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Dossier: Markt für Schlager und Volksmusik bleibt in Bewegung

Schlager, volkstümliche Musik und Volksmusik sind erfolgreicher denn je. Hohe und konstante Chartsnotierungen sowie ausverkaufte Tourneen sind Indizien dafür, dass diese Marktsegmente endlich von einem Verjüngungsprozess profitieren, an dem Plattenfirmen wie Veranstalter lange gearbeitet haben.

Ein kurzer Blick in die MusikWoche Top 100 reicht, um zu konstatieren, dass Schlager und zu einem geringeren Grad auch volkstümliche Musik und Volksmusik das Chartsbild prägen. So führt „Ein Stern (der deinen Namen trägt)“ von DJ Ötzi im Verbund mit Nik P. die Singles-Erhebung seit zwei Wochen an, und auch Nics Version des gleichen Liedes erreichte jüngst die Top Ten. Auch die Höhner und das Ralph-Siegel-Projekt Pigloo lagen weit vorn in den Charts. Ähnlich sieht es in der Longplay-Liste aus: Dort hält sich seit 277 Rekordwochen Andrea Bergs „Best Of“-Zusammenstellung. Eine deutsche Formation ist jedoch derzeit dabei, das Phänomen Andrea Berg mit volkstümlichen Schlagern zu überschatten: Mit gleich vier Alben haben sich die Amigos, einen Stammplatz in den MusikWoche Top 100 erkämpft – ein wahrlich spektakulärer Erfolg. Auch im Live-Business läuft es für Schlager & Co. gut wie selten zuvor: Die von den beiden Firmen Marketing-Service Manfred Schulte und Schweter Veranstaltungen ausgerichtete „Große Schlager-Starparade“, eine bis Ende des Jahres durch Deutschland tingelnde Revueshow mit rund 15 Schlagerkünstlern, hat im Januar einen neuen Besucherrekord erzielt. 7500 Fans kamen in die Münchner Olympiahalle – mehr als jemals zuvor. Volle Hallen melden auch so unterschiedliche Künstler wie die Flippers oder Michelle, bei der nur ihre Erkrankung einen Live-Triumphzug verhinderte. Und auch die „Feste der Volksmusik“, mit denen Florian Silbereisen derzeit durch die Bundesrepublik zieht, sind hervorragend besucht. Mehr noch: Sie werden plötzlich auch von seriösen Medien wie der „Süddeutschen Zeitung“ wahrgenommen. Auch wenn für all diese Phänomene monokausale Erklärungsmuster nicht ausreichen, so zeichnet sich doch ab, dass die jahrelangen Bemühungen von Plattenfirmen und Konzertveranstaltern, ein jüngeres Publikum anzusprechen, erfolgreich waren. Das bestätigt auch Franz Selb, Managing Director Koch Universal: „Es ist ein Vorurteil, dass Schlager und Volksmusik nur ältere Leute ansprechen. Wenn sich die Verantwortlichen bei Funk und Fernsehen mal die Zeit nehmen würden, um zu Open-Airs zu gehen, zu den Klostertalern oder zum Fest der Ursprung Buam, zu den Kastelruther Spatzen, zum Paldauer Open-Air oder zum großen Nockalm-Fest – dann würden sie dort auch viele junge Menschen sehen und erkennen, dass es eine alte Mär ist, zu glauben, Volksmusik und Schlager seien nur etwas für Leute über 50. Es gibt sehr viele junge Leute im Publikum, und das verschafft mir auch Zuversicht, dass unsere Zielgruppe wachsen wird. Da eröffnen sich immer wieder neue und größere Möglichkeiten.“ Diese Verjüngung kann jedoch nur funktionieren, wenn auch entsprechend neue und junge Acts aufgebaut werden, wie MCP-Geschäftsführer Karl Krajic erläutert: „Es gibt in der Schlager- und Volksmusik genug talentierten Nachwuchs. Man muss nur daran glauben und lange genug an einem Thema arbeiten, dann klappt es auch meistens.“ Deswegen setzt MCP auf eine zweigleisige A&R-Strategie: „Zum einen versuchen wir, ältere Bands, die etwas den Faden verloren haben, wieder neu zu positionieren. Gleichzeitig fördern wir, wo es nur geht, den Nachwuchs und halten nach guten Stimmen Ausschau.“ Allzu große Euphorie dämpft jedoch eine Analyse der Umsatzentwicklung: Hier hat das Schlagersegment nach den Zahlen des Bundesverbands Phono mit einem Anteil am Gesamtumsatz von nur 6,8 Prozent im Jahr 2005 den tiefsten Stand in diesem Jahrzehnt erreicht. Auch die Volksmusik musste seit Anfang des Jahrtausends einen Rückgang um 0,4 Prozent auf 1,9 Prozent hinnehmen. Dennoch bleibt die Branche optimistisch. Oder wie es Ariola-Chef Jörg Hellwig ausdrückt: „Selbst wenn es einen allgemeinen Marktrückgang geben sollte, was wir alle nicht hoffen, hat das Schlager-Genre am Ende des Jahres eine Chance, ohne Verluste dazustehen.“ Denn der Schlager sei in Bewegung. „Nicht nur bei Sony BMG, sondern auch bei unseren Mitbewerbern tut sich etwas. Alle mühen sich redlich, dem Genre etwas Neues hinzuzufügen. Ich beobachte einen positiven Wettbewerb, der insgesamt zu einer Qualitätssteigerung führen könnte. Wir haben realistische Chancen, den einen oder anderen Käufer hinzuzugewinnen.“ Der Schlagermarkt habe noch Wachstumspotenzial – „aber ob am Ende des Jahres wirklich ein Plus hinter der Bilanz steht, hängt in einem so kleinen Segment auch von einzelnen Veröffentlichungen ab“.Dietmar Schwenger 3

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