Hustlen und irgendwie überleben – damit verbrachte ich die meiste Zeit. Und wenn Bushido anrief, um Musik zu machen, dann schaute ich bei ihm vorbei. Er war sehr auf seine Karriere konzentriert, das fand ich cool. Er wollte eben unbedingt etwas reißen mit der Musik. Bushido traf sich jetzt auch öfter mit anderen Rappern wie King Orgasmus One und Frauenarzt. Außerdem hatte er Kontakt zur Gruppe Die Sekte aufgebaut, zu der zum Beispiel auch Sido gehörte. Eines Tages klingelte mein Telefon, und Bushido erzählte mir stolz, dass er zu Aggro Berlin gehen würde. „Das sind ein paar Jungs, die eine Plattenfirma gründen. Die Sekte ist auch dabei. Die wollen sich mit mir treffen. Kommst du mit?“ Natürlich war ich am Start. „Das ist eine Chance“, erklärte mir Bushido, als wir auf dem Weg in den HipHop-Laden Down – stairs waren. Halil, der Geschäftsführer dort, war einer der Mitgründer von Aggro Berlin. Als wir reinkamen, drehten sich alle nach uns um. Durch sein Tape „King Of Kingz“ hatte sich Bushido bereits einen Namen gemacht, und mich kannte man schließlich als Sprüher. Specter, ein anderer Aggro-Boss, stand mit Sido an der Theke. Sie winkten Bushido zu. Ich nickte nur und gab ihnen dann die Hand. Auf der anderen Seite des Ladens stand mein alter Schulkollege Skim. Herablassend lächelte er mir zu. Das konnte ich vor den anderen nicht auf mir sitzen lassen und ging, ohne zu zögern, auf ihn zu. „Was lachst du so bescheuert?!“, stellte ich ihn zur Rede. Skim blieb cool. „Du glaubst wohl auch, dass du jetzt was ganz Besonderes bist“, antwortete er und machte einen auf hart. Aggro Berlin Aber als Bushido plötzlich vor ihm stand, bekam er Arschflattern: „Was glaubst du eigentlich, wer DU bist?“, fragte ihn Bushido mit eingefrorener Miene und rückte ihm auf die Pelle. Erschrocken ging Skim ein paar Schritte zurück und verließ kurz darauf den Laden. Sido und Specter hatten das Ganze beobachtet und bekamen also gleich mit, dass Bushido und ich ein Team waren und uns nichts gefallen ließen. Das fand ich ganz gut, der erste Eindruck zählte schließlich. Trotzdem sollte es noch Jahre dauern, bis mich die Aggros in Sachen Business ernst nahmen. Wenig später unterschrieb Bushido einen Vertrag bei dem Plattenlabel. Ich begleitete ihn oft, wenn er den Chefs einen Besuch abstattete, wurde aber von den Typen einfach nicht für voll genommen. Sie wussten, dass ich im Heim aufgewachsen war, und hielten mich für minderbemittelt. Sie belächelten mich. Wenn ich was sagte, hörte kaum einer zu, es sei denn, ich wurde richtig laut. Gut, ich hatte selbst keinen Vertrag bei dem Label, deshalb war natürlich auch keiner verpflichtet, sich mit mir zu unterhalten. Bushido war aber trotzdem genervt von dem überheblichen Getue der Chefs und machte ihnen schließlich klar: „Der Junge bleibt an meiner Seite.“ Die Typen guckten ihn erst mal doof an – aber dann nickten sie. Was blieb ihnen auch anderes übrig? Doch nicht nur die Chefs waren gegen mich. Es gab von Anfang auch bei den Künstlern zwei Lager: Auf der einen Seite standen Sido und B-Tight, auf der anderen Seite Bushido und ich. Wir waren einfach zu verschieden. Wir hatten Hummeln im Arsch und waren auf Action aus, während die anderen lieber auf dem Sofa saßen und ihre Tütchen rauchten. Außerdem herrschte ein harter Konkurrenzkampf zwischen uns. Jeder wollte die Nummer eins des Labels werden, Konzerte geben, in die Charts einsteigen und das meiste Geld verdienen. Bushido und ich wollten gewinnen. Deswegen arbeiteten wir hart und gingen ins Studio, so oft wir die Gelegenheit dazu bekamen. Wir schrieben Texte, wir rappten, wir machten Pläne. Bushido nahm das Ganze noch viel ernster als ich. Wie ernst, das wurde mir erst klar, als es einesNachts an meiner Tür klopfte. Völlig verschlafen torkelte ich aus dem Bett, ich hatte nur Boxershorts an und war ziemlich neben der Spur. „Icke bin’s“, hörte ich Bushido draußen auf dem Gang rufen und war verwundert. Schließlich kam er mich nicht oft in meinem Rattenloch besuchen. „Was ist los?