Recorded & Publishing

Dossier: Lachen liegt weiter im Trend

Comedy verkauft sich nach wie vor: Die jüngsten Zahlen des Bundesverbands
Musikindustrie weisen von 2010 auf 2011
eine Steigerung des Umsatzanteils von 1,8 Prozent auf zwei Prozent aus. Dazu tragen indes vor allem die großen Live-Erfolge von hallenfüllenden Comedians bei. Deshalb stellte MusikWoche den Protagonisten die Frage, welche Rolle CDs und DVDs überhaupt noch spielen und vor welchen Herausforderungen man steht.

“Der Comedy-Markt ist seit Jahren ein fester Bestandteil des Entertainmentbereiches und somit auch des Tonträgergeschäfts“, betont Tom Bohne, Senior Vice President Universal Music Domestic, im Gespräch mit MusikWoche. Genau aus diesem Grund sei Universal vor einiger Zeit mit Künstlern wie Sascha Grammel oder Kurt Krömer sehr fokussiert in dieses Segment eingestiegen. „Wir möchten uns auch in Zukunft um ausgesuchte Comedy-Talente kümmern und sie massiv unterstützen.“ Den Anstieg des Umsatzanteils führt Bohne auf neue Alben von einigen hervor – ragenden Spaßmachern zurück. Auch Wolfgang Teschner, Geschäftsführer Panta Musik und Manager von Sascha Grammel, betont, dass der Umsatztrend nicht mit allen Produkten wächst, sondern auf außergewöhnliche Abverkäufe weniger Künstler oder TV-Serien zurückgeht wie zum Beispiel Martin Rütter, Mario Barth, Bülent Ceylan, „Strombach“, Eckart von Hirschhausen, René Marik oder eben Sascha Grammel, der sich mittlerweile seit rund 100 Wochen in den Top Ten der Comedy Charts hält. Teschner kommt allerdings zum Schluss, dass DVDs in diesem Segment im Vergleich mit dem Livegeschäft eher eine untergeordnete Rolle spielen. Viele Comedians feiern große wirtschaftliche Erfolge auf der Bühne, sagt Teschner, ohne dass sich das im DVD-Verkauf bemerkbar macht. Unabhängig von der Frage, welchen Stellenwert Veröffentlichungen für den Comedy-Bereich haben, besteht für Tom Bohne die größte Herausforderung darin, herausragende Talente frühzeitig zu erkennen und diese punkt – genau zu fördern: „Wir glauben hier an das Prinzip, dass mehrere Acts parallel so gut wie nicht durchsetzbar sind, und gestalten unsere Vertragspolitik deswegen recht restriktiv, damit wir uns extensiv um den Künstleraufbau kümmern können.“ Um in Deutschland richtig bei einem großen Publikum anzukommen, sei nach wie vor TV-Präsenz ein wichtiges Promotionwerkzeug. „Aber nicht jeder Künstler möchte diesen Weg gehen, weshalb die Entwicklung weiterer Karriereplattformen neben Live und TV eine wichtige und essenzielle Aufgabe ist.“ Diese Funktion von Bild- oder Bildtonträgern beim Karriereaufbau bekräftigt auch Rechts – anwalt Burkhard Westerhoff, dessen Kanzlei Scheuermann Westerhoff Strittmatter einige namhafte Comedians vertritt. Obwohl zwei Prozent Marktanteil im Vergleich zum dominierenden Segment Rock/Pop eher überschaubar sind, spielen CDs und DVDs dennoch eine Rolle, betont Westerhoff: „Der klassische Comedy-Konsument, der auch Bühnenshows besucht, ist weniger internet affin als der durchschnittliche Musikhörer, sondern benutzt noch eher physische Produkte. Demgegenüber ist das physische Geschäft bei Musikproduktionen rückläufig.