFPI Austria als Veranstalter bereits zum 14. Mal in Wien den Amadeus – Austrian Music Award. Aus diesem Anlass fragte MusikWoche Akteure der österreichischen Musikszene, wie sich die Amadeus-Verleihung ihrer Meinung nach entwickelt hat und was sie sich noch als Verbesserung wünschen.

“In einem kleinen Land mit beschränkten Chancen im Musikbusiness und einem daraus resultierenden, kollektiven Minderwertigkeitskomplex ist allein der Umstand, dass es den Amadeus überhaupt noch gibt, ein nicht hoch genug einzuschätzender Erfolg“, betont Günther Wildner, Geschäftsführer Wildner Kulturmanagement. Der wichtigste Schritt in der bisherigen Amadeus-Geschichte sei die Abkehr von internationalen Preiskategorien gewesen, sagt Wildner – „eine veritable Befreiung von den zu großen Schuhen übermächtiger Vorbilder wie Grammys, Brit Awards oder Echo und von nicht abgeholten Amadeus-Trophäen.“ Wildner fordert: „Unser Musikpreis soll sich von Kritikern nicht verunsichern lassen, soll wendig, angriffig, großzügig, selbstbewusst und souverän sein.“ Für ink-music-Geschäftsführer Hannes Tschürtz war die Amadeus-Reform „hin zur verstärkten Abbildung der österreichischen Szenen bei aller Kritik sehr mutig und richtig“. Leider aber schaffe es der Amadeus bislang noch nicht, „die Brücke zwischen der szenischen und der medialen Wirklichkeit zu schlagen“. So seien in diesem Jahr „viele Missverständnisse“ entstanden. „Wir müssen also hartnäckig bleiben und Geduld haben, schließlich feiern wir alle gern“, meint Tschürtz. Michael Brycz, der bei Warner Music als Managing Director Frontline Central Europe auch das Geschäft in Österreich betreut, sagt: „Ich würde mir wünschen, dass der Preis allen nominierten Künstlern und Preisträgern eine noch größere Aufmerksamkeit beim Publikum und in den Medien schenkt.“ Der Amadeus sei zum einen „ein lokaler Musikpreis, der an Bedeutung gewinnt“, zugleich aber auch „ein sehr charmanter Branchentreff“. Dietmar Lienbacher, der als Division Head die österreichischen Aktivitäten von Sony Music leitet, wertet den Amadeus als „eine wichtige und richtige Plattform – gerade für österreichische Künstler, die seit 2009 stärker im Fokus des Amadeus stehen“. Für die weitere Entwicklung wünscht er sich, dass „wir lokalen Talenten noch mehr Flächen geben und somit kreative Impulse setzten“. Das aber gehe nur gemeinsam mit den Medienpartnern. „Der Amadeus ist ein tolles Beispiel“, sagt Lienbacher. „Ich wünsche mir noch mehr österreichische New – comer in den Radiosendern und spannende TV-Musikformate.“ Franz Pleter s ki, Marketing Director im Wiener Büro von Warner Music, sieht die Entwicklung der vergangenen Jahre hin zu mehr österreichischer Musik im Amadeus- Programm und weg von internationalen Kategorien „nach wie vor sehr positiv“. Allerdings beklagt er, dass die österreichische Musikszene den Amadeus allzu oft als Bühne nutze, um Ärger und Unzufriedenheit zu artikulieren: „Der Amadeus kann nicht dafür verantwortlich gemacht werden. Wir müssen die österreichische Musik wieder gemeinsam hochhalten, gemeinsam anpacken und zukunftsgerichtete Rahmenbedingungen schaffen, die aus Österreich wieder einen gesunden Musikmarkt machen.“ Generell wünscht sich Pleterski „mehr Anerkennung und Interesse“ für Musik aus Österreich. Mehr Aufmerksamkeit vor allem von den Medien fordert derweil Hoanzl- Verkaufsleiter Bernhard Schönwiese, der die Amadeus- Entwicklung allerdings nicht als Erfolgs – geschichte wertet: „Die Entwicklung ist stecken geblieben.“ In den vergangenen fünf Jahren seien „einige nicht unbedingt förderliche Entscheidungen“ getroffen worden. Mario Rossori schließlich hat zum Amadeus ein besonderes Verhältnis: Der Geschäftsführer von Pate Records, Preiser Records und der Agentur Rossori Music & Event verantwortete in den ersten Jahren den Event – bereich des Musikpreises, schied aber kurz vor dem zehnten Jubiläum aus dem Organisationsteam aus: „Der Amadeus hat sich seit seiner Erstaufführung im Jahr 2000 sehr verändert. War er zuerst nur auf Charts ausgerichtet, ist er jetzt eine Mischung aus Charts, Fachjury und Publikum.