“, murmelte ich und öffnete die Tür. „Ich muss dir was zeigen“, sagte er und grinste breit. Dann kam er in meine Wohnung, knallte seine Jacke in eine Ecke und deutete stolz auf seinen Hals. Er hatte dort jetzt ein riesengroßes B in die Haut tätowiert. Noch war es mit einer durchsichtigen Plastikfolie bedeckt, weil es ganz frisch gestochen war. „Krass“, sagte ich und war auf einmal hellwach. „Das geht jetzt nie wieder ab, oder?“ – „Natürlich nicht. Aber das ist jetzt mein Logo. Das steht für Bushido“, erklärte er mir. Wow, er setzte wirklich alles auf eine Karte. „Respekt“, sagte ich. „Ich find’s gut. Ehrlich.“ Bushido freute sich, und in diesem Moment wurde mir klar, dass ich dasselbe wollte wie er: Ich wollte Rap-Star werden! „Schaffen wir das?“, fragte ich ihn. Und er grinste: „Na klar, Alter. Wir machen alle platt!“ Die Trennung Der Druck von seiten der Araber wurde immer größer, und die Stimmung bei Aggro war dementsprechend beschissen. Bushido stritt sich ständig mit den Chefs, besonders mit Halil. Ich konnte den Zoff nicht so richtig nachvollziehen, denn eigentlich lief ja alles super: Bushidos erstes Album „Vom Bordstein bis zur Skyline“ war gerade draußen, und nun wollte ich, dass er mich produzierte, damit auch ich endlich zum Zug kam. Ich war genervt davon, dass er sich ausgerechnet jetzt mit den Aggro- Leuten zoffte. Deshalb stellte ich ihn bei einem Anruf zur Rede. Er erklärte mir, dass er sich von Halil verarscht fühlte, und erzählte mir einige pikante Geschäftsdetails. Mir wurde klar, dass ein paar Sachen gelaufen waren, die Bushido den Chefs niemals würde verzeihen können. Außerdem war bei Aggro ganz klar Sido die Nummer eins. Sie hatten sich immer schon mehr auf ihn konzentriert – er bekam die Maske und ein sauteures Video. Wahrscheinlich lag es daran, dass die Chefs das Gefühl hatten, Sido besser im Griff zu haben. Er war halt ein friedlicher Kiffer, nicht so ein Rabauke wie wir. Trotzdem war es ungerecht! Und deshalb konnte ich Bushidos Entscheidung, sich von Aggro Berlin zu trennen, am Ende auch verstehen. Scheiße fand ich nur, dass er mir nicht gerade das Gefühl vermittelte, es wäre ihm wichtig, dass ich mit ihm ging. Es schien ihm ziemlich egal zu sein, was aus mir wurde. Er sagte: „Wenn du willst, komm mit. Aber ich werde dich nicht darum bitten.“ Und dann ergänzte er: „Aber eines ist klar, wenn du bei Aggro bleibst, werde ich nicht mehr mit dir arbeiten!“ Ich hatte keine Lust, mich von ihm unter Druck setzen zu lassen, und sagte deshalb: „Weißt du was: Geh du deinen Weg. Und ich geh meinen.“ Und damit war es vorbei. Wir hörten anschließend eine ganze Weile nichts mehr voneinander. Bei Aggro Berlin lief alles super. Ich war berühmt, und alle Rapper wollten mit mir befreundet sein. Das war natürlich sehr angenehm. Zusammen mit Bass Sultan Hengzt hing ich öfter im Taboo Club ab, die Türsteher da waren unsere Homies, und Frauenarzt war meistens auch dabei. Ich war zwar nie so der Partytyp, aber ein kleines Gläschen zwischendurch genehmigte ich mir inzwischen ganz gern. Zu dieser Zeit schleppte ich meinen Kumpel G-Hot überall mit hin, wir hatten ja gerade die Single „Jump, Jump“ draußen und waren zusammen erfolgreich. Er war ein talentierter Rapper, aber wie viele andere meiner Kollegen war er ziemlich verpeilt. In die Fresse Die meiste Zeit stand er total neben sich. Ich musste immer ein wenig aufpassen, dass er mich nicht blamierte, nahm das aber in Kauf, weil er schließlich mein alter Gettokumpel war. Wir hatten ja früher viel zusammen gesprüht, damals, als er sich noch Spok genannt hatte und genau wie ich ein Niemand gewesen war. Eines Abends fuhren wir zusammen in den Kudamm Club, und G-Hot stand wieder einmal wie angewurzelt in der Ecke. Sein TShirt hing ziemlich schief an seinem Oberkörper, und er trug eine dicke Jacke, obwohl es in dem Club gefühlte 100 Grad waren. Seit ich in der Öffentlichkeit stand, hatte ich mich sehr verändert. Ich hatte mir ein cooles Image aufgebaut, und die Leute nahmen mich ernst, respektierten mich. GHot dagegen checkte nicht, dass auch er etwas repräsentieren musste, jetzt, wo er als Rapper auf meiner Single war. Er war noch immer der abgefuckte Getto-Atze, einfach zu faul, irgendetwas aus seinem Leben zu machen. Meine Tipps waren ihm völlig gleichgültig. Das trieb mich in den Wahnsinn – besonders an diesem Abend, an dem ich schon ein bisschen was getrunken hatte. Also ging ich zu ihm hin und schnauzte ihn an: „Ey, du kannst jetzt nicht mehr rumlaufen wie der letzte Penner. Verstehst du das nicht? Bring endlich ein Album raus, mach was aus dir! Los,zieh deine peinliche Jacke aus, und laber mal die Weiber an. Hör auf, hier so doof rumzustehen. Nutz mal endlich die Chance, die ich dir gegeben habe, und benimm dich wie ein verdammter Rapper.