“ Allerdings räumt Westerhoff ein, dass die größte Herausforderung der Comedy-Branche im Talentbereich liege. Es komme nun darauf an, die Künstler von den Bühnen der kleinen Clubs hin zu einer wirklichen wirtschaftlichen Relevanz weiterzuentwickeln. Auch Joe Hugger, Senior Vice President Entertainment & New Business Division GSA bei Sony Music, hält das Live geschäft für jeden Comedian nach wie vor für sehr wichtig. Trotzdem blieben auch Veröffentlichungen auf Tonträgern und audiovisuellen Medien in der Karriere eines Comedy-Künstlers weiterhin unverzichtbar. „Man sollte das Comedy- Geschäft auf CD, DVD oder Blu-ray nicht unterschätzen. Erst im vergangenen Jahr haben wir gezeigt, dass man von einem Thema wie Martin Rütter auch mehr als 100.000 Einheiten absetzen kann – worauf wir sehr stolz sind.“ Das Comedy- Segment habe sich für Sony Music zu einem wichtigen Standbein entwickelt, das man auch künftig weiter ausbauen wolle: „Comedy hat für uns hier im Haus absolute Priorität.“ Allerdings räumt Hugger ein: „Wenn wir auf das vergangene Jahr zurückblicken, merken wir natürlich, dass der Markt unter Druck geraten ist. Aber mit der großen Repertoirebreite und einem breitgefächerten Künstlerstamm hat unser Label Spaßgesellschaft es dennoch geschafft, seinen Marktanteil weiter auszubauen.“ Zu den Herausforderungen im Comedy-Geschäft zählt Sony Music die Forcierung des Livesegments: „Hier wollen wir an die Erfolge mit unseren Joint Ventures mit MTS und Bucardo anknüpfen“, sagt Hugger. Eine weitere Chance biete der digitale Bereich, der immer wichtiger werde: „Auch wir arbeiten daran, hier die richtigen Weichen zu stellen, um unsere Markt – position mit Spaßgesellschaft auch digital noch zu vergrößern.“ Dabei sei die hohe Kunst, einen Newcomer zu breaken, überall ähnlich schwer – ob nun im Musik- oder im Comedysegment: „Wir stellen aber fest, dass gerade in den vergangenen sechs oder sieben Monaten extrem viele gute neue Talente aufgetaucht sind – wie Markus Krebs, Timo Wopp oder David Werker, um nur einige Spaßgesellschaft-Künstler zu nennen.“ Best- und Longseller tragen den Markt Den Boom in diesem Segment verspürt auch Chri – stian Franzkowiak vom con anima Verlag, der seit 1994 Livemitschnitte von Kabarett-Bühnenprogrammen auf CD und seit einigen Jahren auch auf DVD veröffentlicht. „Die meisten unserer Künstler sind fast das ganze Jahr über auf Tour und unterhalten mit ihren Live-Auftritten Tausende von Zuschauern und Fans im deutschsprachigen Raum.“ Zu Gastspielen von Volker Pispers, der bei con anima unter Vertrag steht, kommen bis zu 4000 Zuschauer, sagt Franzkowiak, wobei die Auftritte meist Monate im Voraus ausverkauft seien. Den positiven Trend bestätigt auch Jürgen Czisch, Vertriebsleiter von NRW Records & Vertrieb, dem Distributionspartner von con anima: „In unserem Vertriebskatalog ist der Anstieg an verkauften Kabarett-CDs und DVDs wesentlich höher als der Zuwachs von 1,8 auf zwei Prozent, den der Bundesverband ermittelt hat. Unsere gestiegenen Verkäufe führen wir zunächst einmal auf den vor allem durch TV-Einsätze gestiegenen Bekanntheitsgrad unserer Kabarettkünstler zurück.“ Allen voran stationäre Händler, Elektronikmärkte und Filialisten verzeichnen höhere Umsätze mit Kabaretttiteln aus dem NRW-Vertrieb als früher. „Als einen Grund sehen wir die in den letzten Jahren erfolgte Schrumpfung im Gesamtsortiment, wobei der Bereich Kabarett-Comedy mit vielen Bestsellern und Longsellern mehr Aufmerksamkeit bekam als früher.“ Denn anstelle einer retourenanfälligen Veröffentlichungspolitik, die Czisch mit dem Motto „Viel hilft viel“ umschreibt, fallen im Handel die vergleichsweise wenigen Kabarettund Comedy-Veröffentlichungen besser auf als zum Beispiel Jazz- oder Weltmusik-CDs, die NRW ebenfalls im Programm hat. „Was gut präsentiert wird, wird auch gekauft. Wenn die Labels dann noch das Tourplakat passend zum CD-Cover machen, ist man angesichts des florierenden Livebereichs auch mit Bild- und Tonträgern auf der sicheren Seite.