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Dossier: HipHop-Szene am Scheideweg

Zwar spricht es niemand offen aus. Doch leugnen lässt es sich nicht: Die deutsche HipHop-Szene steckt in einer mittleren Sinn- und Kreativitätskrise. Zwar gibt es nach wie vor erfolgreiche Produktionen mit hohen Chartsplatzierungen. Doch das kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass neben dem auch nicht mehr taufrischen Gangsta- und Pornorap nichts wirklich Neues heranwächst. Aber was nicht ist, kann ja noch werden.

Das Publikum scheint von einer gewissen Müdigkeit ergriffen zu sein, wenn es um aktuelle HipHop-Produktionen geht. Der Abwärtstrend, in dem sich natürlich auch der Gesamtmarkt bewegt, ist nicht nur in Deutschland zu spüren – auch in den USA ist der Umsatzanteil von HipHop in den letzten Jahren deutlich geschrumpft, von 13,3 Prozent 2005 auf nur noch 10,8 Prozent 2007. Selbst Schwergewichte wie 50 Cent müssen inzwischen deutlich kleinere Brötchen backen. Zwar gibt es immer noch genügend Bands und Rapper, die für kurze Zeit mit ihren neuen Produktionen in den Charts weit nach oben klettern – doch schaut man sich ein wenig später -unter dem Strich die Verkaufzahlen an, macht sich schnell Ernüchterung breit. Nur wenige Künstler – einer davon ist Kool Savas – konnten in den letzten Monaten mit ihren neuen Platten an alte Erfolge anknüpfen, während Schwergewichte wie Dynamite Deluxe, Fler oder Massiv teils deutlich hinter den Erwartungen zurückblieben – von den vielen hoffnungsvoll gestarteten Nachwuchstalenten gar nicht zu reden, deren Traum vom Ruhm schneller als eine Seifenblase zerplatzt ist. Doch diese Entwicklung überrascht Branchenkenner nicht wirklich. „Es fällt immer schwerer, in diesem Segment wirkliche Erfolgserlebnisse zu produzieren“, stellt Ramin Bozorgzadeh, bei Groove Attack für Labels, Marketing und Purchase zuständig, lapidar fest. „Ich denke aber, dass das nicht schlimm ist; wir hatten so eine Phase schon einmal, Ende der 90er-Jahre, was daran lag, dass viel zu viel Produkt in den Markt geschoben wurde, das durchaus hätte draußen bleiben können.“ Zur Schwarzmalerei besteht aber trotz solcher Aussagen kein Anlass. Denn die Szene ist nach wie vor stark und vital genug, dass sie sich nach einem wohl unvermeidlichen Einbruch auch schnell wieder aufrappeln kann. Und schließlich ist HipHop in all seinen Facetten noch immer die weltweit größte Jugendkultur. „Eine solche Situation bietet natürlich auch Chancen für neue Geschichten“, erklärt Ramin Bozorgzadeh. „Es gibt genug Leute aus der Szene, die sich ganz konkret ihre Gedanken machen, wie es weitergehen soll, um aus den vorgefertigten Mustern auszubrechen.“ An einer neuen Definition von HipHop wird schon länger nicht nur in Deutschland mit allem Nachdruck gedrechselt. Bis jetzt konnten sich aber Stilrichtungen wie Bmore, Dirty South, Boston Bounce oder auch Crunk, die oft regional verankert sind, noch nicht auf breiter Basis durchsetzen – oder sie waren schon wenige Monate nach ihrer Entwicklung wieder Geschichte, ohne wirklich ihre Spuren im Gesamtgefüge hinterlassen zu haben. Doch der stetige Wandel eröffnet auch stets neue Perspektiven, die dazu führen, dass sich die Szene wieder von Grund auf erneuert. Dass mit den nachwachsenden Generationen auch die Bedeutung des klassischen Tonträgers weiter abnehmen wird, daran gibt es jedoch nicht den geringsten Zweifel. Inzwischen machen viele Labels bereits ein Fünftel ihres Umsatzes mit bezahlten Downloads – Tendenz steigend, wenn auch sehr langsam. Und auch hier kommen unweigerlich die Gesetze des nach wie vor schwer gebeutelten Gesamtmarkts zum Tragen, bei dem Downloads die Umsatzverluste bei physischen Tonträgern bei weitem nicht ausgleichen können.

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