“ Die zunächst noch ohne Fernsehpartner lancierte Preisverleihung landete erst beim ORF und wird nun vom Privatsender Puls4 übertragen: „Ich wünsche mir eine Rückkehr zu höheren Zuschauerquoten oder zu einer stärkeren Beteiligung der Fans vor Ort, wie es 2007 und 2008 der Fall war“, sagt Rossori. „Nur die strahlenden Augen der Fans im Fernsehen bringen Emotion und damit Zuseherzahlen.“ Dietmar Schwenger, Knut Schlinger „Mit einer Quote wäre das Schlaraffenland komplett“ Österreich ist zwar im Vergleich mit Deutschland ein kleines Territorium, doch die Musiklandschaft ist umso vielfältiger. Dennoch steht die Musikwirtschaft vor Her ausforderungen. MusikWoche fragte Experten, wo es ihrer Meinung nach Defizite oder Aufholbedarf gibt und wo sie Stärken der österreichischen Szene sehen. Hannes Tschürtz, Geschäftsführer ink music: Die Szene in Österreich ist so farbenfreudig wie nie, bringt gleichzeitig eine erstaunliche Anzahl an wirklich Einzigartigem und Spannendem heraus. Bilderbuch als vierfach nominierter Act beim Amadeus sind das beste Exempel für ein neues Selbstbewusstsein junger, selbstständiger Künstler. Die Qualität und Vielfalt der Musik übersteigt derzeit deutlich den Grad der Professionalisierung – wir könnten zweifellos mehr junge, gut ausgebildete und gut vernetzte Manager brauchen, ebenso mutigere Medien und investitionsfreudigere Labels. Es wird aber auch über neue Ausbildungsinitiativen gesprochen – ganz wichtig für die Branche! Langsam aber sicher begreifen auch die größeren Medien, was hier in den vergangenen Jahren entstanden ist. Der Österreich-Schwerpunkt beim Eurosonic hat durchaus etwas von einem Erweckungserlebnis gehabt. Mario Rossori, Geschäftsführer Pate Records: Die Stärken der österreichischen Musikszene liegen sicher in der Kreativität, die auch dadurch geprägt ist, in einem kleinen Land bestehen zu können. Gleichzeitig wird diese Kreativität durch Initiativen wie Departure oder den Österreichischen Musikfonds gestärkt. Die Musik sowie den Film per Gesetz zu verankern, würde die Komplettlösung sein. Wenn dann noch eine ordentliche Quote für österreichische Musik im Radio und TV existieren würde, wäre das Schlaraffenland perfekt.Günther Wildner, Geschäftsführer Wildner Kulturmanagement: Die Stärken liegen im Eigensinn der verbliebenen Musikschaffenden und Musikverwerter, durchzuhalten und weiterzumachen, obwohl große Teile der Szene in die unfreiwillige Liebhaberei und in ein mittlerweile übliches Künstlerprekariat abgleiten. Aufholbedarf sehe ich in mehr Medienaufmerksamkeit für Musik aus Österreich, in der Einführung einer Speichermedien – vergütung, in der Wirtschaftsförderung für Musik – export, in der finanziellen Aufstockung des Österreichischen Musikfonds, in der Valorisierung der Kunst/Kultur-Subventionen, in der Aufwertung musikalischer und kultureller Bildung und in der konkreten und zielgerichteten Umsetzung der UNESCO-Konvention zur kulturellen Vielfalt. Michael Brycz, Managing Director Frontline Warner Music Central Europe: Die aktuelle Diskussion um eine gesetzliche Radioquote für öster – reichische Musik zeigt sehr deutlich, wo die Probleme seit Jahren liegen. Im TV findet Popmusik so gut wie nicht statt. Der lokale Repertoireanteil in den Airplaycharts beträgt vier Prozent. Wir brauchen dringend mehr Unterstützung für den Aufbau lokaler Künstler und Newcomer. Franz Pleterski, Marketing Director Warner Music Austria: Österreich ist ein Land mit vielen kreativen Köpfen, die Szene ist sehr überschaubar. Wir sind mit Musik sehr verwurzelt – ob’s klassische Musik ist, Schlager, Austropop oder Volks – musik. Für mich sind das gute Voraussetzungen, um an einer gemeinsamen Vision zu arbeiten. Politik und Medien gehören mehr in die Pflicht genommen. Sie sollten in ihrem eigenen Interesse Verantwortung dafür übernehmen. Dietmar Lienbacher, Division Head Sony Music Austria: Von Tradition bis Hype hat Österreich alles zu bieten. Die Wiener Philharmoniker, erfolgreiche Bands wie Die Seer, aber auch Newcomer wie Kaiser Franz Josef machen unsere Musiklandschaft vielschichtig. Bernhard Schönwiese, Verkaufsleitung Hoanzl Vertrieb: Die Kreativität im Indiebereich ist unge – brochen. Radios sollten mutiger werden oder Testläufe mit der österreichischen Musik vorantreiben, anstatt sie schon immer im Vorfeld zu verurteilen.

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