“ Originelle Newcomer sind gesucht Ebenfalls im Kabarettsegment bewegt sich die Münchner Agentur südpolmusic, wobei Geschäftsführer Patrick Oginski findet, die CD oder DVD sei neben dem Livemarkt eher zu vernachlässigen. Für ihn sind die Ver öffentlichungen ein „Vehikel zum Touren“. Dennoch merke auch er bei etablierten Künstlern einen leichten Anstieg der Verkaufszahlen, sagt er. Vor allem die jungen Künstler liegen ihm am Herzen: „Da wir im süddeutschen Markt über einen sehr guten Stamm an örtlichen Veranstaltern verfügen, betreiben wir mit deren Hilfe neben den Tourneen der etablierten südpol- Künstler wie Martina Schwarzmann, Wolfgang Krebs oder Mnozil Brass einen kontinuierlichen Newcomeraufbau, bei dem uns auch zwischenzeitliche Rückschläge nicht schrecken. Im Kabarett sind wir demnach auf mindestens zwei Jahre Aufbau vorbereitet, bis ein Künstler live gut funktioniert.“ In diesem Zusammenhang merkt Wolfgang Teschner an, dass es im Comedy-Segment nach wie vor an wirklich herausragenden, neuen Persönlichkeiten fehle, die es dazu noch schaffen, ein größeres Publikum mit wirklich intelligentem Humor zu begeistern, statt immer wieder die gleichen teils abgedroschenen Sprüche auf Kosten Dritter auf die Bühne zu bringen. War – nende Worte findet Teschner zudem für eine ganz andere Problematik: Es sei in der Comedy-Szene üblich, auch den einen oder anderen Musiktitel im Rahmen der Bühnenshows als Hintergrundmusik oder kurzen Einspieler zu nutzen – für Teschner „dramaturgisch oft eine schöne Sache, aber sicher nicht das Wesentliche in einer Comedy-Show“. Leider habe die GEMA für den Bereich „Wortkabarett mit Musik anteil unter 50 Prozent“ einen neuen Tarif für 2013 berechnet, der in den allermeisten Fällen eine Steigerung der GEMA-Gebühren um min destens 400 Prozent bedeute. Damit würden 30 Minuten Musiknutzung im Rahmen einer Comedy-Show rund doppelt so teuer wie ein reines Musikkonzert mit normalem Tarif. „Das liest sich wie eine unglaubliche Geschichte aus Schilda, ist aber leider Fakt“, klagt Teschner und bringt ein Beispiel: „Zahlte man 2012 für den Saal 2 im Hamburger Congress Center noch knapp 756,60 Euro für die Nutzung von rund 30 Minuten GEMA-Musik in einer Comedy-Show, wären dafür 2013 laut neuem Tarif 3456 Euro fällig.“ Dieses Problem sei vielen Comedians und deren Beratern noch nicht bekannt, aber Teschner ist sich sicher, dass schon bald ein großer Teil der Künstler auf GEMA-freie Musik ausweichen werde – wodurch der GEMA künftig erhebliche Einnahmen verloren gehen. Für Jonas Wagner von der Veranstaltungs- und Managementagentur MTS aus Münster steht indes eine andere Aufgabe im Fokus: „Die Herausforderungen im Bereich Comedy liegen für uns vor allem darin, in einem scheinbar klar besetzten Markt die Lücken zu finden, um immer wieder mit überraschenden, frischen Künstlern und neuen Gesichtern zu zeigen, dass das Publikum doch noch nicht alles gesehen und über alles gelacht hat.“ Dabei nennt er Newcomer wie Lisa Feller, David Werker oder Kristian Kokol als Beispiele, denen genau das gelungen ist. „Unser Aufruf an die Menschen da draußen lautet daher: Bleibt hungrig, traut euch, neue und unbekannte Komiker anzuschauen, und ihr werden nicht enttäuscht – ganz im Gegenteil. Der vielleicht nächste Comedy-Gigant ist nur eine Eintrittskarte entfernt – ihr habt die Macht.“ Dietmar Schwenger

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