Das „beste Festival“ sollte im Februar bei den LEA-Awards 2007 gekürt werden, doch was dabei herauskam, war ein handfester Eklat: Die Jenaer Firma KGV Event gewann mit ihrem SonneMondSterne-Festival den Preis, worauf „Rock am Ring“- und „Rock im Park“-Veranstalter Marek Lieberberg erzürnt die Veranstaltung verließ und gegen die Award-Entscheidung polterte: „Es ging um das beste Festival – ohne Wenn und Aber. In diesem Fall konnte es nur eine Entscheidung geben, egal welchen Maßstab man anlegt.“ „Ein bestes Festival,“ so Branchenurgestein Ossy Hoppe von Wizard Promotions, „kann es nicht geben“ – und viele in der Branche stimmten zu. Ein bestes Festival gibt es also nicht, dafür aber angesichts des stabilen Publikumszuspruchs zahlreicher Events doch viele gute. Einer, der sich auskennt, ist Dieter Bös, Geschäftsführer von KoKo & DTK Entertainment in Konstanz. Bös ist einer der umtriebigsten Festival-Veranstalter im Süden der Republik: Neben der örtlichen Durchführung des von FKP Scorpio veranstalteten Southside-Festivals organisiert Bös mit seiner Firma die unterschiedlichsten Open-Air- und Sommer-Events. Sei es das eigene, seit 22 Jahren erfolgreiche „Rock am See“-Festival in Konstanz, das „Greenfield Festival“ im schweizerischen Interlaken, das Zeltfestival Konstanz, das Zelt-Musik-Fest in Freiburg, das Meersburg Open Air, das Sonnenrot-Festival oder das Hohentwielfestival. Angesprochen auf die Voraussetzungen eines guten Festivals, meint er im Gespräch mit MusikWoche: „Ein Festival muss stets den Bedürfnissen des Publikums entgegenkommen. Was sind diese Bedürfnisse? Gute Musik zu verträglichen Preisen, eine interessante Musikmischung aus etablierten und neuen Bands und eine stimmige Atmosphäre, die nicht von martialischen Ordnungskräften oder überhöhten Getränkepreisen geprägt ist.“ Für Bös ganz besonders wichtig: Kommunikation muss auf dem Festivalgelände stattfinden – aber nicht nur dort. Bös und sein Team fühlen stets den Puls des Publikums: „Wir haben eine große,Rock am See‘-Fangemeinde, die wir sehr ernst nehmen. Wir bekommen viele E-Mails, und auch auf unserer Homepage haben Fans die Möglichkeit, Line-up-Wünsche kundzutun. Wir orientieren uns sehr stark daran.“ Und so freut sich Bös, für die diesjährige Ausgabe einen dezidierten Wunschkandidaten seiner Stammbesucher ankündigen zu dürfen: Die Industrial-Rocker Nine Inch Nails sind Headliner des Festivals, das am 1. September im Konstanzer Bodenseestadion stattfindet. Doch eine Orientierung am Publikum ist nicht immer gleich Erfolgsgarantie: Im vergangenen Jahr blieb „Rock am See“ hinter den Erwartungen zurück und verzeichnete mit 15.000 Besuchern rund 10.000 weniger als im Vorjahr. Ein WM-bedingter Einbruch, den ein etabliertes Festival wie „Rock am See“ in diesem Jahr wieder ausbügeln will. Wie schwer solch ein Unterfangen sein kann, sieht man am Beispiel des Chemnitzer HipHop- und Reggae-Festivals Splash!. Zwei komplett verregnete Ausgaben hintereinander bedeuteten für die Veranstalter fast das Aus. Aber nur fast, denn die Macher des Festivals gaben nicht auf, sondern versuchten das entstandene Finanzloch von 400.000 Euro mithilfe von Spendengeldern, Benefizveranstaltungen und Nachlässen zu stopfen – was zu 70 Prozent auch gelang. Mirko Roßner, Vorstand der Splash! Entertainment AG, ist heute noch begeistert von der Unterstützung – vor allem durch die Festival-Besucher: „Die Leute sind aufgestanden und haben ihr eigenes Festival gerettet. Wir hatten mehr als 1000 Spender. Die höchste Einzelspende betrug 1000 Euro. 1000 Euro, damit das Festival weitergeht. Das ist einmalig.“ Wie Roßner zugibt, war das schlechte Wetter nicht der einzige Grund für die Verluste. So kam das Splash! aufgrund der Topografie in Chemnitz sehr teuer. Roßner erzählt: „Das Splash!-Areal dort ist ein extrem zerrissenes Gelände. Wir haben mit fünf Zeltplätzen und fünf Parkplätzen gearbeitet, was extreme Kosten verursachte. Zum Beispiel für einen 16 Kilometer langen Zaun und eine große Anzahl an Security-Kräften, da das Terrain sehr schwer zu überschauen ist.