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Dossier: European Song Contest – Die Länder Europas im Kampf der Kulturen

Am 12. Mai findet in Helsinki der 52. Eurovision Song Contest statt. Noch immer ist der Musikwettbewerb das erfolgreichste Fernsehunterhaltungsprogramm in Europa. Er bewegt Jahr für Jahr ein Millionenpublikum, wie es ansonsten nur internationale Sportereignisse vermögen. Doch was ist das Geheimnis des Grand Prix?

Alles fing damit an, dass mal wieder nichts Gescheites im Fernsehen lief. Streng genommen lief dort in den 50er-Jahren ohnehin nicht allzu viel: Nachrichten, die Live-Übertragung einer Theateraufführung, dann war auch schon wieder Sendeschluss. Wer Zerstreuung suchte, ging lieber ins Kino. Dort gab es Wochenschau, Vorfilm und Hauptprogramm, die Darstellung war nicht so flimmerig, und man musste keine Angst haben, dass einem die Bildröhre um die Ohren fliegt. So geht das nicht weiter, dachten sich die Chefs der Europäischen Rundfunkunion, zu der sich 1950 die Fernsehanstalten Westeuropas zusammengeschlossen hatten, und versuchten mit gemeinsamen Projekten die Attraktivität des Programms zu erhöhen. Als erste europäische Kooperation wurde 1953 die Krönung von Elizabeth der Zweiten von England live in die Wohnstuben übertragen, ein Jahr später dann ein Blumenkorso in Montreux und die Fußballweltmeisterschaft. Die Resonanz war positiv, doch leider fanden Fußballweltmeisterschaften nur alle vier Jahre statt, und auch mit Krönungsfeierlichkeiten war nur in unregelmäßigen Abständen zu rechnen. Um nicht auf Blumenkorsos angewiesen zu sein, hatte Marcel Bezençon, der damalige Direktor des Schweizer Fernsehens, schließlich den genialen Einfall, nach dem Vorbild des italienischen San-Remo-Festivals einen jährlich stattfindenden Komponistenwettbewerb ins Leben zu rufen. Daran konnten sich alle Fernsehanstalten beteiligen, Konkurrenz durch das Kino war nicht zu befürchten, und nebenbei konnte man damit auch etwas für die Förderung der europäischen Musik tun. Der Eurovision Song Contest war geboren. Streng genommen wurde an Bezençons Idee bis heute nichts Wesentliches verändert. Noch immer nutzen die öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten Europas den Eurovision Song Contest als willkommene Gelegenheit zur gemeinschaftlichen Kooperation, um ihr technisches und organisatorisches Know-how unter Beweis zu stellen und den privaten Rundfunkanbietern zu zeigen, wo im wahrsten Sinne des Wortes die Musik spielt. Trotz aller Kosten, trotz des enormen Aufwands, der für die Fernsehanstalten kaum direkten ökonomischen Nutzen bringt, hegt und pflegt die Europäische Rundfunkunion den Wettbewerb als Visitenkarte ihres internationalen Fernsehprogrammaustauschs, der Eurovision. Und weil man Visitenkarten nur ungern von Fremden gestalten lässt, steuerten die Fernsehanstalten die Auswahl ihrer nationalen Beiträge von Anfang an durch selbst definierte Ausschlusskriterien. Dass musikökonomische Belange nur dann Berücksichtigung fanden, wenn sie der Medieninszenierung dienlich waren, liegt auf der Hand. Letztlich war und ist der Eurovision Song Contest ein Kräftemessen unter öffentlich-rechtlichen Geschwistern – und da sollen allzu kommerzielle Wahlverwandtschaften mit der Musikindustrie keine Schande über die Familie bringen. Gerade die ARD hat sich in der Vergangenheit außerordentlich verbissen darum bemüht, das Missverständnis vom „Grand Prix de la Chanson“ als Hort gehobenen Liedguts durch „anspruchsvolle“ Einreichungen Jahr für Jahr aufs Neue zu zementieren und so den musikalischen Trends, dem Zeitgeist und den Punkten meilenweit hinterher zu hinken. Dem Wunsch, anspruchsvolle „Chansons“ in den „Concours“ zu entsenden statt kommerzielle „Songs“ in den „Contest“ entspringt auch die Mär, dass der Wettbewerb erst im Zuge einer Verjüngungskur zum Eurovision Song Contest umetikettiert worden sei. In Wahrheit trug er von Anfang an beide Bezeichnungen, da die Europäische Rundfunkunion als internationale Organisation zweisprachig ist. Nur in Deutschland zog man die französische Namensgebung vor, die den Verantwortlichen mehr Prestige verhieß als ihr englisches Pendant. Doch nicht nur die Angst vor Blamage der Fernsehverantwortlichen beeinflusste die Auswahl der Wettbewerbsbeiträge. Auch die Zwänge, die mit der Ausrichtung einer Fernsehsendung wie dem Eurovision Song Contest verbunden sind, prägten nachhaltig die Art der dargebotenen Musik. Die maximale Beitragslänge von drei Minuten favorisierte Einreichungen nach gängigen Schlagerschemata; der Zwang zum Liveorchester verzögerte den Einzug moderner Klangfarben. Dass die Abschaffung der Pflicht zum Vortrag auf Landessprache Nationen mit Orchideensprachen bessere Chancen einräumen sollte, ist indes ebenfalls eine Legende, die in Deutschland ihren Ursprung nahm: Die großzügige Geste sollte die Plattenindustrie dazu bewegen, dem mit den Jahren quotenlahm gewordenen Festival durch massentauglichere Musikprodukte wieder auf die Sprünge zu helfen, da viele deutsche Künstler ein Problem damit hatten, sich in ihrer Muttersprache adäquat auszudrücken. Ein konkreter Einfluss auf die Siegeschancen lässt sich jedoch nicht nachweisen. Als willkommener Placeboeffekt der neuen Regelung wurde allerdings das kreative Potenzial der nationalen Rockszenen für den Wettbewerb erschlossen. Dass aus dem ursprünglichen Komponistenwettbewerb ein Nationenwettstreit wurde, verdankt der Eurovision Song Contest einer simplen Formalie: Mit zunehmender Teilnehmerzahl verschwanden die Titel der Beiträge von der Punktewand und wurden durch die Namen der jeweiligen Teilnehmerländer ersetzt. Fortan wurde die Konkurrenz zunehmend mit musikalischen Mitteln geführt, die national-repräsentativen Charakter besaßen und eine entsprechende Identifikation des heimischen Publikums begünstigten. Vor allem in den Ländern Süd- und Osteuropas, wo die Grenzen zwischen Folklore und Unterhaltungsmusik fließend sind, greift man für den Wettbewerb noch heute bevorzugt auf Stilelemente der regionalen Volkskulturen zurück. Länder, die sich als Nachzügler gegenüber den politischen und wirtschaftlichen Standards großer Industrienationen empfinden, legen dabei besonderen Wert auf die Betonung ihrer Nationalkultur, da sie darin die Quelle zukünftigen Erfolgs sehen. Über die Jahre hat sich auch beim Publikum eine Erwartungshaltung entwickelt: Von Frankreich wünscht man sich stimmungsvolle Chansons, aus dem Balkan rechnet man mit unregelmäßigen Taktarten, aus Spanien mit Latinorhythmen. Diese Klischees sind kein Muss, sie sollten allerdings auch nicht gebrochen werden. Das musste im vergangen Jahr leidvoll die Gruppe Texas Lightning erfahren, die dem europäischen Publikum mit der Country-Nummer „No No Never“ wohl einfach zu amerikanisch war. 3

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