Fast alle musikalischen Erfolgsgeschichten des Lou J. Pearlman nahmen ihren Anfang in Deutschland: all die Gruppen wie US5, O-Town, Take 5 oder Innosense oder die Topseller Backstreet Boys und ‚N Sync. Die Labels, die mit Pearlmans Hilfe Millionen von Platten verkauften, hießen Rough Trade/Zomba, Jive und BMG – zuerst in Deutschland, nach dem erfolgreichen Markttest dann im Rest der Welt. Die Erfolgsgeschichte von Lou Pearlman war bemerkenswert. Doch jetzt ist damit Schluss: Denn ein Deutscher hat ihn zur Strecke gebracht. Ein Hinweis von Thorsten Iborg soll zur Verhaftung des gewichtigen Managers geführt haben. Der 32-jährige Software-Experte Iborg aus Ibbenbüren machte zusammen mit seiner Frau Urlaub auf Bali. In der geschlossenen Ferienanlage des Westin Resort in Nusa Dua, im Süden der indonesischen Insel, erblickte er einen untersetzten Mann mit schütterem rotblondem Haar, der ihm bekannt vorkam. So berichtet es Helen Huntley. Die Frau ist Redakteurin bei der „St. Petersburg Times“ in Florida und betreibt einen Blog, in dem sie seit Monaten Details über den Anlagebetrug von Lou Pearlman veröffentlicht. Iborg wandte sich offenbar nach einer Recherche im Internet an Huntley, um ihr von seiner Begegnung zu berichten. Wenig später hatte Huntley das FBI informiert. Am 14. Juni nahm die balinesische Polizei Pearlman fest, erklärte ihn zur unerwünschten Person und übergab ihn an die Mitarbeiter der US-Bundespolizei. Das FBI flog Pearlman umgehend ins nächstgelegene Gebiet mit US-Justiz: nach Guam, ein Territorium der USA im Südpazifik. Dort sitzt der Musikmanager und Mehrfachunternehmer nun in Untersuchungshaft. Innerhalb der nächsten zehn Tage soll er aufs US-amerikanische Festland überführt werden. Einen Antrag auf Haftverschonung aus medizinischen Gründen lehnte Untersuchungsrichterin Frances Tydingco-Gatewood am 18. Juni ab. Pearlman hatte erklärt, er leide unter diversen Gebrechen wie Diabetes, Bluthochdruck, Klaustrophobie in Verbindung mit Herz-Kreislaufproblemen und Rückenbeschwerden. Vor der Richterin sagte Pearlman aus, er sei sich der Vorwürfe, die ihm die Staatsanwalt in Florida macht, ebenso wenig bewusst wie des Haftbefehls gegen ihn. Unterdessen wurde bekannt, dass die indonesische Polizei bei Pearlmans Verhaftung rund 40 Millionen Rupien (3300 Euro) und etwa 20.000 Dollar in bar sichergestellt hatte. Zudem fand man in seinem Gepäck mehrere Passfotos. Wann Pearlman in Florida ankommen wird und wann der erste Betrugsprozess gegen den Boyband-Mogul beginnen kann, ist derzeit noch unklar. In Orlando in Florida wartet jedenfalls einiges auf ihn. Vorläufig geht es zwar nur um einen einzelnen Betrugsfall mit einer Hinterziehungssumme von 19 Millionen Dollar. Aber die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass im Lauf der nächsten Monate noch weitere Anklagepunkte dazukommen werden. Seit 19 Jahren nämlich hat Pearlman nach Erkenntnissen der Ermittler Anleger systematisch betrogen. Mithilfe eines illegalen Pyramidensystems soll er mindestens 317 Millionen Dollar unterschlagen haben. Zudem schuldet er diversen Banken 150 Millionen Dollar. Es könnte auch mehr sein; so genau weiß es auch nach monatelangen Ermittlungen noch niemand. Ende Januar hatte Pearlman die Vereinigten Staaten in Richtung Deutschland verlassen, wo seine jüngsten Protegés zumindest noch leidlich erfolgreich sind. Die Band US5 erhielt am 1. Februar sogar eine „Goldene Kamera“ als beste Band Pop International aus den Händen von Thomas Gottschalk. Bei dieser Preisverleihung war Pearlman ein letztes Mal öffentlich in Erscheinung getreten. Die Band dankte ihm von der Bühne herab, aber als die Kameras Pearlman erfassten, war von Freude in seiner Miene nichts zu erkennen. Er wusste vermutlich, dass die Ermittler ihn zu Hause schon umzingelt hatten. Wenige Tage nach seinem wohl letzten Erfolg als Musikmanager übergab ein Richter in Florida die Reste von Pearlmans Firmengeflecht Trans Continental einem Konkursverwalter. Mitte Februar tauchte dann das FBI mit einem Einsatzteam am Trans-Continental-Firmensitz in Orlando auf und beschlagnahmte alles, was bei den Ermittlungen hilfreich sein könnte. Zu diesem Zeitpunkt war der Chef längst untergetaucht. Selbst seine engsten Mitarbeiter und seine Anwälte wussten