Die Lage im Markt ist seit Jahren schwierig. Doch trotz der anhaltenden Krise der Tonträgerindustrie wagen viele Existenzgründer auch im Jahr 2007 noch den Schritt in die Selbstständigkeit und eröffnen eine Plattenfirma. So hat sich die Zahl der beim Verband unabhängiger Tonträgerunternehmen (VUT) registrierten Mitglieder, die als Hauptgeschäft die Labelarbeit nennen, von 426 im Jahr 2001 auf 803 im vergangenen Jahr nahezu verdoppelt. So manche Hürde ist ja auch niedriger geworden: So sind dank der technischen Entwicklung die Produktionskosten für qualitativ hochwertige Aufnahmen enorm gesunken, was eine Veröffentlichung auch kleinerer Auflagen ermöglicht. Außerdem hat das Internet den Charakter der Promotionarbeit ebenso gründlich verändert wie die Distributionswege. Wer vor diesem Hintergrund als Kleinstunternehmen bestehen will, braucht innovative Musik und flexible Konzepte und muss eine auskömmliche Nische finden. Dabei haben viele Labelgründer dieselben Schwierigkeiten. „Die Medien ziehen voll mit, unsere Platten werden besprochen und im Radio gespielt“, berichtet Stefan Ebbers vom Label Noisedeluxe aus Halle. „Doch das führt leider nicht zu nennenswerten CD-Verkäufen.“ Wie rund die Hälfte der beim VUT registrierten Labels arbeitet auch Noisedeluxe mit einer Besetzung von zwei Personen – und hat dennoch zu kämpfen. Das Problem der meisten neuen Labels liegt in der dünnen Kapitaldecke und in den geringen Verkaufszahlen. Oft reichen die Einnahmen aus den Verkäufen einer CD nicht für die Produktion der nächsten Platte, sodass andere Finanzierungsmöglichkeiten erschlossen werden müssen. Der 35-jährige Stefan Ebbers sieht zwar im legalen Download die Zukunft, findet das Verfahren derzeit aber noch „zu unausgereift“. Abgesehen davon gebe es ja sowieso fast alles irgendwo illegal im Netz. „Wir wollen kommerziell erfolgreich sein und wären auch zu einem Joint-Venture mit einem Major bereit, da wir merken, dass wir in unseren Möglichkeiten limitiert sind“, räumt Matthias Golinski, der Partner von Ebbers, ein. Doch das Verhältnis zu den Großen der Branche ist ambivalent. Denn immer wieder beklagen kleinere Labels die Abwerbeversuche der großen Plattenfirmen. „Wir reißen uns für eine Band den Arsch auf – und wenn sie Erfolg hat, geht sie zu einem größeren Label oder gleich zu einem Major“, meint Golinski und verweist auf den Verlust der schwedischen Band Laakso, die Noisedeluxe nach einem erfolgreichen Debütalbum an V2 abtreten musste. Noisedeluxe hat bisher zwölf Veröffentlichungen im Katalog, zwei davon kommen von deutschen Acts, skandinavische und britische Bands dominieren. „Man erntet für ausländische Musik mehr Aufmerksamkeit“, behauptet Matthias Golinski. Diese Erfahrung haben die beiden Labelmacher auch mit ihrem 250 Besucher fassenden Club Drushba (Russisch für „Freundschaft“) gemacht, den sie betreiben und mit dem sie ihr Label querfinanzieren. „Bei unbekannten Bands aus Großbritannien ist unser Laden voll, während bei Spillsbury aus Hamburg nur 80 Leute kommen“, berichtet Golinski. Auch die Qualität der Demos sei bei ausländischen Bands höher, da die in der Regel finanziell besser ausgestattet seien. Denn in Skandinavien sei es leichter, an Fördergelder zu kommen, man werde dort als Existenzgründer im Musikmarkt genauso behandelt wie in anderen Bereichen. Von deutschen Fördertöpfen ist den Existenzgründern aus Halle indes noch nichts zu Ohren gekommen. „Es gibt in Deutschland keine Möglichkeit für Plattenproduktionen, eine direkte Förderung zu bekommen“, weiß Eva Kiltz, Geschäftsführerin des VUT. Einige Bundesländer bezuschussen allerdings Promotionmaßnahmen wie Visitenkarten oder Messeteilnahmen. Wie auch immer: Für viele Labelgründer ist der VUT die erste Anlaufstelle, um überhaupt Informationen über die künftige Selbstständigkeit zu bekommen. Jede Woche führt Eva Kiltz durchschnittlich fünfzehn Existenzgründungsberatungen durch. Rund ein