Dass während des Eurosonic-Wochen – endes ein besonderer Glanz über Groningen liegt, hängt nicht nur mit der noch illuminierten Weihnachtsbeleuchtung in der Innenstadt zusammen. Auch in den Gesichtern der Delegierten meint man ein Leuchten zu vernehmen, wenn sie wieder das Branchenjahr in der nordholländischen Provinzhauptstadt beginnen. Dabei spielt nicht einmal eine große Rolle, ob sich die Fahrt nach Holland in materieller Hinsicht auszahlt. „Viel wichtiger ist doch, dass man eine Gelegenheit hat, um sich mit Kollegen und Geschäftspartnern auszutauschen – und die sind alle hier“, resümiert Volker Hirsch, dessen Agentur KARO das Taubertal Open Air ausrichtet, im Gespräch mit MusikWoche. Oliver Arnold, Booker bei F-Cat Productions, pflichtet ihm bei: „Das eigentliche Showcasefestival ist für uns gar nicht so interessant, da die meisten Acts eh schon vergeben sind. Aber der soziale Nutzen ist immens.“ In der Tat war die europäische Liveszene auch in diesem Jahr ziemlich vollständig in Groningen angetreten: Mit 3150 Fach – besuchern aus 41 Ländern erreichte die 26. Ausgabe des niederländischen Showcasefestivals Eurosonic Noorderslag, das vom 11. bis 14. Januar über die Bühne ging, eine neue Rekordzahl. Am Eurosonic- Donnerstagvormittag meldete Buma Cultuur zudem, dass die Veranstaltung ausverkauft sei – einen Tag eher als im Vorjahr, als die Macher von Festival und Branchenkonferenz nur 3000 Delegierte zählten. In diesem Jahr hatten die Ver – anstalter mehr Platz im Tagungsgebäude De Oosterport geschaffen, weshalb sie die Kapazität erhöhen konnten. Erfolgreich verlief auch der Festivalteil von Eurosonic Noorderslag: Die 33.000 regulären Tickets waren binnen zehn Minuten vorab ausverkauft. Damit blieb die Besucherzahl in den Clubs im Vergleich zum Vorjahr unverändert. Die Veranstalter hatten sich jedoch ganz bewusst dagegen entschieden, die Ticketkapazität zu erhöhen. Denn noch mehr Fans bei den Konzerten hätte weniger Platz für die Fachbesucher bedeutet. Stark gestiegen ist indes das inter – nationale Medieninteresse: Statt 187 Journalisten, die 2011 den Weg nach Holland fanden, kamen dieses Jahr 404 Medienvertreter – mehr als doppelt so viele wie im Vorjahr, darunter viele Kamerateams. Aus Deutschland berichteten zum Beispiel 3 Wärmte das Publikum auf: die dänische Band The Asteroids Galaxy Tour auf der Open-Air-Bühne, die man zum zweiten Mal in Groningen errichtete 10 4/2012 dossier.eurosonic noorderslag 2012 der WDR-Rockpalast, das ZDF und iMusic TV aus Groningen. Darüber hinaus waren 28 EBU-Radiosender vor Ort. „Diese Ausgabe war wieder ein großer Erfolg“, bilanziert denn auch Peter Smidt im Gespräch mit MusikWoche. Der langjährige Creative Director von Eurosonic Noorderslag freut sich über die Zunahme bei den Fachbesuchern und vor allem aber darüber, dass die inhaltlichen Neuerungen so gut angenommen worden seien: „Unser Konzept, die Eröffnung, die Verleihung von EBBAs und EFAs bereits am Mittwoch nacheinander auszurichten, hat sich bewährt.“ Bei den Preisverleihungen waren zudem auch einige EU-Vertreter vor Ort, so dass viele Delegierte die Gelegenheit nutzten, um Lobbyarbeit zu betreiben. Der Europa- Schwerpunkt war für Smidt neben dem stark ausgebauten Interactive-Programm, das sich mit dem digitalen Wandel in der Musikbranche beschäftigte, ein Höhepunkt der dreitägigen Konferenz: „Ich bin extrem froh, dass wir im Rahmen von Eurosonic Noorderslag die Studie zur Zirkulation von europäischer Musik in Europa vorstellen konnten. Auch wenn wir alle im Grunde wussten, wie schlecht es darum bestellt ist, braucht man die Zahlen in der Studie, um nun endlich verifizierbare Argumente in der Hand zu haben.“ Auf der Konferenz wurde auch das neue, allerdings noch nicht ratifi – zierte EU-Kulturprogramm vorgestellt, das Smidt vor allem im Musikbereich als eine Verbesserung gegenüber dem bisherigen Programm empfindet. „Besonders gut gefallen hat mir die Reaktion von Ann Branch, Head of Unit beim Culture Programme And Actions der EU, auf den Vorwurf, dass eine Erhöhung des Kulturetats angesichts der Probleme in Europa nicht angemessen sei.