angeblich nicht, wo er sich aufhielt. Ein Betrüger auf der Flucht. Spekuliert wurde viel: Er sei in Israel, hieß es. Oder in Brasilien, Weißrussland, Panama, Spanien, Russland. Oder gar noch in Deutschland. Doch ab Ende März deutete sich an, dass sich Pearlman in Indonesien versteckte. Von dort kam nämlich ein unterschriebenes Fax ohne Adresse, in dem er zu den Vorwürfen Stellung nahm und einen Pflichtverteidiger beantragte. Solch ein „public defender“ wird in den USA vor allem in Strafprozessen jenen Angeklagten gewährt, die sich aus wirtschaftlichen Gründen keinen Anwalt leisten können. Und genau das scheint nun Pearlmans Verteidigungsstrategie zu sein: sich als inzwischen völlig mittellos darzustellen. Unterdessen verweigert er seit seiner Festnahme jede Aussage und beruft sich auf den fünften Zusatz zur US-Verfassung, der es Beschuldigten gestattet, sich nicht selbst zu belasten. Die Geprellten – oft ältere Floridianer, die zum Teil ihre ganzen Ersparnisse in ein Scheinanlagemodell investiert hatten – wird das wenig beeindrucken. Sie verlangen Gerechtigkeit. Und mehr werden sie vermutlich auch kaum bekommen, denn von den Millionen fehlt jede Spur. Niemand weiß derzeit, ob Pearlman sie auf dunkle Konten in der Schweiz oder auf den Cayman Islands verschoben oder ob er das Geld längst verprasst hat. Und bei den greifbaren Assets haben sich als erstes die zahlreichen Gläubigerbanken bedient. Der Rolls Royce Phantom ist ebenso weg wie der Gulfstream-Jet und ein 34 Millionen Dollar teurer Businesskomplex in Orlando. Wer den Erstzugriff auf die 1400-Quadratmeter-Villa erhält, ist unklar. In der vergangenen Woche wurden in Orlando Dutzende Habseligkeiten von Pearlman bei einer Auktion zu Barem gemacht. Möbel, Kunstwerke, Autos, Jetskis und Memorabilia kamen dabei unter den Hammer. Vor allem die zahlreichen Gold- und Platin-Trophäen lockten hunderte von Interessenten zu der Versteigerung. Am Ende kamen aber netto wenig mehr als 200.000 Dollar in die Kassen. Die bisherigen Beschlagnahmungen reichen also nicht einmal annähernd aus, um die mehr als 1800 Betroffenen zu entschädigen. Jahrelang hatte Pearlman Investoren erzählt, wie sicher ihre Anlage bei Trans Continental sei. Brief und Siegel gab er darauf und verwies auf eine Absicherung der Wertpapiere durch die Federal Deposit Insurance Corp. (FDIC) sowie durch die Versicherer AIG und Lloyds of London. Nichts davon war sauber, und Lloyds mahnte bereits im Jahr 1999 an, dass Trans Continental diesen Passus aus dem Kleingedruckten nehmen möge. Nutzte alles nichts. Noch bis in den Herbst 2006 akquirierte Trans Continental Investoren. Man versprach den Anlegern recht durchschnittliche Renditen mit so genannten „Employee Investment Savings Accounts“ (EISA), die eine Teilhabe an der Charterfluglinie Trans Continental Airlines garantierten. Das Problem: So etwas wie EISA gibt es nicht. Es gibt hingegen ERISA, den Employee Retirement Income Security Act, der Pensionsfonds absichert – doch der feine Unterschied fiel ahnungslosen Geldgebern nicht auf. So kamen über die Jahre Millionenbeträge zusammen, die Pearlman von einer seiner Firmen zur anderen verschob. Mindestens 100 Unternehmen gehörten zum Trans-Continental-Konglomerat – von AC Productions bis Zeppelin Restaurant. Die meisten waren Briefkastenfirmen. Die Charterlinie, die vor allem Flugdienste für Musiker und andere Stars anbot, soll nur aus Pearlmans Gulfstream bestanden haben. Eine Talentagentur lief seit Jahren nur noch mäßig, die ambitionierten Immobiliengeschäfte erforderten immer mehr Kapital. Die Kontrolle über das Kartenhaus verlor Pearlman spätestens im November 2006, als sich sein langjähriger Freund und enger Geschäftspartner Frankie Vasquez das Leben nahm. Pearlman und Vasquez wuchsen in den 60er-Jahren im selben Mietshaus im New Yorker Stadtteil Queens auf, der Teenager Lou passte oft auf den sieben Jahre jüngeren Frankie auf. Die Polizei geht heute davon aus, dass Vasquez das Ausmaß des Betrugs erkannte und keinen Ausweg mehr wusste. Wie Pearlman auf die schiefe Bahn geriet, ist Beobachtern ein Rätsel. Er kam zwar aus relativ bescheidenen Arbeiterklasseverhältnissen, doch er zeichnete sich schon früh durch Unternehmergeist und Fleiß aus. Außerdem hatte er ein großes Vorbild