Die aktuelle Brennerstudie zeigt es wieder einmal: In Deutschland wird so viel Musik gebrannt wie nie zuvor. Die Zahlen der illegalen Downloads sind zwar zurückgegangen, doch stellen auch Tauschbörsen immer noch ein großes Problem für die deutsche Musikwirtschaft dar. Seit 1999 weist der deutsche Tonträgermarkt einen Umsatzrückgang von rund 30 Prozent auf. Neben einer allgemeinen Kaufzurückhaltung, Zukunftsängsten sowie einer wachsenden Anzahl an alternativen Entertainmentprodukten wird Musikpiraterie für die Krise des Musikmarkts verantwortlich gemacht – die Abbildung auf der nächsten Seite karikiert die Problematik. Es ist anzunehmen, dass sich Musikkopisten durch Aufklärungskampagnen und Diskussionen in den Medien durchaus über die negativen Auswirkungen sowie die Gesetzverstöße ihres Verhaltens bewusst sind. Doch warum tun sie es trotzdem und immerfort? Warum sind die Maßnahmen der Musikbranche und die gesetzlichen Vorschriften bislang nicht sehr erfolgreich? Einen Erklärungsansatz für das Verhalten von Musikkopierern bietet das Selbstregulationssystem des Psychologen Albert Bandura: Menschen bewerten ihr Verhalten anhand moralischer Standards. Das können erlernte Verhaltensnormen oder auch Gesetze sein, die das Verhalten in diversen Situationen regeln. Handeln wir entsprechend diesen Bewertungsstandards, belohnen wir uns mit Selbstlob oder Selbstzufriedenheit, anderenfalls üben wir Selbstkritik aus oder bekommen schlechtes Gewissen. Nach Banduras Theorie lehnen es Menschen ab, entgegen ihren moralischen Standards zu handeln, da sie die zu erwartende Selbstkritik vermeiden wollen. Dieser Mechanismus kann indes durch Rechtfertigungs- beziehungsweise Neutralisationstechniken gestört werden. Durch den Einsatz der Rechtfertigungstechniken wird das eigene Verhalten nicht mehr als unmoralisch oder verwerflich empfunden, was eine moralische Verurteilung verhindert – das Schema auf Seite 13 zeigt die Neutralisationstechniken. Wenn Musikkopisten ein Unrechtsbewusstsein haben, müssen sie ihr Verhalten neutralisieren, um Musik ohne schlechtes Gewissen kopieren zu können. Um Kenntnisse über ihre Rechtfertigungsstrategien zu gewinnen, wurde im Rahmen der Studie das Neutralisationsverhalten der Musikkopisten erforscht. In zwei Gruppendiskussionen wurden sie zu ihren moralischen Ansichten über illegale Tauschbörsen befragt. Ergebnis: Sie nutzen das gesamte Spektrum an psychologischen Rechtfertigungen, um ihr Verhalten zu immunisieren. Interessanterweise tun sie das auch, ohne dass das Unrecht ihres Verhaltens angesprochen wird – ein Indikator für die Existenz eines Unrechtsbewusstseins. Hätten Musikkopisten keines, bräuchten sie ihr Verhalten auch nicht zu neutralisieren. Bezieht man die rechtlichen Aspekte mit ein oder fragt man nach der Moralität, erhöht sich die Anzahl der Rechtfertigungen um ein Vielfaches. Im Folgenden sind die verschiedenen Techniken kurz erläutert.
Dossier: Filesharer – Spielbälle des Schicksals?
Die Erkenntnisse einer Diplomarbeit an der Hochschule Harz sind aufschlussreich: Sie zeigen, dass die bisherigen Kampagnen der Musikindustrie ihre Wirkung auf das Unrechtsbewusstsein der Konsumenten nicht verfehlt haben. Dennoch umgehen die Filesharer alle rechtlichen oder moralischen Einwände mit einem simplen psychologischen Mechanismus. Für MusikWoche fasst der Autor seine Untersuchung über die Rechtfertigungsstrategien von Musikkopierern zusammen.