“ Denn die EU-Politikerin, die bei den EBBA-Awards einen Preis überreichte und eine kurze Ansprache hielt, erklärte in Groningen, dass die Stärkung des Kulturbereichs sogar eine Antwort auf die Krise sei, weil das Arbeitsplätze und Umsatz schaffe. Allein die Ausgaben der Besucher von Eurosonic Noorderslag spülten im vergangenen Jahr 1,7 Millionen Euro in die Kommunalkasse von Groningen. Die wirtschaftlichen Auswirkungen von Festivals auf die Region standen auch im Mittelpunkt eines Panels. Da berichtete Colin Rodger von der britischen Firma DF Concerts, dass viele englische Kommunen, die in den 60er-Jahren erbittert Festivals bekämpft hatten, nun aber zu Unterstützern geworden seien, die bereitwillig infrastrukturelle Hilfe zur Verfügung stellen – nicht zuletzt weil sie wissen, dass Festivals nicht nur einen Image – gewinn für die Region bedeuten, sondern auch Einnahmen für die klammen Kassen bringen. Spannendwar auch eine Diskussionsrunde, in der die Auswirkungen der Kooperation zwischen Live Nation und der Discountfirma Groupon besprochen wurde: „Es sollte jedem klar sein“, betonte Will Page, Chefökonom der UK-Verwertungsgesellschaft PRS, „dass, wenn man einmal Rabattpreise bei Konzerten einführt, dieser Prozess unumkehrbar ist.“ Denn der dergestalt konditionierte Ticketkäufer würde fürderhin immer wieder darauf warten, dass die Preise sinken. Politik und Musik blieben in Balance Gut besucht waren auch die beiden Panels, in denen Holger Jan Schmidt (Green Events) und Jacob Bilabel (Green Music Initiative) über die Konsequenzen der ökologischen Entwicklungen für die Livebranche informierten. „Viele Veranstalter glauben immer noch, sie bräuchten sich um die Umweltverträglichkeit ihrer Festivals oder Konzerte nicht zu kümmern, da dies zu teuer sei und ihr Geschäft ruiniere“, erläuterte Schmidt. „Aber in Wirklichkeit wird es so aussehen, dass gerade die Firmen, die sich jetzt keine Gedanken darüber machen, künftig ihren Laden zumachen müssen, wenn sie die dann geltenden grünen Standards nicht erfüllen können.“ Denn die Vorgabe der Bundesregierung, bis 2020 den CO2-Austoß um 30 Prozent zu reduzieren, gelte eben auch für die Livebranche. Die politische Dimension von Eurosonic solle jedoch nicht den Live – bereich überschatten, sagt Peter Smidt. Ihm gehe es um eine Balance zwischen den politischen Themenstellungen der Konferenz und der Livearbeit in den Clubs. So traten traten an den vier Tagen insgesamt 293 europäische Acts auf. Dafür standen ihnen beim Eurosonic-Teil des Festivals 34 verschiedene Bühnen zur Verfügung; weitere elf Bühnen kamen beim Noorderslag- Teil hinzu, bei dem am Samstag ausschließlich niederländische Künstler auftraten. Die Acts spielten dabei unter anderem vor Bookern von 413 internationalen Festivals. Darunter waren auch 70 ETEPFestivals, die am gleichnamigen Austauschprogramm teilnehmen. Bei den ersten Sitzungen der ETEP-Partner sprachen die teilnehmenden Festivals unter anderem über Acts wie Ewert And The Two Dragons (Estland), Elektro Guzzi (Österreich), Citizens! (Frankreich), Selah Sue (Belgien) und die britschen Künstler The Computers sowie Niki And The Dove, die sich nun auf Festivalauftritte im Sommer freuen können.
Dossier: Groningen glänzt mit Europaschwerpunkt
Eurosonic Noorderslag ging vom 11. bis 14. Januar zum 26. Mal über die Bühne. Mit einem erneuten Besucherrekord bleibt das Showcasefestival mit seiner angeschlossenen Konferenz eine der wichtigsten internationalen Branchenveranstaltungen. Obwohl Jahr für Jahr mehr Fachbesucher kommen, steht quantitatives Wachstum nicht im Fokus der Veranstalter. Wichtig ist dem Kulturdepartment der niederländischen Verwertungsgesellschaft Buma/Stemra, dass Delegierte ebenso wie auftretende Bands von der Teilnahme am Event profitieren.