“ Aber GHot hatte überhaupt keinen Bock, auf mich zu hören. Er machte mir stattdessen eine Riesenszene mitten im Club: „Wieso hab ich noch immer keine Kohle auf dem Konto? Ich wohne weiter zu Hause bei meiner Mutter, und dabei bin ich doch jetzt im Fernsehen! Das kotzt mich alles an!“ Er verstand einfach nicht, dass das erst der Anfang war und es einzig und allein an ihm lag, etwas aus dieser Chance zu machen. Er war total unzufrieden. Und vor allem eines: undankbar! Ich hatte ihn aus dem Getto ins Rampenlicht gezogen, und er war nicht bereit, auch nur einen Schritt selbst zu gehen. Ich wurde immer wütender. Deshalb riss mir jetzt der Geduldsfaden komplett: Ich packte ihn am rechten Arm und verpasste ihm eine ordentliche Schelle mitten ins Gesicht. Mir rutschte förmlich die Hand aus. In der Sekunde, als es knallte, tat es mir auch schon wieder schrecklich leid. G-Hot wehrte sich nicht. Ich war geschockt: von mir selbst und der ganzen Situation. Deshalb verließ ich sofort den Club. Auf dem Weg nach Hause klingelte schon mein Telefon. G-Hot war dran: Er schrie und heulte. „Wie konntest du mir nur vor allen Leuten eine reinhauen? Bist du bescheuert?“ Ich versuchte, ihn zu beruhigen, doch es half nichts. „Weißt du, was du bist? Ein gottverdammter Hurensohn!“, brüllte er mich an. Und das war mir zu viel. Ich legte auf. Okay, ich hatte ihn angemault und ihm eine Schelle verpasst, und das tat mir inzwischen auch tierisch leid. Aber der Spruch über meine Mutter ging ja mal gar nicht. Selbst wenn ich sie nicht besonders leiden konnte, so etwas wollte ich mir nicht sagen lassen. In meinem Kopf machte es so laut „Klick“, dass ich selbst vor dem Geräusch erschrak. Ich war so wütend wie seit Jahren nicht mehr. Den fick ich jetzt richtig, dachte ich mir und fuhr zu seiner Wohnung. Ich versteckte mich in einem Busch und wartete, dass G-Hot nach Hause kommen würde, und dabei fühlte ich einen Hass in mir, den ich einfach nicht mehr kontrollieren konnte. Als er mit seinem Wagen vorfuhr, sprang ich aus dem Gebüsch. „Keiner nennt mich Hurensohn, verstehst du?“, schrie ich ihn an. Ich glaube, meine Stimme überschlug sich dabei ein paarmal. Ich schlug ihm so oft in die Fresse, bis ein Zahn fehlte und sein linkes Auge anschwoll und ganz blau wurde. Er konnte sich nicht wehren. Und während ich weiter auf ihn einschlug, fragte ich mich: „Wieso verprügelst du das arme Schwein eigentlich? Es wird ohnehin nichts ändern. Wieso bist du so ein Idiot?“ Ich konnte nicht anders. Meine Aggressionen übermannten mich einfach. Es war, als müsste ich die Wut meines ganzen Lebens herauslassen. Und dann zuckte ich zusammen: Vor meinem inneren Auge sah ich plötzlich meinen Vater, wie er früher, als ich noch ein Kind war, auf meine Mutter einprügelte. Oh, mein Gott! Ich wollte auf keinen Fall so werden wie er. Ich erschrak vor mir selbst und hörte auf, G-Hot zu schlagen. Ich sah ihn auf dem Boden liegen und bluten, und auf einmal tat er mir ganz schrecklich leid. Ich nahm ihn in den Arm und wurde von einer Sekunde zur nächsten vom Schläger zum Seelentröster: „Hör zu, wenn dir das Rap- Ding zu viel wird, dann lass es bleiben. Ich hab das Gefühl, du bist dem Ganzen nicht gewachsen“, redete ich ihm zu. Er schluchzte: „Ich pack das. Ich pack das. Glaub mir!“ Das Blut lief ihm aus dem Mund, und sein Gesicht war verheult. Ich wollte ihm gern glauben, aber ich hatte diese Sprüche von ihm schon viel zu oft gehört.
Dossier: Fler erzählt seine Geschichte
Patrick Losensky, besser bekannt als Fler, wurde 1982 in Westberlin geboren und erlangte mit seinem ersten Album, „Neue deutsche Welle“, erschienen bei Aggro Berlin, überregionale Berühmtheit. Im September 2011 veröffentlichte er das Album „Im Bus ganz hinten“ und dazu die gleichnamige Biografie. Mit dem Bambi-Integrationsbeauftragten Bushido verbindet Fler einiges. MusikWoche bringt Auszüge aus seinem Buch.