Dutzend Firmenneuanmeldungen registriert der VUT im Monat. „Die meisten haben kaum finanziellen Spielraum oder kommen mit Omas Sparstrumpf“ – so schildert Eva Kiltz die nicht gerade rosigen Startbedingungen. Deswegen sei es auch so wichtig, am Anfang keine Fehler zu machen. „Vom Pressen bis zum Verkaufsbeginn einer CD vergehen meist drei Monate. Da die GEMA ihre Rechnungen nach sechs bis acht Wochen verschickt, nachdem sie vom Rechtenutzer benachrichtigt wurde, führt dies dazu, dass die Labels die volle Summe vorfinanzieren müssen“, erklärt Kiltz. Für eine CD-Produktion inklusive Cover und GEMA-Gebühr müssen die hoffnungsvollen Jungunternehmer somit bei einer Auflage von 1000 Stück insgesamt rund 2000 bis 2500 Euro aufwenden, wobei der Indierabatt bereits berücksichtigt ist. Durch die Mitgliedschaft im VUT ermäßigt sich die GEMA-Gebühr pro gepresster CD von 13,75 Prozent des Handelsabgabepreises auf neun Prozent, also von rund 90 auf 60 Cent. Wer sich beim VUT für eine Mitgliedschaft interessiert und sich über die Rahmenbedingungen der Labelarbeit informieren will, sei in der Regel aber schon einigermaßen vorbereitet, meint Eva Kiltz, und würde an die Firmengründung nicht vollkommen blauäugig herangehen. „Wir haben bisher erst einem abgeraten, der uns komplett ungeeignet erschien.“ Auch Steve Morell, Inhaber von Pale Music, gesteht: „Als ich anfing, hatte ich überhaupt keine Ahnung.“ Erst durch die Mitarbeit und Unterstützung von Bekannten, zum Beispiel von Alexander Hacke von den Einstürzenden Neubauten, habe er langsam einen Durchblick bekommen. Die Hälfte seiner bislang zwanzig Veröffentlichungen kommt von deutschen Bands. Die Vielfalt der Genres von Punk bis Techno ist bei Pale Music Programm. Finanziert hat Morell das Label von Anfang an über seine Arbeit als DJ, und auch weiterhin steckt er jeden verdienten Euro in seine Plattenfirma; eine zusätzliche Einnahmequelle ist seine Bookingagentur rough & gentle. Für den Onlinevertrieb nutzt Morell neben Finetunes noch achtzig Portale, die er direkt angesprochen hat oder die sich zum Teil selber bei ihm gemeldet haben, um seine Musik unter die Leute zu bringen. Im physischen Bereich setzt er auf den Vertrieb über Neuton. Besonders freut ihn, dass Neuton auf sein Betreiben hin die Mindestabnahmesumme von 250 Euro pro Laden aufgegeben hat, denn das gewährleistet eine bessere Präsenz in kleineren Plattenläden. Auch für die Promotionarbeit bedient sich Steve Morell mittlerweile der Hilfe von Spezialisten. Über die Medienpräsenz gerade in den Berliner Radios zeigt sich der 39-Jährige zufrieden. Und für die Internationalisierung hat er ein Office in London eingerichtet, da ihn sonst die englische Presse nicht wahrnehmen würde. „Artikel in englischen Medien helfen auch in Deutschland, da sich die deutsche Musikpresse an England orientiert“, erklärt Morell. Doch er ist sich auch sicher: „Das Labelsterben wird weitergehen.“ Das Geschäft vollziehe einen rapiden Wandel: „In London machen die CD-Läden zu.“ Deswegen glaubt der gebürtige Frankfurter: „Die CD ist tot“. Als Konsequenz daraus blickt Morell, der auch privat Schallplattenliebhaber ist, nach vorn und will ab der zweiten Jahreshälfte 2007 keine CDs mehr herstellen. „Wir setzen voll auf Vinyl und Downloads.“ Dass das zunächst nicht einfach wird, ist ihm klar, da CDs bislang ein gutes Drittel seines Umsatzes ausmachen. „Wir hoffen auf eine massive Steigerung der Downloadverkäufe. 