in der Familie: seinen Cousin Art Garfunkel. Zusammen mit seinem Kumpel Bob Curiano wollte Pearlman in die Fußstapfen von Simon & Garfunkel treten. Aber er sah früh ein, dass es ihm am Talent fehlte. In den Siebzigern machte er am Queens College in New York seinen Bachelor in Rechnungswesen – eine Ausbildung, die ihm bei seinen späteren Plänen wohl recht hilfreich war. Nach verschiedenen Unternehmungen entdeckte Pearlman Anfang der Neunziger seine Liebe zur Musik neu. Die New Kids On The Block als Kunden seiner Airline gaben den Anstoß: Eine Boyband musste her. Und so kam es zur Gründung der Backstreet Boys, die 1993 ihren ersten Auftritt in der SeaWorld hatten. Allein in Deutschland, Österreich und der Schweiz verkaufte Jive von den ersten beiden Alben jeweils mehr als 1,5 Millionen Exemplare. Danach schwappte die BSB-Welle auch zurück in die Staaten, wo die Band von ihrem Debüt letztlich 14 Millionen Stück absetzte – ebenso viele wie der Bestseller „Simon & Garfunkel’s Greatest Hits“. Pearlman hatte es geschafft. Er war im Pop-Olymp angelangt. Und er war bei seinen Partnern angesehen. „In der Zeit, in der wir mit ihm zu tun hatten, war er ein sehr zuverlässiger Partner“, erinnert sich Thomas M. Stein, der damals als Deutschlandchef von BMG von den Acts aus Orlando profitierte. „Ich wäre froh gewesen, manch andere hätten sich immer so an ihr Wort gehalten. Er hat immer auf den Punkt geliefert und Geld für Promotion und Marketing immer so ausgegeben, wie er es zugesagt hatte.“ Stein beschreibt sein Verhältnis zu Pearlman als gut und professionell. Von eventuellen Unregelmäßigkeiten bei Trans Continental sei in München nichts zu spüren gewesen. Man habe sich gegenseitig zu Erfolgen verholfen. Mit ‚N Sync sei man schließlich im Hause BMG gegen interne Widerstände angetreten. Nicht alle beim Bertelsmann-Major wollten daran glauben, dass sich nach den Backstreet Boys noch einmal eine Boyband durchsetzen ließe. Doch der Erfolg sollte Pearlman recht geben. Nach zweieinhalb Jahren Arbeit mit ‚N Sync in Europa erklärte sich BMG auch zur Veröffentlichung in den USA bereit. Und damit stellte eine Pearlman-Band im Jahr 2000 einen Rekord für die Ewigkeit auf: Das Album „No Strings Attached“ von ‚N Sync verkaufte in der Veröffentlichungswoche 2,4 Millionen Einheiten. Heute sind Majors froh, wenn sie solche Zahlen in einem Jahr erreichen. Erste Risse hatten sich zwar schon Ende der Neunziger gezeigt, als es Rechtsstreitereien zwischen Pearlman und seinen Schützlingen gab, die angeblich zu wenig Geld bekamen. Doch die Bandmitglieder einigten sich außergerichtlich, und Pearlman gab zu Protokoll, dass es sich um einvernehmliche Lösungen wie unter Familienmitgliedern handelte. Aber als es ab 2003 zu massiven Finanzierungsproblemen bei einem von der Stadt Orlando mitgetragenem Immobilienprojekt kam, rochen die Ermittler Lunte. Dass es dennoch vier Jahre dauerte, bis man Pearlman zu fassen bekam, ist für die Geneppten kaum zu fassen. Die meisten können ihre Investitionen abschreiben; von den Millionen wird wohl wenig übrig sein. „Ich glaube nicht, dass er irgendwo auf einen Haufen Geld sitzt und lacht“, meinte sein einstiger Gesangspartner Bob Curiano im April. „Ich glaube eher, der weint irgendwo.“ Melancholie in der Südsee, im Ferienresort. Die einzige Chance, die verlorenen Schätze zu heben, dürfte nun in einem Deal zwischen Staatsanwaltschaft und Pearlman liegen: Wenn er sich schuldig bekennt und Gelder offen legt, dürfte er mit Strafmilderung rechnen. Ansonsten drohen ihm allein schon im ersten Prozess bis zu fünf Jahre Gefängnis. Sollte die Betrugssumme in den laufenden Ermittlungen eine halbe Milliarde überschreiten, könnten es eher 30 Jahre werden. Das wäre de facto lebenslänglich. Louis Jay Pearlman wurde am 19. Juni im Knast von Guam 53 Jahre alt.
Dossier: Lou Pearlman – Endstation Bali
Er war einmal der größte Zampano in Sachen Boybands. Ohne Lou Pearlman wären Formationen wie ‚N Sync und die Backstreet Boys wohl kaum so erfolgreich geworden. Nun sitzt der Musikmanager in Untersuchungshaft. Weil er Anleger und Banken um nahezu 500 Millionen Dollar geprellt haben soll, droht Pearlman in Kürze der Prozess in Florida. Ein deutscher Urlauber auf Bali setzte das FBI auf Pearlmans Spur.