“ Zum zehnten Jubiläum erstrahlt das Splash! nun im neuen Glanz. Ein viel einfacher zu bespielender Austragungsort wurde auf der Halbinsel Pouch bei Leipzig gefunden, und auch der Zeitpunkt ist gut einen Monat auf Anfang Juli vorverlegt. Allerdings nicht nur wegen des Wetters: „Wir haben den Termin verlegt, damit wir im Tourgeschäft besser positioniert sind und so bestimmte Acts kostengünstiger beziehungsweise überhaupt bekommen können“, erklärt Roßner. Probleme mit dem Austragungsort plagten vergangenen Herbst auch das Großfestival Rock im Park. Nachdem bekannt wurde, dass am Wochenende vom 1. bis 3. Juni 2007 auch das EM-Qualifikationsspiel zwischen Deutschland und San Marino im Frankenstadion – das direkt an das Festivalareal rund um den Dutzendteich und das Zeppelinfeld grenzt – stattfindet, kündigten die Marek Lieberberg Konzertagentur und der örtliche Veranstalter Argo Konzerte an, mit der Schwesterveranstaltung von Rock am Ring umzuziehen. Doch inzwischen steht fest: Rock im Park bleibt in Nürnberg. Sehr zur Freude des Bürgermeisters Ulrich Maly, der sich persönlich für den Verbleib des Festivals einsetzte. Denn im Gegensatz zur Hauptstadt Berlin, die sich diskret der „Love Parade“ entledigte, steht Nürnberg zu „Rock im Park“. Kein Wunder, schließlich sei die Veranstaltung ein wichtiges Event für Nürnberg, das zu positiver nationaler und internationaler Wahrnehmung geführt habe, so Norbert Link, Mitglied der Geschäftsleitung und Projektleiter des örtlichen Veranstalters Argo für Rock im Park. „Man führe sich vor Augen, dass 2006 Menschen aus 32 Nationen das Festival besuchten. Das hat natürlich eine Außenwirkung.“ Rock im Park bleibt also in der Frankenmetropole, und mit dem Zeppelinfeld, den daran angrenzenden Flächen sowie der Arena Nürnberger Versicherung hat man auch erstmals wieder einen einheitlichen Veranstaltungsbereich, ein Festival der kurzen Wege ohne mehrfache Kartenkontrollen. Die erneute Umstrukturierung ist für Norbert Link nichts Neues, denn jedes Festival wachse und entwickle sich. Rock im Park habe schon immer mit fortwährend sich ändernden Situationen zu tun gehabt: „Erst mussten wir wegen des Stadionumbaus aus dem Frankenstadion raus, dann konnten wir wegen des Confed-Cup und der WM nicht dorthin zurück. Wir sind mit unseren Bühnen schon zehnmal umgezogen“, erklärt Link, der mit der Organisation eines Großevents innerhalb der Stadtgrenzen mit besonders vielen Auflagen zu kämpfen hat: „Es gibt da eine gewisse Regelungswut, die Geld kostet. Das ist auch in Nürnberg so. Wir haben über die Jahre festgestellt, dass sich unsere interne Kostenstruktur durch vielerlei Auflagen entsprechend erhöht hat. Zum Beispiel hat sich der Posten der Verkehrsinfrastruktur verdreifacht. Überall im Umfeld des Festivalgeländes, wo jemals Fahrzeuge von Besuchern in Wohngebieten aufgetaucht sind, müssen wir kostenpflichtige Beschilderungs- und Sperrmaßnahmen vornehmen. Da muss man als Veranstalter argumentativ gegensteuern und klarstellen, dass nicht alles unmittelbar aus dem Veranstaltertopf zu bezahlen ist.“ Mit dem Standort Nürnberg allerdings habe man einen „Modus vivendi“ gefunden und mittlerweile die Standpunkte aneinander angenähert. Eine beachtliche Kostenexplosion für Veranstalter bestätigt auch Dieter Bös: „Nicht nur die Band-Gagen zogen in den letzten Jahren sehr stark an, auch die Kosten für Logistik und Infrastruktur erhöhten sich bedingt durch die Auflagen. „Ein Festival zu planen und durchzuführen ist eine große Investition, und es gehört eine große Portion Mut und Selbstbewusstsein dazu“, weiß Bös. Selbst beim Southside-Festival habe es drei Jahre gedauert, sich am Markt durchzusetzen. Das gehöre zwar jetzt der Vergangenheit an, aber man brauche einen langen Atem, so Bös. Das weiß aus eigener Erfahrung auch Holger Hübner, Organisator des Metal-Festivals „Wacken Open Air“ und Geschäftsführer von ICS Festival Service, der bei vielen neuen Festivals eine realistische Planung vermisst: „Wer ein Festival auf den Markt bringen will, muss einen gesunden Weg gehen und klein anfangen. Aber es muss ja immer gleich krachen, und man will die tollsten Bands haben und das schönste Festival überhaupt.