Die englisch-deutsche Beratungsfirma Bridge & More hat sich die Mühe gemacht, zum ersten Mal überhaupt eine genaue Statistik über die erfolgreichsten Albumveröffentlichungen im Vereinigten Königreich zu erstellen. Bridge & More wurde gegründet, um der langjährigen Zusammenarbeit zwischen dem britischen PR- und Strategieberater Steve Redmond und Ralf Plaschke, dem Chef des in Köln ansässigen Internetdienstleisters Popdata, einen organisatorischen Rahmen zu geben. Redmond und Plaschke fertigten ihre aktuelle Studie in Abstimmung mit dem britischen Dachverband der phonographischen Industrie, BPI, auf Basis der von der Official Charts Company (OCC) zur Verfügung gestellten Daten an. OCC erhebt wie das deutsche Pendant Media Control die Verkaufszahlen am Point of Sale; die angeschlossenen Verkaufsstellen repräsentieren mehr als 90 Prozent aller Musikverkäufe in Großbritannien. Die Bridge& More-Studie wertete diese Daten im Hinblick auf die 10.000 meistverkauften Alben in UK des Jahres 2011 aus. „Wenn man die britischen Fans nach deutscher Musik fragt, wird man – jenseits einer allgemeinen Anerkennung elektronischer Pioniere wie Kraftwerk oder Can und abgesehen von der Pop-Welle der Neunziger mit Snap!, Cul – ture Beat und Haddaway – in den allermeisten Fällen nur Ratlosigkeit ernten“, sagt Steve Redmond von Bridge & More. „Sogar innerhalb der Musikin dustrie war es immer ziemlich schwierig, belastbare Fakten zu erhalten.“ Da freut sich Redmonds deutscher Partner Ralf Plaschke darüber, dass nun „erstmals Daten zur Vielfalt deutscher Musikproduktionen in UK vorliegen“, und er freut sich auch über das „Ausmaß der Möglichkeiten, die sich hier auftun, um mehr Verkäufe zu generieren“. Und was war denn nun das Album, das sich im vergangenen Jahr auf dem britischen Markt am besten verkaufte? Es war die Dancepop- Produktion „Original Me“ von Cascada mit fast 20.000 abgesetzten Exemplaren. Insgesamt schafften es übrigens vier Alben des Eurodancepop- Trios in die Top 10.000. Nur ein Act ist relativ neu Doch mit ihren vier Alben kommen Cascada nicht an den Oscar-Preisträger und Soundtrack-Komponisten Hans Zimmer heran: 14 der 101 deutschen Platzierungen in den Top 10.000 stammen von Zimmer, was auf 20 Prozent der Teutonen- Liste hinausläuft. Cascada und Zimmer führen die eklektische Liste an, auf der sich Nostalgiepop von Boney M (mit fünf Alben und 14.500 Verkäufen), Easy Listening mit James Last (23.000 Einheitenvon sechs Alben) und Gregorianik (Enigma) ebenso finden wie unvermeidliche Elektronik von Kraftwerk, Tangerine Dream und Neu!. Dabei erreichten fünf Künstler 2011 zusammen mehr als 50 Prozent aller Verkäufe deutscher Acts in UK: Hans Zimmer, Rammstein, Cascada, James Last und Baseballs (siehe Tabelle). Nur einer dieser Acts ist relativ neu im Geschäft – die Baseballs, die mit ihrer Rock’n’Roll-Coverversion von Rihannas „Umbrella“ bekannt wurden. Eines der überraschendsten Ergebnisse dürfte indes sein, dass Kritikerlieb – linge wie Digitalism, Modeselektor und Apparat bei den Verkäufen in Großbritannien nur jeweils weniger als 3000 Exemplare erreichen. Ähnlich wie es schon früher bei Pionieren wie Kraftwerk und Neu! der Fall war, scheint ihr größter Erfolg derzeit in ihrer Rolle als Impulsgeber zu liegen. Wie macht man einen Exporthit? „Ganz ohne Zweifel weiß man in Deutschland, wie man Musikrepertoire generiert“, schreibt Steve Redmond in der Studie. Er verweist auf die offiziellen Zahlen des Bundesverbands Musikindustrie, nach denen der Anteil von Domestic-Produkt in den deutschen Albumcharts 2011 den Rekordwert von 55 Prozent erreichte. Und Roman Lob, der deutsche Teilnehmer am Eurovision Song Contest in Baku, sammelte mehr als dreimal so viele Punkte ein wie Engelbert Humperdinck für UK, freilich auch dank der UK-Songwriter Wayne Hector, Jamie Cullum und Steve Robson. Aber mal abgesehen vom Eurovisions-Spektakel: Noch immer scheint es eine Herausforderung für Deutschland zu sein, wenn man auf gute nationale Verkaufszahlen aufbauen will, um internationalen Erfolg zu haben. Das gilt vor allem für den Markt in Groß – britannien: So betrug der Anteil deutscher Alben an allen UK-Verkäufen 2011 gerade mal 0,3 Prozent, der geringste Wert seit 2004. Um die Relationen zu verdeutlichen: Deutschland mit einer Bevölkerung von 81,9 Millionen Menschen hat mit seinen 0,3 Prozent Anteil bei den Albumverkäufen weniger als ein Siebtel des Anteils von Rihanna aus Barbados (rund 290.000 Einwohner), die 2,3 Prozent des Marktes erreicht. Deutsches Repertoire belegte in den UK-Charts hinter dem Repertoire von Italien und den Niederlanden den elften Platz. Oder um den Stellenwert anders zu veranschau – lichen: Alle 101 deutschen Alben in den UK-Charts verkauften 2011 insgesamt 276.322 Einheiten – und damit knapp weniger als „Velociraptor“ von Kasabian, das an 37. Stelle der meistverkauften UK-Longplayer stand. Angesichts solcher Zahlen stellt sich die Frage, ob das deutsche Repertoire bestimmte Eigenschaften hat, die seine Erfolgschancen in Großbritannien reduzieren, ob es von Faktoren innerhalb der Industrie behindert wird, oder ob sich ein anderer, kohärenterer Marketingansatz auszahlen würde. Sicherlich ist die Sprache ein Hemmfaktor. Aber da sich minde – stens ein Drittel des deutschen Repertoires nicht der deutschen Sprache bedient, kann das nicht die ganze Geschichte sein.
Dossier: Favoriten der Briten
Deutsche Produktionen stoßen auch beim britischen Publikum nicht immer auf taube Ohren. Eine Auswertung der britischen Charts des Jahres 2011 fördert allerdings überraschende Erkenntnisse zutage. So kommt das erfolgreichste Album made in Germany vom Dance-Act Cascada gerade mal auf knapp 20.000 verkaufte Exemplare.