2007 könnte das entscheidende Jahr sein und den Durchbruch für die Downloads bringen“, glaubt Morell. Aber auch die Herstellungskosten der Schallplatten gehen aufgrund der steigenden Nachfrage langsam zurück, sagt er. Auf eine musikalische Nische hat sich der Berliner Rapper Megaloh spezialisiert: Er setzt mit seinem Label Level Eight auf deutschsprachigen HipHop. Nach der Firmengründung im Jahr 2002 vergingen erst einmal drei Jahre bis zur ersten Veröffentlichung. „Wir mußten zunächst die nötige Infrastruktur aufbauen“, erklärt Megaloh, der Betriebswirtschaft an der Freien Universität in Berlin studiert. „Das Schwierigste ist, wirklich den kompletten Plan zu haben“, betont Megaloh. Dazu gehöre, sich effizient zu organisieren und Netzwerke zu nutzen, wo es möglich ist. Trotzdem brauche man für die schwierigen Aufgaben Profis. Sein Vertrieb läuft über Groove Attack und Finetunes. Die GEMA-Abrechnung macht ein Rechtsanwalt. Ein Job in der Musikbranche ist sein Ziel. „Ich möchte nicht ewig Rapper bleiben“, betont der 25-Jährige. Mittlerweile hat der Jungunternehmer drei eigene Alben veröffentlicht; in Zukunft möchte er auch andere Künstler herausbringen. Mit den Verkaufszahlen zeigt er sich zufrieden. Auch Airplay habe er bekommen, er sei sogar ganz gegen die Norm in Berliner Clubs gespielt worden, in denen sonst nur ausländischer HipHop laufe. Nachdem schon die erste Veröffentlichung die Kosten wieder einspielte, will Megaloh mit der dritten jetzt Geld verdienen. „Wir starten zunächst mit einer Auflage von 5000 Stück; Ziel ist es, 20 000 Stück zu verkaufen“, erklärt er selbstbewusst. Entscheidend sei, dass das Timing auf den Punkt stimme und alle Leute gleichzeitig von der Platte erfahren. Ab einem Verkauf von 10.000 Exemplaren werde man für die Majors interessant. Die Anlaufkosten für sein Label, die im fünfstelligen Bereich lagen, hat er über einen Investor finanziert. Einen Bankkredit zu bekommen, sei unmöglich. „Die Komplexität des Business ist das Schwierigste, zu begreifen wie die Großen arbeiten, wie man auf sich aufmerksam macht und wo man selbst in diesem Geschäft steht“, fasst Annette Herrmann vom Berliner Label Loob zusammen. Über das Veranstalten von Konzerten in einem Berliner Jugendclub wuchs sie langsam in die Rolle der Labelmacherin hinein. Bis jetzt hat sie sechs Alben veröffentlicht. Seit Juni vergangenen Jahres widmet sie sich ausschließlich der Labelarbeit. Auch 2007 stehen wieder zwei bis drei Veröffentlichungen im Plan. Wie bei allen kleinen Labels ist der CD-Verkauf bei Konzerten besonders wichtig; bei Loob beträgt er rund ein Drittel des Umsatzes. Vor dem von der Industrie gefürchteten Brennen hat Annette Herrmann keine Angst. „Die Verbundenheit der Fans zu unserer Musik und unsere aufwendige Covergestaltung halten vom Brennen ab.“ Von DRM hält sie nichts. „Außerdem gab es schon immer die Möglichkeit, Musik zu kopieren, was letztlich durch die größere Anzahl von Hörern auch zu Verkäufen führen kann“, meint sie. Bei den letzten beiden Loob-Alben mit Stückzahlen von 2000 beziehungsweise 3000 Stück griff sie für die Radio- und Printpromotion erstmals auf Unterstützung von außen zurück, da sie die Arbeit nicht mehr allein bewältigen konnte. Neben Praktikanten hilft ihr ein über die Jahre gewachsenes Netzwerk von Freunden und Bekannten. Den Vertrieb hat seit März 2006 Universal übernommen. Die Verkäufe laufen bereits zu einem Viertel über Onlinehändler wie Amazon; Downloads nehmen dabei aber noch eine untergeordnete Rolle ein. Und natürlich ist Annette Herrmann mit ihrem Label auch bei MySpace präsent. „Das ist einfach ein tolles Medium, um neue Musik kennen zu lernen.“ Ihre Bands konnten bislang 15.000 Besucher auf den eigenen Seiten registrieren. „Zu großen Verkäufen hat das aber noch nicht geführt“, gesteht sie. Wo die Umsätze der Zukunft erzielt werden, weiß eben noch keiner so recht in dieser Branche, die sich nach wie vor im Umbruch befindet.
Dossier: Junge Musiklabels in Deutschland
Allerorten brechen die Umsätze mit Musik weg. Die Verkaufszahlen der Tonträger vermitteln nur noch eine schwache Ahnung besserer Zeiten. Das Geld wird knapp. Dennoch glauben noch immer viele Macher an die Macht der Musik. Mit Idealismus und hohem persönlichen Einsatz behaupten sie sich gegen den Wind, der auch den Independents heftig entgegen weht. Warum tun sich Existenzgründer so etwas an? Vier Fallstudien.