“ Dabei sei alles eine Frage der Finanzierung – und da hapere es bei den meisten, wie Hübner konstatiert: „Das hat man vor allem im letzten Sommer gemerkt, als einige Open Airs angesetzt worden sind, aber dann nicht durchgeführt wurden. Die Neu-Veranstalter glauben, man bucht Bands, geht in den Vorverkauf und alles läuft von allein. Die Zeiten sind allerdings vorbei.“ Splash!-Macher Mirko Roßner prangert diese Mentalität auch bei großen und etablierten Events an: „Viele Festivals funktionieren ganz klassisch nach dem Prinzip von Angebot und Nachfrage, aber ich finde Festivals müssen mehr leisten, ein gutes Festival muss eine Seele haben – wie zum Beispiel Roskilde oder Sziget.“ Dort werde, so Roßner weiter, mehr auf Details geachtet, zum Beispiel bei der Geländegestaltung. Im Kleinen versucht Roßner bereits seinen großen Vorbildern nachzueifern – mit einem umfangreichen Kulturprogramm rund um das Konzertgeschehen. „Das schafft eine Kundenbindung, ohne die wir uns gegen die großen Festivals nicht behaupten könnten. Die Besucher kaufen unsere Tickets frühzeitig, auch wenn noch keine Acts gebucht sind. Einfach weil sie wissen, dass sie bei uns eine gute Zeit haben.“ Auch soziales Engagement ist beim Splash! kein Lippenbekenntnis. „Wir haben 2002 das Projekt „Barrierefreies Festival“ angestoßen und Behinderten-Richtlinien entwickelt. Oder ein Umweltmanagement-Handbuch, mit dem wir versuchen, die Belastungen für die Umwelt, die so ein Festival zweifelsohne verursacht, so gering wie möglich zu halten“, erläutert Roßner. Die Diskussion um Umweltverschmutzung dreht sich jedoch längst nicht mehr allein um das Sauberhalten des Festival-Terrrains. So klinkte sich der Hamburger Veranstalter A.S.S. Concert & Promotion kürzlich in die aktuelle Klimaschutz-Diskussion mit ein und kündigte an, bei Konzerten anfallende CO2-Emissionen durch ein Umwelt-Engagement im Ausland zu neutralisieren. Als Folge des Einsatzes für den Klimaschutz will A.S.S. dazu auch die Ticketpreise um einige Cent anheben. Folgt also nach dem Müllpfand nun der CO2-Cent? In Anbetracht der Massen, die jährlich zu Festivals pilgern, wahrlich keine abwegige Idee. Das findet auch Dieter Bös: „Ich bin ebenfalls mit einer Organisation im Gespräch, kann aber noch nicht versprechen, dass wir dieses Jahr ein Emissions-Modell umsetzen. Ich finde die Idee wichtig und richtig und bin sicher, dass wir uns, nach eingehender Prüfung, diesbezüglich engagieren werden.“ Die schönste Antwort auf die anfangs gestellte Frage, was denn ein gutes Festival ausmache, kommt von Stefan Reichmann, Veranstalter des stets ausverkauften Kleinods Haldern Pop am Niederrhein: „Ein guter Musiker weiß um die Qualität der Stille, ein guter Klimaforscher weiß um die Qualität des Radfahrens, ein gutes Festival weiß um die Qualität seiner Besucher, und ein glücklicher Besucher weiß um die Qualität einer Überraschung.“ Und überraschend ist trotz aller Probleme auch der Blick auf die deutsche Festival-Landschaft: Vielseitig und abwechslungsreich in Größe und Genre, können viele Events selbst in finanziell klammen Zeiten auf ihre treuen Fans zählen – und einige Veranstalter profilieren sich gar als Vorreiter in Sachen Umweltschutz. Wenn das nichts ist. Daniel Kappla 3
Dossier: Festival-Sommer
Unzählige Open-Air- und Festival-Veranstaltungen unterschiedlichster Couleur buhlen im deutschen Sommer um die Gunst des zahlenden Publikums. MusikWoche beleuchtet im Gespräch mit Veranstaltern, wodurch sich ein gutes Festival aus der Fülle des Angebots heraushebt und wie schwer es ist und bleibt, ein Festival angesichts Kostenexplosionen und logistischer Hindernisse auf die Beine zu stellen. Zunehmende Bedeutung gewinnt dabei der Umweltschutzaspekt.





